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Reisetagebuch Städtetour (7): Peak Kunst in Disneyland

02 Jun

Februar 2018: Tag sieben Städtereise südlich der Alpen. Heute mit Glitzereinhörnern, Barockkatzen, Brillenmädchen und Peak-Kunst.

15. Februar 2018, Venedig
Es gibt immer wieder warnende Stimmen, die um die „Disneylandisierierung“ von Venedig fürchten. Sie warnen davor, dass die Stadt zu einer Kulisse für posierende Touristen verkommt. Eine Kulisse ohne echte Einwohner, weil die sich den Wohnraum nicht mehr leisten können. Diese Stimmen haben alles eines gemein: Sie sind zu spät.

Venedig ist schon lange das Äquivalent zu Disneyland in Europa, zumindest für Asiaten, und hier ganz besonders Chinesen. Tagestouristen fluten jeden Vormittag die Stadt, posieren, lassen sich in Gondeln durch die Stadt fahren, kaufen nachgemachten Glasschmuck aus China (mit Aufklebern „Made in Venice“) bei einem von hunderten Händlern und verschwinden wieder. Andere bleiben ein paar Tage länger, in der Innenstadt, in der die meisten Wohnungen nur noch für Vermietung über Air BNB angeboten werden. Menschen, die in der Stadt leben wollen, finden keinen Wohnraum mehr – kein Wunder, die Vermietung einer Wohnung an Touristen bringt 10 Mal so viel wie ein fester Mieter.

Im Sommer sieht man an jeder Ecke Brautpaare, die sich auf den Brücke und vor den Palazzi fotografieren lassen. Die Wasserstadt ist dabei nur exotische Kulisse für die Selbstinszenierung.

Und auch jetzt, im Winter, ist die Stadt voller chinesischer Besucher, die sich hier entweder lautstark für die Kamera inszenieren oder mit laufenden Videokameras durch die Museen rennen und alles im Schnelldurchlauf abfilmen, während sie nur auf ihre Handydisplays starren. Ob die sich diese verwackelten Videos wirklich zu Hause in Ruhe angucken? Ich bezweifle das.

Die Galleria dell´Accademia

Ich habe kaum die Galleria dell´Accademia betreten, als wieder ein Chinese an mir vorbeieilt, während er mit ausgestrecktem Arm ein Handy an einem Triptychon von Hieronymus Bosch vorbeiführt. Er filmt die gesamte Ausstellung ab, ohne sie sich anzusehen.

An einer anderen Ecke des Raumes macht es Lautstark Klickgeräusche. Eine chinesische Mutti fotografiert jedes Gemälde, ebenfalls ohne es sich anzusehen, hat dabei ihr XioMi aber auf volle Lautstärke gestellt und Tastentöne und Kamerageräusche aktiviert. Daher kann ich genau hören, wo genau in der Ausstellung in der Accademia dell´Arte Sie herumirrt. Das macht mich geringfügig wahnsinnig, denn die Galleria ist eigentlich ein Ort der Ruhe. Den Tastentonterror nehme ich als grobe Unizivilisiertheit wahr, die die Kontemplation der Ausstellung stört und mir den Blutdruck nach oben treibt.

Die Galerie hat viel zu bieten, fängt aber uninteressant an – Ikonenmalerei des 14. Jahrhunderts finde ich totlangweilig, auch wenn der Audioguide sich alle Mühe gibt, das ein oder andere kuriose Detail einzuflechten.


Interessanter wird es in der Renaissanceabteilung. Hier gibt es Bilder von Bosch. Faszinierend finde ich die Darstellung des Jenseits und des Infernos. Allein die vielen Arten, wie Menschen darin von ihren eigenen Dämonen gefoltert werden, macht es zu einem morbiden Wimmelbild.

Auch Bilder mit Geschichten sind interessant. Wie das hier, in dem eine Frau gekreuzigt wird, die einen Art trägt. Sie sollte zwangsverheiratet werden und bat Gott, sie davon zu verschonen. Über Nacht wuchs ihr ein Bart, der zukünftige Gemahl verschmähte sie. Darüber wurde ihr Vater so wütend, dass er sie kreuzigte. Damit stellte er sich natürlich gegen Gottes Willen. Bumm, an Ende alle tot.

Andere Bilder sind beeindruckend groß, sie bedecekn ganze Wände. Viele zeigen Szenen aus der christlichen Mythologie, manche aber auch einfach Geschehnisse in Venedig.

Die Friedenstaube.

Ganz hin und weg bin ich im Untergschoss in der Sonderausstellung zu Canova, Hayez und Cicognara. Die drei waren in den Achtzehnhunderter Jahren bekannte Bildhauer, Maler, Architekten und Archäologen. Ihre Lebenswege trafen sich immer wieder, und die drei veränderten jeder für sich und alle zusammen die Kunst Venedig und Italiens. Die Ausstellung heißt auch „L´ultima gloria di Venezia“ – Peak-Venezianische Kunst, wenn man so will, und as zum 200sten Geburtstag der Galleria dell´Accademia.

Rinaldo, Elite-Soldat einer Kreuzfahrertruppe, wird von Sarazenenzauberin Armida verführt. In den Büschen lurkt ein Neider.


Besonders die Bildhauerei hat es mir wieder angetan:

Auch wenn Lord Byron, der dem Vernehmen nach in Venedig recht moppelig geworden ist, dieses Bildnis von sich gar nicht mochte.

Die Löwen hier sind auch cool.

„Alter, chill mal“

„Aber ich kann nicht! Das Zeug haut voll rein! ich WERDE NIE WIEDER SCHLAFEN!!!“

Skurrilstes Detail: Canova plante Monumentales Grab zu Ehren Tizians. Das wurde aber nie realisiert, aber seine Freunde nahmen das her um es für seine eigene Beerdigung zu bauen. Das hier ist der eingereichte Entwurf Canovas:

Und das hier ist sein eigenes Grab in der Kirche Santa Maria Gloriosa dei Frari, einem großen Backsteinbau nicht weit von der Galleria.

Ich lasse mir Zeit und bummele durch die Gegend. Das Wetter geht so, es ist ein wenig bedeckt und kühl. Abseits der Touristenpfade gehen die letzten Venezianerinnen ihrem Tagesgeschäft nach. Rentnerinnen führen Hündchen spazieren oder sitzen auf Bänken und halten ein Schwätzchen. Die Stadt wirkt fast entspannt.

Doch es gibt an jeder Ecke etwas zu entdecken. Wie diesen prächtigen Innenhof, auf den ich nur stoße, weil ein Tor offensteht und gerade Bauarbeiten beginnen.

Was könnte ich denn noch mal schönes machen? Vielleicht mal wieder ins Museum Correr am Markusplatz gucken? Warum nicht? Das letzte Mal ist schon lange her.

Ich kaufe ein Kombiticket, das neben dem Eintritt zum Correr auch Zugang zum Archäologischen Institut und der Bibliothek Marciana im gleichen Gebäude gestattet.


Im Museo Correr steht VIEL Zeug herum, angefangen von Römischen ud griechischen Büsten Statuen, Schiffsmodellen… alles nach guter Mueumsart nicht erklärt, lediglich am Eingang zu den einzelnen Sälen hängt ein laminierter Text mit Metainfos.

Ohje, ich habe ein Problem mit meinen Schamhaaren! Es ist das Medusa-Syndrom!“

„Ohje, da kann ich nicht hinsehen!“

Besonders beeindruckend sind die Orginaltafeln der Barabari-Karte. Ich habe keinen blassen Schimmer wie Jacopo de Barabari es im Jahr 1500 geschaft hat, Venedig dreidimesnional von schräg oben abzubilden, und das mit einem Detailgrad, dass man das Baugerüst am Glockenturm der Markuskirche sehen kann, aber er hat es geschafft.

Die Karte ist so schön, die hängt bei mir zu Hause als verkleinerte Replik an der Wand. Das Original ist 1,40 Meter hoch und fast 3 Meter breit und liegt jetzt hier vor mir:

Die Dogen in Vendig hatten ihre eigenen Zeremonienschiffe. Die Idee für Jabba the Hutts Barke aus „Return of the Jedi“? Die kommt hier her.

In Venedig wurde auch einem seltsamen Sport gefröhnt. Pyramidenbau aus Menschen. Anders als in Spanien aber mit Holzlatten dazwischen.

Ob das Hochwasser zur Entwicklung dieser Schuhe geführt hat? Das dürften die zweithochhackigsten Schuhe sein, die ich je gesehen habe.

Wenn man im Museo Correr aus dem Fenster schaut, blickt man auf den Markusplatz. Hier werden gerade die Reste des Karnevals beseitigt. Gestern war Aschermittwoch, heute ist von den Tribünen kaum noch was zu sehen.

Danach schlendere ich ein wenig durch die Gegend. Ich habe es nicht eilig und will nirgendwo mehr hin, also gehe ich am Wasser entlang und genieße die gute Luft.

Bis mir beim Arsenale eine Möwe auf die Jacke scheißt. So einen richtigen, ordentlichen Viertelliter Dünnschiss. Warum können die Viecher eigentlich gleichzeitig fliegen UND kacken? Wer hat sich das denn ausgedacht?

Leicht angepisst, im wahrsten Sinne des Wortes, nehme ich einen Wasserbus nach Hause. der fährt den Canale Grande hoch, und die prächtigen Palazzi daran kann ich in aller Ruhe bewundern.

Ein kleines Mittagessen aus dem Supermarkt und eine umfangreiche Jackensäuberungsaktion später mache ich mich wieder auf den Weg. Die Sonne geht bereits unter, als ich durch das Ghetto laufe. Das erste jüdische Ghetto der Welt.

Ich bin im Schlendergang unterwegs, das ist mein „ich muss nirgendwohin“-Gang. Dabei geht man ganz aus den Hüften raus und lässt die Schwerkraft die Arbeit mit den Beinen machen. Hüfte anheben, Bein schlenkert nach vorne und setzt auf, Hüfte auf der anderen Seite, das andere Bein fällt nach vorn. Das ist sehr energiesparend, auf diese Weise kann man ewig laufen. Polizisten auf Streife gehen so, von denen habe ich mir das abgeguckt.

Ich kann praktisch spüren, wie die Stadt ausatmet. Die Tagestouristen sind weg, die mehrtägigen Touris sitzen vermutlich zum Großteil in ihren Air BNBs. Jetzt lässt sich wieder normales Leben beobachten, und die Stadt fühlt sich wieder wie ein echter Ort an und nicht mehr nach Disneyland.

Venedig bei Nacht ist wundervoll. Gerade in den ruhigeren Vierteln ist in manchen Gassen ist kaum ein Laut zu hören, manchmal nur das Schwappen des Wassers an den Wänden der Häuser und Kanäle. Lichtinseln in der Dunkelheit markieren Hauseingänge und Geschäfte. Alles wirkt fremdartig, ruhig und schön.

Tuning auf venezianische Art: Boot mit Angeber-LED-Beleuchtung. Vermutlich sogar tiefergelegt.

Ach, Venedig. Vor sechs Jahren habe ich beschlossen auszuprobieren wie es ist alleine zu reisen. Die erste Reise musste ganz billig sein, und so ging es mit dem Nachtzug im Sitzabteil nach Venedig. Das war abenteuerlich! Ich war ja sowas von unsicher, weil ich vorher noch nicht wusste, ob ich sowas etwas für mich ist. Ich hatte mir vorher extra einen Rucksack gekauft, aber nur einen ganz billigen, dann wäre der Verlust nicht so groß, wenn ich nach dieser einen Reise nie wieder auf Tour ginge. Damals gab es noch kein Reisetagebuch, nur diesen einen Blogeintrag.

Schon damals habe ich es genossen die Stadt zu durchstreifen. Denn auch wenn die Hauptstraßen voller Touristen sind, von denen viele nur wenige Stunden in der Stadt und dementsprechend blisterig sind: Abseits der ausgetretenen Pfade herrscht eine beschauliche Ruhe in den abseits gelegenen Stadvierteln. Ich mag die Stille dieser autofreien Stadt. Ich mag diese leichte Melancholie, die dann manchmal über den Kanälen liegt. Und natürlich die Entspannung, die einsetzt, sobald die Tagestouristen die Stadt verlassen und die Bars und Restaurants abseits der Hauptstraßen wieder den Einwohnern gehören.

Im Gegensatz zu damals hat sich die Stadt nicht viel geändert. Hier zu navigieren ist nun leichter als damals. 2012 hatte ich noch keine italienische SIM, Datenverbindung war quasi unmöglich, und deshalb musste ich ohne GPS oder Googlemaps im Gewirr der Gassen zurecht kommen. DAS ist heute wirklich einfacher, aber verlaufen kann man sich immer noch. Ach, eigentlich habe ich auch das Verlaufen immer als Teil des Wegs begriffen. Die Reise im Februar 2012 dauerte 5 Tage, und es war großartig. Seitdem versuche ich jeden Februar auf eine Städtereise zu gehen, meist mit der Bahn. Und mit dem Rucksack, den habe ich nämlich immer noch. Auch wenn er damals nicht mehr als 15 Euro in Royas „Hier gibts alles Laden“ gekostet hat: Seitdem Meister Edem, mein persönlicher Q, einmal rundrum alle Schnallen erneuert hat, hält der immer noch.

Nach der 2012 Reise hatte ich das Gefühl, mit Venedig estmal fertig zu sein. Alles gesehen zu haben. Jetzt merke ich, dass das Quatsch war, oder vielleicht interessieren mich jetzt andere Dinge. Jetzt gehe ich auch gerne einfach so in der Stadt spazieren, oder sehe mir die Auslagen der Geschäfte an. Sogar von Barockkatzen, Glitzereinhörnern und diesem amerikanisch anmutenden Candystore.

Zurück zum letzten Teil: Unfinished Business mit Jessica Rabbit
Weiter zum nächsten Teil: Supermond legt Venedig trocken!!!

 
3 Kommentare

Verfasst von - 2. Juni 2018 in Reisen

 

3 Antworten zu “Reisetagebuch Städtetour (7): Peak Kunst in Disneyland

  1. zimtapfel

    3. Juni 2018 at 09:56

    Merkwürdig allerdings: im Blogeintrag zu dieser allerallerersten Venedigreise ist von einem Zwischenfall in Stockholm die Rede, nach dem man das Wiesel eigentlich nie wieder mit auf Reisen hätte nehmen wollen. Das passt ja jetzt nicht ganz so gut zusammen, was? 😉

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  2. ruediger

    3. Juni 2018 at 10:47

    wie immer, gerne gelesen.

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  3. Silencer

    3. Juni 2018 at 11:46

    Zimt: Ach. Kontinuität wird überbewertet 🙂

    Rüdiger: Merci!

    Gefällt 1 Person

     

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