Reisetagebuch Sardinien (1): Motivationsbildkitsch

Herbstreise nach Sardinien. Die Insel im Mittelmeer ist die letzte Region Italiens, die Herr Silencer noch nicht bereist hat. Das muss sich ändern.

Donnerstag, 18. Oktober 2018, irgendwo im Hunsrück
Ich schrecke hoch. Eben war ich noch so müde, dass ich fast eingenickt wäre. Jetzt bin ich plötzlich wieder hellwach. Der Reisebus schaukelt durch die Nacht. Die Fahrt nimmt und nimmt kein Ende. Ich versuche in dem unbequemen Bussitz eine halbwegs erträgliche Position zu finden, was sich als gar nicht so leicht rausstellt. Ich bin sowieso kaputt und verspannt, seit Wochen schon.

Die Sommerreise mit dem Motorrad liegt schon wieder Ewigkeiten zurück. Vier Monate ist es her, dass ich von der Sechsländerreise zurück kam. In diesen vergangenen vier Monaten gab es quasi non-stop viel Arbeit. Der Herbst ist traditionell eine Phase mit hoher Arbeitslast, aber dieses Mal war es heftiger als sonst.

Lange Arbeitstage, nach denen ich kaum zur Ruhe gekommen bin, was Nächte voller wirrer Träume zur Folge hatte. Das geht mal, phasenweise. Aber diese Hochlastphase hält jetzt schon ein Jahr an, mal mehr, mal weniger intensiv. Ungesund ist das schon lange. Ich kriege den Kopf nicht mehr frei, und wenn ich nicht arbeite, bin ich müde und habe keine Lust was zu machen. Sport, Hobbies,… ne, lass mal, keine Energie für.

Der heutige Tag bildet da keine Ausnahme. Früh aufgestanden, drei Stunden Autobahnfahrt, dann fünf Stunden konzentrierte Arbeitsbesprechung. Am späten Nachmittag aus dem Kundentermin raus. Eine Kollegin hat meine Tasche mit Arbeitsunterlagen dankenswerterweise mit zurück nach Hause genommen, ich bin mit meinem Reiserucksack in einen Zug nach Frankfurt gesprungen. Nun sitze ich in diesem Bus.

Neben mit beginnt ein Mann laut zu telefonieren, während ein Sitzreihe vor mir eine Frau mit eingeschalteten Tastentönen „Candy Crush“ oder ähnlichen Unfug spielt und hinter mit jemand in ein stinkendes Wurstbrot beisst. Ich hasse meine Mitreisenden. So ist das, wenn ich zu lange unter Dampf stand. Dann werde ich dünnhäutig und übellaunig. Dann ärgert mich die Fliege an der Wand. Dieser Zustand ist nicht mit einem langen Wochenende im Bett wieder behoben, sowas sitzt tiefer. Die ganze Welt soll mich in Ruhe lassen, das ist alles, was ich jetzt will.

Ich sehe auf die Uhr. Noch zwei Stunden bis zum Flughafen Frankfurt Hahn. „Frankfurt“, dass ich nicht lache. Wird sich mir nie erschließen, wieso man diesen Flughafen im Dorf Lautzenhausen, das kurz vor Trier liegt, „Frankfurt“ genannt hat. Grimmig starre ich aus dem Seitenfenster.

Viel mehr als vorbeiziehende Leitplanken sind im Dunkel nicht zu sehen. Der Bus kurvt von Frankfurt aus nach Mainz und Wiesbaden und schaukelt dann durch den Hunsrück. Jetzt weiß ich auch, warum die Fahrt so lange dauert… der hält an jeder Milchkanne an.

Der Flughafen „Frankfurt Hahn“ liegt in Lautzenhausen. Das ist näher an Trier als an Frankfurt.
Bild: Google Earth 2018

Es ist schon lange dunkel, als der Bus endlich in Lautzenhausen ankommt.

Bogenlampen werfen gelbes Licht in nebelige Herbstluft. Zuletzt war ich vor 17 Jahren hier, seitdem ist der Flughafen gewuchert.
Meine Güte ist das jetzt riesig hier.

Ich bin leider zu spät dran. Die Schnellrestaurants schließen gerade, zu essen gibt es nichts mehr. Das ist ein wenig doof, denn wegen des langen Arbeitstages bin ich schon nicht zum Mittagessen gekommen. Egal, gibt es heute Abend eben eine Müsliriegelration aus dem Rucksack.

Ich trotte zum BB-Hotel, das direkt vor dem Flughafenterminal steht.

Am Tresen stehen wild gestikulierende Franzosen, die offensichtlich ihren Checkin erst noch ausdiskutieren müssen. Ich schleiche um die Gruppe herum in den Fahrstuhl und fahre in den fünften Stock. Ich brauche keinen Checkin. Der Hotelcomputer hat mir einen Code geschickt, der die Tür zu Zimmer 511 öffnet.

Das Zimmer blickt auf einen Parkplatz hinaus. Hunderte von Wagen stehen hier. Der Flughafen Hahn ist wirklich mächtig gewachsen, seitdem ich das letzte Mal hier war.

Ich mag BB-Hotels. Die verzichten auf unnötigen Schnickschnack, sind aber nicht so extrem spartanisch wie z.B. die französischen Billigketten, bei denen das Bad nur noch eine geschlossene Kunststoffkapsel ist. Hier gibt es noch ein richtiges Badezimmer, ein gutes Bett und sogar einen kleinen Schreibtisch, der heute als Blogarbeitsplatz herhalten muss. Noch ein wenig Riesetagebuch schreiben, dann kippe ich ins Bett.


Freitag, 19. Oktober 2018, Lautzenhausen

Es ist noch dunkel, als ich aus unruhigem Schlaf hochschrecke. Ein Blick auf die Uhr: Kurz nach halb sechs. Ich wälze mich aus dem Bett und falle unter die Dusche, rolle in den Fahrstuhl und wanke ans Frühstücksbuffett, ohne währenddessen wirklich wach zu werden.

So früh am Morgen bin ich der einzige Gast, aber nicht lange. Offensichtlich wollen noch andere früh abfliegen.

Früh ist kein Problem, und immerhin streikt Ryan Air heute nicht. Die Gefahr bestand tatsächlich. Aber die haben lediglich meinen Flug drei Stunden vorverlegt. Ist mir auch recht, da ich ohnehin am Vorabend anreisen und am Flughafen übernachten wollte, spielt das keine Rolle.

Einen Kaffee später bin ich geringfügig wacher, schultere meinen Rucksack und laufe ohne Checkout aus dem Hotel und hinüber in das Terminal des Flughafens.

An der Sicherheitsschleuse wird an zwei Schlangen schon heftig kontrolliert.

In einer Schlange steht ein junges Paar mit Kinderwagen, vollbepackt mit allerhand Rucksäcken und Taschen. „Was, ich soll ALLES an Flüssigkeiten auspacken?!“ empört sich die junge Mutter und fängt dann an in einem halben Dutzend Taschen herum zu kramen. Wie dusselig kann man eigentlich sein? Hat die die letzten 20 Jahre auf dem Mond verbracht oder was?

Ich stelle mich schonmal an die andere Schlange an. Vor mir ist ein Amerikaner. Der ist diese Securityfolklore gewohnt und, anders als das Muttertier nebenan, perfekt vorbereitet. Er legt seine Reisetasche in eine Plastikwanne, zippt sie auf, legt ein Notebook und einen kleinen Beutel mit Kosmetika daneben, Zack, ist er durch.

„…und hier ist noch der Babytee. Und hier meine Zahnpasta…“, höre ich von nebenan.

Ich lege meinen Rucksack auf den Tresen, zippe ihn auf und packe Netbook und einen Ziplock-Gefrierbeutel mit Zahnpasta, Rasierschaum und Shampoo in Minifläschchen daneben.

Nebenan fängt die junge Mutter an, die unteren Sedimentschichten des Kinderwagens auf dem Fußboden auszubreiten und zu Durchwühlen. Laut verkündet sie immer neue Funde, die sie aus einem Riesenberg Klamotten zieht. „…hier, Creme. Und Sonnenmilch. Hier, noch eine Flasche Tee…“, sagt sie und drückt ohne hinzusehen dem hilflos daneben stehenden Erzeuger des Kindes Flasche um Flasche in den Arm.

Der Sicherheitsmann und die Fluggäste in der Schlange hinter der Familie rollen kollektiv mit den Augen. Dafür scheint die Mutter einen sechsten Sinn zu haben, den sie deutet plötzlich auf den Sicherheitsmann und verkündet den Umstehenden laut „Ja, MIR macht das hier auch keinen Spaß, DER DA hat gesagt ich soll alle Flüssigkeiten auspacken.“

Ich verziehe das Gesicht. Vermutlich ist die Frau Lehrerin. Zumindest war das genau der nörgelnde und leicht empörte Tonfall, in dem man auch „Ja, MIR macht das hier auch keinen Spaß. Für MICH ist das auch die sechste Stunde!“ hören würden.

Aus irgendeinem Grund scheinen vor allen Dingen junge Mütter oft zu denken, dass generelle Regeln für sie nicht gelten. „ICH ALS MUTTER muss das doch nicht, oder?“ Doch, musst Du. Schwanger werden ist keine Leistung, die einen von irgendwelchen gesellschaftlichen Konventionen oder Regeln entbindet.

Zuversichtlichen Schrittes gehe ich durch den Metalldetektor. Der kann gar nicht anschlagen. Alles, was ich jetzt noch am Körper habe, einschließlich Gürtel und Uhr, ist aus Plastik. Extra wegen diesem Sicherheitszirkus.

Tja, war ich wohl zu selbstbewusst. „BEEEEEP“ macht der Metalldetektor, und ich werde rausgewunken und mit einem Handscanner abgesucht. Es ist -natürlich!- die kleine Geheimtasche im Inneren meiner Jeans. In der steckt eine Notfallkreditkarte in einer RFID-sicheren Hülle, die hat den Scanner anschlagen lassen.

Zur Belohnung bin ich jetzt verdächtig und bekomme einen vollen Pat-down, inkl. Vorzeigen der Schuhe. Beim Verlassen des Sicherheitsbereichs komme ich an einem Abstimmungsgerät vorbei. „Wie hat ihnen ihre Sicherheitserfahrung heute gefallen?“ steht da und darunter fünf Smilies, von superhappy bis tieftraurig. Ich drücke den „wütender Smiley“-Knopf tief ins Gehäuse. Er fühlt sich abgenutzt an.

Dann heißt es warten bis das Boarding beginnt.

Um kurz vor 08:00 Uhr geht es endlich los. Auf dem Flugfeld wartet schon eine Boing 737-800 mit der irischen Laute am Heck, dem Logo von Ryan Air.

Die Zeiten der Superbilligtickets sind vorbei, auch Billigflieger kosten wieder Geld. Ich habe sogar noch etwas draufgelegt und mir sowohl Premiumboarding als auch einen Wunschsitzplatz gegönnt. Für 8 Euro mehr darf als erster einsteigen und habe auch Platz für mein Gepäck.

Nicht ganz unwichtig, denn ich reise tatsächlich nur mit Handgepäck. Mein Rucksack ist ein Cabin Max, der genau den erlaubten Maßen der Billigairlines entspricht. Ich weiß, Rucksäcke sind eigentlich out, alle Welt benutzt Trolleys. Aber bei denen nehmen die Griffmechanik und die Rollen Platz ein und verbrauchen Gewicht. Der Cabin Max fasst mehr Inhalt und ist mit 600 Gramm superleicht. Da kriege ich alles rein, was ich für zwei Wochen brauche, und ich muss kein Gepäck extra aufgeben.

Um kurz nach 08:00 Uhr sitze ich endlich im Flugzeug und bin erleichtert. Für manche Leute ist fliegen ja so einfach und gewöhnlich wie Busfahren, aber für mich ist das immer wieder spannend und auch stressig.

Als der Flieger abhebt, fällt die Anspannung ein wenig von mir ab. Als ob sie zurückbleibt wie der Nebel, der in den Tälern des Hunsrück wabert. Von oben sehen die Berggipfel, die aus dem Nebel herausragen, aus wie Inseln in einem Meer aus Wolken.

An anderen Orten wallt der Morgennebel nur in Tälern herum, die aussehen wie gefüllte Spinnennetze. Ich liebe es, im Flugzeug aus dem Fenster zu sehen. Und wenn Ryan Air 50 Euro für einen Fensterplatz haben wollte, auch die würde ich bezahlen. Fasziniert wie ein kleines Kind glotze ich ununterbrochen raus, bewundere Wolken und versuche zu raten, wo wir gerade sind. Das da sind die Alpen!

Und da ist die Po-Ebene, hinter Mailand! Oh, die italienische Küste! Hehe, das sieht aus wie das Hafenbecken im Norden von Genua. Moment, das IST das Hafenbecken von Genua! Anscheinend ist die „Costa Concordia“, die im Februar noch hier lag, entgültig demontiert.

Das Flugzeug steuert auf´s Meer hinaus, dann geht es über eine Insel, die nur aus steilen Bergen zu bestehen scheint. Korsika! Wenige Augenblicke später ist Korsika wieder verschwunden, und eine andere Insel kommt ins Blickfeld. Weniger Berge, dafür eine abgeschmirgelt wirkende Landschaft. Das ist Sardinien.

In den vergangenen Tagen gab es hier schlimme Unwetter mit Stürmen, Springfluten und Überschwemmungen. Brücken sind eingestürzt und Straßen wurden weggespült. Von oben ist gut zu sehen, was die Unwetter in Küstennähe angerichtet haben. Überall steht Wasser auf den Feldern, auch die Salzbecken sind übervoll. Könnte sein, dass die Salzernte dieses Jahr vom Regen vernichtet wurde.

Das Flugzeug dreht eine enge Runde und schraubt sich dabei runter, was ein wenig wirkt, als würde es ins Meer stürzen. Tut es zum Glück nicht, es setzt nur am Ende sehr hart und abrupt auf.

Flugstrecke. Rund zwei Stunden braucht der Flieger.
Bild: Google Earth 2018

Als sich die Türen öffnen, trifft mich fast der Schlag. Das es hier warm sein würde hatte ich erhofft und erwartet, aber das die Luft feucht wie ein nasser Schwamm sein würde nicht. Das Klima ist fast tropisch, und die Luftfeuchtigkeit trifft mich wie ein Dampfhammer. Fast schlagartig läuft mir der Schweiß aus allen Poren. Was für ein krasser Unterschied, vor 10 Minuten habe ich noch gefroren und Eiskristalle am Fenster angesehen.

Ich schultere meinen Rucksack und schlängele mich links und rechts an den anderen Reisenden vorbei, die noch mit ihren Rollköfferchen kämpfen. Ich bin alleine, ich habe nur Handgepäck, dadurch bin ich viel schneller als alle anderen.

Als die Herde an der Toilettenanlage eintrudelt, bin ich schon wieder unterwegs in Richtung Ausgang. Ich habe sogar Zeit, um ein Foto von diesem Plakat zu machen: Sand mitnehmen ist Diebstahl! Hört sich an wie Satire, ist aber wohl ein Ernstes Problem, nicht nur auf Sardinien, sondern generell in Urlaubsorten.

Ich habe vorher genau recherchiert, wo am Flughafen Cagliari-Elmas die Mietwagenverleiher sitzen und steuere stracks auf das Gebäude zu. Viel zu sehen gibt es ansonsten eh nicht, der Flughafen Cagliari ist ein gesichtsloser Zweckbau mit angeflanschter Metallfassade.

Hässlich: Flughafen Cagliari.

In einem Container unter diesem Parkhaus sitzen die Mietwagenfirmen.

Ich habe über den Reseller „Car del Mar“ bei Hertz reserviert. Car del Mar verhökert Restkapazitäten von Vermietern für wenig Geld und packt noch eine Vollkaskoversicherung oben drauf. Ich wähle über die meistens Hertz, weil ich mit denen bislang nur gute Erfahrungen gemacht habe. Guter Service, Autos in gutem Zustand und mit wenigen Kilometern auf der Uhr und vor allem: Keine doofen Abzockmaschen, bei denen „Kreditkarten plötzlich nicht funktionieren“ und man deswegen leider, leider eine Zusatzversicherung abschließen muss.

Nein, sowas hat Hertz nicht nötig. Zu der Firma gehören auch Dollar und Firefly. Trotzdem jedes Mal wieder die spannenden Frage: Erkennen sie meinen Voucher von Car del Mar an? Versucht ein schlecht ausgebildeter Angestellter es doch mit der Zusatzversicherung? Und: Gelingt es, die erforderliche Kaution auf meiner Kreditkarte zu blocken?

Das kann nämlich ein echtes Problem sein. Gerade in Deutschland werden oft „Kreditkarten“ ausgegeben, die nur Debitkarten sind. Das machen auch Banken wie N26 gerne. Damit ist eine Anmietung aber gar nicht möglich. Auch bei echten Kreditkarten kann es Probleme geben, wenn der von der Bank garantierte Verfügungsrahmen nicht hoch genug ist. Banken sagen gerne, dass man den ja durch Einzahlungen erhöhen könne. Ein Guthaben auf dem Kreditkartenkonto erhöht aber nur den Betrag, den man selbst ausgeben kann. Das interessiert Autoverleiher aber nicht. Aus diesem Grund kündige ich gerade meine Bahncard-Kreditkarte. Die 1.000 Euro Kreditrahmen darauf reichen nicht mal aus, um einen Kinderwagen anzumieten. Selbst für einen Kleinwagen will Hertz in Italien in manchen Regionen 1.900 Euro Verfügungsrahmen sehen, für die Anmietung teurer Sportwagen muss man sogar zwei Kreditkarten mit bis zu 4.500 Euro vorweisen können.

Ich bin der erste am Mietschalter, und die Prozedur geht schnell. Sogar noch ein wenig schneller, nachdem ich einmal mit meiner Hertz-Goldkarte herumgewedelt habe. Die habe ich wirklich nur zum Rumwedeln, damit die Angestellten gar nicht erst auf komische Ideen kommen. Außerdem kann man damit Warteschlangen überspringen.

„Möchten sie vielleicht ein Upgrade?“, fragt der Mann hinter dem Tresen. „Wir hätten da noch einen netten SUV“… „NEIN“, rufe ich, etwas lauter als nötig und stecke schnell die Goldkarte wieder weg. „Bitte, KEINEN SUV“. Ey, wir sind hier in Italien. Ich möchte einen dieser zähen Kleinwagen, mit denen man überall hinkommt und immer einen Parkplatz findet.

Die Registrierung am Vermietungsschalter geht schnell, aber mittlerweile nicht mehr ohne Smartphone. Auf das bekomme ich Mietunterlagen und Schadensbericht meines Autos gemailt, Unterlagen auf Papier gibt es praktisch nicht mehr. Ich unterzeichne sogar auf einem Tablet, dass der Hertz-Angestellte mir hinhält. Wenige Sekunden später habe ich eine Mail mit dem Fahrzeugszustand:

Wunder der Technik, denke ich.

Als ich endlich den Autoschlüssel in der Hand habe, bin ich ein klein wenig erleichtert, aber immer noch angespannt. Was ist das wohl für ein Wagen? Ich biege um die Ecke des Hertz-Areas und hüpfe fast vor Freude: Es ist ein mausgrauer Fiat 500! Unauffällig, klein und wendig! Genau so, wie ich es gerne habe! Der „Cinquecento“ ist außerdem hoch genug auf den Beinen, dass er auch mal einen Feldweg wegsteckt.

Leider bekomme ich den Wagen nicht auf und brauche Hilfe von einem Angestellten. Zum Glück ist nur die Batterie im Schlüssel leer, und das Türschloss hakt ein wenig.

Als das geklärt ist, und ich endlich im Auto sitze, ziehe ich eine kleine Halterung aus dem Rucksack, die ich in die Lüftungsschlitze im Armaturenbrett stecke. Da hinein kommt mein Telefon, auf dem die Navigon-Software läuft. Das ist nicht ganz so super wie Copilotin Anna auf dem Motorrad, aber es muss reichen. Das Motorradnavi ist zu schwer, um es im Handgepäck mitzunehmen.

Gespendet haben die Motorräder eine ihrer Kameras. Ich zögere kurz, dann klebe ich eine VIRB an die Frontscheibe und befestige eine kleine Fernbedienung dafür am Lenkrad. So, Abfahrbereit!

Wenig später rollt das Autochen vom Flughafengelände. Vor uns liegt die Großstadt Cagliari, aber darauf habe ich jetzt keine Lust. Ich steuere über eine Schnellstrasse aus dem Stadtgebiet heraus und auf die Berge zu.

Als die Landschaft an mir vorbeirauscht und mir langsam dämmert, dass ich es geschafft habe und die komplexen Prozedere von Anreise, Flug und Mietwagengesumms hinter mir liegen, bricht plötzlich und unvermittelt ein lautes Lachen aus mir heraus. Ich bin kurz selbst erstaunt von dieser Reaktion. Das ist die Erleichterung, das bis hierhin alles gut gegangen ist.

Ich verfahre mich ein wenig, weil das Navi sich in einer Endlosschleife verfangen hat. Zwei Baustellen bringen es so aus dem Tritt, dass ich einmal im Kreis fahre und so fast eine Stunde verliere.

Aber das ist mir egal. Mich treibt niemand, und was auch nicht schlecht ist: Ich lande in einem Supermarkt, in dem ich erstmal einkaufe. Hier gibt es in einer Warmhaltetheke lokale Spezereien, von gefüllten Blätterteigtaschen bis hin zu warmen Puddingkuchen! Ein Traum!

Dazu kaufe ich 10 Liter Wasser, abgepackte Sandwiches und ein paar Äpfel. Wo werden die gewogen? Und was war nochmal das Wort für Waage? Das war was ganz einfaches, sowas wie… Scala?

„Seniora“, frage ich eine Mitarbeiterin, „Dov´é la scala?“ sage ich und hebe meinen Beutel mit den Äpfen hoch. Ihr Blick verrät, dass ich gerade das falsche Wort gewählt habe. Sie runzelt die Stirn, dann lacht sie plötzlich „An der Kasse. Und es heisst „Bilancia““. Ich muss lachen, weil mir gerade einfällt, dass Scala Treppe heißt. Ich habe gefragt wo die Treppe für das Obst ist.

Nach dem Einkauf setze ich mich ins Auto und nehme Kurs auf die Berge.

Ich kurve durch die Bergwelt Sardiniens. Mehr hatte ich mir für den ersten Tag nicht vorgenommen, nur Autofahren durch den Südosten der Insel. Und man, war das die richtige Entscheidung! Einfach nur Autofahren über eine bestens ausgebaute Straßen, die hinter jeder Ecke einen Ausblick auf die zerklüfteten Berge bereit hält. Ich bin ja durch dreidimensionale Landschaft leicht zu beeindrucken, und diese Berge und die tiefen Klüfte lassen mich staunen. Die meiste Zeit bin ich auf der Strasse allein.

Bild: Google Earth 2018

Gegen Mittag werde ich plötzlich so müde, das mir die Augen zufallen. Kein Wunder, die letzten Nächte waren kurz, die Tage lang. Statt weiter durch die Berge zu kurven, fahre ich zu meiner ersten Unterkunft auf Sardinien, einem kleinen Hotel bei Villasimius.

Bild: Google Earth 2018

Eigentlich wollte ich heute ganz woanders übernachten, aber die Unterkunft hat vor zwei Tagen abgesagt. Die Unwetter haben die Zufahrtsstraße zur Pension weggewaschen. Aber der Ersatz, das Hotel „Fiore di Maggio“, entpuppt sich als tolle Anlage aus geduckten Häuschen, zu denen sogar ein Privatstrand gehört.

Eleonora, eine Angestellte, zeigt mir das Atrium, den Pool und mein Zimmer. Ich habe ein Vierbettzimmer ganz für mich allein. Sogar ein Etagenbett gibt es! Hehe, wenn man alleine reist, gibt es wenistens keinen Streit wer das obere Bett bekommen darf.

Auf dem Bett liegt ein handgeschriebener Willkommensbrief. Sowas hatte ich auch noch nicht.

Beim Auspacken gucke ich nochmal auf die Mietbestätigung. Auch wenn ich das weiß, und Hertz miese Tricks nicht nötig hat, habe ich selbst einen Fehler gemacht. Ich habe mich wohl nicht klar ausgedrückt und aufgrund von HÖFLICHER FORMULIERUNG („Nein, danke, eine Zusatzversicherung benötige ich nicht, die basale reicht“) dooferweise eine Basisversicherung in Höhe von 200 Euro abgeschlossen, die in meinem Voucher schon enthalten wären. Dumm. Notiz an mich selbst: Klar sagen, dass ich KEINERLEI Versicherung will. Weitere Feststellung: Mein Italienisch ist noch nicht Verhandlungssicher. Dabei steht die Versicherung ganz oben auf dem Vertrag, den ich unterzeichnet habe. Aber da stehen auch noch ganz viel andere Posten und Kosten, die mal addiert, mal subtrahiert werden, und von den Beträgen stimmt KEINER mit dem auf meinem Voucher überein. Ach, ärgerlich.

Ich könnte jetzt an den Strand gehen, aber ich bin soooo…. müde. Kaum habe ich mich auf´s Bett gelegt, bin ich eingepennt.

Zwei Stunden später schrecke ich hoch und bin immer noch total matschig. Ich könnte jetzt durchschlafen bis morgen früh. Stattdessen erhebe ich mich noch einmal, steige in den Fiat und fahre zu einem Strand in der Nähe.

Hier wandere ich ein wenig herum. Ein deutsches Paar versucht seine Kites zusammenzulegen. Gar nicht einfach, es ist windig.

In Ufernähe führt ein Steg über das Wasser. Im Licht der untergehenden Sonne sieht das aus wie ein Motiv für eines dieser kitschigen Motivationsbilder, die mit Sinnsprüchen auf Facebook rumgereicht werden.

Aaah… Wind, Meer, Wellen, Sand… ey cool, ich bin auf Sardinien!

„Vergiss niemals dein Weg der ist voll Sorgen und Glück, gehen musst du ihn selbst außer ist Privatgrundstück und betreten verboten“
– aus der Rubrik „krasse Bilder mit Sprüche“ der Facebookgruppe „Happy Burzeltag“

Tour des Tages.
Bild: Google Earth 2018

Kategorien: Reisen | 5 Kommentare

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5 Gedanken zu „Reisetagebuch Sardinien (1): Motivationsbildkitsch

  1. „Ich bin ja durch dreidimensionale Landschaft leicht zu beeindrucken“ Ich mag diese Schreibe und muss immer wieder schmunzeln. Und die kleinen Lifehacks (versteckte Ersatzkreditkarte) und Produkttipps. Und deine Misanthropie, auch wenn die deiner Anspannung entstammt. Möge dein Alltag wieder angenehmer werden.

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  2. zimtapfel

    Ich vergesse ja grundsätzlich immer irgendwelche Münzen oder Schlüssel in der Hosentasche und gewinne so jedes verdammte Mal die vollständige Durchsuchung. Man könnte meinen, ich lege es darauf an…
    Beim Flughafen Fankfurt-Hahn muss ich ja immer an die Geschichte denken, als damals(TM) Herr Modnerd und ein Kommilitone einen Flug ab dort gebucht hatten (glaube nach Spanien) und – Frankfurt-Hahn war seinerzeit noch nicht so ein stehender Begriff wie heute – die Entfernung Götown-Frankfurt als Bemessungsgrundlage für die eingeplante Fahrzeit zugrundegelegt haben. Und dann ein wenig in die Bredouille kamen… (Den Flug haben sie aber noch erreicht. Glaube ich.)

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  3. @BlaBlog: Merci 🙂

    @Zimt: Gegen Vergesslichkeit kenne ich leider auch kein Mittel… Die Modnerd-Geschicht ist lustig, aber er meint gerade, das war noch anders 😀 Das soll er aber selbst erzählen.

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  4. In die Bredouille kamen wir, weil wir damals zum falschen Hahn gefahren sind (Hahn Taunusstein) was auch „irgendwie“ bei Frankfurt war. Die Leute waren dort sehr verwundert, als wir nachts an einer Tankstelle nach einem Flughafen gefragt haben. Allerdings waren wir extra am Abend vorher losgefahren und haben uns noch Marburg angesehen, so dass noch gut Zeit war. (Und die Hahns waren am Ende nicht sooo weit voneinander entfernt).

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  5. Wunderschön, ich gerate gerade wieder ins schwärmen und dabei lese ich gerade erst die Anreise! Habe mir verboten, in Teil 2 zu spoilern. Gelernt habe ich aber auch etwas, das debit – Karten doch Nachteile haben. Lebe seit 7 oder 8 Jahren damit und hatte bisher noch keine Probleme. Aber gut zu wissen, vielleicht muss ich doch mal wieder auf eine echte Karte wechseln…
    So, und jetzt fahre ich zu Teil 2…

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