Reisetagebuch (7): StormChaser

Mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute fällt der Tag ins Wasser.

Dienstag, 26.06.2018, Pomarico, Basilikata
Ein Fauchen und Rauschen weckt mich aus dem Schlaf. Uh, das hört sich aber gar nicht gut an. Ein Blick aus dem Fenster bestätigt die Befürchtung: Es regnet, und die Bäume vor dem Haus werden von einem heftigen Sturm hin- und hergepeitscht.

Ein schnelles Frühstück später trage ich die Koffer zur V-Strom und mache dann die Vakuumrolle mit den Regensachen auf. Ist das erste Mal, das ich die auf dieser Fahrt brauche. Immerhin. Ein schlechter Tag kann gerne mal dabei sein.

Sorgfältig lege ich die „StormChaser“-Regenkombi an und ziehe die Riemen fest, dann streife ich die wasserdichten Handschuhe über. Jetzt kann es losgehen. Die V-Strom röhrt aus dem Unterstand, in dem sie die Nacht verbracht hat, und schlittert über den unbefestigten Hinterhof, der sich über Nacht in ein Schlammfeld verwandelt hat. Außerdem ist er übersät von Maschinenteilen: Alte Quads, Kühlmaschinen aus der Gastronomie und landwirtschaftliches Zeug in verschiedenen Stadien der Zerlegung stehen und liegen hier rum. Sieht mehr wie eine Müllhalde aus hier als wie ein Hotelbetrieb. Egal, das Colle di Siesto ist eine tolle Unterkunft, lass es doch unterm Sofa wie bei Hempels aussehen.

Dann geht es hinaus auf die Bergstraßen und runter von dem Felsmassiv, auf dem Pomarico liegt.


Bild: Google Earth 2018

//BAROCCA_CAM01

Von weiter unten kann ich den Berg sehen, auf dem der Gasthof liegt.

Der Himmel ist dunkel und der Regen wird immer stärker. Ich lasse das Garmin die Wettervorhersage für die geplante Route anzeigen. Die sieht so gemischt aus, leichte und schwere Schauer sollen sich abwechseln. Ich fahre erstmal weiter, ein Auge immer am Horizont. Der sieht dunkel aus.

Dann meldet sich meine virtuelle Copilotin im Helm. „Es wurden Meldungen für die aktuelle Route gefunden“, verkündet Anna und fängt an vorzulesen, was sie an Infos aus dem Netz gezogen hat. „Straßensperrung auf E90. Stau auf 5 Kilometern Länge auf Strada Statale 57. Unsicherer Fahrbahnzustand auf Strada Statale 57. Unfall auf Strada Provinziale 359. Der Verkehr wird einseitig umgeleitet, Staulänge 7 Kilometer. Unsicherer Fahrbahnzustand auf Strada Provinziale 359. Unfall auf…“ Ich breche die Tirade ab. Mittlerweile regnet es stark, und es ist so dunkel als wäre späte Dämmerung.

Ich lasse Anna das Wetterradar starten. Der Bildschirm im Cockpit der V-Strom springt von der Navigationsansicht auf eine Karte der Region um, über die sich langsam Wetterdaten legen, die die rudimentäre KI des Geräts aus dem aus dem Netz holt. Je nach Stärke des Niederschlags färbt sich die Karte ein. Blaue Einfärbungen sind Nieselregen, grüne und gelbe leichter bis mittlerer Regen, und so weiter. Die Umgebung auf der Karte glüht tiefrot, teilweise sogar lila! Offensichtlich ein Starkregengebiet, das über Tarent dreht – ausgerechnet der Stadt, in die ich jetzt eigentlich wollte.

Starkregen erklärt auch die etwas kryptische Meldung des „unsicheren Fahrbahnzustands“, die Anna so gehäuft gefunden hat. Die Straßen, die ich geplant hatte, sind nicht groß und vermutlich stark von LKW frequentiert. Das bedeutet: Spurrinnen und Gummiabrieb, dazu der Staub des süditalienischen Sommers. Das ergibt in Kombination mit Regen eine glitschige Mischung. Wenn dann die Fahrbahn noch mit Bitumen geflickt wird, hat sie ähnliche Reibwerte wie Glatteis. Die zahlreichen Unfälle auf der Strecke legen nahe, dass ich mit diesen Überlegungen nicht ganz falsch liege.

Nein, so ein Abenteuer brauche ich nicht. Ich lasse Anna alternative Wege zur heutigen Unterkunft suchen, und unter den drei Routen, die sie rechnet, ist auch eine, die über die großen und gut ausgebauten Strada Statales führt. Langweilig zu fahren, aber wenigstens sicher. Bei dem Wetter will ich nicht durch Orte und über kurvige und kaputte Regionalstraßen gurken. Bei so einem Wetter will ich mir auch nichts ansehen. Lieber liege ich den Rest des Tages in der Unterkunft auf dem Bett und lese, als das ich mir hier weiter den Regen um die Ohren klatschen lasse. Ich gebe Gas und steuere die Barocca zügig in das Regengebiet. Der Wind frischt weiter auf. “ So muss es sich anfühlen, durch einen Tropensturm zu fahren“, denke ich, während das Motorrad ordentlich durchgeschüttelt wird.

Bild: Google Earth 2018

Ironie des Ganzen: Die Route führt zwar im ZickZack über den ganzen Hacken des italienischen Stiefel, aber sie führt auch bis auf wenige Kilometer an Tarent und Gallipoli vorbei, die ich gern besucht hätte. Aber über den Städten sind die Wolken am dunkelsten, man kann geradezu sehen, wie Regenklumpen aus ihnen fallen. Ich komme mir nun tatsächlich vor wie das, was auf den Ärmeln der Regenkombi steht: Ein Stormchaser.


Bild: Google Earth 2018


Bild: Google Earth 2018

Hier in der Nähe ist übrigens auch der Ring von Nárdo. Das ist ein riesiges Betonrund mitten in der Landschaft. Früher ein Teilchenbeschleuniger, heute eine Teststrecke der Autohersteller.


Bild: Google Earth 2018

Gegen kurz nach 12 komme ich in Leuca an, dem südlichsten Punkt am Hackens des italienischen Stiefels.

Bild: Google Earth 2018

Es regnet nur noch leicht, und so stelle ich die V-Strom kurz an der Straße ab und gehe zum Rand einer Klippe. Die Küste hier ist eine steile Felsenküste, durchlöchert von Höhlen. Unter dieser Klippe liegt die berühmte Teufelshöhle.

Bild: Google Earth 2018

Leider ist die Teufelshöhle nur per Boot zu erreichen, und so stehe ich ein wenig dumm rum und gucke anderen Besuchern dabei zu, wie sie auf der Klippe rumklettern. Dann drehe ich mich um, stapfe zurück zum Motorrad und fahre weiter.

Jurassic Huhn?

Meine heutige Unterkunft liegt im Küstenort Tricase, etwas nördlich, aber immer noch am Hacken des Stiefels.

Tricase in Apulien.
Karte: Wikimedia, Nutzer NordNordWest, CC BY-SA 3.0, Ort von mir.

Dort komme ich gegen 13 Uhr an, und damit viel zu früh. Tja, der Tag ist halt ins Wasser gefallen. Ich parke die Barocca unter einem Pflaumenbaum.

Das „Rifugio dei Lavaturi“, grob übersetzt „Das Haus der Wäscherinnen“, ist eine kleine Pension, die von einer recht alternativ lebenden Familie betrieben wird. Hat mir schon im Internet sehr gefallen, weil es als Logo ein Comic-Schaf hat, das an einer Wäscheleine zum Trocknen aufgehängt ist. Mal ehrlich, wer könnte diesem Schaf schon wiederstehen?!

Die Gastwirtin empfängt mich freundlich. „Ich bin Adelaide“, stellt sie sich vor. „Das ist aber kein italienischer Name?“, sage ich und vermute einen englischen Einschlag, Adelaide. „Ja, nee. Ist deutsch. Oder schweizerisch. Meine Eltern mochten diese eine Geschichte so sehr. Adelaide ist das …“ dann verstehe ich was nicht und nicke freundlich, bis ich das Wort „Fräulein Rottemeier“ höre.

„Gab auch eine Zeichentrickserie. Soll in Deutschland sehr populär gewesen sein.“ Dann macht es Klick. „Du bist nach der Nebenfigur aus* „Heidi“ benannt?“, frage ich ungläubig. Adelaide ist also die italienische Form von Adelheid. Soso.

Hinter dem Haus liegt ein Bio-Lehrgarten, in dem eine winzige Knuddelkatz herumspringt.

Als mein Zimmer bezugsfertig ist, falle ich auf´s Bett und schlafe ein. Draußen rauscht der Wind in den Palmen, aber es regnet nicht mehr. Ich habe zwar heute noch nichts geleistet, aber mehrer Stunden bei starkem Regen zu fahren erfordert Konzentration und frisst Energie.

Eine Stunde später wache ich wieder auf, und nun scheint die Sonne.

Ich kleide mich wieder an und fahre zur Grotto Zinzulusa. Wie die Teufelshöhle ist das eine Felshöhle in der Steilküste, direkt auf Höhe der Wasserlinie.

Bild: Google Earth 2018

Hier kommt man aber nicht nur mit dem Boot hin, sondern auch zu Fuß, über einen Weg an den Felsen entlang. Die Grotte ist hübsch, aber nicht groß. Der Führer spricht nur italienisch, und ich muss für zwei Kanadier übersetzen. Fotos darf man leider nicht machen.

Zurück am Lavaturi gehe ich am Strand spazieren. Naja, „Strand“ trifft es nicht. Die Felsküste bildet hier spektakuläre, natürliche Felsbecken, die hier als Schwimmbad genutzt werden. Eigentlich wollte ich hier baden, aber dazu ist es mir zu stürmisch. Einige Hartgesottene lassen sich aber vom starken Wind, der das Wasser mit Macht durch die Öffnungen in den Felsen drückt, nicht vom Baden abhalten. Brrrr.

Nein, für mich ist das zu ungemütlich. Das war es dann wohl mit dem Baden im Meer für diesem Sommer. Seufzend ziehe ich die Badelatschen, die ich in San Vincenzo im 1-Euro-Shop gekauft und für genau diese Gelegenheit aufbewahrt hatte, aus dem Rucksack und stopfe sie in einen Mülleimer. Dann gehe ich noch ein wenig spazieren und gucke mir Wehranlagen an. Es gibt alte Wachtürme und Bunker und Anlegestellen, die in den Fels geschnitten sind.

Langsam legt sich der Wind, dafür gibt es nun Schwärme von Mücken. Ich habe mich zwar gut mit Ballistol Stichfrei eingeschmiert, dem besten Mittel gegen Stechviecher überhaupt, aber ein paar Stellen habe ich wohl übersehen. Die finden die Viecher natürlich sofort. Ich suche Zuflucht in einem Restaurant, das verlassen da liegt, aber angeblich geöffnet hat. Ich betrete vorsichtig den großen Saal. Dunkel und verlassen liegt der da und wirkt ein wenig wir Bates Motel. Ich räuspere mich.

In einer Ecke regt sich etwas, und kurz darauf kommt ein drahtiger Mann auf mich zu. „Bekomme ich was zu essen?“, frage ich vorsichtig. „Na klar“, sagt der Mann und wechselt dann ins Deutsche. „Ist allerdings recht ruhig, gerade. Noch keine Saison und seit 10 Tagen schlechtes Wetter, die Gäste bleiben aus“. Ich bin erstaunt, dass jemand im letzten Winkel Italiens Deutsch spricht, aber Salvatore, so heißt der Mann, winkt ab. Er habe viele Jahre in deutschsprachigen Regionen Europas gearbeitet. Das hilft ihm jetzt durchaus, denn die Deutschen entdecken immer mehr Apulien als Urlaubsregion für sich.

Salvatore knipst die Saalbeleuchtung an, und sofort ist alles ein Bißchen weniger unheimlich. Im Radio läuft Fußball, irgendein WM-Spiel, und um die Küche nicht zu lange davon abzuhalten, bestelle ich nur einen Teller Nudeln.

Gesättigt gehe ich noch ein wenig in der lauen Nachtluft spazieren. Aber nicht lange, denn die Mückenschwärme sind überall und sehr dicht. Beim Einschlafen höre ich das Meer rauschen, und den Wind.

  • Hier hatte ich Adelheid mit Klara verwechselt. Danke für den Hinweis, Klara!
Kategorien: Motorrad, Reisen | 8 Kommentare

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8 Gedanken zu „Reisetagebuch (7): StormChaser

  1. gerne gelesen

    Gefällt 1 Person

  2. Gegen Mücken haben wir beste Erfahrungen mit „Anti Brumm“ gemacht!

    Gefällt 1 Person

  3. Antibrumm enthält DEET. So lange man nicht in Malariagebiete fährt, reicht Ballistol – das ist komplett natürlich, wirkt zu 100 Prozent und genauso lange wie Antibrumm.

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  4. Ali

    Lese gerne mit. Gegen Mücken in Überzahl hätte ich entschieden etwas einzuwenden.
    Mückennärrisch nennt man das. Bin mal am Neusiedler See wegen den Saugerchen geflüchtet.

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  5. Klara

    Kleiner Besserwisser-Eintrag: Adelheid ist keine Nebenfigur in „Heidi“, sondern so wird Heidi von Frl. Rottenmeier genannt, da ihr Heidi zu bäuerlich ist …
    Frl. Rottenmeier selbst verfügt über keinen Vornamen, sie kam wohl gleich als Fräulein auf die Welt 😉

    Gefällt 1 Person

  6. Uh, echt? Und wie heißt dann das Mädchen im Rollstuhl? Ich dacht immer, das wäre Adelheid!

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  7. zwerch

    Klara Sesemann ist das Mädchen im Rollstuhl 😉

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  8. Ach gott, Klara! Na klar! Danke!

    ARGH, UND jetzt sehe ich auch, dass die Kommentatorin sich schon Klara nennt! Ts, also manchmal fällt die Erkenntnis wirklich Centweise.

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