Reisetagebuch (9): Die Hölle vor Tor 3

Mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute gibt es Furbo, es geht es unter die Erde und am Ende wird es sehr kalt.

Donnerstag, 28.06.2018, Grotta Castelana, Apulien

Oh, wie sie mir auf die Nerven gehen! Die Hölle, das sind die anderen.

Diese anderen und ich, wir warten vor Tor 3. Tor 3 ist der Einlass für alle, die an der nächsten Führung auf italienisch durch die Grotta Castellana, eine der größten Höhlen Italiens, teilnehmen wollen. Tor 2 ist für englischsprachige Besucher, Tor 1 für Gruppen aus Reisebussen. Vor den Toren ist ein kleiner Platz, auf dem schon mehr als 50 Menschen dicht gedrängt stehen, hauptsächlich Familien mit Kindern.

Neben mit steht ein Typ im besten Midlife-Crisis-Alter. Er hat einen blauen Lacoste-Pulli um die Schultern geknotet und hält von hinten eine überschminkte Blondine in den Armen, die er geradezu agressiv hin- und herwiegt. Freundin? Sekretärin? rätsele ich noch, da haut mir der Schunkler schon einen Ellenbogen in die Seite. Ich gehe ich ein Stück weg, er schunkelt hinterher und haut mir wieder den Arm in die Seite. Was stimmt mit dem nicht, denke ich noch, da rammt mir von vorne eine Frau ihren Rucksack in den Bauch. Von hinten hustet mir ein älterer Herr in den Nacken.

Von links schrammelt ein Opa auf einer Gitarre undefinierbares Zeug. Vermutlich bildet er sich ein, dass er ein Musik macht und dazu singt, aber aus dem Gitarrengequietsche lässt sich ein Lied nur erahnen, während der „Gesang“ klingt, als ob er sporadisch Stichworte ruft und zwischendurch hustet.

Von rechts hält ein anderer Opa dagegen. Allerdings ist bei ihm nicht mal mehr rudimentär eine Melodie zu erkennen, er brüllt und schreit nur wild vor sich hin und schlägt dabei mit den Fäusten auf seine Gitarre ein. Alle irre hier.

Es geht den beiden Opas gar nicht darum die Gunst des Publikums zu erringen. Es geht nur darum lauter zu schreien, lauter zu klampfen und lauter zu husten als der Kontrahent auf der anderen Seite der wartenden Menschen, die ihrerseits wegen des Lärms immer lauter reden und immer gereizter werden.

Grotta Castellana. Der Ort heißt so wie die Höhle.
Karte: Wikimedia, Nutzer NordNordWest, CC BY-SA 3.0, Ort von mir.

Zur Gereiztheit trägt auch das Wetter bei. Es ist mit über 25 Grad sehr warm, gleichzeitig ist die Luftfeuchtigkeit sehr hoch. Urwaldklima. Außerdem kommen immer mehr Menschen auf den Platz, alles drängt sich zusammen und reibt sich aneinander und schubst und redet laut aufeinander ein und dazu brüllen und schreien die Opas von beiden Seite. Eine Kakophonie des Grauens.
ALLE IRRE HIER. Viele, laute Menschen, die sich benehmen wie eine Herde Affen auf einem Felsen. Meine persönliche Hölle.

Zum Glück öffnet sich jetzt Tor 3, noch viel länger hätte ich das nicht ausgehalten ohne dem Schunkler seinen Pulli über die Ohren zu ziehen und die „Musiker“ umzuschubsen.

Jetzt geht es also durch den Eingang, und der Schunkler erweist sich als das, was Italiener Furbo nennen, einen Schlaufuchs. Er umrundet einfach die Schlange der Eintretenden und mogelt sich an den Anfang der Gruppe. Das ist Furbo: Immer andere austricksen, immer Löcher im System finden. Italiener können Furbos nicht leiden, bewundern sie aber dennoch insgeheim. Seine Aktion bringt ihm zwar nichts, aber das ist Furbo egal.

Eine Gruppe von bestimmt 70 Personen steigt nun hinab in die Grotta Castellana. Furbo und seine Freundin stehen ganz vorn und labern die Höhlenführerin zu, was den Start der Tour verzögert. Die Tour sei den beiden irgendwie zu lang, ob die Führerin das mal abkürzen könnte. So eine halbe Stunde würde ihnen gut passen. Die Nerven von dem Typen! Es gibt so Menschen, die denken, dass sich die ganze Welt nur um sie dreht. Ich hasse den Furbo inbrünstig. Zum Glück winkt die Höhlenführerin ab und meint, sie wird hier nach Stunden bezahlt.

Nach ewigem, umständlichen Rumgeeumele geht sie dann doch los, die schlechteste Tour, die ich je erlebt habe. Leider führt diese schlechteste aller Touren durch die zweitschönste aller Höhlen, die ich je gesehen habe. Fotografieren darf man leider nur in der Vorhöhle, nicht in der eigentlichen Höhle. Aber schon der Vorraum ist beeindruckend: Ein hoher Felsendom, dessen Decke eingestürzt ist. Durch das Loch scheint Licht hinab. Funfact: Die Leute hier in der Region kennen das Loch schon seit Ewigkeiten, und verwendeten es als Müllhalde. Erst 1938 kam jemand auf die Idee mal nachzugucken, ob darunter vielleicht noch eine Höhle ist.


Aus dem Augenwinkel beobachte ich den Furbo und seine Mätresse, und tatsächlich: Während die Höhlenführerin noch die grundsätzlichen Regeln erklärt, schiebt sich der Furbo in den Hauptgang und ist plötzlich verschwunden. Der ist mitsamt Begleitung einfach auf eigene Faust losgezogen.
Merkt die Führerin aber nicht.

Die merkt aber auch nicht, dass ihr im Verlauf der Tour fast 30(!) Personen abhanden kommen, die einfach nicht hinterherkommen oder auf halbem Weg keinen Bock mehr haben und umdrehen und allein zum Ausgang laufen. Ist auch kein Wunder: Anstatt das die Führerin oder ihre beiden Kolleginnen die Gruppe zusammen zuhalten, ab und an sammeln und an wichtigen Punkten was erklären, bleibt die Frau abrupt stehen, erzählt den zufällig gerade umstehenden was und geht dann sofort weiter. Das ist Mist und wird nur dadurch wett gemacht, dass die Höhle wirklich, wirklich großartig ist. Fast 1,5 Kilometer läuft man durch unterirdische Gänge und Grotten.

Manche Räume sind wie riesige Dome, andere immer noch große Gänge, die wie gotische Kathedralen wirken. Es gibt Räume mit 100.000 von halbmeter langen Stalagtiten zu sehen, Seen mit Kristallen und Höhlen mit Korallen. Absolut irre.

In der Höhle ist es, was ich nicht erwartet hätte, warm. 15 Grad und eine hohe Luftfeuchtigkeit, überall ist leichter Nebel zu sehen. Die Höhle hat keine Lüftung, und deswegen ist die Zahl der Führungen hier unten auch begrenzt. Die Luft ist schlecht und feucht und warm. In meiner Airbag-Jacke schwitze ich mich gerade tot. Denn auch wenn die eine tolle Lüftung hat, die bringt nur während der Fahrt etwas. Bin ich zu Fuß unterwegs, bringt die rein gar nichts, und der Airbag selbst ist halt so atmungsaktiv wie eine Plastiktüte.

Höhepunkt der Wanderung durch die Unterwelt ist die Grotta Bianca, die weiße Höhle. Das ist ein großer Raum, in dem die Tropfsteine so weiß wie Alabaster sind. Die Grotta Biance ist die Endstation, und da es nur einen Weg gibt, drehen wir um und gehen wieder zurück.

Plötzlich bleibt die Führerin immer öfter stehen und erklärt genau den gleichen Kram, den sie auf dem hinweg schon von sich gegeben hat, nochmal. WTF? Ich blicke auf die Uhr. Aha. Madame war zu schnell. Zwei Stunden soll der Rundgang dauern, die hat einfach die Zeit noch nicht voll. Ich bin zunehmend genervt.

Deshalb setze auch ich mich irgendwann von der Gruppe ab und marschiere allein zum Ausgang. Merkt die Führerin gar nicht, aber der ist ja eh´alles egal. Als ich auf den Fahrstuhl warte, der mich aus der Höhle herausbringen soll, sehe ich ein Schild und muss grinsen.

Ja, die Führung und die Temperaturen hier unten waren die Hölle, aber die Höhle, die ist traumhaft.

Wieder draußen suche ich mir eine Bank, ziehe die Jacke aus und setze mich in die Sonne, um möglichst schnell zu trocknen. Ich bin wirklich schon wieder komplett durchgeschwitzt und heilfroh, dass ich keine Microfaser-Klamotten anhabe. Das Polyesterzeug würde jetzt ähnlich schlimm stinken wie die Tech-Air-Jacke, und die riecht gerade wie Kuh aus dem Hintern. Dagegen riechen die Merinosachen, die ich unter dem Fahreranzug trage, gar nicht und sind auch ratzfatz wieder trocken.

Dann gehe ich zurück zum Motorrad, was am nahegelegenen Parkplatz abgestellt ist. Im Topcase am Heck sind zwei große Feldflaschen befestigt, eine davon trinke ich in gierigen Zügen leer.

Als ich die Maschine auf die Straße lenke und Luft durch die Jacke strömt, seufze ich wohlig auf.

Ich scheuche die V-Strom über die Landstraße nach Alberobello. Der kleine Ort ist bekannt ist für seine hohe Dichte an Trulli, das sind diese runden Häuschen mit ihren kegelförmigen Dächern.

Trulli sind komplett ohne Mörtel errichtet, sie bestehen nur aus aufgeschichteten Steinen. Die Mauern sind sehr dick und die Fenster klein, weswegen sich ein Trullo im Sommer nur langsam aufheizt und im Winter über lange Zeit nicht auskühlt.

Trulli waren früher die Häuser armer Leute, meist von Bauern. Im 17. Jahrhundert hielt der Graf Acquaviva d´Aragona (was für ein Name!) das Landvolk an, Häuser ohne Mörtel zu bauen. Das war ein Steuersparmodell, denn der Graf musste an die Krone steuern für jedes feste Wohnhaus zahlen, und Trulli, so seine Begründung, seien keine festen Häuser, weil sie sich einfach ab- und woanders wieder aufbauen ließen. Eine billige Ausrede war halt schon damals nen Taler wert.

Schon auf der Fahrt zur Grotte habe ich überall in der Landschaft vereinzelt Trulli gesehen. Aber hier, in Alberobello, da gibt es ganze Wohnviertel aus ihnen. Deshalb ist der Ort auch Unesco-Weltkulturerbe – und damit leider auch Touristenstadt. Es gibt keine Motorradparkplätze, und die offiziellen Parkplätze sind sehr teuer. Trotzdem sind sie schon voll belegt, und busladungsweise strömen Besucher in die Stadt.

In der ist heute zudem noch Markt. Aber nicht der übliche Gemüsemarkt, sondern MARKT. Ein großer Markt ist in Italien quasi ein mobiles Einkaufszentrum, das übers Land reist und alle paar Tage woanders ist. Hier wird nicht nur Gemüse verkauft. Es gibt Stände mit der neuesten Schuhmode, Stände mit Haushaltswaren, Stände mit Elektrogeräten… oft nimmt diese reisende Shopping Mall ein ganzes Stadtzentrum ein.

Das hat einen ganz praktischen Grund. Gerade in den kleinen Orten leben oft viele ältere Menschen, die nicht einfach so 50 Kilometer bis zum nächsten Klamottengeschäft oder Elektromarkt fahren können. Wenn die Leute nicht zu den Einkaufszentren kommen, kommt das Einkaufszentrum eben zu ihnen.

Ich will aber nicht shoppen, ich möchte Trulli gucken. Davon gibt es hier wirklich viele.

Es gibt sogar eine ganze Kirche, die im Stil der Trulli gebaut ist!

Ich schlendere durch die Stadt, die mit den niedrigen Steinhäuschen seltsam harmonisch wirkt.

Manche der Steinhäuschen tragen Symbole auf ihren Dächern.

Am frühen Nachmittag sattele ich die Barocca und fahre langsam gen Norden, durch die platte Einöde Apuliens. Feld an Feld zieht sich der Weg. Lange bin ich allerdings nicht unterwegs. Nach etwas mehr als 50 Kilometern komme ich in den Stadtverkehr von Bari.

Bild: Google Earth 2018

Die Hafenstadt Bari.
Karte: Wikimedia, Nutzer NordNordWest, CC BY-SA 3.0, Ort von mir.

Die Hafenstadt hatte im Vorfeld einiges an Hausaufgaben gebraucht, weil die Verkehrsführung hier etwas seltsam ist.

Das der Routenassistent im Navi sich genau diesen Ort aussucht, um erst Aussetzer zu haben und dann komplett abzustürzen, macht die Sache nicht einfacher. Plötzlich führungslos stehe ich mitten in Bari auf einer Kreuzung und weiß nicht mehr weiter.

Beim Anfahren mäht mich fast ein Bus nieder, der hupend aus dem Querverkehr angeschossen kommt. Puh, knappe Sache. Ist schon die zweite Hupbegegnung mit einem Bus. Apulische Busfahrer sind anscheinend genauso eigen wie Taxifahrer in Göttingen.

Ich drehe eine Runde durch ein Wohnviertel, halte am Straßenrand und warte, bis das Navi neu gestartet ist.

Verfahren in Bari.
Bild: Google Earth 2018

Dann schließe ich die Routen-App, die gerade nur Unsinn im Kreis anzeigt, und setze Anna auf das Ziel an. Dessen Adresse kenne ich auswendig, denn der Hafen von Bari hat mich im Vorfeld der Reise am Längsten beschäftigt. Bari ist zwar ein bekannter Ortsname für Italienreisende, vor allem wegen des Flughafens, aber eigentlich ist die Stadt echt winzig. Im Verhältnis zu der kleinen Stadt wirkt der Hafen riesig.

Rot: Der Hafen. Grün: Die Altstadt. Drum rum: der ganze Rest.
Bild: Google Maps 2019

Ich muss zum Terminal der Jadrolinija-Reederei. Das ist ein recht großes Gebäude im abgesperrten Teil des Hafens. Auf dem unteren Bild ist es das Gebäude mit dem senkrechten Pfeil. Direkt VOR dem Gebäude ist eine Zufahrt zum Hafen (waagerechter Pfeil). Easy, oder?

Bild: Google Earth 2018

Leider ist es nicht so einfach. Man kann nicht einfach durch das Tor fahren. Das ist mit einer Schranke verschlossen, davor stehen Wachleute. Das treibt Touristen an dieser Stelle des Öfteren in die Verzweifelung, denn das Wachpersonal spricht kein Wort englisch und fühlt sich auch nicht bemüssigt, irgendwie hilfsbereit zu sein. Und der Irrsinn geht noch weiter, denn man kann nicht nur nicht durch das Tor fahren, das direkt am Terminal liegt, das Terminal selbst ist auch vollkommen nutzlos. Was ist das logische Vorgehen, wenn man auf ein Schiff will? Man fährt zum Abfertigungsgebäude am Hafen und checkt dort ein, richtig? Falsch!
Informationen, Tickets und Bordkarten bekommt man nicht hier, sondern Kilometerweit entfernt an einem Pavillon auf einem Parkplatz. Ja, wirklich!

Zum Glück habe ich meine Hausaufgaben gemacht und kenne den Trick. Wochenlang habe ich immer wieder Blogs in teils absurden Sprachen gelesen und zig Youtube Videos von fluchenden Leuten geschaut, bis ich folgende Info zusammenhatte: Um zum Terminal zu kommen (1) muss man einmal um den Hafen rum fahren und das Tor bei (2) nehmen, was so aussieht, als dürfe man da gar nicht reinfahren. Dann parkt man auf dem großen Parkplatz (3).

Bild: Google Earth 2018

Am Rande des Parkplatzes ist eine Reihe Pavillons, und dort bekommt man tatsächlich alles Wichtige. DAS SAGT EINEM ABER NIEMAND. Weder auf den Seiten des Hafens noch der Reederei ist diese wichtige Info zu finden, und auch in den Bestätigungsmails bei der Buchung einer Passage steht das nicht drin. Deshalb schreibe ich das hier auch so genau auf, in der Hoffnung, dass es anderen Reisenden vielleicht einmal hilft.

Bild: Google Earth 2018

Die Sonne brennt vom Himmel. Ich möchte weder mich selbst noch das Motorrad in der Hitze leiden sehen, und so steuere ich die Barocca um Betonbarrieren herum und parke die Maschine direkt unter den Pavillons. Eine junge Frau, dem Aussehen nach Japanerin, sitzt auf einem Rollkoffer, der so groß ist wie sie selbst. Sie guckt kurz auf, mustert mich und wendet sich dann wieder ihrem Handy zu. Ein Stückchen weiter lehnt ein älteres Ehepaar an einem geschlossenen Schalter.

Ich steige ab, verstaue den Helm im Topcase und sehe mich um. Außer der Japanerin, dem Ehepaar und mir ist niemand hier. Die Pavillondächer bewegen sich in einer leichten Brise, aber trotz des Lüftchens ist es fast unerträglich heiß.

Ich wandere an den Pavillons entlang. In jedem sind zwei, manchmal drei Büros von Reedereien untergebracht. Alle sind geschlossen. Das Büro von Jadrolinija öffnet um 16:30 Uhr. Na, bis dahin habe ich noch viel Zeit. Ich bin mehr als zwei Stunden Stunden zu früh, und das mit Absicht. Es ist doch immer so: Wenn man ein Flugzeug oder eine Bahn kriegen muss, passieren unmittelbar vorher seltsame Dinge. Ich muss heute ein Schiff nehmen, das die letzte Fähre aus dieser Region für den Rest der Woche ist. Deshalb habe ich so geplant, dass ich heute morgen auch eine Reifenpanne hätte haben können und immer noch pünktlich gewesen wäre.

Ich schlendere Über den Parkplatz. Ein Verkäufer kommt auf mich zugeschlufft und bietet mir lustlos sein Sortiment an. Selfiesticks, USB-Ladegeräte, Kopfhörer. Nein danke, brauche ich alles nicht. Er schlurft davon. Gar nicht weit von hier ist die winzige, historische Innenstadt von Bari. Da könnte ich sogar hinlaufen. Aber ehrlich gesagt ist es dafür viel zu heiß, und ich bin zu angespannt, um jetzt verwinkelte Gassen und alte Kirchen angemessen zu würdigen. Zwar ist Warterei für mich meistens die Hölle, aber jetzt will ich nichts anderes machen als hier zu bleiben. Ich setze mich neben das Motorrad in den Schatten, hole den Kindle raus und lese.

Die Nachmittagssonne glüht vom Himmel. Ab und zu trifft ein Auto ein. Leute steigen aus, sehen die geschlossenen Schalter. Manche fahren dann wieder weg, andere bleiben bis vielleicht ein Dutzend Leute unter dem Pavillon wartet. Ein Mopped mit Frankfurter Kennzeichen kommt angschossen. Der Fahrer guckt kurz, sieht, dass noch alles verschlossen ist, dann geht er in der Gaststätte nebenan was essen. Als ich ihn wiedersehe, hat er seine Lederkombi ausgezogen und trägt nur noch Shorts und T-Shirt. Der macht´s richtig.

Um kurz nach halb fünf öffnet der Schalter von Jadronlinija, und gegen Vorlage meiner, zu Hause gebuchten, Tickets und meines Personalausweises bekomme ich einen Stapel Papiere. Bordkarten für mich und das Motorrad, alles in mehrfacher Ausfertigung. Wo ich jetzt hin muss, frage ich. „Zum Hafen“, sagt die Frau am Schalter. Als sie mein hilfloses Gesicht sieht, lacht sie und schreibt mir auf, wann ich wo sein muss, die Nummer der Laderampe und die Uhrzeit. Ich muss schmunzeln. Es ist Tor 3. Schon wieder.

Mit den Papieren in der Oberschenkeltasche schwinge ich mich auf´s Motorrad und fahre in das Hafengelände hinein. Auch jetzt komme ich nicht einfach so zum Jadolinija-Terminal, sondern muss daran vorbeifahren in Richtung der Anlegestellen für die Fähren nach Griechenland, dann eine 180-Grad-Wendung machen und auf der Gegenspur zurück zum Terminal kurven. Neben dem Terminalgebäude stelle ich das Motorrad ab, vor einem Tor, von dem ich vermute, dass es Tor 3 sein könnte. Eine Nummer trägt es nämlich nicht.

Das Hafengelände ist wie tot. LKW-Fahrer dösen im Schatten der Gebäude. Einige Hafenarbeiter sitzen vor einer Schnellimbissbude neben dem Terminal. Das Gebäude selbst ist leer, nur vor den Toiletten schiebt ein Wachmann seine Runde. Durch ein Fenster sehe ich den Frankfurter Moppedfahrer. Er steht schon am Kai und telefoniert. Wie ist der da hingekommen? Habe ich was falsch gemacht? Stehe ich hier verkehrt? Oder war der einfach Furbo und hat sich auf´s Gelände geschlichen?

Ich frage einen Hafenarbeiter. Der beruhigt mich. „Nein, Du stehst hier schon richtig. Boarding beginnt aber erst später“. Klar, das Schiff soll erst um 21:00 Uhr ablegen, jetzt ist es 17:30 Uhr. Ich spaziere an der Hafenmauer entlang, dann setzt ich mich unters Vordach und versuche zu lesen. Ich bin vor Aufregung so angespannt, dass es mir schwer fällt mich auf das Buch zu konzentrieren. Das ist mein erster Ausflug mit dem Motorrad eine Fähre. Stehe ich wirklich vor dem richtigen Tor? Was, wenn ich doch woanders hin muss?

Warten ist die Hölle, und die Zeit kriecht in der Hitze vor Tor 3 besonders zäh dahin. Ist der Minutenzeiger der Terminaluhr gerade ein Stückchen zurückgesprungen? Nein, habe ich mir wohl eingebildet.

Aber dann geht es los. Wie auf ein unsichtbares Signal hin wacht der Hafen auf. LKW-Fahrer reiben sich den Schlaf aus den Augen, klettern in ihre Führerhäuser und lassen die Motoren an. Hafenarbeiter tauchen auf und weisen Lastwagen ein. Und dann öffnet sich Tor drei. Aufgeregt springe ich zum Motorrad und fahre los.

Hafenarbeiter in gelben Warnwesten lotsen mich ein Mal um das Gebäude herum. Auf der Rückseite liegt bereits die Dubrovnik. Die fast 120 Meter lange Autofähre ist an der Kaimauer festgemacht. Die Laderampe am Heck ist weit geöffnet, aber die Besatzung lehnt noch an der Railing und macht Pause. Ich soll das Motorrad erst einmal abstellen, bedeutet man mir. Also mache ich das, hänge den Helm über den Lenker und verkrieche mich schnell in den Schatten des Hafengebäudes.

Warten.
Warten.
Warten.

Ich weiß, was als Nächstes kommt. Habe ich in einem Youtube-Video gesehen. Irgendwann werde ich die Rampe zum Schiff hochfahren, dann wird eine Mitarbeiterin die Papiere kontrollieren, dann wird mir ein Platz zugewiesen und dann werden die Schiffsmitarbeiter das Motorrad professionell und schnell mit Gurten an einer Bodenhalterung verankern. Aber erstmal:

Warten.
Warten.
Warten.

Dann höre ich ein „OI!“ und sehe, wie mir ein Matrose zuwinkt. Ich steige auf´s Motorrad, lasse den Motor an und fahre die Rampe hoch. Am Übergang zwischen Rampe und Schiffsrumpf wartet die Mitarbeiterin, die die Papiere kontrolliert. Ein Mitarbeiter winkt, und weist mir einen Platz am Rand des noch leeren Parkdecks zu. Alles ist genau so, wie ich es vorher auf Youtube gesehen habe.

Ich steuere die V-Strom nahe an die Schiffswand, dann klappe ich den Seitenständer aus und lasse die Maschine darauf runter. Das Motorrad neigt sich, bis der Seitenkoffer wenige Zentimeter von der Wand entfernt ist. Passt meiner Ansicht nach perfekt. So, wo bleiben die Mitarbeiter, die das Motorrad jetzt professionell und schnellmit Gurten sichern? Die sehe ich nicht, nur einen blassen, dünnen Jungen, der etwas hilflos mit einem Stück Strick und einem Handtuch neben mir steht und so wirkt, als habe er keine Ahnung, was er nun tun soll.

Ein Vorarbeiter kommt herbeigeeilt, bellt etwas, das ich nicht verstehe und signalisiert mir mit wedelnden Handbewegungen, dass ich näher an die Wand fahren und die Maschine anlehnen soll. Nee, bedeute ich mit Handzeichen, mache ich nicht. Vielleicht ließe sich damit noch ein wenig Platz sparen, aber dann würde das ganze Gewicht auf dem Seitenkoffer liegen und nicht mehr auf dem Ständer. Das sei ihm egal, wedelt der Vorarbeiter. Mir aber nicht, winke ich zurück. Dann bellt der Vorarbeiter etwas, und der blasse dünne Junge kommt mir einem dicken Plastikkissen wieder. Ich hebe die Barocca nochmal kurz an, das Kissen wird zwischen Wand und Koffer geklemmt, dann lasse ich die Maschine wieder sinken.

Ich winde mich zwischen Motorrad und Bordwand heraus und steige über die rechte Fußraste ab, dann nehme ich einen kleinen Rucksack mit dem nötigsten für die Nacht aus dem Topcase und schließe den Helm darin ein. Zu guter Letzt wickele ich ein Klettband um die Handbremse. Jetzt kann sich das Motorrad keinen Zentimeter mehr bewegen. Zwar ist auch der erste Gang eingelegt, aber sicher ist sicher.

Ich schaue dabei zu, wie der blasse, dünne Jungmatrose erst sein Handtuch über den Sattel der Barocca legt und dann den Strick einmal um das Motorrad schlingt.

Das sieht okay-ish aus, zumal die Überfahrt nicht übermäßig unruhig werden soll. Wäre die Wettervorhersage anders, würde ich jetzt die Rokstraps vom Gepäckträger nehmen und das Motorrad damit nochmal zusätzlich sichern. Ich werfe noch einen letzten Blick auf die Maschine. Wir sehen uns morgen früh wieder. Halt die Ohren steif. Dann verlasse ich das Parkdeck durch ein Schott, dass mit einem Fußgängerzeichen markiert ist.

Mehrere Decks über der Parkebene komme ich an eine Rezeption, wie in einem Hotel. Eine Mitarbeiterin kontrolliert meine Papiere und schiebt mir denn den Schlüssel für Kabine 512 über den Tresen.

Die ist nur zwei Gänge weiter,aber das Schiff ist ohnehin nicht riesig. Die Dubrovnik ist nur 120 Meter lang, 12 Meter hoch und gerade mal 18 Meter breit. Das reicht aber aus, um 1.300 Passagiere und 300 PKW zu befördern.

Die ganze Nacht werden wir auf See sein, und es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie man die verbringen kann: Mit einer Deckspassage, in einem Sessel oder in einer Kabine. Deckspassage ist am günstigsten, aber am unbequemsten. Man bucht im Prinzip nur die Überfahrt, muss dann aber sehen, wo man auf dem Schiff bleibt. Die Profis unter den Deckspassagieren erkennt man daran, dass sie direkt zu bevorzugten Schlafplätzen eilen und die mit einem Schlafsack oder einer Decke sichern. Es dauert nur wenige Minuten, bis jede Nische, die Ränder der breiteren Gänge und ruhige Plätze unter Treppen in Schlafplätze verwandelt sind.

Etwas komfortabler ist die Überfahrt in einem Sessel. Die stehen in Reihen in mehreren Sälen.

Kabinen gibt es in mehreren Varianten, meist für zwei, drei oder vier Personen und mit Gemeinschaftsklo. Es gibt Innenkabinen ohne Fenster und Außenkabinen mit einem Bullauge. Ich habe mir den besonderen Luxus geleistet und eine Außenkabine für zwei Personen nur für mich alleine gemietet. Besonders exklusiv: Es ist eine von nur zwei Kabinen mit einem eigenen Bad. Nicht nur einer Toilette, sondern auch einer Dusche.

Ich schäle mich aus den nassen Motorradklamotten und nehme eine lange Dusche. Es tut gut, den klebrigen Schweiß wegzuspülen. Den ganzen Tag habe ich geschwitzt wie ein Üchel und dabei viel zu wenig getrunken. Ich saufe die zweite Feldflasche am Stück leer, dann lege ich mich nackt auf´s Bett und schließe die Augen.

Es hat alles geklappt, jetzt kommt die Überfahrt. Ich merke, wie ich langsam zur Ruhe komme. Jetzt greift die Müdigkeit nach mir. Bevor ich einschlafe, stehe ich wieder auf und schmeiße mich in Jeans und T-Shirt. Ich habe Hunger und möchte was essen, außerdem muss ich irgendwo Wasser herbekommen, jetzt, wo meine Vorräte weg sind.

Ich streife durch die Gänge Dubrovnik. Es gibt ein Restaurant, aber das ist leider nicht geöffnet. Es gibt Automaten mit Wasserflaschen, aber die nehmen keine Euromünzen. Verdammt. Ach, egal.

Setze ich mich halt auf´s Oberdeck des Schiffes und sehe dem Betrieb im Hafen zu.

Langsam versinkt die Sonne im Meer.

Es wird dunkel und kühl. Der Strom der Fahrzeuge, die im Bauch des Schiffes verschwinden, reisst nicht ab. Selbst um 21:00 Uhr nicht, als die Fähre eigentlich ablegen soll. Immer wieder kommt noch ein LKW, noch ein Wohnmobil. Aber dann ist es doch soweit. Ein Signal ertönt, und die Motoren laufen an, die die Rampe hochziehen -aber dann gehen sie wieder aus. Ich höre Motorräder durch den Hafen röhren. Und tatsächlich, auf den letzten Drücker kommt noch eine Rotte Biker um die Ecke.

Dann geht es aber wirklich los. Die Rampe wird hochgeklappt, die Schiffsdiesel röhren auf, und langsam schiebt sich die Dubrovnik von der Hafenmauer weg. Über dem Hafen von Bari leuchtet ein voller Mond.

Ich schließe die Augen und lasse mir die kühle Seeluft um die Nase wehen, bis die leuchtende Küstenlinie Italiens langsam am Horizont verschwindet. Das hier ist genau nach meinem Geschmack.

Später ziehe ich mich in meine Kabine zurück, in der es zu meinem Erstaunen eisekalt ist. Gut, dass die lange Merinounterwäsche schon wieder trocken ist. Mit der und der Fleecejacke an kuschele ich mich in die Koje.

Das Schiff rollt ein wenig nach links und rechts, der Seegang ist wohl nicht ganz ruhig. Das leichte Wiegen und das Brummen der Schiffsmotoren lullt mich schnell in den Schlaf. Meine letzten Gedanken gelten dem Motorrad, das irgendwo tief im Bauch dieser Bestie steht, gerade für mich nicht erreichbar. Das erzeugt ein seltsames Gefühl des Kontrollverlusts und der Ohnmacht in der Magengegend, das mich in den Schlaf begleitet, während das Schiff auf die adriatische See hinausfährt.

Kategorien: Motorrad, Reisen | 5 Kommentare

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5 Gedanken zu „Reisetagebuch (9): Die Hölle vor Tor 3

  1. gern gelesen.

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  2. Ali

    Luxus pur mit der Kabine. Anbinden mit einem Kälberstrick ist das Leid der besitzlosen Hauptständer.
    Mit, wäre das ein Klacks die Mühle pep an die Wand zu stellen. Ich meinte, gelesen zu haben, daß das Mopped diverse Verzurrösen hat? War dann wohl für „richtige“ Abspannung.
    Ansonsten toll be/geschriebener Bericht mit Lust auf mehr.

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  3. Nee, das wären maximal Zentimeter gewesen. Hauptständer aufbocken machste ja auch von links. Um Zwischen Wand und Karre stehen zu können, kannste auch nicht Plan da dranfahren. den Kälberstrick haben auch alle bekommen, auch die Hauptständeries.

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  4. natira

    Ich habe beim Lesen der Höllenerlebnisse mit Dir gelitten. 😉

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  5. Stephan

    Merke: die Überfahrt über die Adria erfordert so viel Vorbereitung und Spezialwissen, dass man es lieber gleich sein lässt…auch eine Möglichkeit die Nachfrage nicht größer werden zu lassen, als das Angebot. Nicht dass man sich am Ende noch mehr und/oder größere Schiffe anschaffen muss, die dann in 10 Jahren irgendwo vor sich hingammeln

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