Anschau-Tip: Kulenkampffs Schuhe

Fernsehen in den 60er Jahren: Samstag Abend sitzt die Familie vor dem Fernseher. Die frisch gebadeten Kinder auf dem Teppich, der Vater mit einem Bier und die Mutter mit einem Mosel auf dem Sofa. Der Samstag Abend gehört den Showmastern: Peter Alexander verzaubert, Hans-Joachim Kulenkampff ist der Inbegriff des höflichen Gentleman und Hans Rosenthal ist der quirlige Wirbelwind.

Regina Schilling war eines der Kinder auf dem Teppich vor dem Fernseher. Erst sehr viel später las sie darüber, dass Kulenkampff im Krieg war, und sich an der Ostfront vier Zehen selbst amputieren musste. Neugierig geworden, geht Schilling den Geschichten der Showmaster nach und findet ihre Geschichten: Catherine Valentes Schicksal im Internierungslager, Hans Rosenthal, der sich unter einer Couch versteckte, Kulenkampff, der Teile von BD-Mädchen einsammeln musste, Alexander, der das zerstörte Berlin erlebte.

Der Vater der Regisseurin war selbst im zweiten WeltKrieg und wurde später Drogist. Schilling zeichnet seinen Werdegang nach und legt die Biografien der Showmaster daneben und beleuchtet ihre Rolle im Kontext der Zeit. Die Showmaster waren für Ihren Vater und das Land ein Heilmittel und Balsam, trotz ihrer Biografien, die sich immer wieder in ihren Moderationen widerspiegeln.

„Kulenkampffs Schuhe“ ist eine vielgelobte Dokumentation, die von der ersten Minute an fesselt und sehr eindrücklich ist. Sei es durch Kulis Kriegsanspielungen, die anhand historischem Materials belegt wird, sei es durch Rosenthals sachliche Schilderungen von Suizidgefährdung, sei es durch Sätze wie die des Bundestagsabgeordneten in den 60ern, der auf eine AfD-ähnliche „Jetzt muss aber mal gut sein mit diesem Schuldgetue“-Aussage eines Kollegen antwortet: „Ich bin mit in der Schuld, denn ich war nicht auf der Straße und habe laut geschriehen, als die Juden Lastwagenweise aus unserer Mitte abtransportiert wurden. Es geht darum, diese […] Last und Bürde auf uns zu nehmen.“

Das ist berührend und beeindruckend. Gleichzeitig erfährt man viel über Drogerien. Definitiv ansehen, die 90 Minuten sollte man sich gönnen, das lohnt sich.

„Kulenkampffs Schuhe“ ist aktuell in der HR-Mediathek zu finden: KLICK.

Und zerstückelt auf Youtube: Klick.

Kategorien: Service | 9 Kommentare

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9 Gedanken zu „Anschau-Tip: Kulenkampffs Schuhe

  1. Schon vor ein paar Wochen gesehen, wirklich sehenswert.

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  2. Lupo

    Schau gerade, danke für den Tipp.

    Gruss

    Lupo

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  3. Ich habs auch schon gesehen und war beeindruckt und traurig.
    By the way, ich wäre fast mal Kandidatin bei EWG geworden!

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  4. Hinwirr: das hätte ich gerne gesehen 😋

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  5. DL650R

    Ich finde es auch erstaunlich, wie viele Akteure, die der Generation Golf so eine schöne und spannende Kindheit beschehrt hatten, selber Opfer des Raubmordregimes (Ideologie war nur für’s Volk inszeniert, eigentlich ging es die ganze Zeit einzig darum, wen man umbringen kann, um sich dessen Eigentum anzueignen; am Besten da wo es richtig lukrativ ist) waren.

    Das trifft ja nicht nur auf die Showmaster zu. Ich war auch mal völlig überrascht, das – ganz unweit meines ehemaligen Heimatortes – Jacek Trzmiel in Barsinghausen interniert gewesen ist. Nach seiner Karriere als Jack Tramiel und quasi Vater der 8-Bitter bei Commodore und der 16-Bitter bei Atari, sprach er auch vor Schülern dort in der Schule (in diesem Jahrhundert).

    Wir hatten’s da im Westen wirklich gut. Während in der SBZ/DDR die Kinder der Täter als Strafe nahtlos unter der Gehorsamsknute mit den Jungen Pioniere blieben, die nahtlos an BDM und HJ anschlossen, wurden wir von den ehemaligen Opfern bespaßt, ohne das so wahrzunehmen.

    Es war schon eine Welt voller Möglichkeiten neu Anzufangen, diese alte Bonner Republik. Für alle, aber auch gerade für die Kinder in der Zeit. Ganz anders als nach dem Ende des ersten Weltkriegs.

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  6. DL650R: Das ist ein interessanter Aspekt, über den ich noch nie nachgedacht habe: Standen die Jungen Pioniere und und verwandte Organisationen in einer Tradtion mit den Jugendorganisationen des 3. Reiches? Dem muss ich echt mal nachgehen.

    Die Geschichte mit Jack Tramiel ist echt eine interessante Anekdote!

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  7. Na so einfach ist das aber nicht und wenn man die Doku aufmerksam geschaut hat, kann man auch nicht davon reden, dass im Westen die Opfer die Bespaßer waren. Denn auch da gab es Täter.

    Die Pionierorganisation wurde am 13.12.1948 gegründet, ist einerseits nicht nahrlos und anderseits basiert diese auf dem Kommunismus. SIe gehöhrte zur FDJ, welchen ihren Ursprung bereits vor dem 2. Wletkrieg und ebenfalls Antifaschistisch war.

    Beide waren damals in der DDR natürlich politische Organisationen. Ähnliches gab es im Westen auch, beispielsweise die Falken. Der Unterschied war, dass es eben mehrere gab und man nicht halbfreiwillig mitmachen musste.

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  8. Max: Absolut richtig, „Showmaster gleich früheres Oper“ passt da nicht. Ich finde die Doku auch deshalb so gut, weil sie zeigt, dass die Bespasser ein ordentliches Päckchen zu tragen hatten – auch an Schuld. Das blitzt insbesondere bei Kulenkampff selbst immer wieder durch.

    Danke für die Infos. Stimmt ja, die Wanderfalken… davon schwärmte die Generation meines Mathelehrers noch, von sowas habe ich nie was mitbekommen.

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  9. DL650R

    Oh, selber hat sich die DDR-Pionierorganisation/FDJ sicher nicht als direkte Fortsetzung von BDM/HJ gesehen, doch von außen/vom Westen war es genau das für das Leben des einzelnen Jugendlichen.

    Diese Beurteilung liegt aber auch an meinem eigenen Weltbild. Ich halte Bezeichnungen, wie Faschismus, Antifaschismus/Kommunismus für inszenierte Gegensätze – fast wie Puma und Adidas – und reine Augenwischerei. In Wahrheit sollte die Unterscheidung zwischen individualisierten Geselschaften (im Rahmen, also keine Anarchie), in denen jeder seinen eigenen Weg finden kann, und repressiven Gesellschaften, wo das Leben bis ins Private normiert ist und streng kontrolliert wird, gezogen werden. Da ich Letzteres strickt ablehne, völlig unabhängig davon aus welcher Richtung das kommt, hast du mich auch schon fälschlich rechts verortet.

    Aber darauf wollte ich gar nicht hinaus. Ich sehe nur die Gründungsphase der Bonner Republik (also 1948 bis 1989) für eine Zeit, in der diese individualisierte Gesellschaft wie nie zuvor auf deutschem Boden möglich war. Ohne die Stände der Kaiserzeit und ohne den militärischen Zwang in der Zeit des Nationalsozialismus. Klar, ein Reset und Neuanfang auf ganz hoher Ebene war das nicht. Die ursprünglichen Eigner der Lufthansa haben etwa auch das Unternehmen neu gegründet und behauptet für nichts verantwortlich zu sein und sind damit durchgekommen, aber auf der persönlichen Ebene des Einzelnen funktionierte das dann doch.

    Es gab für die Übelebenden eine zweite Chance. Niemanden lies sein Paket los, dass er von 1933 bis 1945 erlebt hatte – egal ob Opfer oder Täter – aber es zählte nun was man JETZT machte. Man fragte gesellschaftlich nicht nach dem Vorher und so war es nun möglich einen neuen Weg zu gehen. Ein harter Weg aber auch eine Möglichkeit aus den Beschränkungen auszubrechen, in die man hineingeboren war, wie es vorher nie möglich gewesen ist. Man musste sich nur voll und ganz zu der neuen Gesellschaft bekennen und aktiv und produktiv an ihr mitgestalten.

    Dabei bedeutet das nicht, dass alle diese Personen, die zu Persönlichkeiten ihrer Zeit wurden, selbstkasteiende Altruisten waren. Eben das war ja nicht der Fall. Ein Jack Tramiel war knallharter Geschäftsmann und jeder Showmaster wollte natürlich auch selber berühmt sein und im Rampenlicht stehen. Doch das war ja das Faszinierende, das Streben des Einzelnen hat trotzdem einen Benefit für die gesamte Gesellschaft erbracht und das auf breiter Front in der Gesellschaft. Marktwirtschaftlicher Wettbewerb mit Fangnetz: Diese soziale Marktwirtschaft, die wir da hatten, war schon etwas Tolles.

    Heute habe ich den Eindruck das Streben des Einzelnen sich zu verwirklichen, wird immer gleichgesetzt (und propagiert!) mit Bereicherung gegen den Willen und auf Kosten anderer. Ich musste länger überlegen, ob es da heute noch etwas Vergleichbares gibt und mir fielen nur die Brüder Braun und ihr Miniatur Wunderland in Hamburg ein. Aber auch das Konzept ist ja irgendwie auf charmante Art retro und aus der Zeit gefallen.

    PS: Ich muss mal nach dem Artikel über die Einladung an eine barsinhäusener Schule in der HAZ suchen. Online finde ich den nicht, da tauchen nur Artikel zu seinem Tod Jahre später auf.

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