Impressionen eines Wochenendes (23): Oktoberliebe mit Eule, Strunk, Weserbergland, Engelke & Berben

Mein linkes Auge zuckt. Der Rücken so verspannt, das ich mich kaum rühren kann. Lange Arbeitstage, nachts wirre Träume. Ich wusste gar nicht, dass man eine Knirschschiene kaputtbeißen kann, aber das habe ich gerade geschafft.

Ich muss mal raus. Eigentlich stand jetzt am Wochenende Haus- und Blogarbeit an, aber dann kam der Sommer zurück. Sonne, 14 bis 25 Grad, wer kann da widerstehen. Raus, auf´s Motorrad, an Orte, die mir gut tun.

Nach dem ersten Kaffee runter in die Garage. Die ZZR schläft schon den Winterschlaf, aber die V-Strom steht frisch gewartet und vollgetankt da und ist bereit für einen Ausflug.


Los geht´s nach Einbeck. Hier ist wieder Eulenfest, und der Herbst zeigt sich von seiner bunten Seite. Zumindest hier. In anderen Landstrichen hat die Dürre dieses Jahres dazu geführt, das es dort aussieht wie in Südeuropa: Die Blätter hängen voller vertrocknetem, braunen Laub. Aber nicht hier, hier hatten die Pflanzen genug Saft für Farben.

In Einbeck will man wohl ganz auf Nummer sicher gehen mit diesem Datenschutzkram.Das Fest hat noch nicht richtig begonnen, aber überall stehen schon Bühnen, in Imbisswägen wird Gemüse geschnibbelt, Kinder machen Flohmarkt.

Einbeck liegt in der Mitte von Deutschland, tendiert aber eindeutig gen Norden.

In Einbeck rumzulaufen ist für mich auch immer ein wenig Zeitreise in die 90er Jahre. Manchmal sogar in die Fernsehserien dieser Zeit:

Dabei ist der Ort heute eine tolle Mischung zwischen Tradition und Moderne. Viele Rentner, aber genauso viele junge oder werdende Eltern. Diese gesunde Mischung merkt man.

Was?

Die Wallanlagen sind aus dem Mittelalter, die Wasserbecken aus den 60ern. Daran entlangzuwandeln ist unspektakulär und beruhigend.

Einbeck ist der Ursprung des Bockbiers, aber das wissen hier schon alle, oder?

Am Abend liest mir Heinz Strunk, der Autor von „Fleisch ist mein Gemüse“ aus seinem neuen Buch „Das Teemännchen“ vor. Bitterböse Feel-Bad-Geschichten, die einen richtig runterziehen.

„Ich ich sreib ja immer jetzt ein Buch pro Jahr“, lispelt er in seinem Harburger Dialekt, „ein Jahr was Lustiges, ein Jahr halt sowas. Da müssense jetzt durch“. Nächstes Jahr komm ein Best of seiner Titanic-Kolumne „Intimschatulle“. Außerdem hat er in der Mache: Einen zweiten Fraktusfilm und „Jürgen“ als Serie. Aber ach, „Film und so kost´immer so viel Geld, ach-ach-ach.“

Sehr konnekten konnte ich, als er Leute anpfiff, die im Publikum quatschten. „Hier vorne wird immer kommentiert was ich hier so mache. Ich sach´mal so: Weniger ist mehr, ne.“ Vom Künstlerselbst angepfiffen zu werden, hat die mittelalten Ökotanten dann aber auch nicht vom Quatschen abgehalten. WTF?

Am nächsten Morgen wieder Sonne-Sonne-Sonne, und die Barocca rauscht durch den Solling, quert die Weser, steuert durchs Weserbergland und schneidet dabei auch durch ein Zipfelchen von Nordrhein-Westfalen.

Zukunft und Vergangenheit, vereint in der Gegenwart von Grohnde.

Bad Pyrmont im Herbst ist toll. Hierhin führte mich meine erste Tour mit der Renaissance, im Herbst 2011. Damals war es eisekalt, jetzt sommerlich warm. Die Innenstadt besteht aus einer Baumallee, und hier regnet es Blätter.

Das Kurhaus ist ein erhabener Bau. Von Außen wie von Innen. Draußen protzt es mit einem Säulenrund, innen mit hohen Wandelhallen und hundert Jahre alter, edler Bestuhlung.

Ich lasse mich vor einem Café nieder und lächele die Bedienung an. „Ein Stück Apfelkuchen und ein Kännchen Kaffee bitte“. Ein wenig stolz bin ich darauf, dass ich weiß, dass man gerade in Kurorten in der Außenbestuhlung Kännchen bestellen muss.
„Draußen nur Becher“, sagt die Bedienung und zischt vorbei.

Hinter der Spielbank liegt allen Ernstes ein Palmengarten.

Zurück geht es nach Göttingen.

Talbrücke bei Salzderhelden.

Wieder in der heimischen Garage wird die V-Strom geputzt, entfettet, neu eingeölt, poliert. Glänzend steht sie jetzt da, und ich bin ziemlich zufrieden. Ich habe was mit meinen Händen gemacht und kann ein Ergebnis sehen. So ein Erfolgserlebnis haben wir IT-Fritzen ja nicht allzu oft.

Am Abend dann Iris Berben und Anke Engelke gemeinsam auf der Bühne. Das KANN doch nur gut werden, oder?
Leider nein. Die beiden lesen im Rahmen des Literaturherbstes Texte zum Thema „Komik“. Das ist leider gar nicht komisch, denn Dante Alighierie und Voltaire waren schon vor 750 Jahren nicht lustig und sind heute nur schwer zu verstehen. Ein um den anderen unkomischen Text tragen die beiden routiniert, aber zum Einschlafen langweilig vor. Die modernsten Werke sind noch von Gernhard & Co, und das ist piefiger 60er-Jahre-Humor aus einer Zeit, in der Geräusche von Wurstzutzelei lustig waren und die Neue Fraknfurter Schule darüber „Dramolette“ oder „Spottgedichte“ verfasste. Kann ich nichts mit anfangen, genau wie mit dem ganzen Abend. Selten war ich von einer Lesung so genervt, und wäre es nicht unhöflich gewesen, ich hätte den Saal vorher verlassen.

Egal, das Wochenende war trotzdem toll. Das letzte Herbstwochenende, jetzt geht´s auf Weihnachten zu.

7 Gedanken zu “Impressionen eines Wochenendes (23): Oktoberliebe mit Eule, Strunk, Weserbergland, Engelke & Berben

  1. @Silencer……das letzte Herbstwochenende. EINES der letzten für dieses Jahr oder möchtest du der Barocca das – auch kommendes WE herrliches Fahrwetter – vorenthalten?
    Leider kann ich mit solchen Lesungen und Vorträgen wenig anfangen interessehalber. Kognitiv zu rational bis hin zu Typ geistigem Bombenleger. Anselm Grün wäre noch die Type, welche Bereiche bei mir erreicht, die bei mir normal zugedeckt sind.
    Ich kenne die befahrenen Strecken in Teilbereichen per Fahrrad. Wunderschön. In Einbeck bekam ich große Augen wegen der vielen mächtigen und prächtigen (rational/funktional) Hoftore und prächtigem Stadtbild.

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  2. Ich suche noch immer eine Möglichkeit bei Facebook wie ich dem Bilderzwang beim Eulenfest widersprechen kann (und dann auch wieder Postings von mehr als 15 Freunden sehen kann). Achso… Hier ist ja gar nicht Facebook. 😉

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