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Reisetagebuch London 2016 (2): The Full Monty

10 Feb

Im Februar 2016 sind Silencer und das Wiesel in London unterwegs. Heute fällt Karneval aus, was aber niemand bemerkt, es gibt eine Tour durch Dungeons und Museen, und am Ende des Tages steht Nudelsalat.

Montag, 08. Februar 2016
Es stürmt das ganze Wochenende durch, und auch am Montag ist es windig. Aber nicht nur in London, auch auf dem kontinentalen Festland stürmt es. Die Natur verhindert damit in Deutschland eine von Menschenhand geschaffene Katastrophe: Den Karneval. Der fällt wegen des Wetters aus.

Aber das kümmert in London niemanden. London ist ohnehin Hauptstadt von Geh-mir-nicht-auf-den-Sack-Land. Bestes Beispiel: U-Bahn. Londoner unterhalten sich nicht in der Tube. Unterhalten tun sich nur Touristen. Der Londoner sitzt da und macht die Augen zu, liest Zeitung oder notiert handschriftlich Dinge in seinem, Leder gebundenen, Organizer. Mitreisende werden ignoriert und nicht mal angesehen.

Das macht sich auch in den U-Bahnhöfen bemerkbar: In keiner anderen Stadt kollidiere ich so oft mit Leuten. Der Trick ist nämlich, ganz deutlich in die Richtung zu gucken, in die man tatsächlich gehen will. Schaut man links oder rechts an ihnen vorbei, nehmen andere Menschen nehmen das unbewusst wahr und gehen aus dem Weg. Das ist ein ganz unbewusster Vorgang, eine zwischenmenschliche Kommunikation, die wir gar nicht bewusst mitbekommen- außer, wenn das System mal nicht funktioniert. Das ist z.B. dann der Fall, wenn wir uns versehentlich direkt angucken – zack, stehen wir plötzlich voreinander und trippeln anch links und rechts und sind verlegen. Das „Ich guck an Dir vorbei und du bemerkst das“ klappt eigentlich überall – nur in London nicht, weil die Leute hier einander nicht ins Gesicht sehen. Jeder ist ganz in seiner eigenen Welt. Es ist, als sei man von Geistern umgeben.

An der Haltestelle Embankment spuckt mich der Underground an die Oberfläche. Ein kurzer Spaziergang über die Golden Jubilee Brücke und vorbei am London Eye, dem Riesenrad, dann stehe ich vor der ehemaligen County Hall. Das riesige Gebäude direkt an der Westminster Bridge wird heute nicht mehr von der Verwaltung genutzt. Es beherbergt verschiedene Geschäfte, ein Aquarium und den London Dungeon.


Der ist neu, erst seit 2013 residiert er in der alten County Hall. 2001 habe ich den Vorgänger besucht. Daran kann ich mich nicht mehr wirklich erinnern, habe aber ein diffuses Gefühl, dass das damals überraschend gut war.

Auch dieses Mal bin ich angenehm überrascht. Leider darf man keine Fotos machen. Zusammen mit einer Gruppe von rund 30 Personen wird ins Innere des Gebäudes geführt, durch auf alt getrimmte Türen, dann wird es Dunkel. An den Wänden sind Käfige mit echten Ratten aufgebaut, und ein Kerkermeister weist uns den Weg.

Nach einem Abstieg über Treppen und einen alten Aufzug geht es weiter in ein Boot, das durch die Dunkelheit schaukelt. Immer wieder kommt es an schaurigen szenen vorbei, wie dem Verrätertor, an dem abgetrennte und sehr echt aussehende Köpfe hängen. Dann rumpelt es, das Boot wird hochgehoben und gleitet rückwärts an einen Anlegesteg. ganz schön verwirrend, wenn man im Stockdunkel gar nicht mehr weiß, wie und wohin man sich bewegt.

Ab jetzt geht zu Fuß weiter, zu einzelnen Stationen aus Londons Geschichte, die mal schaurig, mal lustig umgesetzt sind. Von den mörderischen Vorlieben einzelner Könige geht es über den Gunpoweder-Plot und die Pest, Sweeney Todds Barbiersalon und Jack the Ripper bis hin zur eigenen Hinrichtung – die sich als Freefall im Dunkeln entpuppt. Rund eineinhalb Stunden dauert das Ganze, und ich habe meinen Spaß dabei.

Direkt neben dem London Dungeon liegt übrigens die berühmte Tür aus dem Bondfilm „Die another Day“. Als Pierce Brosnan darin verschwindet, findet er dahitner ein Geheimlabor von Q.

Zwischen Dungeon und Bondlabor liegt das Sea Life Aquarium und, ganz neu, „Shreks Welt“.

Die gucke ich mir aber nicht an, ich wandere nach Lambeth. Der Stadtteil liegt südlich von Westminster, am Südufer der Themse.

Hier ist eine von drei Außenstellen des Imperial War Museum (IWM), das in einem mächtigen und düsteren Bau untergebracht ist.

Betritt man das alt wirkende Gebäude, steht man plötzlich in der Lobby eines Wolkenkratzers. Zumindest wirkt es so, der Raum ist aus Beton und so groß und so hoch, das echte Flugzeuge darin von der Decke hängen. An den Wänden ziehen sich Galerien entlang, die einzelne Ausstellungsräume beherbergen.

Das IWM wurde im ersten Weltkrieg gegründet und ging auf die Initiative von Privatpersonen zurück, einem deutschen Industriellen, einem englischen Lord und dem Waffenkurator des Tower of England. Die Regierung sah in dem Museum ein Propagandainstrument und förderte es finanziell. Als sie herausfand, dass die Museumsmacher auch zeigen wollten, wie Krieg Gesellschaften verändert und soziale Schichten betrifft, war man dort not amused, aber es war zu spät.

Bis heute zeigt das Museum einerseits Kriegsgerät und Beutestücke aller Art, zum anderen aber auch die zivilgesellschaftlichen Änderungen in Kriegszeiten – wenn auch auf niedrigem Level.

Unter den Exponaten sind wirklich interessante Stücke, die ich hier nicht vermutet hätte. Ein Jeep des ersten „Embedded Journalist“ aus dem Golfkrieg, zum Beispiel.

Blauhelm-Gerät:

Ein Mosaik, dass im Golfkrieg aus Bagdad geklaut wurde:

Das ist aber nicht das einzige Beutestück:

Allerlei Kriegsgerät aus allen möglichen Kriegen:

Das hier ist ds Auto von General Montgomery. Er glaubte daran, dass es die Moral der Truppen steigert, wenn sie den Tag mit einem erstklassigen Frühstück beginnen. Deshalb bestellt man in britischen Restaurants einen „Full Monty“, wenn man ein Frühstück mit allem drum und dran haben möchte.

Das IWM hat noch zwei weitere Außenstellen in London. Eine davon sind liegt unter dem Regierungsviertel, das mit Kriegsdenkmälern gespickt ist. Hier das Mahnmal zum Gedenken an den Einsatz der Frauen im zweiten Weltkrieg.

Unweit davon geht es in den Untergrund, denn hier kann man die zweite Aus0enstelle des Imperial War Museums besuchen. Es geht unter die Erde, in die Cabinets War Rooms, eine Reihe von Bunkern in denen Churchill während des zweiten Weltkrieges mit seinem Kommandostab unterkam.

Eine bis zu 3 Meter dicke Stahlbetonplatte sollte die ehemaligen Kellerräume unweit von Downing Street 10 vor Bomben schützen, hätte das bei einem Volltreffer aber vermutlich nicht vermocht. Zu hinimprovisiert sind die darunterliegenden Konstruktionen, schließlich handelt es sich nur um Lagerräume aus Backstein, verstärkt mit Holzstützen.

Es ist ein beklemmendes Gefühl, durch diese Anlagen zu streifen, in denen mit Puppen und allerlei Requisiten Szenen aus der Zeit des zweiten Weltkriegs dargestellt sind. Die Räume erzählen Geschichten – von Funksprüchen und Frontverläufen, von Hektik und Verzweifelung, von Anspannung und Angst und schweren Entscheidungen.

Churchill hasste den Bunker und schlief selbst nur 3 Mal dort unten. Der Grund: Es gab keine sanitären Anlagen, und Churchill badete zwei Mal am Tag – ein Mal morgens und einmal am späten Nachmittag, nach seinem Mittagsschlaf. Im Bunker arbeitete er nur.

Manchmal erzählen die Exponate auch persönliche Geschichten. Wie diese drei Zuckerwürfel, die ein Wing Commander in seinem Schreibtisch versteckt hatte.

Die Gesellschaftlichen Auswirkungen zeigt das Museum durch Exponate aus der Zeit des „Blitz“, der Fliegerangriffe der Deutschen auf London. Bunker für Familienhäuser und Propagandaschilder mit Aufrufen, u.a. mehr zu stricken.

Unweit der Churchill War Rooms liegt die National Gallery. Der Weg dahin ist interessant. Gegenüber von 10, Downing Street liegt der St. James Park, und dort gibt es… Pelikane?

Vor der Nationalgalerie liegt der Trafalgar Square. Hier halten Löwen am Fuß der Nelsonsäule wacht.

Nicht nur das Äußere der Galerie ist beeindruckend.

Im Inneren findet sich eine der tollsten Gemäldesammlungen, die ich je gesehen habe. Angefangen bei den tollsten Renaissancewerken über barocke Juwelen bis hin zu Van Goghs, Monets und andere: Toll-Toll-Toll. Viele Werke kenne ich aus Büchern, hier sehe ich sie in echt.

Giovanni Arnolfini und seine Frau, 1434.

Ich laufe den halben Nachmittag durch das große Gebäude und bin beeindruckt von den Malereien von Canaletto:

Bei diesem Bild gefällt mir, was der Gelehrte auf seinem Schriftstück stehen hat: „Schweig still, es sei denn Du hast etwas besseres von Dir zu geben als Stille“. Das sollte ich mir auf Karten drucken und an Labertaschen in die Hand drücken.

Mittlerweile bin ich schon seit mehr als 8 Stunden unterwegs, es ist kurz nach 17.00 Uhr. Jetzt ist Shopping angesagt, oder zumidest Gucking. Ich besuche Orbital Comics, den vermutlich bestsortieren Comicladen Londons. Hier Arbeite Riot Rogers, aber heute ist sie leider nicht da. Schade, ich hätte der Cosplayerin gerne mal zu ihrer tollen Arbeit gratuliert.

Weiter geht es zu Stanford Maps, wo ich einige Reproduktionen alter Landkarten kaufe, und dann zu Forbidden Planet, dem größten Comicspielzeugladen den ich kenne. Hier gibt es alles an Comic- und Filmmerchandise, von Star Wars über Assassins Creed bis hin zu Doctor Who.

Kaufen tue ich allerdings nichts. Stattdessen decke ich mich in einem Tescos mit Nudelsalat und Obst aus der Convenienceabteilung ein, dann fahre ich zurück nach Paddington und streife noch ein wenig durch das Viertel. London ist alt, das merke ich immer wieder, und freue mich an den kleinen Skurriliäten, die sich durch die Jahrhunderte gerettet haben. Wie den Stachelschwein-Pub.

Der Tag in der Übersicht: Erst ans Ufer der Themse und in den London Dungeon, dann nach Lambeth ins Imperial War Museum, danach ins Regierungsviertel und schließlich zur National Gallery, Shoppen im Westend und zurück nach Paddington.

Zurück zu Teil 1: Strike!

Weiter zu Teil 3: Die seltsame Begegnung mit der Frau in der Nacht

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 10. Februar 2018 in Reisen, Wiesel

 

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Eine Antwort zu “Reisetagebuch London 2016 (2): The Full Monty

  1. kalesco

    12. Februar 2018 at 12:40

    Diesen Drop Ride musste ich mir gleich ansehen im Dungeon – gut dass man das auch auslassen kann. Sowas mach ich nie wieder (Universal Studios Paris, 2017) – das orientierungslos sein, zusammen mit dem Fallen ist so gar nicht meins! 😀 aber das Dungeon könnte ich mal besuchen.

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