Reisetagebuch Motorradtour (4): Ich war im Himmel, dort ist es sehr kalt

Silencer ist mit dem Motorrad auf Sommertour. Nach einer Woche Pause geht es heute weiter, in einer Gewalttour von der nördlichen Toskana bis hinter die Abbruzzen.

Samstag, 23.06.2018
Und dann ist die Woche auf I Papaveri schon wieder vorbei. Sieben Tage lang „Alls kann, nichts muss“. Sieben Tage, in denen ich hauptsächlich am Strand rumlag, ein wenig Motorradfahren geübt und ansonsten nichts getan habe, aber das bei strahlendem Wetter. Jetzt packe ich meine Sachen zusammen und verstaue sie sorgfältig in den Seitenkoffern. Die Koffer werden in die Kofferhalter am Motorrad eingeklickt, und dann mit Rok Straps gesichert. Die Gurte sind neu, eine Last Minute Ergänzung vor der Abreise.

Givi Koffer, hatte ich immer gedacht, können schon aufgrund ihrer genialen, selbstsicherenden Konstruktion gar nicht währen der Fahrt abhanden kommen. Bis X-Fish mich eines bessern belehrte, anscheinend ist es unter gewissen Umständen doch möglich, Givis zu verlieren.

Ob das nun stimmt oder nicht spielt keine Rolle: Die neuen Gurte geben mir mehr Sicherheit. Ich muss nun auf Rumpelstrecken nicht dauernd in die Rückspiegel gucken, ob das Gepäck noch da ist. Und da die Gurte am Motorrad bleiben, macht die zusätzliche Sicherung wenig Aufwand, und ich kann sie sogar verwenden, um damit Dinge auf der Sitzbank festzuzurren.

Es ist Samstag, und schon um kurz vor Sieben steht die Barocca fertig beladen vor dem Tor.

Ein kurzer Blick zurück, dann geht es los. Von Franca und Licio habe ich mich gestern schon verabschiedet. Die alten Herrschaften sind zwar Frühaufsteher, aber so früh dann doch nicht. Freiwillig wäre ich auch nicht um 6 Uhr aufgestanden, aber nach einer Woche Stillstand liegt heute eine lange Reiseetappe vor mir. Die ist selbst nach meinen Maßstäben ordentlich.

Das frühe Unterwegs sein hat noch einen anderen Nebeneffekt: Um diese Zeit ist es noch nicht so brütend heiß, dass macht es einfacher, die fast leere SS01 zu fahren. Parallel zu Küste geht es nach Süden, 130 Kilometer, an Grossetto vorbei und auf der Höhe von Capalbio von der Schnellstraße runter und ins Landesinnere.

Es ist sehr stürmisch, und die Fahrt dementsprechend unruhig. Immer wieder wird die Barocca von Windböen gepackt und durchgeschüttelt. Die große Maschine bietet dem Sturm ordentliche Angriffsflächen, bleibt aber immer beherrschbar. Dunkle Wolkenbänder ziehen über den Himmel, aber regnen tut es zum Glück nicht.

Sonnig, aber stürmisch.

Vorbei geht es an Tuscania, dann über Viterbo und Richtung Rieti. Kurz darauf wird die bis dahin geschmeidige Fahrt durch eine Straßensperre bei Terni ausgebremst. Die Staatsstraße ist abgeriegelt, aber keine Umleitung ausschildert – und das Navi beharrt zunächst darauf, dass wir unbedingt diese Straße fahren müssen. Was folgt, ist eine unseelige Odyssee durch die verwinkelte und sehr belebte Stadt.

Verfahren in Terni.

Als sich das Motorrad und ich mühsam durch den Stadtverkehr von Terni quälen, weiß ich wieder, was ich an Umbrien nicht mag: Die Straßen hier sind unter aller Sau. Teilweise gibt es Kartoffelsackgroße Schlaglöcher in den Straßen. Manchmal ist der Asphalt von den Wurzeln der Bäume am Straßenrand so aufgeworfen, dass es regelrecht Treppenstufen in der Fahrbahn gibt.

Das sind die harmlosen Exemplare.

Die Straßen in Umbrien sind so schlecht, dass mir hier der Gepäckträger der Renaissance gebrochen ist. Sie sind sogar so schlecht, werde ich später im Lokalfernsehen mitbekommen, dass dieses Jahr hier schon drei Motorradfahrer gestorben sind, weil sie über die Treppenstufenwurzeln stürzten und dann überfahren worden sind. Mittlerweile ist das also ein echtes Nachrichtenthema, und Bürgerinitiativen demonstrieren für die Sanierung.

Weil die Straßen so schlecht sind, liegen auch überall Metallteile rum, die von Autos abgefallen sind. Ich muss mich anstrengen so konzentriert zu fahren, dass ich jederzeit auftauchenden Schlaglöchern oder abgefallenenen Fahrzeugteilen ausweichen kann.

Als Terni zurück bleibt, wird es etwas besser. Der Appenin umfängt die Straße mit seinen steilen Ausläufern, und es geht an Felswänden entlang und vorbei durch grüne Täler.

Unvermittelt taucht ein Berg auf, an dessen steiler Flanke ein Wald so zurechtgestutzt ist, dass daraus der Schriftzug „DVX“ zu lesen ist.

Die Buchstaben bestehen aus rund 20.000 Kiefern. Das erste Mal habe ich das aus der Luft gesehen, als ich vor zwei Jahren mit dem Flugzeug von Sizilien nach Hause geflogen bin. Auch aus mehreren Kilometern Höhe lassen sich die Buchstaben genau erkennen:

Damals dachte ich, dass es eine Firma mit diesem Namen gibt, die Quads herstellt und hier oben testet. Keine Ahnung wo ich diese Info her hatte, sie ist auf jeden Fall falsch. Tatsächlich haben Forstschüler 1939 die Buchstaben in den Wald geschnitten. Das V ist ein lateinisches „U“ und das „DUX“ steht für „Duce“ – der ganze Berghang ist ein Monument zu Ehren des „Duce“ Mussolini. Der Hang am Monte Giano ist auch nicht zufällig ausgewählt. Er zeigt nach Rom, das nur 70 km entfernt liegt, und soll an klaren Tagen angeblich von dort aus zu sehen sein. Wie das gehen soll, mit all den anderen Bergen davor, weiß ich nicht. Bemerkenswert aber, dass in 80 Jahren niemand den Faschogruß hier beseitigt hat.

Ach, grüne Täler, kurvige Straßen.

So könnte ich ewig fahren. Zumindest wenn es nach mir ginge. Kurz vor der Mittagszeit, nach etwas mehr als 5 Stunden und 350 Kilometern, bin ich in der Nähe von Aquila, in der Region Abbruzzen, mitten in Italien. Ich kurve in die Berge hinauf Richtung Passo delle Campanelle, stehe ich aber schon wieder vor verschlossenen Toren. Die Bergstraße ist wohl immer noch gesperrt. Verdammter Mist. Wenn ich das richtig sehe, ist die Bergstraße dahinter eine der schönsten Panoramastraßen Italiens, und irgendwie ist sie schon seit Eweigkeiten gesperrt.

Nicht nur ich, auch gut 20 andere Motorradfahrer stehen vor einer Schranke und überlegen, was sie machen sollen.

Um die Schranke rumfahren? Oder umkehren?
Um die Schranke herum sind schon so viele gefahren, das ein Staubweg entstanden ist. Als Zeugnis zahlreicher Versuche unter der Schranke durchzukommen, ist die auch verbogen.

Ich weiß, was ich mache. Ich kann es mir nicht leisten, auf gesperrten Straßen von der Polizei angehalten zu werden. Und MIR würde das bestimmt passieren. Also fahre ich den ganzen Berg wieder runter und setze einen Kurs auf Fonte Cerreto.

Hier geht´s nicht weiter.

Das ich nach 40 Kilometern und einem Ausflug in den Stadtverkehr von L´Aquila auch erreiche.

Ein Schild mit Leuchtschrift kündet von schlechtem Wetter und das man nur weiterfahren soll, wenn man unbedingt muss. Das Bergmassiv selbst ist in dunkle Wolken gehüllt. Ich fahre weiter. Mir kommen Motorradfahrer entgegen, in Regenkombi. Manche machen abwartende Handzeichen, andere Lichthupe. Wollen die mir was sagen? Egal, ich fahre weiter.

Das geht auch erstaunlich lange gut, aber dann der Schlamassel: Ich fahre in die Wolkendecke hinein, und von jetzt auf gleich ist die Sichtweite gefühlt nahe Null. Gerade mal 20 Meter kann man noch gucken, das kommt einem Blindflug gleich. Und: Es wird schlagartig eiskalt. Das hier ist kein Nebel, das hier sind echte Regenwolken, in denen ich herumfahre. Sie sind voller Wasser und wirklich kalt.

Ich schalte die Zusatzscheinwerfer der Barocca ein. Ich halte die, vom Vorbesitzer an den Sturzbügeln angebrachten, Halogenscheinwerfer ja eigentlich für Unfug, aber jetzt hege ich die leichte Hoffnung, zumindest ein klein wenig besser gesehen zu werden. Denn hier ist viel los, mir kommen viele Autos und Moppeds entgegen. Klar, es ist Samstag, die Berge ziehen Ausflügler an. Ich taste mich vorsichtig durch die Wolken und bin froh, dass ich auf dem Display im Cockpit sehen kann, wie der Straßenverlauf ist.

Dann erreiche ich mein Ziel. Die kurvige Bergstraße endet unvermittelt auf einem Parkplatz, und ich stehe vor dem Hotel Campo Imperatore. Aber auch das ist kaum zu sehen in den Wolken.

Das Hotel ist geschlossen, was laut Lokalzeitung „eine Schande“ ist. Dem kann ich nur zustimmen. Das Hotel ist klein und hier oben wunderbar gelegen, aber die örtliche Tourismusbehörde, dem es gehört, kümmert sich nicht darum.

Der Baustil grenzt ans Faschistische, was durchaus passt: In einem der Zimmer wurde Mussolini gefangen gehalten. Im vergangenen Jahr wollte ich hier oben übernachten und hatte sogar schon ein Zimmer gebucht. Zum Glück war ich dann auf die Lokalpresse aufmerksam geworden und hatte mitbekommen, dass es geschlossen hatte. Ich hatte das rechtzeitig bemerkt, anders als ganze Gruppen von Wanderern, die nach langen Wandertagen abends hier ankamen, und dann feststellen mussten, dass sie nun unter freiem Himmel übernachten durften.

Auch wenn das Hotel geschlossen ist, ist es immer noch ein beliebtes Ausflugsziel. Auf dem Platz davor stehen Imbißwagen und verkaufen gegrillte Wurst an Dutzende von Ausflüglern.

Es ist kalt hier oben, in den Wolken. Deshalb halte ich mich nicht lange auf, sondern fahren eine Gruppe Moppeds hinterher den Berg hinab.

Ich drehe um und fahre vom Campo Imperatore runter und in Richtung der Hochebene, der Gran Piana, die ich so mag.

Was sollte das wohl mal sein? Vermutlich ein Hotel.

Die liegt nicht unter Wolken begraben, aber auch die wimmelt heute von Motorradfahrern. Kein Vergleich zu früheren Besuchen, an denen ich hier fast alleine war und kontemplative Ruhe erlebt habe. Rückblickend kann ich nur sagen: Hätte ich die Hochebene beim ersten Mal so erlebt wie heute, wäre das für mich kein magischer Ort geworden. Ich wäre niemals hier her zurückgekehrt.

Übrigens: Keine Ahnung warum die Frontkamera heute so dunkle Bilder gemacht hat.

Bei Muccis stehen bestimmt 50 Moppeds um einen Grill herum. Ein Stückchen weiter parken nochmal genauso viele um Camper und Wohnmobile.

Gegrüßt wird hier wie blöde. Sonst grüßen Motorradfahrer in Italien nie, warum auch, Mopped ist halt Alltagsfahrzeug und es gibt so viele, die kann man gar nicht alle grüßen. Aber hier und jetzt ist Wochenende, da wird die Flosse zum Gruß gehoben. Ja, auch hallo, ich habe auch zwei Räder, grrr. Ach, was soll´s.

Ich fahre einmal von West nach Ost, drehe um und fahre die Hälfte wieder zurück. Hier gibt es was, was ich noch nicht gefahren bin, aber immer wollte: Den Weg von hier oben nach San Stefano. Und man, der lohnt sich. Hier ist praktisch nichts mehr los. Das einzige fahrende Auto, was mir begegnet, kommt mir natürlich prompt an einer Stelle entgegen, an der ein anderes Auto parkt, und ich muss anhalten. Beim Lottospielen habe ich nie Glück, aber auf einer Kilometerlangen, einsamen Straße kommt mir genau dort ein Auto entgegen, wo ich anhalten muss. Na klar.

Von hier oben kann man 100 Kilometer übers Land gucken und dabei zusehen, wie die Wolken über die Wiesen und Felder ziehen.

Danach krieche ich an der Rocca Calascio vorbei und wieder die kleine Bergstraße hinab, die ich vor 9 Monaten erst in umgekehrter Richtung gefahren bin.

Dann bin ich in Popoli, und nach 9 Stunden Fahrt endet der Tag im Hotel Tremonti. Von Außen ein hässliches Haus, aber günstig und mit superfreundlichem und fittem Personal.

Außerdem sind die Zimmer groß, haben einen Balkon und eine tolle Aussicht auf den Fluß. Am Ufer steht eine Herde Ziegen und knabbert an den Bäumen herum.

Popoli selbst ist ein lebloses Bergdorf. Alte Damen sitzen vor Hauseingängen und tratschen, sonst ist der Ort tot.

Im Restaurant des Hotels esse ich noch schnell eine Pizza – schnell, weil die Bude ausreserviert ist, es gilt gleich eine Reisebusladung Senioren zu verköstigen, während das WM-Spiel Deutschland gegen Schweden läuft. Nein, das muss ich mir nicht antun.

Im Fernsehen läuft Vorberichterstattung. Tatsächlich hat Mediaset eine Moderatorin ins Studio gestellt, die aussieht wie Ivanka Trump.

Ob Berlusconi sich damit schon mal bei Trump einschleimen will, für ein mögliches Comeback als Regierungschef? Und dann dem Amerikaner Bunga-Bunga mit einem Lookalike der eigenen Tochter anbieten? Widerlich, aber bei diesen Subjekten durchaus vorstellbar.

Ich ziehe mich auf mein Zimmer zurück, das, wie ich zu meinem Schrecken feststellen muss, eine Verbindungstür zum Nachbarraum hat. Da sind gerade zwei ältere Herren eingezogen, die sich nur normal unterhalten, was sich aber anhört, als ob sie in meinem Zimmer sitzen. Das der eine der beiden eine Stimme hat, die klingt, als ob sich jemand in einen Blecheimer übergibt, macht das Ganze nicht angenehmer. Zum Glück hauen die beiden irgendwann ab zum Essen, und als sie wiederkommen, fallen sie sofort ins Bett und beginnen zu schnarchen wie die Beamten. Hört sich an, als würden sie in meinem Zimmer sägen. Aber dafür gibt es Ohrstöpsel.

Tour des Tages: Von San Vincenzo nach Popoli, rund 450 Km. Inkl. Umwege dauerte das 9 Stunden.
Kategorien: Motorrad, Reisen | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Reisetagebuch Motorradtour (4): Ich war im Himmel, dort ist es sehr kalt

  1. Ali

    Wow, toller Streckenabschnitt. Daß die Koffer ungewollt abfliegen können, beunruhigt
    mich doch etwas. Bei dem H&B System ja eher, weil ich nie den Riegel abschließe.
    Aber bei Monokey, auf welches ich wechseln „mußte“?
    Fällt mir auf, daß deine Mühle keine Dekoraufkleber mehr hat. Werde meine auch entfönen.

    Gefällt 1 Person

  2. Jo, bei X-Fish ist wohl ein Schloss ausgehakt. Verloren hat er den Koffer dann nicht, aber er war locker. Allerdings fehlten wohl auch die Gummipuffer, die vom Gepäckträger gegen den Koffer drücken und das Schloss normalerweise unter Spannung halten. Ich würde nach wie vor davon ausgegehen, dass ein Schloss, das einmal korrekt eingehakt ist, nicht einfach wieder aufgeht.

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  3. Ali

    Die Konsequenz wäre, auch das TC zu riemensichern. Da sind reiseunverzichtbare
    Utensilien drin. Bei nem Koffer…..na gut…..wem meine gebrauchte Unterbux gefällt.
    Da ich ja wie ein Möbelwagen gepackt bin und das querliegende Zelt auf dem Soziussitz
    mitsamt der kofferaufliegenden Packtaschen mit Spannbändern sichere, welche mit allen
    Gepäckstücken samt den Koffergriffen und den Soziahaltern, der hinteren Fußrastenaufnahme
    alles miteinander „enBloc“ vertüdelt sind, dürfte es den Koffern schwer fallen, sich vom
    Roadacker zu machen.

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