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Reisetagebuch Städtetour 2018 (1): Die Lady Verona

21 Apr

Freitag, 09. Februar 2018
Der Wecker klingelt. Ich öffne ein Auge und schiele auf´s Display.
4:45 Uhr.
Unfair.
Aber ich habe es ja nicht anders gewollt.

Um 5:00 Uhr stehe ich auf, schiebe mir die Zahnbürste zwischen die Zähne und kleide mich an. Dann regele ich die Heizung der Wohnung runter und schalte alle Sicherungen aus. Das Wiesel hebt kurz den Kopf und guckt mich desinteressiert an, dann rollt es sich wieder zusammen und schnarcht weiter. Winterschlaf muss toll sein. Ich schultere den Reiserucksack, dann ziehe ich die Haustür ins Schloss und trete hinaus in die Kälte.

Als ich das Haus verlasse, schlage ich den Kragen der Jacke hoch und ziehe die Mütze über die Ohren. Es ist kalt. Schweinemäßig kalt, in den letzten Tagen hatten wir minus 10 Grad, und das tagsüber, nachts fielen die Temerperaturen noch viel tiefer. Jetzt sind es „nur“ minus sieben Grad. Autos, Gehwege und Bäume sind weiß übergefroren.

So geht das schon seit Wochen. Es ist alles kalt und dunkel. Ich neige nicht zu Winterdepressionen, schon gar nicht wenn ich ständig beschäftigt bin. Und in den letzten Monaten war wirklich viel zu tun. Jetzt ist mir nach Abwechselung. Statt Arbeit bitte Kultur, statt kalt und dunkel zumindest etwas Sonne und frische Luft. Was bietet sich da besseres an als eine kleine Städtereise?

Der Bus bringt mich direkt bis zum Bahnhof, und kurz darauf sitze ich im ICE nach München. Die Welt, die am Fenster vorbeizieht, ist wie erstarrt. Oder wie eingefroren. Auf den Feldern liegt Schnee, Bäume sind mit Rauhreif überzogen.

Bei Fulda wird es langsam hell, aber die blasse Wintersonne schafft es nicht durch die Wolkendecke. Das Licht bleibt fahl und die Welt farblos.

Ich dämmere ein. Müdigkeit ist ohnehin gerade mein ständiger Begleiter. In den letzten Tagen habe ich mich beim Aufstehen schon darauf gefreut wieder nach Hause zu kommen, um dann früh ins Bett gehen zu können. Eine Art von Wintermüdigkeit, so energielos wie die fahle Welt da draußen bin auch ich.

Erst kurz vor München werde ich wieder wach. Hier habe ich eine Stunde Aufenthalt. Ich wandere auf dem kalten Bahnsteig herum und versuche die Zeit rumzukriegen. Ein italienischer Markt steht in der Vorhalle und verkauft Spezialitäten aus Südtirol und dem Aostatal. Käse, Wurst, Schinken.

Eine Werbung fällt mir ins Auge. Ein Süßigkeitenhersteller wirbt mit einem muslimischen Model. Gefällt mir. In einer Zeit, in der die rechtsradikale AFD im Bundestag sitzt und Hetze gegen Muslime zur Normalität zu werden scheint, begrüße ich solche eindeutigen Zeichen. Und sei es nur von einer Süßwarenfirma.

Als der Eurocity endlich in den Bahnhof einfährt, bin ich froh. Endlich wieder sitzen und weiterdämmern. Gott, bin ich müde.

Der Eurocity über die Alpen wird mittlerweile von der ÖBB betrieben. Wie so viele Verbindungen, die die Deutsche Bahn nicht mehr wollte. Das Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren von allem möglichen getrennt: Autozüge, Nachtzüge, Eurocities… das alles gibt es nicht mehr, zumindest nicht von der Deutschen Bahn. Damit geht auch eine besondere Kultur des Reisens verloren. Früher stieg ich in München in den Nachtzug, legte mich ins Bett, und war am kommenden Morgen südlich der Alpen. HEUTE verfrachtet einen die Deutsche Bahn in einen DB-Fernbus, der einen sitzend über den Brenner fährt und viel länger braucht. Was soll sowas?

Immerhin: Einige Strecken hat die Österreichische Bundesbahn übernommen, und darüber bin ich gerade mal wieder sehr glücklich. Der Eurocity, in den ich nun einsteige, ist zwar alt, aber gut gewartet und bequem.

Die Fahrt geht zuerst nach Rosenheim, quasi einem Vorort von München. Dann geht es über Kufstein und Insbruck in die Alpen.

Skifahrer steigen ein und aus und haben Probleme ihr Sportgerät zu bugsieren, alle naselang fällt ein Bündel Skier um oder ein Rucksack aus der Gepäckablage. Ich sitze am Fenster, höre Podcasts und schaue dabei zu, wie vor dem Fenster eine aufregend bergige Landschaft vorbeizieht.

Gegen Mittag fährt der Zug über den Brenner. Ich mag die Strecke über den Brenner ja sehr, und das ist jetzt das erste Mal, dass ich sie mit dem Zug und bei Tageslicht fahre und wirklich Zeit habe mir die Landschaft anzusehen.

Das der Zug rumpelt ist gar kein Wunder, die Streckenführung ist teilweise wirklich absurd. An einer Stelle fährt der Zug sogar ein Schleifchen.

Das Brennertal zieht langsam an mir vorbei, und vom Zug aus habe ich eine tolle Aussicht. Weinberge, Obstfelder, schroffe Felswände, das ist Südtirol. Die Bahn rumpelt und quietscht auf der oft abschüssigen Strecke. Plötzlich knallt es neben mir. Der Zug hat so geschaukelt, dass sich mein Rucksack aus der Gepäckablage vibriert hat und eine Flugreise gen Boden angetreten hat. Egal. Nichts darin ist zerbrechlich.

Ich nehme das ohnehin kaum zur Kenntnis, viel zu sehr bin ich von der Landschaft fasziniert. Ich stopfe das renitente Gepäck zurück an seinen Platz, dann schaue ich gleich wieder aus dem Fenster. Es wird immer heller! Als die Bahn an Franzensfeste vorbeipoltert, strahlt Sonnenlicht die Felswände an. Sonne! Meine Müdigkeit ist wie weggeblasen, die Sonne und die Aussicht ist geradezu aufregend.

Fünfeinhalb Stunden nach der Abfahrt in München kommt die Rumpelbahn in Verona an.

Mittlerweile ist es Nachmittag, kurz nach 16 Uhr, und die Sonne geht bereits wieder unter. Aber hier schien sie wenigstens, und mit 8 Grad plus ist es wesentlich wärmer als in Deutschland.

Doch irgendwas ist seltsam. Unter den Menschen, die mir entgegenkommen, sind Einhörner und Pinguine, und haben weißes Pulver im Gesicht, in den Haaren und auf den Klamotten. Was geht hier vor?

Je weiter ich in Richtung Innenstadt gehe, desto mehr weißgepuderte Menschen sehe ich. Offensichtlich bewerfen die sich gegenseitig mit dem Pulver. Was ist das? Kokain? Ach nein, das muss Mehl sein. Aber… warum tun die das?!

Mitten in der Altstadt steht die weltberühmte Arena von Verona. Der Vorplatz ist so bedeckt von Mehl, dass es aussieht, als hätte es geschneit.

Meine Unterkunft liegt eine Straße hinter der Arena. Als ich in die Zielstraße einbiege, stehe ich unvermittelt in einem Karnevalsumzug. Und zwar nicht einem exotischen, sondern in so einem wie in Köln. Lokale Trachtengruppen tanzen rum und werfen Bonbons, und große Mottowagen mit Pappmachee-Figuren von Trump und Kim Jong-Un fahren die Straße entlang.

HILFE! Ausgerechnet! Dabei kann ich das Theater doch in Deutschland schon nicht leiden! Da fahre ich 1.000 Kilometer um diesem ganzen Rosenmontagsquatsch zu entgehen, und lande prompt mitten in Italiens zweitgrößter Karnevalshochburg.

Meine Unterkunft ist das B&B Lady Verona, gelegen in einem alten Palazzo, am Rande der Altstadt und am Fluss Etsch.

Als ich den Flur des B&B betrete, weiß ich schlagartig woher es seinen Namen hat. Hinter dem niedrigen Empfangstisch steht eine Erscheinung. Eine hochbeinige, blonde Erscheinung. Sie ist ganz in schwarz gekleidet: Schwarze Overknee-Stiefel, Leggings, eine kurze Lederjacke. Das hautenge Outfit schmeichelt ihrer schlanken und sportlichen Figur. Sie trägt die langen, blonden Haare streng zurückgebunden und hat eine Spur zu viel Make-Up drauf, aber der feuerrote Lippenstift setzt einen stimmigen Kontrapunkt zu dem dunklen Outfit.

Die Lady Verona heißt mit Vornamen Anna, und verzieht keine Miene als ich mich vorstelle und sie beginnt, meine Anmeldung fertig zu machen. Sie redet nicht viel, was aber auch daran liegen kann, dass gerade der Karnevalsumzug in voller Lautstärke am Haus vorbeimarodiert. „Entschuldige diesen Krach“, sagt sie und macht eine hilflose Geste in Richtung des Tschingderassa-Bumms. Ich grinse „Hey, ich finde es super! Da komme ich nach Verona und die Stadt bereitet mir so einen Empfang!“ Jetzt lächelt die Lady Verona, zumindest ein wenig.

Anna zeigt mir mein Zimmer, das angenehm groß ist. Die Aussicht ist zwar nur meh…

… aber ich mag Zimmer zu Innenhöfen. Die sind meist ruhiger als die zur Straße hin. Überraschung: Das Badezimmer ist fast größer als das Schlafzimmer, da könnte ich mich drin verlaufen! In einer Großstadt würde man allein aus dem Badezimmer noch ein weiteres Gästezimmer machen.

Dabei ist Verona eine Großstadt, mehr als eine Viertelmillion Menschen lebt hier. Das merkt man vor allem am Verkehrschaos, das mir meinen ersten Besuch hier gründlich verleidet hat. Auch jetzt, wo kaum ausländische Touristen in der Stadt sind, steppt hier der Bär. Autoschlangen stehen an den zahlreichen Ampeln und stauen sich unter den Bögen der historischen Stadtmauer. Überall sind Zufahrtsbeschränkungen und Einbahnstraßen. Ich erinnere mich noch als wäre es gestern gewesen, als ich fluchend und schwitzend mit einem überhitzen Motorrad hier stand und fast zwei Mal vom gleichen Skoda mit WAK-Kennzeichen umgefahren worden wäre. Verona und ich, wir hatten einen schwierigen Start. Aber vielleicht wird das jetzt besser.

Aus der Geschichte mit den Blasen an den Füßen in London habe ich gelernt. Ich ziehe die Schuhe aus, wasche und trockne meine Füße, dann ziehe ich frische Socken an und trete hinaus in die Nacht.

Die Lady Verona liegt direkt an der Etsch, und die Bauwerke um den Fluß herum sind prächtig beleuchtet.

Obwohl es mittlerweile dunkel ist, komme nicht umhin zu bemerken wie ausgesprochen hübsch die Stadt ist. Der Baustil ist venezianisch geprägt, klar. Venedig liegt ja hier auch gleich um die Ecke.

Ich sehe mich um und bekomme einen dieser „Ich kann es nicht fassen“-Momente. Ich kann es einfach nicht fassen, dass ich hier bin. Heute morgen noch war in einem eingefrorenen Mumpfelhausen, jetzt stehe ich hier in einer italienischen Stadt, um mich herum tobt das Leben, Leute feiern.

Ein paar Mal begegnen mir noch versprengte Karnevalswagen, aber häufiger noch sind Putztrupps, die Kubikmeterweise Konfetti und Mehlreste beseitigen.

Unmittelbar hinter den letzten der Karnevalswagen beginnen die Aufräumarbeiten. Arbeiter mit Laubbläsern pusten das Konfetti und das Mehl zu Haufen zusammen, kleine Reinigungswagen saugen es dann mit Rüsseln weg. An manchen stellen liegt der Kram bis zu 15 Zentimeter hoch.

Warum überhaupt Mehl, und warum bewerfen die sich hier am Freitag vor Rosenmontag damit? Jetzt befrage ich mal das Internet dazu. Tatsächlich ist das hier ein Brauch, um das Ende einer Ernährungskrise zu feiern. Im 15. Jahrhundert litt Verona unter einer Hungersnot, und der Doktor Tommaso Da Vico beschloss, den Notleidensten jedes Brot, Wein, Butter, Mehl und Kartoffeln zu spenden. Die machten daraus Gnocchi, und deshalb wird am letzten Freitag der Karnevalszeit das große Gnocchifressen, das Baccanal del Gnoco, gefeiert.

Dazu reitet ein weißgescheckter Weihnachtsmann mit einem bunten und komplizierten Hut auf einem Esel durch die Straßen. Das ist Papa del Gnoco, Väterchen Gnocchi. Außerdem bewirft man sich halt mit Mehl. Ich schalte das Smartphone aus und massiere mir die Schläfen. Von diesem völlig absurden Karnevalsbrauchtum bekomme ich Kopfschmerzen.

Das kann nicht wahr sein.
Bild: http://www.budemest.ru/nokki-iz-tykvy/

Ich probiere noch einige kleine, lokale Spezialitäten. Die „Frittata“ ist ein Fettgebäck, das mit Zucker bestreut wird. Schmeckt genau wie es klingt, unterscheidet sich in nichts von unserem heimischen Karnevalsgebäck.

Panzerotti sind frittierte Teigtaschen mit Käse/Tomatenfüllung.

Nett, aber nicht umwerfend. Aber schwer zu essen, wenn man nicht aufpasst, läuft einem links und rechts heiße Füllung über die Hände.

Ich streife noch ein wenig durch die Stadt und versuche dabei möglichst den Karnevalisten auszuweichen. Die Altstadt ist in warmen Orangetönen beleuchtet, und die Atmosphäre ist entspannt und heiter.

Ein Luftballon mit LEDs?! So einen will ich auch!!

Besonders schön liegt der Kanal, ein Nebenarm der Etsch, dar. Lichter spiegeln sich darin.

Hier sehe ich auch den neuesten Unfug der Schlösschenidioten. Statt die Vorhängeschlösser ihrer Liebe am Geländer zu befestigen, haben sie ein Drahtseil über den Fluß gespannt und lassen die Dinger in die Flußmitte rutschen.

Es tut gut, in der kühlen Luft zu laufen, und diese Nacht ist so schön, dass ich fast nicht damit aufhören mag. Nach diesem ausgedehnten Nachtspaziergang kehre ich zur Lady Verona zurück. Mittlerweile hat sich die Stadt beruhigt und klappt die Bürgersteige hoch, ich klappe um ins Bett und schlafe ein.

Spaziergang durch Verona. Ist nicht mal groß, die Innenstadt im Etschbogen.

In Teil 2: Supermodelsamstag

 
6 Kommentare

Verfasst von - 21. April 2018 in Reisen

 

6 Antworten zu “Reisetagebuch Städtetour 2018 (1): Die Lady Verona

  1. zwerch

    21. April 2018 at 07:04

    Wir verreisen wieder… wie schön!

    Gefällt 1 Person

     
  2. zimtapfel

    21. April 2018 at 07:58

    Das mit dem gespannten Drahtseil hat doch was für sich. Da muss man nur einmal Schnipp machen und dann Schwupp und Platsch und weg!

    Gefällt 2 Personen

     
  3. Olpo Olponator

    23. April 2018 at 12:14

    Schlösschenidioten.
    Monatswortverdächtig.

    Gefällt 1 Person

     
  4. Silencer

    23. April 2018 at 14:07

    Zimt: Spart Deinem Bolzenschneider Arbeit, ja?

    Olpo: Hehe.

    Gefällt mir

     
  5. kalesco

    26. April 2018 at 10:21

    Oh schön, wieder auf Tour – danke fürs Mitnehmen 🙂
    Und ich möchte jetzt gern nach Verona bitte. Bin gespannt auf die nächsten Reisetage.

    Gefällt 1 Person

     
  6. Silencer

    26. April 2018 at 16:20

    Schön, das Du wieder mit an Bord bist 🙂

    Gefällt mir

     

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