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Momentaufnahme: April 2018

30 Apr

Herr Silencer im April 2018
„Einfach so durchgerauscht, der Monat“

Wort des Monats: „Fiorum“

Wetter: Am Monatsanfang kreislaufstressend: Nachts -1 Grad, tagsüber Sonnenschein und über 20 Grad. In der zweiten Woche kontinuierlich zwischen 15 und 25 Grad und nur gelegentliche Schauer, was die Natur schlagartig explodieren lässt und Allergiker in den Pollenwahn treibt. Die Dritte Woche nimmt sich etwas zurück, nachts landen wir wieder im einstelligen Temperaturbereich, Frost gibt es aber nicht. Tagsüber pendelt es zwischen 13 und 17 Grad und zwischen bewölkt und heiter. Am Monatsende kommt der Sommer zurück, mit Sonnenschein und über 20 Grad.


Lesen:

Heidi Benneckenstein: Ein deutsches Mädchen
Die kleine Heidi wächst wohlbehütet in einem Dorf bei München auf. Sie hat zwei Schwestern, die Mutter ist Hausfrau, der Vater Beamter. Bei den Benneckensteins scheint ein wenig die Zeit stehengeblieben zu sein. Es ist Mitte der 90er, aber die Kinder tragen ausschließlich Dirndl und geflochtene Zöpfe. Wie sehr die Zeit stehen geblieben ist, erfährt außerhalb der Familie niemand.

Tatsächlich ist Heidis Vater ein glühender Verehrer des Nationalsozialismus, der seine Kinder zu zivilem Ungehorsam erzieht, auf den kommenden Systemumsturz und den Krieg vorbereitet. Dazu werden die Kinder in den Ferien in Trainingscamps verfrachtet, die als katholische Wandergruppen auftreten, in Wahrheit aber Nazi-Organisationen angehören.

Als Heidi erwachsen wird, spielen rechte Kameradschaften weiterhin eine tragende Rolle in ihrem Leben. Über die kommt sie zur NPD, in der sie aktives Mitglied wird. Eines Tages beschließt sie auszusteigen, doch der braune Sumpf ist klebrig.

Ein mutiges Buch, das Heidi Benneckenstein hier vorlegt. Sie erzählt ihre Lebensgeschichte ganz undramatisch, so dass sie an vielen Stellen fast trivial scheint, aber in der Summe deutlich macht, was sie zu erleiden hatte. Darüber hinaus, und das ist der größere Verdienst des Buches, erhält man als Außenstehender Einblicke in das Funktionieren der rechten Szene: Die straffe Organisation und enge Vernetzung der lokalen „Kameradschaften“ in ganz Deutschland; der Erwerb von Liegenschaften im Osten, getarnt als Biobauern oder Freizeitzentren; die Verliererpersönlichkeiten, aus denen die Szene besteht, die aber oft sofort aussteigen, wenn sie etwas haben, auf das sie stolz sein können; wie Sprache („völkisch“) und Musik zur Identifikation benutzt wird; wie unter dem Anstrich von Bürgerlichkeit mit Konsensthemen („gegen Kinderschänder“) Propaganda gemacht wird.

Von der Organisation über die Denkweise bis hin zu den Charakteren werden die Mechanismen deutlich und welche Gefahr diese wenigen, aber lauten und unnachgiebigen Stimmen für die Demokratie bedeuten. Nach der Lektüre kann man als Leser nur einen Schluss ziehen: Diese Neonazi-Szene hat sich nun unter dem Dach der AfD versammelt, die mit genau diesen Mechanismen nun sehr laut Propaganda macht. Das ist die eigentliche Erkenntnis: Lies die Lebensgeschichte von Heidi Benneckenstein, ziehe Deine Schlüsse und komme zu der Erkenntnis, dass die AfD eine rechtsradikale Partei ist.

Petra Reski: Bei aller Liebe
Ein deutscher Staatsanwalt wird in Palermo von einem Transgenderprostituierten ermordet. Er hat im neuesten Geschäftsfeld der Mafia ermittelt: Flüchtlinge. Von der Unterbringung in Heimen über die Sicherheit bis hin zur Verpflegung oder der Einschleusung in andere EU-Länder, überall verdient die Mafia mit. Gesteuert wird das ganze aus Deutschland, von ausgewanderten Mafiosi. Die haben nur zwei Dinge unterschätzt: 1. Den Fremdenhass der Deutschen und 2. die palermitanische Staatsanwältin Serena Vitale, die nun zu ermitteln beginnt.

Petra Reski ist eine deutsche Journalistin und lebt und arbeitet seit den 80ern in Italien. Sie schrieb regelmäßig und sehr gut über Enthüllungsstories über das Wirken der Mafia, auch in Deutschland. Dafür verklagten sie die hier ansässige „erfolgreiche Geschäftsleute mit italienischen Wurzeln“ und gewannen vor Gericht. Reskis Verlag ließ sie im Regen stehen, sie verlor bis auf den letzten Cent alles. Sie kann aber nicht vom Thema lassen, und deshalb verpackt sie die Ergebnisse ihrer Recherchen nun in Romanform, denn im Fall einer Klage kann sie sich mit „Ist alles Fiktion“ rausreden. Ich halte Petra Reski für eine absolut brilliante Journalistin und bewundere sehr, dass sie immer weiter kämpft und sich nicht unterkriegen lässt. Ihre Zeitungs- und Blogartikel sind spitze recherchiert und spannend zu lesen, wirklich großartig. Aber dieser Roman, der ist zum Gruseln.

Das beginnt bei den Charakteren die ins comichafte überzeichnet sind und endet bei Erzählpassagen, die dumm und irrelevant sind und so verbittert klingen, als wären sie mitten in der Nacht nach einer Flasche Rotwein entstanden. Wenn ich lese, wie die Ökofreundin eines Reporters mit dem Namen „Wolfgang Widukind Wienecke“ eine Blumenkohlbar aufmacht, oder die wunderschöne, blonde, hochbeinige Staatsanwältin ständig Lippenstift nachzieht… dann möchte ich das Buch direkt wieder weglegen.

Habe ich aber nicht, denn die Machenschaften der Mafia im Flüchtlingsgeschäft sind erschreckend und detailliert beschrieben. Flüchtlinge als Geschäft, an denen jeder verdient: Mafia, Kommunen, Politiker nehmen gemeinsam die EU aus. Das ist spannend und eröffnet neue Perspektiven. Der Nachteil: Für einen Roman braucht es nicht nur Fakten, es brauch eine ordentliche Geschichte. Die verheddert sich auf halbem Weg, und am Ende franst sie einfach aus und verpufft.

Ich bin extrem zwiegespalten. Die Erkenntnisse aus dem Buch sind interessant. Für die muss man sich aber durch dumme Charaktere, ständige Übertreibungen und uninteressante Erzählpassagen kämpfen. Es gibt noch zwei weitere Romane von Reski, aber bis ich mir die antue, brauche ich eine Pause.


Hören:


Sehen:

A Series of Unfortunate Events (Season 2) [Netflix]
Violet, Sunny und Klaus Baudelaire haben es nicht leicht: Erst kamen bei einem Feuer ihre Eltern ums Leben, nun werden sie vom bösen Grafen Olaf gejagt. Dem Bösewicht ist jedes Mittel recht um an das Vermögen der Waisen zu kommen. Er nutzt die seltsamsten Verkleidungen, um die Kinder durch eine von In&Out-Listen verdrehte High Society, ein bizarres Internat, ein komisches Krankenhaus und einen grausamen Zirkus zu jagen.

Ach, herrlich! Schon die erste Staffel glänzte durch hervorragende Ausstattung und tolle Schauspieler, und die vorliegende Staffel 2 setzt hier nochmal einen drauf: Die Schauplätze sind größer, die Stammschauspieler absolut in ihren Rollen und die Gäste (wie Nathan Fillion als Jaques Snicket!) hervorragend besetzt. Wieder wurden 4 Bücher verfilmt, jeweils in zwei Teilen. Dabei sind die Produzenten mutiger geworden, was dem Ganzen gut tut: Ein neuer Handlungsstrang zeigt nun die Bemühungen der geheimnisvollen Organisation „FF“ den Waisen zu helfen. Das bringt wohltuende Abwechselung und verhindert, dass die Serienepisoden ähnlich holzschnittartig ablaufen wie die Bücher. Sehr gelungene Fortsetzung, bei der allein schon jede Sekunde Screentime von Neil Patrick Harris („How I met your Mother“) als Graf Olaf ein böse kicherndes Vergnügen ist.

A Couch in New York [Theater im OP]
Psychanalytiker Harriston ist genervt. Das Leben des New Yorker Psychologen könnte so akkurat geordnet sein, wenn nicht seine durchgeknallten Patienten wären. Kurzentschlossen gibt er eine Anzeige auf, um sein Appartment am Central Park für einige Wochen gegen eines in Paris zu tauschen. Auf die Anzeige meldet sich Mademoiselle Sauniere, eine chaotische Tänzerin, die ihre ganz eigenen Gründe hat aus Paris zu fliehen.

Angekommen in der jeweils anderen Stadt übernehmen die beiden nicht nur die Wohnung des jeweils anderen, sondern hinterlassen auch Spuren in den Fußstapfen des anderen Lebens.

Schön gespielt, funktionales Bühnenbild. Leider fehlt der Punch, den ein solch komödiantischer Stoff erfordert. Die Inszenierung ist zu träge, zu langatmig. Das man nach 10 Minuten weiß, wie die Story ausgehen wird – geschenkt. Aber das viele Gags wird aus drei Kilometern Entfernung angekündigt und dann in zäher Langsamkeit ausgewalzt werde, bis sie nicht mehr lustig sind, das ist bitter. Die Laufzeit beträgt zweieinhalb Stunden, und ist damit rund eine Stunde zu lang. Hätte man hier und da etwas gerafft, wäre die „Couch“ das lustigste Stück seit langem im ThOP gewesen. So wird es leider in Erinnerung bleiben als die Vorstellung, die dank langer Laufzeit, zuspäten Beginns und überzogener Pause insgesamt dreieinhalb Stunden Sitzfleisch verlangte.

Im Nachgang zum Stück habe ich mir übrigens die Verfilmung des Stoffs von 1996 mit Juliette Binoche und William Hurt angesehen. Die ist erstaunlicherweise unerträglich lahmarschig und einfallslos inszeniert, die Dialoge grenzen an Schwachsinn und manche Szenen sind so absurd umgesetzt, dass es zur Qual für die Darsteller wird. Am ThOP hat man den Film Szene für Szene nachgespielt, allerdings all dessen Schwächen mitgenommen UND das Tempo weiter gedrosselt – das tut dem Stoff nicht gut. Nach „irreversibel“ ist „Eine Couch in New York“ übrigens der 2. Film in meinem Leben,. den ich nicht zu Ende geguckt habe, weil ich es nicht ertragen konnte. Wenn auch aus krass unterschiedlichen Gründen.

So lange ich lebe (Jab Tak Hai Jaan) [DVD]

Shah Rukh Khan ist Bombenentschärfer, und zwar der beste in ganz Indien. Ohne Schutzanzug fordert der verschlossene Mann bei jedem Einsatz Gott und das Schicksal heraus, nur um sich danach wieder in die Einsamkeit zurück zu ziehen. Als eine junge Journalistin eine Reportage über „Den Mann, der nicht sterben kann“ dreht, entdeckt sie versehentlich sein Geheimnis. Dessen Spur führt nach London und in eine Zeit, in der Khan ein anderer Mensch war.

Ich mag diese dreistündigen Bollywood-Filme ja, zumindest, wenn sie angemessen episch und gut erzählt sind. Das ist hier der Fall: London ist eine großartige Kulisse, die Geschichte umspannt mehrere Jahrzehnte, die Tanznummern sind großartig und die Geschichte rührt zu Tränen. Ganz großes Kino, bester klassischer Khan-Film nach „Om Shanti Om“ und den Dons („Meine Name ich Khan“ läuft außer Konkurrenz).


Spielen:

Assassins Creed Origins: Curse of the Pharaohs [PS4]
In Ägypten erheben sich die Pharaonen aus ihren Gräbern und versetzen die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Bayek geht dem nach und versucht herauszufinden, was die Ruhe der Gottkönige stört. Dabei muss er auch den Duat, das Jenseits der Ägypter, besuchen.

Nach dem langweiligen, ersten DLC „The Hidden Ones“ folgt nun die zweite und letzte Erweiterung für „Assassins Creed Origins“. Die hat es in sich und dreht alle Regler auf 11: Mit Theben, Luxor und dem Tal der Könige kommt ein großes Gebiet hinzu, in dem es wieder viel zu erkunden und zu tun gibt. Leider ist das meiste davon wieder trivialer Mist. Die üblichen, hässlichen und schlecht gesprochenen NPCs, die mehr nach Verkehrsunfall als nach Personen aussehen, geben einem doofe Fetchquests oder jammerlappige Suchmissionen. Das nervt, und um es mal ganz klar zu sagen: Wenn ich noch ein Mal ein verschwundenes Kind finden und aus einer Höhle tragen soll, werde ich Balg von der nächsten Klippe werfen.

Zum Glück belässt es der DLC dabei nicht. Er erzählt eine stimmige Hauptgeschichte und eröffnet mit dem Jenseits ganz neue und abstrakte Szenarien. Leider ist die Story wieder nicht besonders gut erzählerisch in Szene gesetzt, dennoch macht es Spaß ihr zu folgen. Herausfordernd ist es allemal, das Levelcap wurde auf 55 angehoben, was im Kampf gegen Nofretete oder Ramses auch nötig ist. „Curse of the Pharaohs“ ist daher empfehlenswert für alle, die das Hauptspiel mochten, die aber nicht einfach nur more of the same wollen.

Assassins Creed: Rogue [PS4]
Die amerikanischen Kolonien im 18. Jahrhundert: Der Assassine Shay Cormac wird von der Bruderschaft auf geheime Missionen geschickt, in denen er Tempel der Vorfahren aufspürt. Diese speziellen Tempel enthalten Artefakte, die seismische Beben auslösen können. Durch Shays Mission wird ein Erdbeben ausgelöst, das 1755 Lissabon vernichtet und tausende Menschen das Leben kostet. Daraufhin fleht Shay die Assassinen an, diese Artefakte in Ruhe zu lassen – ohne Erfolg. Um zukünftige Katastrophen zu verhindern, flieht Cormac aus der Bruderschaft und macht Jagd auf seine alten Freunde und Kollegen.

„Rogue“ erschient 2014 zeitgleich mit „Unity“. Während letzteres auf der neuen Konsolengeneration grandios floppte, weil es neue Dinge wagte, aber buggy veröffentlicht wurde, setzte „Rogue“ auf PS3 und XBOX 360 auf Bewährtes: Die Engine von „Assassins Creed III“ mit den Seefahrtsmechaniken aus „Black Flag“, neue Texturen drüber, fertig. Damit war es nicht das bessere Spiel, wie viele Kritiker irrtümlicherweise annehmen. Es war nur runder.

Die jetzt veröffentlichte „Remastered“-Version für PS4 und XBOX One unterscheidet sich nicht groß von der vier Jahre alten Fassung. Die Grafik ist etwas höher aufgelöst, aber nicht schöner. Spaß macht es dennoch, mit der „Morrigan“ den Hudson enthochzusegeln und im Nordatlantik das Polarlicht anzugucken. Die Story trägt dabei gerade mal für 6 Stunden, bis man das Schiff entsprechend aufgelevelt und die Karte aufgedeckt hat, braucht es rund 20 Stunden. Kompletionisten werden irre ob der Vielzahl an Sammelaufgaben, bis man alles Gedöns beieinander hat, vergehen rund 50 Stunden. Wert ist es das freilich nicht, als Belohnung gibt es nur ein paar pottenhässliche Skins.


Machen:

Eine kleine OP.

Neues Spielzeug:

Eine neue Schreibtischplatte. Yay! hat ja nur 7 Jahre gebraucht bis ich mich dazu aufgerafft habe.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 30. April 2018 in Momentaufnahme

 

Eine Antwort zu “Momentaufnahme: April 2018

  1. kalesco

    13. Mai 2018 at 15:55

    Wen hast du operiert? 🙂

    Gefällt mir

     

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