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Reisetagebuch: Das Omaschaf und der vergessene Luxuszug

13 Mrz

März 2018: Unterwegs in Frankfurt Oder/und Słubice. Dabei treffe ich auf Touristenmöwen, einen sprachlosen Stadtführer und finde das Denkmal der Wikipedia.

Neulich saß ich in einem Zug. Der hielt in Berlin. Zum Glück fahren da ganz viele Züge ganz schnell wieder weg.

Einen davon nahm ich und fuhr damit nach Frankfurt. Aber nicht das Frankfurt am Main, das jeder kennt, sondern das andere Frankfurt. Das an der Oder, wo niemand jemals hinkommt. Das liegt eine Bahnstunde östlich von Berlin. Das ist soweit im Osten, dass es schon fast Polen ist.

Frankfurt an der Oder ist nicht besonders groß. Eigentlich ist es sogar recht klein, es hat gerade mal knapp 60.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Die Stadt ist recht jung, gerade mal 700 Jahre alt.

Backsteingothik und Plattenbau sind die vorherrschenden Baustile und mittendrin steht, wie ein gerade gelandetes UFO, eines dieser Standard-Einkaufszentren, die sich überall finden und die nirgendwo hinpassen. One Size fits none.

Die Straßen und Plätze in FF sind ausladend breit, tragen Namen wie „Karl-Marx-Straße“ und zeigen deutlich, dass dieses Frankfurt in der DDR aufgewachsen ist.


Manches ist nicht so schön, aber die Leute hier sind kreativ:

Das Hotel in der City, direkt am Park, heißt zum Beispiel City Hotel am Park. Muss man erstmal drauf kommen, auf so einen Namen. Das ist Kreativtät!

Es gibt viele Backstein-Industriehallen und sogar eine kleine Straßenbahn.

Die St. Marienkirche ist hübsch und leer. Die Buntglasfenster werden auch „Bilderbibel“ genannt, weil sie die Geschichten aus der Bibel abbilden. Das machen viele Fenster, aber diese sind besonders, denn sie zeigen auch den Teufel. Das gibt es nicht oft.

Dafür, dass es klein und grün ist, ist Frankfurt erstaunlich hügelig. Der Bahnhof liegt auf einem Berg, ein Gutteil der Stadt im Tal. Deshalb war beim Oderhochwasser 1997 hier auch Landunter. Seitdem hat sich einiges getan. Man hat z.B. hässliche Betonmauern mit Halterungen für Spundwände gebaut.

Hinter den Mauern fließt die Oder. Eisschollen treiben darauf entlang. Manchmal sitzt auf einer der Eisschollen eine Möwe und fährt darauf den Fluss runter, wie eine Touristin auf Sightseeingtour.

Auf der anderen Seite der Oder liegt die Stadt Słubice. Das „ł“ wird wie ein „w“ ausgesprochen, „Swubitze“ also. Słubice hat einen Deich mit alten Bäumen drauf. Das sieht sehr hübsch aus.

In Kürze werden die Bäume gefällt und der Deich durch hässliche Betonmauern mit Halterungen für Spundwände ersetzt. Der alte Deich ist nämlich nicht hoch genug. Man hätte auch mehr Überflutungsflächen nutzen können. Aber das will die faschistische PIS-Partei nicht, weil sie kein wertvolles, polnisches Mutterland für sowas hergeben will. Und vielleicht auch, weil es dafür kein Geld von der EU gibt. Also bekommt Słubice genau so ein hässliches Ufer wie Frankfurt.

Am Ufer steht eine Glocke. Die wird immer am 01. September geläutet und erinnert daran, dass hier viele Menschen gestorben sind. Frankfurt sollte die Rote Armee beim Angriff auf Berlin aufhalten und hat das auch erstaunlich lange geschafft.

Frankfurt und Słubice sind durch eine Brücke verbunden. Wenn man genau in der Mitte der Brücke steht, steht man auf der Grenze zwischen Deutschland und Polen. 30.000 Autos fahren am Tag über die Brücke, sagt Herr Wüstmann. Herr Wüstmann ist mein Stadtführer. Man kann ihn alles fragen, sagt er, aber von sich aus fällt ihm nicht so viel ein was er erzählen könnte, fügt er hinzu. Für einen Stadtführer ist das natürlich nicht so gut. Zum Glück muss er von dem Job nicht leben, im Hauptberuf macht er was anderes.

Herr Wüstmann erzählt, dass schon immer die Bewohner der einen Stadt zum Arbeiten und Einkaufen ins andere Land gefahren sind. Früher gab es hier Grenzkontrollen, und an denen staute sich der Verkehr durch die Städte. Man musste jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit zwei Stunden dafür einplanen. Deshalb haben alle gejubelt, als Polen in die EU aufgenommen wurde. Die Pendler bekamen als Begrüßungsgeschenk praktisch zwei Stunden mehr Lebenszeit pro Tag.

Heute arbeiten Frankfurt und Słubice eng zusammen. Saisonweise übernimmt mal das eine, mal das andere Kraftwerk die Energieversorgung für beide Städte, das andere wird in der Zeit gewartet. Außerdem arbeiten sie beim Straßenverkehr, beim Sport und bei der Kultur zusammen. Beide Städte vermarkten sich auch gemeinsam.

Das Logo der Aktion muss eine designtechnische Herausforderung gewesen sein, denn eigentlich würde da „Frankfurt Oder Słubice“ stehen, und genau das will man ja nicht, man will ja Frankfurt UND Słubice. Die Grafikdesigner haben das aber gut hinbekommen:

Wenn man Herrn Wüstmann lang genug Dinge aus der Nase zieht, fällt dabei auch die ein oder andere interessante Information heraus. Zum Beispiel, das nicht nur viele Deutsche nach Polen zum Einkaufen fahren. Umgekehrt ist es auch so, denn in Polen ist Elektronik und Bier teurer als in Deutschland.

Dafür sind Dienstleistungen günstiger. Herr Wüstmann meint damit Friseure und sowas, erzählt das aber, als wir gerade vor dem blinkenden Schild eines Nachtclubs mit angeschlossenem Bordellbetrieb vorbeigehen. Mitten in Słubice, in einem Gebäude mit einem India-Imbiss und einem Möbelhaus.

Wohnen ist übrigens in Deutschland günstiger. Die Mieten in Polen seien gerade sehr hoch, sagt Her Wüstmann, wegen der ganzen Flüchtlinge aus der Ukraine. Polen hat eine Million Ukrainer aufgenommen, nach der Annektion durch Russland. Die Ukrainer seien willkommene Arbeitskräfte. Aber wehe, wenn Flüchtlinge eine andere Hautfarbe haben, dann dreht die faschistische PIS-Partei komplett im Roten und macht die Grenzen mit Stacheldraht dicht.

Wir sind auf der anderen Seite der Brücke angekommen. „Hier ist das Colegium Polonicum“, sagt Herr Wüstmann. „Kennen´se sicher.“ Nein, kenne ich nicht. Herr Wüstmann erklärt aber auch nicht, dass das ein bedeutendes Wissenschaftszentrum ist, das von Polen und Deutschland gemeinsam betrieben wird.

Stattdessen sagt er ganz aufgeregt: „Direkt hier an der Brücke, da hat ein Geschäftsmann mal nach einem Fußballspiel gegen Deutschland „2:0″ auf eine große, polnische Flagge gedruckt, sich die Unterschriften aller Fußballspieler geholt und die da aufgehängt.“ Ich sehe ihn in Erwartung einer Pointe an. Herr Wüstmann ist aber schon am Ende seiner Geschichte angekommen. Er zögert einen Moment, dann blickt er auf seine Schuhe und murmelt „Das war sehr schön, aber da muss man wohl dabeigewesen sein.“

Im Colegium Polonicum steht ein verkleinerter Nachbau des Wikipedia-Denkmals. Es ist das erste Wikipedia-Denkmal der Welt, gewidmet allen Menschen, die an der Wikipedia mitgeschrieben haben.

Wir gehen auf das Dach des Colegium Polonicum. Von hier aus kann man Frankfurt sehen. Es wird dunkel, und die Lichter schimmern im Wasser und auf dem Eis. Das sieht sehr friedlich aus.

Ich finde das Wikipedia-Denkmal im Original.

Dann gehen wir zurück nach Frankfurt.

Am nächsten Tag gehe ich ohne Herrn Wüstmann los. Einfach so von Deutschland nach Polen in ein paar Schritten. Europa ist toll.

Der Jakobsweg ist auch hier. Nur 2.700 Kilometer bis zu seinem Ende. Vier Tage mit dem Motorrad. Der Gedanke an einen warmen Sommer in Spanien lässt mich noch mehr frösteln.

Bei Tageslicht ist Słubice gar nicht mal so schön. Hier wurde im Krieg halt auch viel zerstört. Ich finde das Wikipedia-Denkmal wieder, das am Tag von einer Rotte Tauben umlagert wird.

Interessant ist, dass es hier französische Supermärkte gibt. Intermarché und Marché Bricolage und sowas. Irgendwie ist alles interessant, weil es anders ist. Und ich die Sprache nicht verstehe. Gut, manche Schilder verstehe ich schon.

Ich wandere auf dem Deich entlang, durch die nette Allee, die bald nicht mehr sein wird. Die ersten Baumfällarbeiten haben schon begonnen.

Es ist kalt. Die Überflutungsflächen sind noch zart übergefroren. Möwen sitzen auf dem Eis wie eine Kolonie Pinguine.

Wandert man lange genug auf dem Deich entlang, kommt man zum Polnischen Markt, dem Bazar. Das sind große Markthallen mit vielen kleinen Verkaufsständen.

Verkauft werden hier Kleidung, Spielzeug, Wurst, Käse, Süßwaren, Gartenschmuck, Stichwaffen und DVDs. Besonders Nobelmarken wie Gucci und Armani und Hugo Boss sind hier günstig zu haben. Es kaufen viele Deutsche hier ein. Der Parkplatz ist voll mit großen und teuren Autos. Besonders häufig sind die ganz großen Geländewagen von Mercedes und BMW und VW, und alle Nobelkarossen haben ein Berliner Kennzeichen.

In Polen kommen Filme wohl eher raus als bei uns. Anders ist es kaum zu erklären, dass hier Filme angeboten werden, die bei uns gerade erst im Kino angelaufen sind. Ich schlendere durch die Reihen der Stände. Kaufen will ich hier nichts. Ich brauche heute keinen Armanianzug oder Adidasschuhe.

Dann komme ich an einen Stand, an dem eine alte Bäuerin mit Kopftuch und Kittelschürze steht. Sie verkauft Felle. Meterhoch liegen Schaffelle neben ihr. Manche sind ganz kurz und dicht, andere langhaarig und zottelig. Manche sind klein, andere müssen von Monsterschafen sein. Es gibt alle möglichen Farbtöne. Mein Blick bleibt an einem großen, weißen Zottelfell hängen. Die Bäuerin lächelt mich mit einem zahnlosen Grinsen an und sagt „Ist schönes Fell. Ganz weiß“.

Ich nicke und streiche mit dem Handrücken darüber. Das fühlt sich schön an, ganz weich und warm. Sowas würde sich gut machen auf dem kalten Parkett vor dem Kamin. Oder vor meinem Bett. „Das ist ganz schön groß“, sage ich. Die Bäuerin nickt und lacht. „Ist Omaschaf. Groß´ Schaf.“ Ich muss grinsen. Omaschaf. Hihi. Aber nein, ich reise nur mit einem Rucksack, wo sollte ich das Omaschaf lassen. „Omaschaf 20 Euro, ist gut“, sagt die Bäuerin. Ich schüttele den Kopf.

Ich gehe eine Runde um die Markthallen und lasse den Blick über die dicken Geländewagen auf dem Parkplatz schweifen. In einer Hütte wird Feuerwerk verkauft. Polnisches Feuerwerk ist berüchtigt ob seiner Sprengkraft. An der Hütte hängt Werbung mit dem irren Joker aus „Dark Knight“. Wie passend.

Mich lässt das Omaschaf nicht los. Ich drehe um und gehe zurück zu der Bäuerin. Wollen wir doch mal sehen, ob wie das Omaschaf nicht zurück nach Hause bekommen. Die Bäuerin freut sich, als sie mich zurückkommen sieht.

Als ich mit einem Schaf durch Frankfurt laufe, komme ich mir ein wenig dumm vor. Aber tatsächlich, es passt in mein Gepäck.

Am nächsten Tag fahre ich nach Hause. Irgendwie sieht der ICE schon von Außen komisch aus. Im Inneren noch viel mehr. Die zweite Klasse sieht aus wie die erste, aber alt.

Die Ausstattung ist aus Birnbaumholz und sehr wertig. Jemand hat sich beim Design richtig Mühe gegeben und nur neue Sachen verbaut. Man merkt aber, dass alles nicht für heute designt wurde. Es gibt zum Beispiel überall ausreichend Steckdosen, aber nicht dort, wo man sie heutzutage für Smartphones braucht. und Sachen wie die Lichtschrankenschalter waren in den 90ern neu.

Nur die Decke aus Edelstahlgeflecht ist pottenhässlich.

Was ist das bloß für ein Zug? Ich habe sowas noch nie gesehen. In meiner Ratlosigkeit rufe ich die Bahnhelden zu Hilfe. Die wissen sofort, was das hier ist: Ein „Metropolitan“, ein sehr teures Experiment aus den Neunzigern. Von diesem Luxuszug gab es nur zwei Exemplare. Prototypen, sozusagen.

Ich genieße die Fahrt in diesem Unikat. Die Sitze bieten unökonomisch viel Platz und sind dennoch unbequem. Muss man auch erstmal hinbekommen.

Am Ende bin ich wieder zu Hause und das Omaschaf hat einen Platz auf dem Parkett gefunden. Jetzt brauche ich nur noch einen Kamin.

 
6 Kommentare

Verfasst von - 13. März 2018 in Reisen

 

6 Antworten zu “Reisetagebuch: Das Omaschaf und der vergessene Luxuszug

  1. Miki

    13. März 2018 at 17:02

    Hallo Silencer, vielen Dank für diesen zauberhaften Bericht.
    Ich hab F/O im Zuge meines jetzigen Jobs kennen gelernt, vorher war ich noch nie dort. Ich war anfangs entsetzt, dachte, das ist ja ein Ableger von Berlin Marzahn. Die Stadt hat einen seltsamen Charme finde ich. Und dort wurde tatsächlich Rückbau betrieben, war neulich bei einem Kunden der bemerkte, dass ich mich über Parkflächen wunderte. Da hat er mir beschrieben, dass dazwischen mal hohe Plattenbauten standen, nur die Parkplätze sind übrig. Auch etwas seltsam. Und gerade heute war ich in Schwedt an der Oder. Da hab ich auch so eine Fläche gesehen, da will ich mal recherchieren, ob da auch zurückgebaut wurde. Verrückt, ne? Anderswo werden Containerhäuser in die Höhe getürmt….
    Viele Grüße!
    Das Oma- Schaf fetzt!

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  2. Silencer

    13. März 2018 at 17:13

    Das stimmt, der Rückbau ist deutlich zu sehen. Tja, irgendwie scheinen alle nur in die großen Städte zu wollen, die kleinen werden kleiner. In FF gibt´s tatsächlich auch keine Industrie oder so; die Leute arbeiten in der Verwaltung oder pendeln nach Berlin zur Arbeit, sagte Herr Wüstmann.

    Danke, das Omaschaf freut sich über das Kompliment 🙂

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  3. Miki

    13. März 2018 at 17:17

    Ach da issa ja, zwischenzeitlich hab ich meinen Kommentar nicht mehr gesehen. Guck mal, mit Schwedt hatte ich recht: https://www.rbb24.de/politik/thema/2014/gehen-oder-bleiben/beitraege/stadtumbau-in-schwedt.html
    „Sozialistische Wohnstadt“ finde ich einen witzigen Begriff.

    Gefällt 2 Personen

     
  4. Silencer

    14. März 2018 at 11:10

    Das ist ein interessanter Artikel, danke für´s finden!

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  5. ruediger

    17. März 2018 at 17:14

    In den alte Fabriken in Ffm-Oder lässt sich bestimmt hervorragend knipsen, wenn man da rein dürfte.

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  6. Silencer

    17. März 2018 at 18:19

    @rüdiger : FFM-Oder?

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