Familiäre Dialoge -X-

Am Telefon:

„Sohn, hier ist Dein Vater. Ich brauche mal die Straßenverkehrsordnung, kannst-Du-mir-die-schicken.“

Ich: „Hä? Vater, was willst Du denn damit?“

„Na, diese Frau da, die ist da hysterisch geworden und hat rumgeschrien „Mein Mann war das nicht“, aber die waren´s doch, und das steht auch in der StVO, da schreibe ich jetzt einen Brief, dafür brauche ich das“.

„Moment, der Reihe nach. Wieso ist die Frau hysterisch geworden?“

„Na, weil ich gesagt habe die sind Schuld. Die haben auch Schuld, das steht völlig außer Frage.“

„??? Vater, fang bitte vorne an!“

„Mensch Sohn! Ich wollte zum Hyundai, der wollte doch das mit dem Airbag machen, obwohl ich denen erklärt habe, dass bei dem Wetter…“

„Ja, DIE Geschichte kenne ich! Schön, dass Du Dich da endlich drum gekümmert hast!“ (vgl. Familiäre Dialoge IX)

„Auf jeden Fall bin ich in die Stadt gefahren und weil mein Navi nicht aktuell ist hatte ich das Telefonbuch dabei, aber die Straße war nicht richtig“

Verwirrt: „Was?!“

„Mensch Sohn, nun hör doch mal zu! Im Telefonbuch ist ein Stadtplan. Nach dem bin ich gefahren. Aber ich war in einer Parallelstraße. Und dann wollte ich aussteigen und mich orientieren, und als ich die Tür aufmache, BUMM. Hat er mir die ganze Tür zusammengschoben. Aber die haben Schuld!“

Ich überlege kurz welches die Parallelstraße zu der ist, an der die Hyundaiwerkstatt liegt. Ungläubig frage ich dann: „Vater, Du hast mitten auf einer der am dichtesten befahrenen Straßen der Stadt angehalten und einfach ohne zu gucken die Tür aufgerissen?“

„Was heißt da ohne zu gucken?? Natürlich habe ich geguckt, aber ich habe doch hinten keine Augen im Kopf! Denk doch mal nach bevor Du redest!“

„Und jetzt willst Du die Straßenverkehrsordnung von mir haben und dann den Unfallgegner mit Briefen bombardieren, in dem Du selbst recherchierte Stellen aus der StVO, laienhafte Vermutungen und Anschuldigungen vermischt?“

„Ja!?“

„NEIN!!! Geh zu einem Anwalt!“

„Aber das geht nicht! Ist auch völlig unnötig! Die waren Schuld, ist eindeutig! Konnte jeder sehen! Steht auch in der StVO, dass man Abstand halten muss! Anwalt brauche ich nicht, sagt einem doch schon der gesunde Menschenverstand, dass…“

„Den Anwalt bezahlt übrigens die gegnerische Versicherung.“

„Ach ja?
Äh.
Ja, das weiß ich natürlich. Also meinst Du, ich soll da einen Termin machen.“

„Ja! Und schreibe vorher nicht selbst irgendwelche Briefe! Und schieb das nicht auf die lange Bank!“

(fröhlich) „Ach, eilig habe ich es nicht. Mein Auto ist ja jetzt in der Werkstatt. Die haben mir als Ersatzwagen eine Luxuslimousine gegeben. Die fährt sogar elektrisch! Und ganz viele Bildschirme und Knöppe hat die. Und weißte was? Die Knöppe, die muss man gar nicht drücken, weil das Auto alles von alleine macht!“

„Das ist ja toll. Soll ich Dir die Nummer des Anwalt sagen?“

„Mensch Sohn, doch nicht während der Fahrt! Ich sitze hier im Auto und bin schon wieder auf dem Weg in die Werkstatt.“

„Warum das denn?“

„Stell Dir vor, die haben gar keinen Schlüssel für mein Auto, jetzt muss ich denen meinen hinbringen. Diese Döspaddel!“

Oh man. Er hat der Werkstatt allen Ernstes sein Auto abgeliefert, es abgeschlossen und ist mit dem Schlüssel nach Hause gefahren. Aber das ist gerade das kleinste der Probleme. Ich bekomme das Bild nicht auf dem Kopf, wie er gerade mit dem unbekannten Riesenauto fährt, eine Hand am Telefon, auf den Knien das Telefonbuch balancierend, umgeben von Knöppen, die man nicht drücken muss.

Das macht mir Angst.

Frühere Dialoge:
Kraftfahrzeugbundesamt-Wettererklärdialog
Kostenloskulturdialog
Poststornierungsdialog
Nötigungsdialog
Tantenmonolog
Mehr Dialog
Noch ein Dialog
Anderer Dialog
Noch ein anderer Dialog

Kategorien: Familienbande | 16 Kommentare

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16 Gedanken zu „Familiäre Dialoge -X-

  1. Oh du meine Güte!

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  2. Ich kann die Angst verstehen!

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  3. Tauti

    Armer Silencer, ich glaube die Angst ist berechtigt. Das hört sich schon wieder nach unüberlegten Aktionen an, für die Ihr Vater ja pädestiniert ist.

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  4. Hi Silencer… Kakau aufgefüllt…?? 😀
    Ist das auch so ein „Fall“, der besser nicht mehr selbst fahren sollte?
    Da muss ich dran denken, dass ich 2002 das letzte Mal neben meinem Vater saß (als Beifahrer)…ich hatte Angst!!!… und er ist noch bis 2012 gefahren, kurz danach wurde ihm eine Demenz attestiert (mir glaubt ja keiner, vor allem seine LG nicht, ihr habe ich es schon lange Zeit vorher gesagt). So, wie die Fähigkeit zum Fahren von Fahrzeugen sinkt, sinkt leider auch die Fähigkeit, sich selbst einzuschätzen. Bin (auch) für gesetzliche Kontroll- Mechanismen. (Dass mein Vater dann Alzheimer „gebracht“ hat ist natürlich ein besonders schwerer Fall, aber die nachlassende Reaktionsfähigkeit ist wohl bei allen ein Problem). Wie sie schon mit offenem Mund angespannt hinterm Lenkrad klemmen! Völlig überfordert! Dann noch ne Umleitung oder etwas hüpft auf die Straße oder jemand bremst…und es ist aus! Mir kam solch eine Mumie schon als Geisterfahrer entgegen, vielen Dank auch! War in der Stadt und auf der Spur war nix los, Wochenende, aber wie er glotzte…merkte, dass was falsch war… Mund aufgerissen, starrer Blick…und weiter fahren, am Lenkrad festgetackert…vergess ich nie!
    (Das geht jetzt nicht gegen deinen Vater, ich bin allgemein angefressen von den vielen Gefährdern… fahre viel und man ist ja seines Lebens nicht sicher… da kann man selbst aufpassen wie man will!

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  5. Ich weiß genau Was du meinst. Hier bei uns im Dorf gibt es auch so ein paar Pflegefälle. Der eine ist praktisch blind sieht nichts mehr und eiert immer noch mit einem Golf eins durch die Gegend, der andere ist schon mal mitten im Stadtverkehr bewusstlos geworden. Unverantwortlich sowas.

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  6. zwerch

    Bin wie immer zum einen sehr belustigt und zum anderen erschüttert

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  7. rudi rüpel

    Hei Silencer, hallo Silencianer,

    ja wer kennt sie nicht die Alten, Blinde und Lahmen? Die Unfähigkeit sicher am Straßenverkehr teilzunehmen läßt sich allerdings nicht auf das Alter reduzieren, schaut euch nur mal den Walter an.
    Walter Röhrl ist gemeint. Wäre es nicht lustig wenn der zum Test müßte? Also ich kenne Kandidaten die mit über 70 einwandfrei unterwegs sind. Körperliche Gebrechen und mangelnde Praxis sind doch das eigentliche Problem. Mir hat mal ein rasender Rentner gesagt, wer rastet der rostet. Recht hat er!
    Und wer kennt nicht die eine Frau, die nur innerorts fährt und nur dann wenn die Kinder zur Schule müssen. Sonst fährt nämlich Papi, denn auf der Autobahn leidet Mutti unter Spurwechsel Phobie. LIEBEn Gruß

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  8. @Rudi: Um im Einzelfall feststellen zu können, wer noch fahren kann und wer nicht, ist eine regelmäßige Kontrolle sinnvoll. Frankreich finde ich gut: Ab 72 alle drei Jahre zur Fahreignungsprüfung, zack, Problem gegessen.

    Die Geschlechternennung im letzten Absatz ignorieren wir mal, der trifft so heute universell zu. Ich kenne auch Männer, die innerorts mangels Übung rumschleichen und auf der AB stumpf die Mittelspur blockieren. 🙂

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  9. rudi rüpel

    Hei Silencer,
    es stimmt was du schreibst, ist doch klar daß es auch Männer mit zu wenig Fahrpraxis gibt.
    Die Frau von der ich berichtet habe gibt es. Sie ist eine gute Freundin und die Frau von meinem Freund. Sie heißt Gabi (Name geändert). Gabi hat irgendwann bemerkt daß alle ihre Freundinnen ihre Kinder mit sehr großen Autos zur Schule bringen. Und wieder abholen.
    Also um 13 Uhr bricht in der Umgebung von unserem Schulzentrum das totale Chaos aus. Der Schulbus kommt manchmal nicht komplett in seine Parkbucht, weil teilweise zugeparkt, der Neffe meiner Freundin wurde mit seinem Fahrrad von einer Mutter angefahren, die fuhr weiter weil sie ihr Kind abholen mußte. Tja und am Steuer sitzen fast immer Frauen, na gut den ein oder anderen Opa habe ich gesehen, aber Väter sieht man selten.
    Zurück zu Gabi, Gabi’s Freundinnen haben ihr gesagt daß es viel sicherer für die Kinder sei, sie in einem SUV, bei uns nennt man die schon Muttipanzer, zur Schule zu bringen. Warum? Wegen dem hohen Verkehrsaufkommen! hahahahaha!
    Zur Schule gehen, geht nicht, weil zu weit, im Fall von Gabis Söhnen ca. 1 Kilometer. Eine Freundin von Gabi meinte, daß die Jugendlichen von den anderen Jugendlichen als Verlierer gehänselt würden, wenn sie nicht gefahren werden. Ich habe mit Gabis Jungs gesprochen, es scheint so daß diejenigen die mit dem Bus kommen, in der Hackordnung die Rangniedrigsten sind.
    Es kam wie es kommen mußte, vor Gabis Haus STEHT nun ein riesen Teil, Gabi fühlt sich damit unsicher, sagt sie, aber sie fühlte sich auch schon in dem Familienkombi den sie vorher hatte nicht wohl, weil zu unübersichtlich. Ich denke selbst im alten Mini Cooper würde Gabi sich nicht besser fühlen, weil sie einfach zu selten fährt. Einmal bin ich mit Gabi gefahren, ihr Mann hatte was getrunken, Gabi fuhr auf die Autobahn, nachdem sie den ersten LKW mit ca. 98 km/h überholt hatte blieb sie auf der Mittelspur, nach 10 Kilometern ungefähr, habe ich sie gefragt warum sie nicht auf die rechte wechselt, da lachte sie und meinte sie hätte eine, Silencer du weißt was jetzt kommt, Spurwechsel Phobie.
    Übrigens, Gabi und die meisten ihrer Freundinnen wählen grün. Und die Jungs von Gabi meinen die Klimakatastrophe würde bald ihr Ende bedeuten.
    Es gibt in meinem Bekanntenkreis nur drei Frauen die regelmäßig und viel fahren und die lassen sich fast immer kutschieren, wenn ihre Männer dabei sind.
    Statistisch gesehen sind meine Schilderungen sicher nicht verwertbar, nur berichte ich halt gerne über eigene Beobachtungen.
    Silencer, genug zu Gabi. Obwohl……… Nein! Es reicht! Beim Thema Alters Test liegst du mit deiner Meinung evtl. richtig. Zu dem Thema habe ich keine Meinung. Die Frage ist natürlich auch wie son Test
    ablaufen soll, nochmal ne vollwertige Führerschein Prüfung, ein Gesundheits Check, MPU, eine Demonstrationsfahrt? Keine Ahnung. Nur wenn das mal politisch angegangen werden sollte, na da schwant mir nix gutes. Wenn so was kommt dann sicher nur durch die Hintertür. Kann mir nicht vorstellen daß eine Partei die Idee in ihr Wahlprogramm aufnimmt.
    Silencer danke für deine Antwort und entschuldige den Roman!
    LIEBEn Gruß
    rudi rüpel

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  10. Dieses SUV-Schüler-Ding ist die mathematische Spieltheorie bei der Arbeit: Jeder versucht für sich die Situation zu verbessern (größeres Auto, mehr Sicherheit) und verschlechtert sie damit für sie und alle anderen (Stau, Verkehrschaos, angefahrene Kinder). Schlimm.

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  11. DL650R

    Also für mich steht fest, dass es eine jährliche Gesundheitsprüfung für Rentner geben müsste, die auch knallhart und ohne Rücksicht auf Verluste den Führerschein entzieht. Allerdings MUSS der Beginn dieser jährlichen Untersuchung ZWINGEND an das Renteneintrittsalter gekoppelt werden damit die Politik damit nicht Schindluder treibt.

    Erinnert ihr euch noch daran, dass bei Einführung der Wehrpflicht ab 18 gezogen wurde aber man erst mit 21 wahlberechtigt war? Also sterben für’s Vaterland war mit 18 Ok, wählen aber nicht? Da kam es dann auch zur Entscheidung die Volljährigkeit auf 18 abzusenken.

    Ähnlich sehe ich das bei der peniblen Fahrtüchtigkeitsüberprüfung. Da darf es dann auch nicht auf der einen Seite bedeuten, dass Renteneintrittsalter auf 76 hochzusetzen (mit der dem Zwang zur Annahme jeden Jobs auch in bis zu 200 km Entfernung) und auf der anderen Seite kommt dann mit 55 der Führerscheinentzug wenn man etwa das Sportabzeichen nicht mehr schafft.

    Wäre beides aber im Alter gekoppelt, würde das zum Einen Renteneintrittshochsetzungsekalationen Einhalt gebieten, andererseits wäre es aber auch leichter möglich dem Alkohol zugeneigten Frührentnern eher auf die Finger gucken. Damit dürfte im Sinne der Sicherheit allen gedient.

    Aber ich fürchte in der aktuellen Politik des galoppierenden Irrsinns hätte diese Regelung keine Chance, weil sie zu praxisnah wäre und auch kaum sachliches Angriffspotential bietet (Der Ruf: „One Auto komme ich aber nicht zum Arzt!“ ist ja nun gerade kein Argument dafür, dass der Fahrer noch fahrtüchtig wäre).

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  12. Den letzten Absatz finde ich ganz wichtig. Einfach den Leuten das Auto wegnehmen, das kann man nicht machen. Sowas muss ein Bestandteil einer größeren Strategie sein, generell Autos von den Straßen zu bekommen. Dazu gehört ein massiver Ausbau des ÖPNV, gerade im ländlichen Bereich, und von mir aus eine kostenlose Jahreskarte.

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  13. rudi rüpel

    Hei DL650R,

    mir erschließt sich ihre Verknüpfung nicht so ganz. Was hätte eine Fahrtauglichkeitsprüfung mit der Rente zu tun? LIEBEn Gruß

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  14. JP

    Ach Gott! Jetzt weiss ich, wieso die SUV Sparte die am schnellsten wachsende ist. MUTTIS!!!

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  15. JP

    Die Annahme, dass man mit 60 oder 65 eventuell zu alt zum Fahren ist, aber nicht zum Malochen.

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  16. JP

    Da schwebt mir eine Idee einer Plakette vor. Die muss man jährlich erneuern und BEZAHLEN, Dann würde es gehen. :-/

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