Reisetagebuch Motorradtour (2): Die geheime Festung

Silencer ist mit der Barocca auf Sommertour. Heute gehtÂŽs tief in die Berge, eine Wurst geht auf den Sack und wir erfahren den wahren Grund fĂŒr die V-Strom.
Samstag, 16. Juni 2018, Gotthard-Pass, Schweiz
“Prooobleeeeme?”, sagt eine Stimme mit einem einem langsamen, schweizer Einschlag. Diesem Einschlag, der das “R” rollt und jeden Digraph (das ch, den reibungslosen Stimmlaut im Hochdeutschen) in krĂ€chzige Hustlaute verwandelt. Ich blicke unter der V-Strom hoch. Ăber mir steht ein groĂer Mann mittleren Alters. Unter einem grauen Stoppelhaarschnitt gucken zwei Augen hervor, deren Lider auf Halbmast gezogen sind. Der Mann spricht nicht nur wie in Zeitlupe, er guckt auch ein wenig wie ein Rindvieh. Er trĂ€gt eine neongelbe Warnweste, in deren Brustfenster eine Pappkarte mit dem Logo des Motorradherstellers Triumph gesteckt.
Ohne den Blick von mir abzuwenden, beiĂt der Mann in eine fette Bratwurst, Seine Kiefer beginnen mit Mahlbewegungen, die aussehen, als wollte er die Wurst wiederkĂ€uen. Bratwurst zum FrĂŒhstĂŒck, interessante Wahl.
“Nee”, sag ich. “Keine Probleme”. Dann wende ich mich wieder der V-Strom zu, ziehe die letzte Schraube fest und gehe zur anderen Seite hinĂŒber. Sofort steht ein kleiner Mann neben dem Motorrad und deutet auf einen Schraubendreher, den ich auf der anderen Seite habe liegen lassen. Aufgeregt hĂŒpft er auf uns ab und deutet auf das Werkzeug. “Aber den nichÂŽvergessen, nĂ€?”. “Nein, den vergesse ich schon nicht. Danke.”, sage ich durch zusammengebissene ZĂ€hne. Der kleine Mann hoppelt mit einem seltsamen HĂŒpfgang davon.
Derweil hat sich das Rindvieh in eine eigene Welt hineingekĂ€ut. In dieser Welt fĂŒhren wir offensichtlich eine Konversation, denn unvermittelt und fĂŒr AuĂenstehende völlig zusammenhanglos bricht es aus ihm hervor “Du, wenn du KĂ€se magst, empfehle ich Dir das MuggschĂ€.”
Ich blicke in irritiert an und sage “Danke”.
Was ist nur mit den Moppedfahrern los, dass die sich immer in Gruppen zusammeklumpen mĂŒssen? Ich meine, es ist ja schön, wenn Gleichgesinnte sich zuammenfinden und gerne Touren gemeinsam machen, aber diese spontane Rudelbildung ist es, die mir missfĂ€llt. Ich will nicht bei jedem Halt von fremden Leuten angequatscht werden, nur, weil wir zufĂ€llig beide benzingetriebene und zweirĂ€drige Fahrzeuge dabei haben. Das reicht nicht fĂŒr eine tiefere Verbindung. Zumal meine Vorstellung vom Moppedfahren eh eine andere ist als die der meisten anderen.
Habe ich heute morgen erst wieder gemerkt, als ich vom BrĂŒnigpass aufgebrochen bin. Dort hatte ich mich in aller FrĂŒhe von Gaby verabschiedet, um vor allen anderen – so dachte ich – auf der StraĂe zu sein.
Die Barocca hatte die Nacht, in der es ordentlich gestĂŒrmt hatte, gut hinter dem Gasthaus verbracht.
Der BrĂŒnigpass liegt zwar nur auf 1.000 Meter Höhe, aber 9 Grad war es nicht gerade warm (vom Motorradthermometer muss man immer 4 Grad abziehen).
Spielte aber keine Rolle, denn kalt war mir keinen Moment – die Sonne schien schon aus allen Knopflöchern. Sie blendete geradezu vom Himmel herab, im wahrsten Sinne des Wortes: Gegen die Sonne zu fahren, das kam an diesem Morgen an einigen Stellen einem Blindflug gleich. Trotz Sonnenschild im Helm.
Das Ă€nderte aber nichts an der grandiosen Kulisse. Ich mag ja Berge, und diese hier, mitten in der Schweiz, sind besonders schön. Das Fahren ist einfach herrlich. KĂŒhle Luft, beste StraĂen, felsige AbgrĂŒnde, grĂŒnes Wiesen. Ich kam mir vor wie im MĂ€rchenland.
Nur das mit dem “frĂŒh losfahren, um vor allen anderen unterwegs zu sein”, klappte nur so mittel. Zwar sah ich vor Gasthöfen vereinzelt verschlafene Gruppen von Motorradfahrern vor dem ersten Kaffee sitzen. Dennoch war schon eine erhebliche Anzahl von MotorrĂ€dern auf den BergstraĂen unterwegs, und auch das ein oder andere, von Senioren möglichst vorsichtig gelenkte, SUV.
WĂ€hrend die dicken PseudogelĂ€ndewagen von ihren oktogenarischen Fahrern möglichst langsam um jede Kure getragen wurden, bretterten sich die Motorradfahrer echt heiĂe Reifen zusammen. Auf lesitungsstarken Sportmaschinen versuchten einige wohl neue Rekorde aufzustellen. Ich dagegen dödelte zĂŒgig, aber ohne ein Risiko einzugehen durch die Landschaft.
Der Morgen war viel zu schön, um auf der letzten Rille zu heizen und nur die StraĂe im Blick zu haben. Es war kĂŒhl, um die acht Grad, aber ich war dennoch froh, nicht auf einen Kollegen gehört und das Membraninnenfutter der Hose zu Hause gelassen zu haben. Die MerinounterwĂ€sche und darĂŒber der Fahreranzug reichten vollkommen aus.
Nach einer Stunde kam ich in Höhen, in denen links und rechts der StraĂe Schneefelder waren, und WasserfĂ€lle aus Schmelzwasser von hohen Felsen in das weiter darunter liegende Tal sprudelten.
Das war der Sustenpass, auf 2.260 Metern Höhe. Keine SUVs mehr hier oben, nur noch Motorradfahrer und der ein oder andere Sportwagen.
Von dort aus ging es weiter, erst nach Osten, dann nach SĂŒden, immer ĂŒber perfekt ausgebaute, breite BergstraĂen.
Gegen 10 Uhr erreichte ich den Gotthardpass. 2.091 Meter ist der hoch und benannt nach Gotehard von Hildesheim, einem Kaff bei mir um die Ecke. Hier oben gab es mehrere Seen. Um die herum standen GebÀude gebaut. Ein altes Wirsthaus, eine MilitÀrkaserne, aber auch neue Bauten mit einem Restaurant, einem Museum und AndenkengeschÀften.
Auf den angrenzenden ParkplĂ€tzen standen weitere Buden mit Andenkenkrimskrams, und von bereits laufenden Grills werden gebratene WĂŒrste und FleischstĂŒcke verkauft. Der Gotthardpass scheint ein beliebtes Ausflusgziel zu sein, und der Parkplatz fĂŒllte sich schnell mit Wohnmobilen, SUVs und MotorrĂ€dern. Ein Harleyfahrer machte sich besonders beliebt, weil er die ganze Umgebung mit Musik aus seiner Soundanlage beschallt. Was stimmt nicht mit diesen Leuten, dass sie durch DIESE Landschaft fahren und sie so akustisch verunreinigen mĂŒssen?
Ich parkte die Barocca direkt vor dem Passschild.
Ein Blick auf die Uhr. Ich hatte noch Zeit, also begann ich schon mal die zusĂ€tzlichen Kamerahalterungen fĂŒr die Abfahrt anzubauen. Dann hatte ich plötzlich die brĂ€sige Triumphwurst an der Backe. Und hier sind wir jetzt, der WurstwiederkĂ€uer und ich.
Möglichst unfreundlich sage ich: “Und. Ist die Wurst lecker.” Er blickt auf die Wurst in seiner Hand, als er ob die nun zum ersten Mal bemerkt. Dann sieht er mich an und sagt “Ja, odr.”
“Oder was?” schnappe ich zurĂŒck. Ich weiĂ schon, dass das schweizerische “Oder” eine Art gesprochenes Ausrufezeichen ist, aber wenn er sich schon mit mir auf das Glatteis des Hochdeutschen begibt, bohre ich ein paar Löcher um ihn rum und hoffe, dass die Decke nicht trĂ€gt. “Die Wurst schmeckt. Ob lecker weiĂ ich nicht”, sagt er ohne eine Gesichtsregung und verwirrt nun wiederum mich damit. Er beiĂt noch einmal in die Wurst. Fett spritzt.
Ich klappe das Topcase zu und sage in einer möglichst gefĂŒhlskalten Ton (einer Imitation einer Ex-Freundin) “Na sowas.” Dann fĂ€llt mir ein, dass ich doch was von dem hilfsbereiten Wurstesser haben wollen könnte. “Zur Tremola, da oder da lang?, frage ich und deute auf zwei kleine StraĂen, die in unterschiedlichen Winkeln vom Gotthard wegfĂŒhren. Der Wurstesser kaut, folgt trĂ€ge meinem Zeigefinger und sagt dann langsam. “Daaaa lang, zwischen den HĂ€usern. Ich fahr da auch gleich lang. WennÂŽde dann drunten ankommst, gebe ich Dir einen Tipp.”
Er guckt, als wĂŒrde er mir gleich verraten, wo das Bernsteinzimmer versteckt ist. “FĂ€hrst unten nicht links lang, sondern rechts am Talrand lang, bis zum Latschenwirt, dann fĂ€hrste links… nein, warte, rechts, aber dann die nĂ€chste links, und dann…” “DANKE!”, rufe ich fröhlich, “Hast mir sehr geholfen, gute Fahrt noch, oder!!”
Dann drehe mich um und stapfe davon, bevor der Triumphfahrer auf die Idee kommt, mit mir zusammen fahren zu wollen.
Die Anlagen auf dem Gotthardpass. Bild: Google Maps.Ich marschiere auf den hinteren der beiden Seen zu, die es hier oben gibt. Es ist Mitte Juni, aber auf dem Wasser treiben noch Eisschollen herum.
Dann drehe ich ab und laufe auf die Bergwand zu. Erst auf die letzten Hundert Meter ist zu erkennen, dass in der eine StahltĂŒr eingelassen ist. Ich gehe hindurch und befinde mich in einem elendig langen Gang, der in den Berg fĂŒhrt.
Zweihundert Meter ist der elektrisch beleuchtete Gang lang, dann wird er noch einmal schmaler. Vor der VerjĂŒngung steht eine ScheefrĂ€se aus den 70ern, die wurde wohl benutzt um den Weg zum Berg frei zu halten.
Hinter der FrĂ€se geht der Gang noch 150 Meter weiter, aber das fĂŒhlt sich viel lĂ€nger an, weil es enger und dunkler ist.

Ich komme an einem Schild vorbei.
Der Gang endet an einer GlastĂŒr, die leicht beschlagen ist. Dahinter ist es anscheinend wĂ€rmer als im Gang. Als ich durch die TĂŒr trete, stehe ich plötzlich in einer hell erleuchteten und modern eingerichteten CafĂ©teria. Eine freundlich lĂ€chelnde Dame empfĂ€ngt mich.
Sie erklĂ€rt mir, dass meine FĂŒhrung erst in einer Dreiviertelstunde beginnt, ich so lange aber die Themenwelten bestaunen könnte. Und ich solle vor Beginn der FĂŒhrung aufÂŽs Klo gehen. Ja, Mama.
Die Themenwelten, das sind drei RĂ€ume im Berg, in der verschiedene Dinge gezeigt werden. Einmal, was geschehen wĂŒrden, wenn in der Schweiz der Strom ausfiele. In einem Raum mit groĂen Dieselgeneratoren zĂ€hlt ein 9 Minuten langer Film zĂ€hlt nahzu alle Einzelheiten auf, die sich auch in Marc Elsbergs fantastischem Buch “Black Out” finden. Jetzt weiĂ ich, woher er die Idee dafĂŒr hatte.

Wasserkraftwerke in den Bergen.
Das Innere eines alten Dieseltanks.In einem anderen Raum sind groĂe Kristalle ausgestellt, die hier in der NĂ€he gefunden wurden.
Wenige Schritte weiter gibt es eine “Wunderkammer” zu bestaunen. Das war in der Renaissance der Begriff fĂŒr Zimmer, in denen Reiche Leute allen ungewöhnlichen Tand ausstellten. So auch hier, neben Bergkristallkreuzen finden sich solche Seltsamkeiten wie ausgestopfte Wiesel.
Ein weiterer Raum ist der Geschichte dieses Bauwerks gewidmet. Ich befinde mich hier nĂ€mlich im Eingangsbereich einer Festung. Der Berggipfel ĂŒber dem Gotthardpass ist durchzogen von kĂŒnstlich angelegten RĂ€umen und GĂ€ngen.
Dann ertönt ein Gong, das ist das Zeichen, dass es jetzt los geht. Ich begebe mich zu zurĂŒck zu dem Vorraum mit der GlastĂŒr und treffe dort Regine, die gleich auf Dialekt losquatscht. Und zwar auf einem, den nicht mal anwesende Schweizer wirklich verstehen. Keine Ahnung, wie man auf die Idee kommt, damit eine FĂŒhrung zu beginnen, aber nach einem kurzen Hinweis, dass ich das nicht gut verstehe, wechselt sie zu hochdeutsch.
Die nĂ€chsten eineinhalb Stunden fĂŒhrt und Reginedurch den Berg. Es geht mit einer kleinen Kabelbahn hoch hinauf in die Bergspitze. Rund 480 Stufen seien das, oder 80 Höhenmeter, so viel wie ein 25 stöckiges GebĂ€ude, sagt Regine.
Wir können heute mit der Bahn fahren, aber die frĂŒheren Bewohner des Berges mussten hier immer hoch- und runterlaufen. Die frĂŒheren Bewohner, das waren Soldaten, denn ich befinde mich im Inneren einer Bergfestung.
Nach dem ersten Weltkrieg war sich die Schweiz ganz sicher, das so ein furchtbarer Krieg nie wieder passiern könnte. Also wurde das MilitĂ€r abgebaut und die Waffenindustrie runtergefahren. Dann passierte der Ăberall Deutschlands auf Polen, und die Schweizer wurden nervös. Sie machten VertrĂ€ge mit Frankreich, dass damals das gröĂte und modernste Heer Europas hatte.
Aber dann verschwand Frankreich praktisch ĂŒber Nacht von der Landkarte. Jetzt brach Panik unter den Eidgenossen aus, denn nun waren Sie von drei Seiten von Hitlerdeutschland eingekesselt, und im SĂŒden baute das mit Deutschland verbĂŒndete Italien groĂe BrĂŒckenköpfe bis an das Airolotal unterhalb des Gotthards. Geradezu Provokant liess Mussolini in Sichtweite zwei Eisenbahnwagen auf Betonstelzen aufstellen. Angeblich, um den Tourismus zu fördern – aber das Signal war klar: Guckt, wir können sogar Eisenbahnwagen hier her transportieren, da sind Angriffstruppen auch kein Problem.
Die Schweizer wĂ€hlten eine General, der als oberster MilitĂ€rfĂŒhrer die Landesverteidigung organisieren sollte. General Henri Guisan fĂŒhrt dann die Reduit-Strategie fort, die man vor seiner Zeit begonnen hatte. Die ging so: Der Zentralalpenraum sollte mit versteckten Festungen gespickt werden. Die sollten im Falle eines Angriffs die wichtigsten Fernverkehrsadern zerstören und dann PĂ€sse, Wege und TĂ€ler im Auge behalten und bei Bedarf unter Beschuss nehmen. Auch, wenn das Flachland der Schweiz fallen wĂŒrde, die Berge sollte der Feind nicht bekommen.
Interessanterweise verfolgte Hitler fĂŒr sich eine Ă€hnliche Strategie, er versteckte sich auch in einer gut zu verteidigen Alpenfestung im AllgĂ€u. Dort heckte er unter anderem gemeinsam mit Mussolini PlĂ€ne aus, wie sie die Schweiz spĂ€ter auteilen wollten. Dazu kam es dann aber nicht mehr, die Faschistenregimes konnten nicht mehr so viel Ressourcen aufbringen, um die Schweiz zu erobern.
Die Festungen, von denen es wohl 20.000 gibt und von denen viele heute noch geheim sind, haben den Ernstfall also nie erlebt. Sie blieben aber wÀhrend des kalten Krieges in Bereitschaft, und erst in Mitte der 90er und Anfang der 2000er Jahre wurde etliche der Festungen aufgelöst.
So stehe ich heute hier und bestaune Die UnterkĂŒnfte der Soldaten, die beiden groĂen Kanonen und einen Maschinengewehrstand.
Im Feuerleitstand wurden die beiden groĂen Kanonen ausgerichtet, anhand von Berichten von SpĂ€hern.
Ein weiterer langer Gang und einige Treppen fĂŒhren zu einer der beiden groĂen Kanonen.
So sieht der Blick in ein Kanonenrohr aus, das von hinten beleuchtet ist. James Bond, anyone?
Im Berg ist es kalt und klamm. Knappe 6 Grad bei 75 Prozent Luftfeuchtigkeit. WĂ€sche kann man hier nicht waschen, die wird nie wieder trocken. Deshalb liess das Schweizer MilitĂ€r Klopfmaschinen entwickeln, die Schuppen und Dreck aus den BetttĂŒchern und Uniformen herausklopften.
Auch sonst gibt es interessante Exponate zu sehen, die mehrere Jahrzehnte des Alltages von Soldaten wiederspiegeln.
Vom Berg aus hat man, natĂŒrlich, eine tolle Aussicht. Vor dem Berg sind Luftabwehrstellungen im Boden verborgen.
Die FĂŒhrung ist vorbei. Ich kehre zurĂŒck zur V-Strom und mache die Maschine startklar. Zum GlĂŒck ist von dem Wurstkauer nichts mehr zu sehen. Ich bin ein wenig aufgeregt, als ich die Kameras in die Halterungen hĂ€nge und ein letztes Mal die Koffer auf festen Sitz prĂŒfe. Jetzt geht es auf die StraĂe, wegen der ich die Barocca ĂŒberhaupt gekauft habe. Im Ernst, im Januar 2017 habe ich Bilder einer total gewundenen BergstraĂe im Internet gesehen und gedacht: Die wĂŒrde ich gerne fahren. Diese StraĂe, das war die Tremola, die alte Passstrasse vom italienischen Airolo hinauf zum Gotthard. Das Problem dabeix: Die StraĂe ist aus Kopfsteinpflaster. Die ZZR mit ihrem Sportfahrwerk hĂ€tte es darauf zerschĂŒttelt, aber die V-Strom ist fĂŒr sowas gemacht. Und nun werde ich sie fahren, die Tremola! HierfĂŒr habe ich die Barocca gekauft!
Vorsichtig fĂ€dele ich aus meinem Parkplatz am Seeufer und mische mich zwischen die, inzwischen zahlreich herumkurvenden Autos. Hinter dem alten MilitĂ€rgebĂ€ude ziehe ich die V-Strom auf die ersten Meter Kopfsteinpflaster. Das hier ist sie, die Tremola! Leider ist das erst einmal frustrierend, weil ich hinter einem Auto hĂ€nge, deren Fahrer die Bergwelt bestaunt und gleichzeitig mit dem Handy hantiert und so langsam fĂ€hrt, dass mein Motorrad fast umfĂ€llt. Ich gebe Gas und ĂŒberhole ihn, und dann…
…liegt sie vor mir, in all ihrer kurvigen Pracht.
Leider muss ich mich zu sehr konzentrieren um die Landschaft angemessen bestaunen zu können, und einige der Kurven sind auch nicht schön, sondern Pain in the Ass.
Leicht verschĂ€mt merke ich, das ich fahre wie eine Karre Mist, um manche Kurven trage ich die V-Strom förmlich herum. Aber je mehr Kurven kommen, desto leichter fĂ€llt mir das Steuern durch die Kehren. Das Kopfsteinpflaster ist wirklich eine Herausforderung. Ich habe noch nie gesehen, dass das Garmin auf seiner Halterung auf und abwippt, aber das tut es jetzt. Gut, dass das ganze VergnĂŒgen keine 10 Minuten dauert – etwas lĂ€nger, und vermutlich wĂŒrden erste Teile vom Motorrad abfallen.
Die Tremola!So komme ich aber wohlbehalten im Tal an. Ich ĂŒberhole noch eine alten 80er-Jahre-Ferrari, der langsam vor sich hintuckelt und dabei ölschwangere Wolken hinter sich herzieht.
Im Video ist die Fahrt ĂŒber den Sustenpass und die Tremola zusammengefasst. Den Ferrari gibt es ab 2:14.
Mitten im Tal dominieren riesige Autobahnbauten das Bild. Die Auf-und Ausfahrten sind elegant geschwungen, wirken aber trotzdem wie Alien-Fremdkörper im GrĂŒn der Landschaft. Ich fĂ€dele auf die A1 ein. Geht nicht anders, ich muss jetzt schnell Strecke machen. Es ist bereits 13 Uhr, und in Annas Display tickert schon wieder die Zeit runter. Noch 600 Kilometer habe ich jetzt vor mir, die muss ich in 6,5 Stunden schaffen, um pĂŒnktlich zu sein.
Das die Routenplanung des Garmin dabei einen fetten Aussetzer hat, merke ich allerdings erst, als ich schon einige Kilometer in die verkehrte Richtung unterwegs bin und mich im Stau der Schweizer Touristen auf den Lago Maggiore zuquÀle. Das kann hier nicht richtig sein.
Ich löse die Routenplanung auf und ĂŒbergebe Anna das Kommando, die eine direkte Punkt-zu-Punkt-Route rechnen soll. TatsĂ€chlich findet sie eine ganz andere Verbindung als schnellste Route als die Routenplanungsfunktion, dafĂŒr muss ich aber einige Kilometer zurĂŒck und dann ĂŒber die Berge.
Dann geht es auf die Autobahn Richtung Mailand, um die GroĂstadt herum und Richtung Turin, um dann auf Höhe von Parma nach La Spezia abzuknicken.
Es geht durch die apuanischen Alpen, und die Autobahn hier ist leer und schön kurvig geschwungen.
Ich mag das, bin aber auch froh, als ich aus den Bergen mit ihren vielen Tempolimits raus bin. Ich tanke noch mal und bin zum wiederholten Male froh, das die Barocca mit ihrem riesigen Tank eine Reichweite von mindestens 450 Kilometer hat. Wenn ich nicht rase, sogar 550 Kilometer.
Dann geht es weiter, die KĂŒste Liguriens hinab. Als ich an Livorno vorbeikomme, stoĂe ich einen kleinen Jubelschrei aus. Noch 60 Kilometer, so lange werden meine mittlerweile leicht verspannten Schultern noch aushalten.
Um kurz vor Acht komme ich dann auf I Papaveri, dem Anwesen von Licio und Franca sĂŒdlich von San Vincenzo.
Dort werde ich den beiden Ă€lteren Herrschaften aufs Herzlichste begrĂŒĂt. “Wie geht es Euch!” rufe ich und Franca antwortet, in dem sie die Mundwinkel weit runterzieht und dösig guckt “Wie soll es uns gehen, wir sind alte Leute. Guck, ich sehe bald aus wie Merkel-e”, sagt sie. Dann reiĂt sie die Augen wieder auf und bricht in GelĂ€chter aus.
Dieses Mal habe ich La Conchiglia auf dem Anwesen, das ist das kleinere der beiden Appartements, das im ersten Stock liegt. Ich mag das gerne. Zwar liegt das Schlafzimmer zu StraĂe hinaus, der Schnitt ist nicht so schön wie La Principessa im Erdgeschoss und die Terrasse hat kein Dach, aber von hier aus kann ich beim Duschen ĂŒber Weizenfelder sehen und vom Wohnzimmer aus auf das Meer, in dessen Ferne heute Elba, Carpaia und sogar Korsika zu sehen sind. FĂŒhlt sich an wie nach Hause kommen.
ZurĂŒck zu Teil 1: Das Vitra, der Muger und die Gaby
ZurĂŒck zu Prolog: Nur in meinem Kopf
Trailer
Weiter zu Teil 3: Interludium




























































































9Â Kommentare zu âReisetagebuch Motorradtour (2): Die geheime Festungâ
Schöner Bericht, danke!
Lupo
Die Welt ist schön. Danke.
Etwas ungewöhnlich, mal einen Reisebericht teilweise in der Vergangenheitsform zu lesen đ
“Protestanten”? Ich dachte die KultgerĂ€te wĂ€ren fĂŒr “Reformierte”? So wurde ich jedenfalls damals als AuslĂ€nder in der Schweiz eingeteilt. đ
Lupo & Zwerch: Merci!
Modnerd: Konnte dem Einstieg mit der Wurst nicht wiederstehen đ
X_Fish: “Reformierte” klingt auch viel schweizerischer, odr!
Sehr schön dein Bericht!
Habe zwar auch ein Radio an der Harley, mĂŒsste aber echt nachschauen ob das noch funktioniert und quĂ€le damit garantiert nicht meine Umwelt. đ
*gerne gelesen // IMHO: Das HelmSelfie sollte so etwas wie das Icon der Serie werden.
RĂŒdiger: nein, das will niemand!!
Apropos geheime Festung, ich war ja dieses Jahr auch in einer dieser Festungen. Das ist schon alles sehr spannend und auch erdrĂŒckend.