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Reisetagebuch London (9): Der traurigste Teddy der Welt

31 Mrz

„…seit 64 Jahren ist er ganz allein. Der Bär sitzt einsam in einer Glasvitrine, weil er einmal einem Genie gehörte. Ob er seinen menschlichen Begleiter vermisst? Natürlich nicht, er ist nur ein Stück Stoff und Holzwolle. Und trotzdem spüre ich wie mir jetzt, beim Aufschreiben seiner Geschichte, Tränen in die Augen steigen. Ich habe eine Schwäche für Teddybären, die beste Freunde für ihre menschlichen Begleiter waren.“

Unterwegs in London und Umgebung. Heute gibt es einen Ausflug nach Bletchley Park, ich bin erstaunt über die Rolle der Frauen und am Ende des Tages wird die Frage beantwortet: What could possibly go wrong? (Spoiler: Fucking everything)

Mittwoch, 8. Februar 2017

Was Engländer gut können: Schlange stehen. Wirklich, niemand beherrscht das so wie die. Es gibt meistens eine Schlange vor mehreren Kassen, und wenn eine Kasse frei wird, geht der erste in der Schlange da hin.

Sowas versucht in Deutschland zum Beispiel auch Saturn, scheitert aber zumindest in unserer lokalen Filiale daran, dass ausgerechnet das Personal das System nicht kapiert – sobald niemand an ihrer Kasse ansteht, drehen sich die Kassiererinnen weg, spielen an ihren Handys rum oder verstecken sich im Personalbereich. Kein Witz.

In Deutschland haben wir ja meist mehrere Kassen mit jeweils eigenen Schlangen. Wird eine zusätzliche Kasse geöffnet, dann setzt in Deutschland eine Stampede ein: Von allen anderen Kassen stürzen Leute nach vorne, für kurze Zeit herrscht das Recht der Stärkeren und Schnelleren, Hauen und Stechen, und wenn sich der Staub gelegt hat, triumphieren die Sieger über die Besiegten, dann müssen die Alten und Schwachen ihren Platz in der Rudelordnung anerkennen.

Nicht so in England, hier gehen ganz selbstverständlich die, die an den anderen Kassen weit vorne standen, auch als erstes an die neue Kasse, ohne Diskussion und ohne Kampf.

Was Engländer nicht können: Geradeaus laufen. Das scheitert in London schon daran, dass eigentlich auch Fußgänger sich an den Linksverkehr halten müssen, die Regel aber in sich aufgeweicht ist (auf der Rolltreppe wird recht gestanden und links überholt, wie bei uns) und dazu die rechtsorientierten Touris alles durcheinanderbringen.

Ich verdrehe die Augen, als vor mir eine die Rolltreppe zum Bahnhof entlangstolpert. Kurz darauf sitze ich in einem Zug nach Norden. Ich mache ja gerne Tagesausflüge in die Umgebung wenn ich auf Städtreisen bin.

Von Rom aus ist man mit dem Zug schnell in Neapel, von London aus ist man fix in Stonehenge oder… Bletchley Park. Muss man nicht kennen, ist aber ein sehr bedeutender Ort in der kleinen Stadt Milton Keynes, rund 70 Kilometer nordwestlich von London. Auf dem Weg dahin kommt man durch Watford Junction, wo ich im vergangenen Jahr die Leavsden Studios besucht habe.


Eine knappe Stunde rumpelt der Regionalzug durch die winterlich grauen Vororte des Speckgürtels des Speckgürtels von Londons Speckgürtel, dann stehe ich im kalten Winterwind auf dem Bahnsteig von Milton Keynes.

Ich gehe ein Stück die Landstraße entlang, dann sehe ich auch schon Wegweiser.

Heute ist das parkähnliche Anwesen mit der kleinen Villa, einigen Backsteinhäuschen und einem Dutzend flacher Baracken ausgeschildert, aber bis vor einigen Jahren tauchte der Ort nicht mal auf Landkarten auf.

Bletchley Park war „Britains best kept Secret“. Hier arbeiteten Jahrzehntelang die besten Köpfe des Landes. Am Wichtigsten war Bletchley Park im zweiten Weltkrieg. Alan Touring, der Mathematiker und Vordenker der Computerwissenschaft, war hier beschäftigt, und zusammen mit einem Heer von brillianten Wissenschaftler beschäftigten sie sich mit dem Knacken feindlicher Verschlüsselungen. Ohne die Männer – und vor allem den Frauen! – von Bletchley Park, so heißt es, hätte der zweite Weltkrieg zwei bis vier Jahre länger gedauert.

Die Geschichte von Bletchley Park beginnt aber schon früher. Im ersten Weltkrieg gab es in der Marineadminralität schon eine kleine Abteilung von „Codebreakern“. Während dieser Zeit kam Sir Hugh Sinclair, der damalige Chef des Secret Intelligence Service, dem späteren MI6, zu der Überzeugung, dass über das Abhören und Entschlüsseln feindlicher Kommunikation zukünftig Kriege gewonnen würden.

1938 mietet er das Grundstück mit einem kleinen Palais an, dem Bletchley Mansion.

Den Anwohnern erzählte Sir Hugh, er wolle hier seine Jagdgesellschaft unterbringen. Stattdessen suchte er eine Truppe cleverer Leute zusammen – Linguisten, Schachmeister, Mathematiker oder einfach Menschen mit einer guten Intuition. Sie alle einte ein Ziel: Sie sollten Methoden ersinnen, um die Verschlüsselungen von feindlichen Nachrichten zu brechen.

Diese Vorbereitungen begannen schon vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs Kriegs, denn während die britische Regierung noch mit Deutschland verhandelte, war Sir Hugh überzeugt, dass es mit Hitler keinen Frieden geben konnte.

Er sollte Recht behalten. Als dann 1939 offiziell der zweite Weltkrieg begann, wuchs die Zahl der Männer und Frauen in Bletchley Park schnell an – erst auf 100, dann, nach baulichen Erweiterungen, auf über 400.

Tag und Nacht waren sie damit beschäftigt, abgehörte Funksprüche und Kabeldepeschen der Deutschen zu sichten, zu organisieren und dann die ENIGMA-Codes zu knacken.

Motorradkuriere brachten Nachrichten herein, und rund um die Uhr wurde versucht diese Nachrichten zu entschlüsseln. Ein täglicher Wettlauf gegen die Zeit, denn alles Codes waren nur 24 Stunden gültig. Gelang es nicht, rechtzeitig die Codes zu brechen, konnte das den Tode von Hunderten von Menschen bedeuten. Und um Mitternacht war alles vorbei, alles wurde wieder auf Null gesetzt, und der Wettlauf begann von Neuem. Der Druck auf die Menschen, die hier arbeiteten, muss enorm gewesen sein.

Vor allem Frauen hatten einen großen Anteil an den frühen Erfolgen von Bletchley Park. Sie gingen nämlich tatsächlich mit der von Sir Hugh intendierten Mischung aus Intuition und Strukturiertheit an die Probleme heran, was besonders bei Textvermutungen wichtig war. Der erste Schritt des täglichen Entschlüsselungsmarathons war, sich verschlüsselte Codefolgen anzusehen und zu vermuten, was das unverschlüsselt bedeuten könnten.

Die Kryptoanalytikerinnen fanden z.B. heraus, dass die Deutschen in ihren Depeschen gerne fluchten – also namen sie sich Codefolgen vor, die vom Muster her Schimpfworte sein konnten. „Wir sind Expertinnen für alle Arten von Deutschem Gefluche geworden“, gab eine von ihnen später zu Protokoll.

Auch unter den Männern war der ein oder anderen clevere. Als besonders brilliant stellte sich der Mathematiker Alan Turing heraus. Er konstruierte eine große Maschine, die Turing Bombe, die automatisiert Schlüsseleinstellungen durchprobieren konnte. Grundlage für diese Maschine war polnische Forschung, auf der die englischen Codebreaker dann aufbauten.

Die deutsche Enigmamaschine galt mit ihrem Verschlüsselungsraum von 103.325.660.891.587.134.000.000 möglichen Kombinationen lange als unknackbar. 103 Trilliarden Schlüsselkombinationen, das entspricht einem 76-Bit-Schlüssel und ist selbst heute noch eine starke Verschlüsselung.

Die polnischen Kryptoanalytiker und Turings Kollegen hatten Möglichkeiten gefunden, einen Großteil der Schlüsselkombinationen auszuschließen. Der verbleibende Zahlenraum war immer noch riesig, und die Turing-Bombe testete alle möglichen Kombinationen mechanisch gegen die vermuteten Textstücke, die sogenannten „crips“, durch und meldete, wenn sie eine sehr wahrscheinlich richtige gefunden hatte. Dann stoppte sie, und eine WREN musste nachschauen, ob die Maschine wirklich Text ausgespuckt hatte, im Idealfall der zuvor vermutete – oft die oben genannten Schimpfworte.

WRENs waren die Frauen der Women´s Royal Navy Services. Ohne die unermüdliche Arbeit dieser hochqualifizierten Elektrikerinnen, Telegraphistinnen, Kryptoanalytikerinnen oder Motorradkurierinnen wäre der Betrieb in Bletchley Park schnell zum Erliegen bekommen. Die Arbeit an den Turingbomben war eine der wichtigsten Aufgaben. Meist spuckten die Maschinen Nonsense statt Text aus. Sehr wahrscheinlicher Nonsense, aber eben Nonsense. Das musste die Mitarbeiterin prüfen und dann Turingmaschine neu starten. Oft klemmte auch was an den vielen, beweglichen Teilen der Maschinen, oder es gab Kurzschlüsse an den kilometerlangen internen Kabeln. Die WREN reparierten, pflegten und warteten die Turing Bomben.

Viele WRENs wurden auch als Kurierinnen eingesetzt. Einige ihrer leistungsstarken und superschnellen Motorräder sind ausgestellt:

Die Maschine einer Motorradkurierin. Das Mopped besitzt einen Timer. War er abgelaufen, wenn sie am Ziel ankam, war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie verbotenerweise einen Zwischenstopp eingelegt hatte.

Tor der Motorradkurierinnen. Hier heizten sie Tag und Nacht mit wichtigen Nachrichten rein und raus.

Bletchley Park lieferte immer wieder wichtige Informationen, und in der Summe beinflussten die Codebrecher den Kriegsverlauf maßgeblich. Positionen von U-Booten, Truppenbewegungen, Lage von Minenfeldern, Angriffspläne… Sir Hugh hatte Recht behalten, Informationsvorsprung konnte Kriege gewinnen.

Durchhalten! Sarottis „Glykolade“ war auch bei den Briten beliebt. Es handelte sich um Schokolade, die mit üppigen Mengen Koffein und Traubenzucker versetzt war.

Das Bletchley Mansion und der Park ist heute noch erhalten. Genauso wie die 12 Baracken, in denen die Codeknacker arbeiteten, die Turing-Bomben liefen und die Fahrer, Linguisten und andere untergebracht waren. Ich gehe über das Gelände und stöbere durch und um die Gebäude herum.

Der Schwänchenteich. Hier entspannten sich die Codebreaker, im Winter durch Schlittschuhlaufen.

In einer Garage stehen alte Fahrzeuge herum. Die Limousinen sind Spezialanfertigungen für Spione. Manche haben doppelte Kofferräume, andere geheime Schmuggel- oder Waffenverstecke.

In einem Besuchercenter kann man sich über den geschichtlichen Hintergrund des Codbreaking informieren. Freiwillige, vor allem Senioren, erläutern die Ausstellungsstücke. Die sind zum Teil skurril (die Ausstellungsstücke, nicht die Senioren), viele stammen aus der Zeit vor Bletchley Park. Folgerichtig heißt das Ganze deshalb auch „The Road to Bletchley Park“, die Ausstellung erzählt, was vor Bletchley war. Hier geht es auch um die Bemühungen der frühen Codebreaker im legendären Room 40 der britischen Admiralität.

Manche Codebreaker hatten eigenartige Angewohnheiten. Dilly Knox konnte am Besten in der Badewanne arbeiten.

Ein Abschnitt der Ausstellung handelt von Alan Turing. 1912 geboren und aufgewachsen in Paddington war schon früh klar, das er ein Wunderkind war. Der kleine Alan brachte sich selbst innerhalb von drei Wochen das Lesen bei. Mit 16 las und verstand er die Arbeiten Albert Einsteins. 1936 entwarf er einen einfachen Rechner, der mit nur drei Operationen jedes berechenbare Problem lösen konnte.

Diese Turing-Maschine war ein Gedankenkonstrukt, denn Hardware gab es nicht. Das hielt ihn aber nicht davon ab, Programme dafür zu schreiben. Turing schrieb sogar ein Schachprogramm – mangels Hardware musste er die Berechnungen zwar per Hand durchführen, aber es funktionierte! Und nicht nur das: Mit der Berechenbarkeitstheorie legte Turing die Grundlage für die Informatik und ALLE Computer, bis zum heutigen Tag.

Um es mal ganz klar zu sagen: Ohne Alan Turing würde unser aller Leben heute anders aussehen. Seine Turing-Bombe und Erfindungen wie verschlüsselte Telefonie haben vielleicht wirklich den Krieg verkürzt und viele Leben gerettet. Seine Arbeit führte zum Bau von Computern, wie wir sie heute alle mit uns rumtragen.

Von seinen Heldentaten als Codebreaker und Erfinder konnte er allerdings niemandem etwas erzählen, denn Bletchley Park existierte offiziell nicht und alles, was dort geschah, war Geheimsache. Nach dem Krieg widmete er sich weiter mathematischen Problemen, stritt sich mit Philosophen wie Wittgenstein und legte Grundlagen für moderne Biochemie.

1952 rief Turing die Polizei, weil in sein Appartement eingebrochen worden war. Die Polizei ermittelte und fand heraus, dass Turing eine sexuelle Beziehung zu einem Freund des Einbrechers unterhielt, der diesem den Tip zum Einbruch gegeben hatte. Im England der 50er Jahre galt Homosexualität als Perversion und war unter Strafe gestellt.

Turing war zwar ein Genie, verkannte jetzt aber den Ernst der Lage, und zwar völlig. Seine Homosexualität gehörte zu ihm, und für Politik oder Gesellschaft mit deren Konventionen interessierte er sich kein Stück. Das war unwichtiger Kram anderer Leute, und so wie er die Leute in Ruhe ließ, erwartete er, das die ihn auch nicht mit ihren Regeln und Gesetzen behelligten. Er sah es schlicht nicht ein, sich für etwas natürliches, und dann noch für sein Privatleben, zu verstecken oder zu verteidigen. Das sagte er auch dem Gericht, vor das er gestellt wurde, was die Sache natürlich nicht besser machte. Er wurde als besonders schwerer Fall eingestuft und verurteilt. Die Strafe konnte er sich aussuchen: Gefängnis oder „Behandlung“, denn Homosexualität galt als Krankheit, die geheilt werden konnte.

Die „Behandlung“ bestand in Kastration, und tatsächlich willigte Turing ein, chemisch kastriert zu werden.

Mit der Kastration kamen Depressionen. Zwei Jahre später, im Jahr 1954, fand man ihn tot in seiner Wohnung. Er hatte Zyanid genommen. Ob es ein Selbstmord war oder ein Unfall, das wurde nie geklärt. Tragisch war sein Tod auf jeden Fall. Die Welt hatte einen ihrer größten Denker verloren. Alan Turing wurde 41 Jahre alt.

Das Gerichtsurteil gegen Turing blieb übrigens bis 2013 bestehen, erst dann hob die Queen das Urteil gegen Turing auf. 2017 folgte ein Gesetz, das rückwirkend alle wegen Homosexualität verurteilten Menschen freisprach. Das Gesetz trägt den Namen „Alan Turing Law“.

Das macht es aber nicht besser, Turings Leben war ein trauriges. Er starb letztlich so, wie er auch lebte: Allein. Denn auch wenn er ein Genie war, war Alan Turing auch ein exzentrischer Charakter und letztlich ein unangenehmer Mensch. Arbeitskollegen gegenüber war er unfreundlich, schroff und sogar unfair. In Bletchley Park erfand er sogar Ausreden um sich abkapseln und allein an seinen Maschinen arbeiten zu können.

Der einzige dauerhafte Begleiter von Alan Turing war Porgy, sein Teddybär. Turing hatte Porgy für sich selbst gekauft, als er schon erwachsen war und trennte sich bis zu seinem Tod nicht von ihm. Er soll wissenschaftliche Vorträge geübt haben, in dem er sie Porgy hielt, und er soll manchmal mit Porgy mathematische Probleme diskutiert haben.

Am Weihnachtsfest 1946 bereitete Porgy Turings kleiner Nichte eine riesige Freude. Das Mädchen hatte von seiner Mutter ein handgenähtes Kleid mit roten Knöpfen geschenkt bekommen, und zu ihrer großen Überraschung trug Porgy am Weihnachtsmorgen eine Hose aus genau dem gleichen Stoff wie ihr Kleid. Die Kleine konnte dieses Weihnachtswunder gar nicht fassen und freute sich tagelang darüber, dass der Bär ihre Onkels genauso angezogen war wie sie. Seit diesem Tag vor 72 Jahren trägt Porgy seine blaukarierte Latzhose mit den roten Knöpfen.

Turing ist lange tot und Porgy seit mittlerweille 64 Jahren ganz allein. Der Bär sitzt einsam in einer Glasvitrine, weil er einmal einem Genie gehört hat.

Er sieht aus wie der traurigste Bär der Welt.

Ob Porgy Alan Turing vermisst? Natürlich nicht, Porgy ist nur ein Stück Stoff und Holzwolle. Und trotzdem spüre ich wie mir jetzt, beim Sichten der Bilder von Porgy und dem Aufschreiben dieser Geschichte Tränen in die Augen steigen. Ich habe eine Schwäche für Teddybären, die beste Freunde für ihre menschlichen Begleiter waren.

Neben Porgy sind noch einige andere Dinge ausgestellt, die sich einst in Turings Besitz befanden: Bierkrüge vom College, zum Beispiel. Oder seine Armbanduhr.

Die Hütten im Freiluftmuseum sind dagegen weitgehend in den Originalzustand wiederhergestellt worden, einschließlich der Inneneinrichtung. Die Schreibtische in den kleinen Büros sehen aus, als wären ihre Benutzerinnen nur gerade zum Mittag gegangen: Arbeitspapiere liegen herum, Aschenbecher quellen über, Kaffeereste stehen in den Tassen. An den Wänden hängen Poster, die zur Geheimhaltung aufrufen.

Der Besuch von Bletchley Park ist eine faszinierende Zeitreise, die gleichzeitig bedrückend ist. Man meint, all die Anspannung, die Verzweifelung und auch die Angst, die viele Menschen über lange Zeit hier hatten, immer noch spüren zu können. Als wären diese Emotionen in die Wände der Gebäude gesickert und immer noch ausdünsten. Zu dieser Stimmung trägt heute auch das Wetter bei, dass grau und trüb ist. Die Wolken sind so dick, dass es nicht mal richtig hell wird. Dennoch laufe ich über drei Stunden in Bletchley Park herum, so viel Zeit sollte man sich auch mindestens nehmen.

Tief in Gedanken, die Hände in die warmen Jackentschaschen geschoben, trabe ich zum Bahnhof und fahre zurück nach London.

Zurück in London bummele ich ein wenig durch die Stadt. In der Nähe der Oxford Street gibt es Fachwerkhäuser! Wer hätte das gedacht.

London bei Nacht fasziniert mich immer wieder. Die Stadt leuchtet und glitzert, dass es mir an jeder Ecke wie ein Wunder erscheint. Dabei summt sie vor Leben, Menschen hasten durch die Straßen und leben ihr Leben in diesem Labyrinth aus Stein und Beton.

An der Shaftesbury Ave liegt das Palace Theatre. Hier wird seit diesem Jahr „Harry Potter and the cursed Child“ gezeigt. Das ist der offizielle, achte Teil der Harry-Potter-Saga, der 19 Jahre nach dem letzten Roman spielt. Es handelt sich um ein Musical, das NUR hier läuft.

Zum Vergleich stelle man sich vor, es gäbe einen neuen Star Wars-Film, der aber nur in EINEM Kino auf der ganzen Welt gezeigt wird. Natürlich ist der Andrang gewaltig, und von überall her kommen Menschen aus der ganzen Welt. Die Karten sind nicht nur eineinhalb Jahre im Voraus ausverkauft, man braucht auch viel Zeit. Das Stück ist so lang, dass man es in zwei Vorstellungen angucken muss.

Aufruhr gab es, weil die Rolle der Hermine mit einer farbigen Schauspielerin besetzt wurde. Aber J.K. Rowling konterte die Proteste mit großer Bestimmtheit: „Kanon ist, das Hermine weiblich ist, lockiges Struwelhaar hat und überaus intelligent ist. Von der Hautfarbe habe ich nie was geschrieben.“ – ich finde das sehr cool. Als ich in dieser Nacht vor dem Theater stehe beschließe ich, dass ich wieder nach London komme, wenn ich Karten für das Stück habe.

Heute Abend gehe ich erstmal in das kleine Duchess Theatre, in eine Komödie.

„The Play that goes wrong“ hält, was der Name verspricht. Ein Agatha-Christie-mäßiges „Who Dunnit“ um einen Mord auf einem englischen Schloß ist so mit Pannen durchsetzt, dass am Ende mehrere Schauspieler bewusstlos sind, die Bühne teilweise zusammenbricht und ein Tontechniker am Herzschlag stirbt. What could possibly go wrong? Everything!

Das ist sehr vergnüglich und überraschend und ein leichthumoriges Gegengewicht zu dem ansonsten sehr gedrückt gestimmten Tag.

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5 Kommentare

Verfasst von - 31. März 2018 in Reisen

 

5 Antworten zu “Reisetagebuch London (9): Der traurigste Teddy der Welt

  1. zimtapfel

    31. März 2018 at 10:20

    „Weiter zu Teil 10“? Der Link geht nicht… 😢😢😢

    Den Film „The Imitation Game“ mit Herrn Cumberbatch als Turing kennst du bestimmt schon, ich bin darüber hinaus letztes Jahr bei Netflix über die nett gemachte Miniserie „The Bletchley Circle“ gestolpert. Darin geht es um eine Handvoll Frauen, die im Krieg als Codebreaker in Bletchley tätig waren und ihr Leben nach dem Krieg, nachdem sie dort über Jahre hoch anpruchsvolle, wichtige Arbeit geleistet haben, finden sie sich in den 50ern in einem Dasein als Hausfrau und Mutter wieder und dürfen noch dazu mit niemandem über das sprechen, was sie damals geleistet haben. Letztendlich findet sich eine kleine Clique wieder zusammen und löst mit ihren analytischen Fähigkeiten bis dahin ungeklärte Kriminalfälle…

    Despektierliche Bemerkung: Der Teddy von Herrn Turing hat Arme wie ein Contergankind, dabei kann er vom Geburtsjahrgang her keines sein.

    Gefällt 2 Personen

     
  2. Silencer

    31. März 2018 at 13:18

    Nächste Woche funktioniert der Link 🙂

    Dane für den Hinweis auf „Bletchley Circle“, das hatte ich noch nichts von gehört und gucke mir das gerne mal an. Die Idee zu der Serie liegt echt auf der Hand, ich habe mich selbst auch gefragt, was aus den Spezialistinnen nach dem Krieg geworden ist.

    Und Teddies sind halt manchmal eher stumpelig, kein Grund bei Porgy Schädigungen zu vermuten.

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  3. Miki

    1. April 2018 at 21:42

    Gemein. Genau deshalb sage ich immer: ein Teddy reicht nicht. Wenn ich mal tot und berühmt bin, kann man mit meinen Teddys ein ganzes Museum füllen. Und die sind dann nicht einsam. Schlau, ne? Außerdem ist es eine coole Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, wenn ich das nicht ordentlich hinterlege, weiß kein Mensch, wie die heißen, wann sie zu mir kamen usw. Höhö… das werde ich möglichst kryptisch hinterlegen 😀
    Schnief…der arme Teddy!!

    Gefällt 1 Person

     
  4. Silencer

    1. April 2018 at 21:46

    Sehr schlau! Aber mit dem Nachlass lass Dir bitte noch laaaange Zeit!

    Gefällt mir

     
  5. Olpo Olponator

    4. April 2018 at 08:19

    Je größer die meßbare Breitenwirkung, umso unbekannter der Erfinder – Einstein war bloß ein einfallsloser Vordenker des www könnte man aus dieser Erkenntnis schließen … 😉

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