Momentaufnahme: Juni 2018

Herr Silencer im Juni 2018

Vorherrschendes Gefühl: Ich brauch mal Urlaub. Oh, da isser ja!

Wetter: Monatsanfang weiterhin sehr warm, um die 20 Grad und drüber und wenig Regen. Zur Monatsmitte etwas kühler, um die 15 Grad und bedeckt, mit schweren Unwettern in Süddeutschland. ab Monatsmitte bin ich unterwegs, immer be 26-35 Grad.


Lesen:

Trevor Noah: Born a Crime
Der kleine Trevor wächst in den Townships von Kapstadt auf, in den schlimmsten Jahren des Apartheitregimes. Seine Mutter wollte ein Kind, aber keinen Mann. Ihre Wahl des Samenspenders fiel ausgerechnet auf einen Weißen, und da in der Zeit des stattlichen Rassismus auf gemischtrassigen Sex eine Freiheitsstrafe von 5 Jahren stand, ist schon Trevors Geburt ein Verbrechen gegen den Staat.

Das Buch erzählt zwei Geschichten: die von Trevor selbst, wie er durch Schulen stolpert, Häuser anzündet, in den Townships raubkopierte CDs vertickt und letztlich im Knast landet. Und die seiner Mutter, einer Frau, sie so einen starken Willen hat, das man sie schon als verrückt ansehen kann.

Trevor Noah schätze ich als Host der Daily Show sehr. Seitdem ich weiß, dass er aus Südafrika kommt, wollte ich mehr über seine Geschichte wissen. Das die so krass ist, konnte ich nicht ahnen. Ich habe bei der Lektüre viel gelernt – über Staaten, die Rassismus als Konstruktionsprinzip haben und ihn an allen Ecken und Enden als Werkzeug einsetzen. Über Südafrika. Und natürlich über die Realität in de Townships.

Die Geschichte der Familie Noah ist noch nicht vorbei, aber schon jetzt so interessant, dass sie eine Buch rechtfertigt. Dem hätte ein besserer Lektor gut getan. Die Kapitel sind nicht unverständlicherweise nicht chronologisch, und die Zeitsprünge sind beim nachträglichen editieren entstanden, das merkt man. Das stört beim Lesen – manchmal werden Menschen erst vorgestellt, nachdem sie in einem der vorherigen Kapitel schon tragende Rollen hatten. Macht aber nix, das Buch bleibt trotzdem gut. Es ist spannend, es gibt Drama, es gibt Fremdscham – nur lustig will das Buch nie sein. Ist es aber trotzdem, denn wenn Trevor einen Tänzer Namens Hitler in eine jüdische Schule schickt, dann ist das brüllend komisch – aber das Buch erklärt dann gleich, warum Hitler für Afrikaner kein schlimmer Mensch ist. Aus all diesen Erlebnissen und kulturellen Clashes leiten sich viele Weisheiten ab – allein darum sollte man dieses Buch lesen.


Hören:

Leonard Cohen: You want it Darker

Seltsames Ding.

Sehen:

Gelbe Wüste, rosa Raum [Theater im OP]
Vor 20 Jahren war der Vater in der gelben Wüste im Kriegseinsatz. Nun ist er mit seinen beiden erwachsenen Söhnen hier her zurückgekehrt, um für die Länge seines Jahresurlaubs Selbstjustiz zu verüben. Schwer bewaffnet streifen die drei durchs Land und suchen Terroristen, die sie umbringen können. Nur: Die lassen sich gar nicht so leicht finden, und je länger die Suche dauert, desto mehr driften alle Beteiligte ab: Einer der Söhne in Paranoia und Mordlust, der andere in Krankheit und Erschöpfung, und der Vater in Erinnerungen an Geschehnisse, die es nie gab. Schicht für Schicht schmirgelt der allgegenwärtige Wüstensand Fassaden weg, bis blanker Irrsinn in Form eines rosa Raumes übrig bleibt.

Eine verstörende und erschreckende Inszenierung von Barbara Korte. Kaum zu glauben, dass dieses krasse Stück eine Studentin geschrieben hat, die damit beim Nachwuchswettbewerb gewann. Faszinierend ist allein schon die Idee, 12 Personen als „Du“ permanent auf der Bühne präsent zu haben. Die Personen erzählen das Innenleben der Protagonisten, verkörpern ihre Sehnsüchte und Erinnerungen. Das funktioniert genial, und wenn gegen Ende „Du“ eine neue Perspektive auf alle Handelnden eröffnet, ist das ein wirklich schockierender Twist.


Spielen:

Detroit: Become Human [PS4]
Die USA, 20 Jahre in der Zukunft. Arbeiten wie Altenpflege, Hausputz und Bauarbeiten werden von Androiden übernommen. Die lebensechten Roboter verändern die Gesellschaft: Die Arbeitslosigkeit steigt rasant, viele Menschen ziehen die Beziehung zu einem Sexandroiden einer echten Beziehung vor. In dieser Umbruchsituation häufen sich Berichte über Androiden, die sich seltsam verhalten – gerade so, als hätten sie Gefühle.

Das Spiel läuft episodisch ab und wechselt dabei zwischen drei Protagonisten: Haushaltshilfe Kara, die urplötzlich gegen ihre Programmierung verstößt und ein kleines Mädchen vor häuslicher Gewalt schützt; Altenpflegerdroid Markus, dem sein Schützling immer wieder sagt, er sei mehr als die Summe seiner Teile; Connor, ein Prototoyp, der in Sachen Androidenzwischenfälle ermitteln soll.

Alle drei haben unterschiedliche Wege, die der Spieler durch seine Handlungen bestimmt. Je nach Entscheidung verlaufen die Stories krass unterschiedlich – Protagonisten können sterben, es kann zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Menschen und Maschinen kommen, oder es kann am Ende Hoffung geben. Wie schon die Vorgänger „Beyond Two Souls“, „Heavy Rain“ und „Fahrenheit“ ist auch „Detroit“ eine, stets bis ins Detail durchinszenierte, Aneinanderreihung von Szenen, deren spielerischer Wert gering ist, die aber eine Geschichte erzählen wollen.

Dem steht leider im Weg, dass der Macher, David Cage, kein guter Autor ist. Der Franzose mit dem amerkanischen Künstlernamen hält sich für eine Art Autorenfilmer der Videospiele. Leider hat er kein Händchen für Dialoge, die allermeisten seiner Ideen sind geklaut und gegen Ende driften seine Stories meist in ärgerlichen Unfug ab.

Zumindest war das in den Vorgängerspielen so, in „Detroit“ passt aber alles. Die Figuren handeln nachvollziehbar, die Handlung bleibt spannend und alle Entscheidungen haben ernste Konsequenzen. „Detroit“ bewegt sich zwar auf Terrain, was schon durch Werke wie „Blade Runner“, „AI“, „I, Robot“, „Humans“ und viele andere beackert wurde, gewinnt dem Thema aber noch neue Aspekte ab.

Sicher, David Cage ist völlig schmerzbefreit und wenig subtil bei der Vermittlung seiner Gesellschaftskritik: In diesem Spiel tragen Androiden quasi Judensterne und kommen am Ende ins KZ! Das hätte leicht schiefgehen und respektlos werden können, aber hier funktioniert es. Das unverschämte Spiel auf der emotionalen Klaviatur verfehlt nicht seine Wirkung, am Ende meines ersten Spieldurchgangs habe ich geweint, weil mich das Schicksal der Charaktere so berührt hat. Das kommt auch durch die Technik: Die Grafik ist lebensecht und jenseits des Uncanny Valleys, und das Performance Capturing solch toller Schauspieler wie Lance Henriksen oder Clancy Brown funktioniert perfekt. Wer eine PS4 hat und Telltale-ähnliche Spiele mag, wird mit „Detroit“ sehr glücklich. Wer weniger auf Story und mehr auf Gameplay steht, sollte die Finger davon lassen.


Machen:


Neues Spielzeug:

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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