Reisetagebuch Motorradtour (2): Die geheime Festung

Silencer ist mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute geht´s tief in die Berge, eine Wurst geht auf den Sack und wir erfahren den wahren Grund für die V-Strom.

Samstag, 16. Juni 2018, Gotthard-Pass, Schweiz
„Prooobleeeeme?“, sagt eine Stimme mit einem einem langsamen, schweizer Einschlag. Diesem Einschlag, der das „R“ rollt und jeden Digraph (das ch, den reibungslosen Stimmlaut im Hochdeutschen) in krächzige Hustlaute verwandelt. Ich blicke unter der V-Strom hoch. Über mir steht ein großer Mann mittleren Alters. Unter einem grauen Stoppelhaarschnitt gucken zwei Augen hervor, deren Lider auf Halbmast gezogen sind. Der Mann spricht nicht nur wie in Zeitlupe, er guckt auch ein wenig wie ein Rindvieh. Er trägt eine neongelbe Warnweste, in deren Brustfenster eine Pappkarte mit dem Logo des Motorradherstellers Triumph gesteckt.

Ohne den Blick von mir abzuwenden, beißt der Mann in eine fette Bratwurst, Seine Kiefer beginnen mit Mahlbewegungen, die aussehen, als wollte er die Wurst wiederkäuen. Bratwurst zum Frühstück, interessante Wahl.

„Nee“, sag ich. „Keine Probleme“. Dann wende ich mich wieder der V-Strom zu, ziehe die letzte Schraube fest und gehe zur anderen Seite hinüber. Sofort steht ein kleiner Mann neben dem Motorrad und deutet auf einen Schraubendreher, den ich auf der anderen Seite habe liegen lassen. Aufgeregt hüpft er auf uns ab und deutet auf das Werkzeug. „Aber den nich´vergessen, nä?“. „Nein, den vergesse ich schon nicht. Danke.“, sage ich durch zusammengebissene Zähne. Der kleine Mann hoppelt mit einem seltsamen Hüpfgang davon.

Derweil hat sich das Rindvieh in eine eigene Welt hineingekäut. In dieser Welt führen wir offensichtlich eine Konversation, denn unvermittelt und für Außenstehende völlig zusammenhanglos bricht es aus ihm hervor „Du, wenn du Käse magst, empfehle ich Dir das Muggschä.“

Ich blicke in irritiert an und sage „Danke“.

Was ist nur mit den Moppedfahrern los, dass die sich immer in Gruppen zusammeklumpen müssen? Ich meine, es ist ja schön, wenn Gleichgesinnte sich zuammenfinden und gerne Touren gemeinsam machen, aber diese spontane Rudelbildung ist es, die mir missfällt. Ich will nicht bei jedem Halt von fremden Leuten angequatscht werden, nur, weil wir zufällig beide benzingetriebene und zweirädrige Fahrzeuge dabei haben. Das reicht nicht für eine tiefere Verbindung. Zumal meine Vorstellung vom Moppedfahren eh eine andere ist als die der meisten anderen.

Habe ich heute morgen erst wieder gemerkt, als ich vom Brünigpass aufgebrochen bin. Dort hatte ich mich in aller Frühe von Gaby verabschiedet, um vor allen anderen – so dachte ich – auf der Straße zu sein.

Die Barocca hatte die Nacht, in der es ordentlich gestürmt hatte, gut hinter dem Gasthaus verbracht.

Der Brünigpass liegt zwar nur auf 1.000 Meter Höhe, aber 9 Grad war es nicht gerade warm (vom Motorradthermometer muss man immer 4 Grad abziehen).

Spielte aber keine Rolle, denn kalt war mir keinen Moment – die Sonne schien schon aus allen Knopflöchern. Sie blendete geradezu vom Himmel herab, im wahrsten Sinne des Wortes: Gegen die Sonne zu fahren, das kam an diesem Morgen an einigen Stellen einem Blindflug gleich. Trotz Sonnenschild im Helm.


Das änderte aber nichts an der grandiosen Kulisse. Ich mag ja Berge, und diese hier, mitten in der Schweiz, sind besonders schön. Das Fahren ist einfach herrlich. Kühle Luft, beste Straßen, felsige Abgründe, grünes Wiesen. Ich kam mir vor wie im Märchenland.

Nur das mit dem „früh losfahren, um vor allen anderen unterwegs zu sein“, klappte nur so mittel. Zwar sah ich vor Gasthöfen vereinzelt verschlafene Gruppen von Motorradfahrern vor dem ersten Kaffee sitzen. Dennoch war schon eine erhebliche Anzahl von Motorrädern auf den Bergstraßen unterwegs, und auch das ein oder andere, von Senioren möglichst vorsichtig gelenkte, SUV.

Während die dicken Pseudogeländewagen von ihren oktogenarischen Fahrern möglichst langsam um jede Kure getragen wurden, bretterten sich die Motorradfahrer echt heiße Reifen zusammen. Auf lesitungsstarken Sportmaschinen versuchten einige wohl neue Rekorde aufzustellen. Ich dagegen dödelte zügig, aber ohne ein Risiko einzugehen durch die Landschaft.

Der Morgen war viel zu schön, um auf der letzten Rille zu heizen und nur die Straße im Blick zu haben. Es war kühl, um die acht Grad, aber ich war dennoch froh, nicht auf einen Kollegen gehört und das Membraninnenfutter der Hose zu Hause gelassen zu haben. Die Merinounterwäsche und darüber der Fahreranzug reichten vollkommen aus.

Nach einer Stunde kam ich in Höhen, in denen links und rechts der Straße Schneefelder waren, und Wasserfälle aus Schmelzwasser von hohen Felsen in das weiter darunter liegende Tal sprudelten.

Das war der Sustenpass, auf 2.260 Metern Höhe. Keine SUVs mehr hier oben, nur noch Motorradfahrer und der ein oder andere Sportwagen.

Von dort aus ging es weiter, erst nach Osten, dann nach Süden, immer über perfekt ausgebaute, breite Bergstraßen.

Gegen 10 Uhr erreichte ich den Gotthardpass. 2.091 Meter ist der hoch und benannt nach Gotehard von Hildesheim, einem Kaff bei mir um die Ecke. Hier oben gab es mehrere Seen. Um die herum standen Gebäude gebaut. Ein altes Wirsthaus, eine Militärkaserne, aber auch neue Bauten mit einem Restaurant, einem Museum und Andenkengeschäften.

Auf den angrenzenden Parkplätzen standen weitere Buden mit Andenkenkrimskrams, und von bereits laufenden Grills werden gebratene Würste und Fleischstücke verkauft. Der Gotthardpass scheint ein beliebtes Ausflusgziel zu sein, und der Parkplatz füllte sich schnell mit Wohnmobilen, SUVs und Motorrädern. Ein Harleyfahrer machte sich besonders beliebt, weil er die ganze Umgebung mit Musik aus seiner Soundanlage beschallt. Was stimmt nicht mit diesen Leuten, dass sie durch DIESE Landschaft fahren und sie so akustisch verunreinigen müssen?

Ich parkte die Barocca direkt vor dem Passschild.

Ein Blick auf die Uhr. Ich hatte noch Zeit, also begann ich schon mal die zusätzlichen Kamerahalterungen für die Abfahrt anzubauen. Dann hatte ich plötzlich die bräsige Triumphwurst an der Backe. Und hier sind wir jetzt, der Wurstwiederkäuer und ich.

Möglichst unfreundlich sage ich: „Und. Ist die Wurst lecker.“ Er blickt auf die Wurst in seiner Hand, als er ob die nun zum ersten Mal bemerkt. Dann sieht er mich an und sagt „Ja, odr.“

„Oder was?“ schnappe ich zurück. Ich weiß schon, dass das schweizerische „Oder“ eine Art gesprochenes Ausrufezeichen ist, aber wenn er sich schon mit mir auf das Glatteis des Hochdeutschen begibt, bohre ich ein paar Löcher um ihn rum und hoffe, dass die Decke nicht trägt. „Die Wurst schmeckt. Ob lecker weiß ich nicht“, sagt er ohne eine Gesichtsregung und verwirrt nun wiederum mich damit. Er beißt noch einmal in die Wurst. Fett spritzt.

Ich klappe das Topcase zu und sage in einer möglichst gefühlskalten Ton (einer Imitation einer Ex-Freundin) „Na sowas.“ Dann fällt mir ein, dass ich doch was von dem hilfsbereiten Wurstesser haben wollen könnte. „Zur Tremola, da oder da lang?, frage ich und deute auf zwei kleine Straßen, die in unterschiedlichen Winkeln vom Gotthard wegführen. Der Wurstesser kaut, folgt träge meinem Zeigefinger und sagt dann langsam. „Daaaa lang, zwischen den Häusern. Ich fahr da auch gleich lang. Wenn´de dann drunten ankommst, gebe ich Dir einen Tipp.“

Er guckt, als würde er mir gleich verraten, wo das Bernsteinzimmer versteckt ist. „Fährst unten nicht links lang, sondern rechts am Talrand lang, bis zum Latschenwirt, dann fährste links… nein, warte, rechts, aber dann die nächste links, und dann…“ „DANKE!“, rufe ich fröhlich, „Hast mir sehr geholfen, gute Fahrt noch, oder!!“

Dann drehe mich um und stapfe davon, bevor der Triumphfahrer auf die Idee kommt, mit mir zusammen fahren zu wollen.

Die Anlagen auf dem Gotthardpass. Bild: Google Maps.

Ich marschiere auf den hinteren der beiden Seen zu, die es hier oben gibt. Es ist Mitte Juni, aber auf dem Wasser treiben noch Eisschollen herum.

Dann drehe ich ab und laufe auf die Bergwand zu. Erst auf die letzten Hundert Meter ist zu erkennen, dass in der eine Stahltür eingelassen ist. Ich gehe hindurch und befinde mich in einem elendig langen Gang, der in den Berg führt.

Zweihundert Meter ist der elektrisch beleuchtete Gang lang, dann wird er noch einmal schmaler. Vor der Verjüngung steht eine Scheefräse aus den 70ern, die wurde wohl benutzt um den Weg zum Berg frei zu halten.

Hinter der Fräse geht der Gang noch 150 Meter weiter, aber das fühlt sich viel länger an, weil es enger und dunkler ist.


Ich komme an einem Schild vorbei.

Der Gang endet an einer Glastür, die leicht beschlagen ist. Dahinter ist es anscheinend wärmer als im Gang. Als ich durch die Tür trete, stehe ich plötzlich in einer hell erleuchteten und modern eingerichteten Caféteria. Eine freundlich lächelnde Dame empfängt mich.

Sie erklärt mir, dass meine Führung erst in einer Dreiviertelstunde beginnt, ich so lange aber die Themenwelten bestaunen könnte. Und ich solle vor Beginn der Führung auf´s Klo gehen. Ja, Mama.

Die Themenwelten, das sind drei Räume im Berg, in der verschiedene Dinge gezeigt werden. Einmal, was geschehen würden, wenn in der Schweiz der Strom ausfiele. In einem Raum mit großen Dieselgeneratoren zählt ein 9 Minuten langer Film zählt nahzu alle Einzelheiten auf, die sich auch in Marc Elsbergs fantastischem Buch „Black Out“ finden. Jetzt weiß ich, woher er die Idee dafür hatte.

Wasserkraftwerke in den Bergen.
Das Innere eines alten Dieseltanks.

In einem anderen Raum sind große Kristalle ausgestellt, die hier in der Nähe gefunden wurden.

Wenige Schritte weiter gibt es eine „Wunderkammer“ zu bestaunen. Das war in der Renaissance der Begriff für Zimmer, in denen Reiche Leute allen ungewöhnlichen Tand ausstellten. So auch hier, neben Bergkristallkreuzen finden sich solche Seltsamkeiten wie ausgestopfte Wiesel.

Ein weiterer Raum ist der Geschichte dieses Bauwerks gewidmet. Ich befinde mich hier nämlich im Eingangsbereich einer Festung. Der Berggipfel über dem Gotthardpass ist durchzogen von künstlich angelegten Räumen und Gängen.

Dann ertönt ein Gong, das ist das Zeichen, dass es jetzt los geht. Ich begebe mich zu zurück zu dem Vorraum mit der Glastür und treffe dort Regine, die gleich auf Dialekt losquatscht. Und zwar auf einem, den nicht mal anwesende Schweizer wirklich verstehen. Keine Ahnung, wie man auf die Idee kommt, damit eine Führung zu beginnen, aber nach einem kurzen Hinweis, dass ich das nicht gut verstehe, wechselt sie zu hochdeutsch.

Die nächsten eineinhalb Stunden führt und Reginedurch den Berg. Es geht mit einer kleinen Kabelbahn hoch hinauf in die Bergspitze. Rund 480 Stufen seien das, oder 80 Höhenmeter, so viel wie ein 25 stöckiges Gebäude, sagt Regine.

Wir können heute mit der Bahn fahren, aber die früheren Bewohner des Berges mussten hier immer hoch- und runterlaufen. Die früheren Bewohner, das waren Soldaten, denn ich befinde mich im Inneren einer Bergfestung.

Nach dem ersten Weltkrieg war sich die Schweiz ganz sicher, das so ein furchtbarer Krieg nie wieder passiern könnte. Also wurde das Militär abgebaut und die Waffenindustrie runtergefahren. Dann passierte der Überall Deutschlands auf Polen, und die Schweizer wurden nervös. Sie machten Verträge mit Frankreich, dass damals das größte und modernste Heer Europas hatte.

Aber dann verschwand Frankreich praktisch über Nacht von der Landkarte. Jetzt brach Panik unter den Eidgenossen aus, denn nun waren Sie von drei Seiten von Hitlerdeutschland eingekesselt, und im Süden baute das mit Deutschland verbündete Italien große Brückenköpfe bis an das Airolotal unterhalb des Gotthards. Geradezu Provokant liess Mussolini in Sichtweite zwei Eisenbahnwagen auf Betonstelzen aufstellen. Angeblich, um den Tourismus zu fördern – aber das Signal war klar: Guckt, wir können sogar Eisenbahnwagen hier her transportieren, da sind Angriffstruppen auch kein Problem.

Die Schweizer wählten eine General, der als oberster Militärführer die Landesverteidigung organisieren sollte. General Henri Guisan führt dann die Reduit-Strategie fort, die man vor seiner Zeit begonnen hatte. Die ging so: Der Zentralalpenraum sollte mit versteckten Festungen gespickt werden. Die sollten im Falle eines Angriffs die wichtigsten Fernverkehrsadern zerstören und dann Pässe, Wege und Täler im Auge behalten und bei Bedarf unter Beschuss nehmen. Auch, wenn das Flachland der Schweiz fallen würde, die Berge sollte der Feind nicht bekommen.

Interessanterweise verfolgte Hitler für sich eine ähnliche Strategie, er versteckte sich auch in einer gut zu verteidigen Alpenfestung im Allgäu. Dort heckte er unter anderem gemeinsam mit Mussolini Pläne aus, wie sie die Schweiz später auteilen wollten. Dazu kam es dann aber nicht mehr, die Faschistenregimes konnten nicht mehr so viel Ressourcen aufbringen, um die Schweiz zu erobern.

Die Festungen, von denen es wohl 20.000 gibt und von denen viele heute noch geheim sind, haben den Ernstfall also nie erlebt. Sie blieben aber während des kalten Krieges in Bereitschaft, und erst in Mitte der 90er und Anfang der 2000er Jahre wurde etliche der Festungen aufgelöst.
So stehe ich heute hier und bestaune Die Unterkünfte der Soldaten, die beiden großen Kanonen und einen Maschinengewehrstand.

Im Feuerleitstand wurden die beiden großen Kanonen ausgerichtet, anhand von Berichten von Spähern.

Ein weiterer langer Gang und einige Treppen führen zu einer der beiden großen Kanonen.

So sieht der Blick in ein Kanonenrohr aus, das von hinten beleuchtet ist. James Bond, anyone?

Im Berg ist es kalt und klamm. Knappe 6 Grad bei 75 Prozent Luftfeuchtigkeit. Wäsche kann man hier nicht waschen, die wird nie wieder trocken. Deshalb liess das Schweizer Militär Klopfmaschinen entwickeln, die Schuppen und Dreck aus den Betttüchern und Uniformen herausklopften.

Auch sonst gibt es interessante Exponate zu sehen, die mehrere Jahrzehnte des Alltages von Soldaten wiederspiegeln.

Vom Berg aus hat man, natürlich, eine tolle Aussicht. Vor dem Berg sind Luftabwehrstellungen im Boden verborgen.

Die Führung ist vorbei. Ich kehre zurück zur V-Strom und mache die Maschine startklar. Zum Glück ist von dem Wurstkauer nichts mehr zu sehen. Ich bin ein wenig aufgeregt, als ich die Kameras in die Halterungen hänge und ein letztes Mal die Koffer auf festen Sitz prüfe. Jetzt geht es auf die Straße, wegen der ich die Barocca überhaupt gekauft habe. Im Ernst, im Januar 2017 habe ich Bilder einer total gewundenen Bergstraße im Internet gesehen und gedacht: Die würde ich gerne fahren. Diese Straße, das war die Tremola, die alte Passstrasse vom italienischen Airolo hinauf zum Gotthard. Das Problem dabeix: Die Straße ist aus Kopfsteinpflaster. Die ZZR mit ihrem Sportfahrwerk hätte es darauf zerschüttelt, aber die V-Strom ist für sowas gemacht. Und nun werde ich sie fahren, die Tremola! Hierfür habe ich die Barocca gekauft!

Vorsichtig fädele ich aus meinem Parkplatz am Seeufer und mische mich zwischen die, inzwischen zahlreich herumkurvenden Autos. Hinter dem alten Militärgebäude ziehe ich die V-Strom auf die ersten Meter Kopfsteinpflaster. Das hier ist sie, die Tremola! Leider ist das erst einmal frustrierend, weil ich hinter einem Auto hänge, deren Fahrer die Bergwelt bestaunt und gleichzeitig mit dem Handy hantiert und so langsam fährt, dass mein Motorrad fast umfällt. Ich gebe Gas und überhole ihn, und dann…

…liegt sie vor mir, in all ihrer kurvigen Pracht.

Leider muss ich mich zu sehr konzentrieren um die Landschaft angemessen bestaunen zu können, und einige der Kurven sind auch nicht schön, sondern Pain in the Ass.

Leicht verschämt merke ich, das ich fahre wie eine Karre Mist, um manche Kurven trage ich die V-Strom förmlich herum. Aber je mehr Kurven kommen, desto leichter fällt mir das Steuern durch die Kehren. Das Kopfsteinpflaster ist wirklich eine Herausforderung. Ich habe noch nie gesehen, dass das Garmin auf seiner Halterung auf und abwippt, aber das tut es jetzt. Gut, dass das ganze Vergnügen keine 10 Minuten dauert – etwas länger, und vermutlich würden erste Teile vom Motorrad abfallen.

Die Tremola!

So komme ich aber wohlbehalten im Tal an. Ich überhole noch eine alten 80er-Jahre-Ferrari, der langsam vor sich hintuckelt und dabei ölschwangere Wolken hinter sich herzieht.

Im Video ist die Fahrt über den Sustenpass und die Tremola zusammengefasst. Den Ferrari gibt es ab 2:14.

Mitten im Tal dominieren riesige Autobahnbauten das Bild. Die Auf-und Ausfahrten sind elegant geschwungen, wirken aber trotzdem wie Alien-Fremdkörper im Grün der Landschaft. Ich fädele auf die A1 ein. Geht nicht anders, ich muss jetzt schnell Strecke machen. Es ist bereits 13 Uhr, und in Annas Display tickert schon wieder die Zeit runter. Noch 600 Kilometer habe ich jetzt vor mir, die muss ich in 6,5 Stunden schaffen, um pünktlich zu sein.

Das die Routenplanung des Garmin dabei einen fetten Aussetzer hat, merke ich allerdings erst, als ich schon einige Kilometer in die verkehrte Richtung unterwegs bin und mich im Stau der Schweizer Touristen auf den Lago Maggiore zuquäle. Das kann hier nicht richtig sein.

Ich löse die Routenplanung auf und übergebe Anna das Kommando, die eine direkte Punkt-zu-Punkt-Route rechnen soll. Tatsächlich findet sie eine ganz andere Verbindung als schnellste Route als die Routenplanungsfunktion, dafür muss ich aber einige Kilometer zurück und dann über die Berge.

Dann geht es auf die Autobahn Richtung Mailand, um die Großstadt herum und Richtung Turin, um dann auf Höhe von Parma nach La Spezia abzuknicken.

Es geht durch die apuanischen Alpen, und die Autobahn hier ist leer und schön kurvig geschwungen.

Ich mag das, bin aber auch froh, als ich aus den Bergen mit ihren vielen Tempolimits raus bin. Ich tanke noch mal und bin zum wiederholten Male froh, das die Barocca mit ihrem riesigen Tank eine Reichweite von mindestens 450 Kilometer hat. Wenn ich nicht rase, sogar 550 Kilometer.

Dann geht es weiter, die Küste Liguriens hinab. Als ich an Livorno vorbeikomme, stoße ich einen kleinen Jubelschrei aus. Noch 60 Kilometer, so lange werden meine mittlerweile leicht verspannten Schultern noch aushalten.

Um kurz vor Acht komme ich dann auf I Papaveri, dem Anwesen von Licio und Franca südlich von San Vincenzo.

Dort werde ich den beiden älteren Herrschaften aufs Herzlichste begrüßt. „Wie geht es Euch!“ rufe ich und Franca antwortet, in dem sie die Mundwinkel weit runterzieht und dösig guckt „Wie soll es uns gehen, wir sind alte Leute. Guck, ich sehe bald aus wie Merkel-e“, sagt sie. Dann reißt sie die Augen wieder auf und bricht in Gelächter aus.

Dieses Mal habe ich La Conchiglia auf dem Anwesen, das ist das kleinere der beiden Appartements, das im ersten Stock liegt. Ich mag das gerne. Zwar liegt das Schlafzimmer zu Straße hinaus, der Schnitt ist nicht so schön wie La Principessa im Erdgeschoss und die Terrasse hat kein Dach, aber von hier aus kann ich beim Duschen über Weizenfelder sehen und vom Wohnzimmer aus auf das Meer, in dessen Ferne heute Elba, Carpaia und sogar Korsika zu sehen sind. Fühlt sich an wie nach Hause kommen.

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Kategorien: Motorrad, Reisen | 9 Kommentare

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9 Gedanken zu „Reisetagebuch Motorradtour (2): Die geheime Festung

  1. Lupo

    Schöner Bericht, danke!

    Lupo

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  2. zwerch

    Die Welt ist schön. Danke.

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  3. Etwas ungewöhnlich, mal einen Reisebericht teilweise in der Vergangenheitsform zu lesen 😉

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  4. „Protestanten“? Ich dachte die Kultgeräte wären für „Reformierte“? So wurde ich jedenfalls damals als Ausländer in der Schweiz eingeteilt. 😀

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  5. Lupo & Zwerch: Merci!

    Modnerd: Konnte dem Einstieg mit der Wurst nicht wiederstehen 🙂

    X_Fish: „Reformierte“ klingt auch viel schweizerischer, odr!

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  6. Sehr schön dein Bericht!
    Habe zwar auch ein Radio an der Harley, müsste aber echt nachschauen ob das noch funktioniert und quäle damit garantiert nicht meine Umwelt. 😉

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  7. *gerne gelesen // IMHO: Das HelmSelfie sollte so etwas wie das Icon der Serie werden.

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  8. Apropos geheime Festung, ich war ja dieses Jahr auch in einer dieser Festungen. Das ist schon alles sehr spannend und auch erdrückend.

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  9. Rüdiger: nein, das will niemand!!

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