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Reisetagebuch London 2016 (5): Custard. Geschüttelt, nicht gerührt.

03 Mrz

Donnerstag, 11.02.2016
Uh, was ist das denn? Warum tut mein Gesicht weh? Bäh, und die Nase läuft. Mist, ich habe mir eine Erkältung gefangen.

Ich werde ja selten krank, deshalb kommt das jetzt etwas überraschend. Hätte ich auch nicht unbedingt gebraucht, so mitten im Urlaub. Etwas wackelig auf den Beinen tappe ich zum Frühstücksraum. Das der im Keller des Hotels liegt, mein Zimmer aber unter dem Dach, und dazwischen 152 schmale und schiefe Stufen liegen, macht die Sache nicht besser.

Ich stehe vor der Tür und schaue den fleißigen Polinnen zu, die darin Spiegelei mit Bohnen zubereiten. Das Frühstück im Hotel ist wenig, aber kostenlos. Ich überlege einen Moment, dann drehe ich um und laufe zum Bahnhof Paddington hinüber. Heute möchte ich mir was gönnen, deshalb setze ich mich in die U-Bahn und fahre bis zum Euston Square. Dort frühstücke ich bei Speedys. Ein echtes Full English Breakfast mit Würstchen, Speck, Bohnen, Ei und mit Kaffee, viel besser als im Hotel.

Aus irgendeinem Grund liegt auch eine gekochte und gehäutete Tomate auf dem Teller, aber das passt ins Bild. Engländer kochen alles, bis jeglicher Geschmack und alle Vitamine sorgfältig vernichtet sind.
Weil ich heute Geburstag habe, gönne ich mir dann noch ein großes Stück Apfelkuchen mit warmem Custard, das ist ein sehr dünnflüssiger Vanillepudding. Der wird extra zubereitet und dauert deshalb 20 Minuten, aber er ist irre lecker.

Sehr klebrig ist er auch, wie ich kurz darauf feststelle. Ich habe nämlich versehentlich Custard in den Einschaltknopf meines Telefons geschmiert, und jetzt geht es nicht mehr aus.

Nach diesem Mordsfrühstück genieße ich einen Spaziergang. Es ist mit Null Grad zwar kalt, aber die Sonne scheint. Ein frostiger, sonniger Tag in London, ich bin satt und glücklich, was will ich mehr? OK, weniger Rumschnieferei und keine Kopfschmerzen wären toll, aber hey, im Kern geht es mir gut.

Die Deutsche Bank hat wie üblich die dicksten Dinger und muss sie allen ins Gesicht halten.

Ich muss lachen, als ich Little Britain entdecke.

Und die Reste der römischen Stadtmauern finde ich auch.

Das Museum of London zeigt die Geschichte der Stadt durch die Jahrhunderte, angefangen bei den Römern bis heute.

Es gibt sogar Schauspielerinnen, die den Kindern und Jugendlichen Dinge erklären. Lebendige Geschichte – das ist vor allem für Schulklassen und für Familien eine schöne Sache.

Die Ausstellung selbst ist interessant. Besonders gefällt mir der „Victorian Walk“, in der ein ganzer Straßenzug von 1860 aufgebaut ist, und die Sonderausstellung zur Geschichte von Kriminalermittlungen.

Die Eröffnungsfackel der olympischen Spiele 2012:

20 Fenchurch Street ist eines der kontroversesten Gebäude Londons.
Nicht nur, weil es pottenhässlich ist und sogar die Auszeichnung für das hässlichste Gebäude in England gewonnen hat, den Carbuncle Cup. Nicht nur, weil es unverschämt ist, wie das vom Grundriss her gar nicht mal große Gebäude nach oben hin immer weiter aufpilzt und sich über andere Gebäude drüberkrümmt. Nein, es ist auch kontrovers, weil es eine komplette Fehlkonstruktion ist.

Die gekrümmte Glasfront wirkt bei starkem Sonnenschein wie ein Hohlspiegel und bündelt das Licht. Dadurch schmolzen im vergangenen Sommer in den Straßen des Viertels Autos, und Menschen erlitten Verbrennungen. Jetzt hängen schwarze Stoffbahnen am Gebäude runter um das zu verhindern. Ein sehr schlimmer Fehler des Architekten Rafael Viñoly, aber nicht sein erster. Er hat auch schon ein Hotel in Vegas gebaut, das mit seiner gekrümmten Fassade Leute im davorliegenden Pool röstete. Wie dumm muss der sein, den gleichen Fehler zwei Mal zu machen?

Das Beste an 20 Fenchurch Street, das die Londoner auch gerne „Walkie Talkie“ oder „Pint“ nennen, ist der Park. In den oberen drei Etagen gibt es eine öffentlich zugängliche Grünanlage, den „Sky Garden“. Aus organisatorischen Gründen muss man ein Ticket lösen und natürlich durch eine Sicherheitskontrolle, aber der Eintritt ist kostenlos.

Die Aussicht ist toll. Die Themse glitzert in der Februarsonne. Ich sehe auf die HMS Belfast hinab, kann bis zum London Eye und in die andere Richtung bis zum Bankenviertel schauen. Das Beste ist aber: Der Sky Garden ist der einzige höhere Punkt in London, von dem aus man 20 Fenchurch Street nicht sehen muss!

Nach der Aussichtsrunde besuche ich das Museum of Transport, das gerade die Sonderausstellung „Bond in Motion“ beherbergt.

Einige Filmrequisiten sind hier ausgestellt, auch Storyboards hängen an den Wänden.

Der Clou sind aber die Fahrzeuge: Hier steht fast alles rum, was James Bond oder seine Gegenspieler in 25 Filmen als Vehikel genutzt haben: Der Aston Martin DB 5 und Gerd Fröbes goldener Rolls Royce aus „Goldfinger“. Der kleine Helikopter „Little Nellie“ aus „Man lebt nur zweimal“. Der tauchende Lotus Esprit von Roger Moore. Die BMWs aus der Pierce-Brosnan-Ära. Sogar das Miniboot aus „Golden Eye“ steht hier. Staunend wandere ich zwischen den legendären Fahrzeugen herum, die ich als Kind schon bewundert habe.

Little Nellie aus „Man lebt nur zwei Mal“.

Max Zorins Rolls Royce aus „Im Angesicht des Todes“.

Gert Fröbes Rolls Royce aus „Goldfinger“

Das Miniflugzeug aus „Octopussy“.

Ein rotes Auto aus „Habe ich vergessen“, vermutlich Diamantenfieber.

Ein demolierter Aston Martin aus „Quantum of Solace“.

Bonds Aston Martin aus „Die another Day“.

Und das Auto des Gegners aus dem gleichen Film

Der BMW Z8 aus „The World is not enough“

Timothy Daltons Aston Martin aus „Der Hauch des Todes“

Mr. Hinx Jaguar, der in „Spectre“ erst angezündet und dann im Tiber versenkt wird.

Bonds Aston Martin aus „Spectre“.

Das Schnellboot aus „The World is not enough“.

Schnellboot aus „Der Mann mit dem goldenen Colt“.

Krokodiltarnung aus „Dr. No“.

Der tauchende Lotus Esprit aus „The Spy who loved me“.

„Man with the golden Gun“.

Prachtstück: Connerys Aston Martin aus „Goldfinger“.

Die Ente aus „For your eyes only“

Das Jetpack aus „Diamond Fever“.

Michelle Yeohs BMW aus „Tomorrow never dies“.

Das alberne Ballonmotorrad aus dem noch alberneren „Diamantenfieber“.

Dagegen ist das eigentliche Museum of Transport fast langweilig: Hier stehen hauptsächlich Busse und Bahnen herum, die in London zum Einsatz kamen.

Während ich durch die Ausstellung streife, wird mir plötzlich schwindelig. Der grippale Infekt wird heftiger, und ich merke, dass es für heute genug ist. Ich kehre am frühen Nachmittag zurück in mein Zimmer am Norfolk Square, lege mich ins Bett und bin sofort eingeschlafen.

Am Abend raffe ich mich nochmal auf und fahre zum Victoria Square. Im Apollo Victoria Theatre läuft das Musical „Wicked“.

Die sitze im Theatre sind alt und durchgesessen, und von meinem Platz an der Balustrade sehe ich fast nur selbige – im muss mich auf meine zusammengefaltete Jacke setzen, um darüber blicken zu können.

Das Stück ist toll, es erzählt die Geschichte der grünen Hexe aus „Der Zauberer von Oz“. Das ist fantastisch gelungen, denn im Film wird sie als Böse dargestellt. Hier nicht: Wir sehen wie sie aufwächst, studiert und sich in einem zunehmend faschistische System für die Schwachen einsetzt. Am Ende wird sie als Böse gebrandmarkt, und im letzten Drittel spielt das Musical praktisch hinter den Kulissen und im Off-Bereich des Films – großartig!

Trotzdem bin ich froh, als das Stück vorbei ist. Meine Augen tränen, die Nase läuft, der Kopf brummt. Wieder im Norfolk Square falle ich ins Bett und bin sofort eingeschlafen. Schlaf heilt. Hoffe ich.

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8 Kommentare

Verfasst von - 3. März 2018 in Reisen, Wiesel

 

8 Antworten zu “Reisetagebuch London 2016 (5): Custard. Geschüttelt, nicht gerührt.

  1. Olpo Olponator

    7. März 2018 at 14:59

    Die unfahrbare GS protzig im Vordergrund, die DR schüchtern im Hintergrund – weniger ist mehr, natürlich nicht beim Film … 😉
    Die Waggons mit der Aufschrift ‚Metropolitan‘ habe ich im Betriebszustand kennengelernt – mit solchen fuhr man von Dover nach London vor der Zeit des Tunnelbaues – bin ich wirklich schon so alt ;-?
    Kann ja sein, daß die Hülle nicht aus Holz sondern bereits aus Blech gefertigt war – aber der Einstieg, praktisch direkt vom Bahnsteig ins holzgetäfelte Abteil – das war schon genau so…

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  2. Silencer

    7. März 2018 at 19:10

    Echt jetzt? Die Wagen sehen aus als wären sie 150 Jahre alt, wie lange waren die denn in Betrieb?

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  3. Olpo Olponator

    7. März 2018 at 20:02

    Ja. Tatsächlich echt. Natürlich war der Vergleich mit den Museumsstücken scherzhaft gemeint – nur das Prinzip war eben das Gleiche und das Interieur aus altem, abgenutztem, jedoch gepflegtem Holz – ich fühlte mich wie in die Zeit der Jahrhundertwende zurückversetzt, als ich das erste mal DIESE Züge sah, in die man ohne Stufen zu erklimmen einstieg und dachte vorerst, es wären Waggons, die man für einen Film bereitgestellt hatte … ich kannte sie bis dahin jedenfalls bloß aus Filmen … 😉
    Wie lange sie tatsächlich in Betrieb waren entzieht sich meiner Kenntnis – danach habe ich die Insel jahrzehntelang nicht mehr mit dem Zug bereist.

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  4. kalesco

    8. März 2018 at 11:36

    Sky Garden ist super, und Wicked mochte ich auch sehr gern 🙂
    Und ich möchte wieder mal nach London…

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  5. Silencer

    11. März 2018 at 22:23

    Olpo: Gerade festgestellt: In Berlin scheinen ähnliche Museumsstücke noch im Regelverkehr zu fahren.

    Kalesco: Und ich hätte Dich so gerne in London getroffen…

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  6. Olpo Olponator

    12. März 2018 at 08:12

    Berlin, tatsächlich ? Zeigen, bitte … Ich dachte bisher, die guten, haltbaren Sachen aus der DDR wurden bereits sämtlich über eBay und Scout24 veräußert.
    Abgesehen von den MIG 29 natürlich.
    Berlin bereise ich aus Agilitätsgründen meist mit dem Rolla.
    Das letzte Mal war das allerdings bei einer Campact-Veranstaltung mit 250k Menschen – da hab ich von der Stadt fast nix gesehen.

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  7. Silencer

    12. März 2018 at 16:54

    Gefühlt stammt manches Rollmaterial in Berlin aus dem 19. Jahrhundert…

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  8. Olpo Olponator

    12. März 2018 at 17:03

    … aber einen tollen Bahnhof haben die da … *kicher* …

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