Reisetagebuch Sardinien (3): Nackt

Herbstreise nach Sardinien. Heute mit Schildkröten, Luxusorten, James Bond und blanker Haut.

Sonntag, 21. Oktober 2018, Agriturismo Jannis, in der Nähe von Orgosolo
Kuchen. Noch ein Kuchen. Joghurt. Brötchenimitat. Käse. Gekühlte Bananen. Äpfel. Weintrauben. Eine geschälte Honigmelone. Völliger Irrsinn, was Rita hier an Frühstücksbuffet aufgefahren hat.

„Capuccino?“, fragt sie, als ich vor dem riesigen Tresen stehe und mich nicht entscheiden kann. „Caffé Doppio, bitte“, sage ich geistesabwesend. „Meinst Du…“, fragt sie und guckt mich zweifelnd an. Ich muss lachen. „Nein, nicht „Americano“ oder „Lungho“, wirklich Doppio!“, sage ich, und Rita freut sich und haut mir auf die Schulter.

Kaffeebestellen in Italien sollte man drauf haben, und die Leute freuen sich, wenn man zumindest das kleine Kaffee Ein mal Eins beherrscht. Capuccino nur zum Frühstück, ansonsten immer Espresso. Will man die volle Dröhnung, dann einen doppelten Espresso, eben einen Doppio. Touristenkaffee ist der „Americano“ oder „lungho“, das ist dann Espresso mit viel Wasser. Für Italiener ein völlig unverständlicher Frevel, aber es kommt dem Filterkaffe, den insbesondere die Deutschen immer noch toll finden, am nächsten. Latte Macchiato trinkt niemand, der kein verweichlichter Großstädter ist. Caffe Macchiato trinken alte Leute mit Magenproblemen, das ist Espresso mit mehr Milch drin.
Ich trinke überall nur Doppio. Der dröhnt, und man muss davon nicht so schnell auf´s Klo.

Am Buffett ignoriere ich Brötchen und Käse. Das würde ich in Deutschland frühstücken, aber hier ist herzhaftes Frühstück nur eine Art Cargo-Kult. Die Italiener wissen, das es sowas wie herzhaftes Frühstück gibt, aber sie verstehen es nicht. Käse und Wurst, das packt man in Italien nicht auf ein Brot oder ein Brötchen. Warum sollte man? Diese Dinge haben für Italiener überhaupt keinen Bezug zueinander. Käse und Wurst isst man zu Wein oder als Vorspeise und am Abend, Brötchen und Brot tut man am Besten in Suppe.

Aber die Gäste vom Kontinent stehen nunmal darauf, und deshalb stellen die Gastgeber ihnen Dinge hin, die wie ein herzhaftes Frühstück aussehen, aber einfach nicht funktionieren. Brötchen werden sich in aller Regel als zuckersüß entpuppen, der Käse als zu kräftig oder Bröckelhart, und oft stimmt die Form einfach nicht. Mein persönliches Highlight war, als ein Herbergsvater malfreudestrahlend eine Schale gestiftelten Pizzakäse und ein Rosinenbrötchen hinstellte. „Brötchen mit Käse, genau wie ihr Deutschen das mögt“. Ja, nee, lass mal.

Nein, ich gehe heute morgen an die Croissants, das passt gut zu einem Espresso. Es sind Schokocroissants, frisch selbst gemacht, noch warm, mit Nutella gefüllt und mit Puderzucker bestreut. Das wird wieder Sodbrennen geben. Egal. Lecker ist es trotzdem.

Direkt nach dem Frühstück verabschiede ich mich. „Immer diese Geschwindigkeit“, stöhnt Rita hinter ihrer Bar. „Du hast Dich doch nicht mal an die Landschaft gewöhnt!“ „Ja, aber jetzt weiß ich ja, wo ich Dich finde! Und wenn ich wiederkomme, dann für länger und mit dem Motorrad!“ sage ich und lächele. In dem Moment ertönt direkt vor mir, auf dem Empfangstresen, ein schnarrendes Geräusch, und mit einem leisen „Pffft“ jaucht mir einer der Luftbedufter eine Ladung Raumparfum in die Fresse. „Oh“, sagt Rita.

Wenig später kurvt der kleine Fiat 500 durch die Bergwelt. Es ist kühl, gerade mal 14 Grad, und ich habe die Fenster oben und die Heizung an.

Ich muss ja sagen: So sehr ich es vermisse, nicht mit einem Motorrad auf diesen perfekten Kurvenstraßen unterwegs zu sein: So ein Autochen hat auch seine Vorteile. Das Gepäck muss nicht militärisch genau gepackt sein, ich kann meinen ganzen Krempel einfach in den Kofferraum werfen. Auch einfach mal viel einkaufen ist möglich, 10 Liter Wasser und dazu Proviant für 3 Tage habe ich aktuell an Bord. Und: ich kann unterwegs Hörbücher und Podcasts hören. Oder schnell mal anhalten, ein Foto machen und weiterfahren, und dabei muss ich nicht mit Handschuhen oder sonstwas rumhantieren.

Die Temperatur steigt schlagartig, als ich durch einen Tunnel fahre und auf der anderen Seite einer Bergkette herauskomme, einige Hundert Meter über dem Meer. Hier strahlt die Morgensonne, und plötzlich sind es fast 30 Grad. Ich lasse die Fenster runter und konzentriere mich auf die Serpentinen, die zur Küste hinunterführen.

Bild: Google Earth 2019

Am Fuß der Berge, im Golf von Orosei, liegt Cala Gonone. Der Ort ist bekannt für seine Höhle, die Grotta del Bue Marino, die Höhle der Meerochsen. Das ist eine Mönchsrobbenart, die hier früher mal lebte, aber seit den 80ern ausgestorben ist.

Heute kann man ihre Höhlen besuchen, was tatsächlich die allermeisten Sardinienbesucher tun. Allerdings geht das nur per Boot, und ich habe keine Lust, den halben Tag mit jeder Menge Leute auf einem Schiffchen zu verbringen. Nein, ich bin hier, um das Aquarium anzugucken.


Aus irgendeinem Grund mag ich Aquarien und war schon in den größten Europas, von Valencia bis Genua. Ich weiß nicht genau was ich mir von Cala Gonone erwartet habe, jedenfalls keine Wunder. Das Aquarium ist modern, erst 2010 eröffnet, aber mit 25 Minibecken ist es zu klein, als das hier Spektakuläres zu erwarten wäre. Denke ich zumindest.

Oh, wie falsch ich damit liege! Ja, es ist klein, und trotzdem ist es dieses kleine Aquarium, mit seinen unspektakulären Becken und seinen wenigen Räumen, das mich total begeistert. Die Macherinnen der Ausstellung haben auch das Aquarium in Genua kuratiert, und hier haben sie sich auf zwei Dinge konzentiert: 1. Eine klare Botschaft. Die lautet: Die Meere sind durch Umweltverschmutzung und Überfischung jetzt schon kaputt, dass muss besser werden. Und 2: Selbst keinen Exponaten wohnt ein Zauber inne, man muss ihn nur freilegen.

Es beginnt alles mit einer Loggerhead-Schildkröte, die der Star der Ausstellung ist. Vor Jahren wurde sie hier in der Nähe gefunden. Sie hatte den Magen voller Kunststofffetzen und sich in einem Nylonseil verfangen, das ihr eine Flosse nahezu durchtrennt hatte. Halb verhungert wurde sie an den Strand gespült und dort von Möwen angegriffen, die ihr ein Auge aushackten. Fast tot lag sie am Strand und wurde in letzter Sekunde gerettet. Die Helfer des Aquariums verarzteten die Wunden und operierten die Kunststoffteile aus ihr heraus. Heute ist sie DIE Attraktion des Aquariums, aber heute morgen versteckt sie sich. Ich bekomme sie nicht zu Gesicht.

Die Ausstellung zeigt sehr eindrücklich, was die Vermüllung der Meere und insbesondere der Plastikabfall in der Natur bewirken. Meerestiere verfangen sich in Kunststoffabfällen und verhungern. Oder sie fressen den Kram und verenden daran elendig. Es gibt sogar Bilder von Schildkröten, die Plastikschnüre und -netze versuchten zu fressen. Weil sie sich nicht übergeben können, hängt dann so ein Netz vorne auf dem Maul und hinten aus dem After der Schildkröte heraus, und das Tier verhungert.

Den kleinen Becken wohnt tatsächlich ein besonderer Zauber inne, man muss nur hingucken. Die Clownsfische zum Beispiel, die in einer Seeanemone spielen, die ihnen Schutz bietet.

Oder dieses Krebsdings, das aussieht wie eine Lebensform auf dem Weltall.

Männliche Hummer haben zwei gleiche Scheeren, bis sie in die Pubertät kommen. Dann wird eine zur schlanken Schneideschere, die andere wächst riesenhaft zu einer Knackschere („Crusher“). Weibliche Hummer finden eine große Knackschere unwiderstehlich.

Eine Muräne lugt aus einem Felsen, ein kleiner Tintenfisch versucht sich unsichtbar zu machen, und in einem Becken wird gar nur Seegras ausgestellt und seine Bedeutung im Ökosystem erklärt. Alles unspektakulär, und doch so gut gemacht und so auf den Punkt, dass ich hier wirklich Spaß habe und echt was lerne.

Meeresschildkröten gibt es im Mittelmeer immer noch, aber es werden weniger. Grund dafür ist auch die Lichtverschmutzung und der Klimawandel.

Die Mamaschildkröte schleicht sich ja Nachts an den Strand und legt dort Eier. Ist es zu warm, was es in den letzten Jahren oft war, sterben die Eier.

Schlüpfen daraus eines Nachts doch kleine Schildkrötis, dann wollen die Neugeborenen sofort ins Meer. Das finden sie, weil sie darauf programmiert sind, auf die im Halbdunkel leuchtende Brandung zu zu krabbeln. Wenn aber in Strandnähe künstliche Lichtquellen sind, verlaufen sich die Schildkrötenkinder und sterben. Finden sie das Meer, schwimmen sie auf die See hinaus. Werden sie dabei nicht von Seevögeln gefressen oder verhungern, paddeln sie so lange allein im Meer herum, bis sie erwachsen sind. Dann müssen sie eine Partnerin oder einen Partner finden, und dann erst kehren sie an den Strand ihrer Geburt zurück. Voll gefährlich, so ein Schildkrötenleben. Eigentlich ein Wunder, das die als Spezies überhaupt so lange überlebt haben.

Tief beeindruckt verlasse ich das Aquarium und mache mich wieder auf den Weg zur Felswand. Jetzt geht es den Weg umgekehrt, die Serpentinen hoch und wieder durch den Tunnel und dann nach Norden. Durch den Ort Orosei fahre ich nur durch, genauso durch Olbia und Porto Arancia.

Hier sieht es so aus wie überall in wuchernden Peripherien, alles voller Betonblocks und Zweckgebäude. Ich mache nur einen kurzen Stop, um in einem Supermarkt fertige Sandwiches zu kaufen. Auch modern, aber etwas schöner wird es im Norden. Keine Ahnung warum, aber aus irgendeinem Grund hatte ich einen Parkplatz bei Porto Rotundo im Navi. Der liegt genau zwischen zwei Sandstränden. Ich halte an und blicke sehnsüchtig auf´s Meer, das hier kristallklar ist und blau leuchtet. Mittagspause? Ach, warum nicht. Wenn ich hier schon nicht bade, dann kann ich wenigstens am Meer Mittag essen.

Ich krame Essen, Badelaken und eine Flasche Wasser aus dem Kofferraum und gehe zum Strand hinab. Alle anderen Badegäste sind ein gutes Stück weg, und das ist auch Okay so. Ich bin eine seltsame Erscheinung hier, weil ich in Jeans und Hemd und Sonnenhut herumstiefele.

So, schön Laken ausgebreitet, Essen ausgepackt. Ha, was ist das für ein Ausblick!

Plötzlich schnappt ein kleiner Hund nach meinem Salamiwrap. „Ey! AUS! RUNTER!“, rufe ich laut, in genau dem Tonfall, auf den Hunde immer hören, egal in welcher Sprache. Aus den Augenwinkeln sehe ich die Besitzerin heranlaufen. „Entschuldigung! Macht er ihnen Probleme?“, ruft sie auf italienisch.

Ich blicke auf und werfe ihr unter meiner Hutkrempe einen Blick zu. Sie ist groß. Und schlank. Und schön. Und nackt. Naja, nicht ganz. Zwischen geradezu unglaubwürdig langen Beinen und einem durchtrainierten Bauch trägt sie ein winziges Stückchen Stoff. Aber abgesehen davon ist sie nackt.

Ihr ist das egal, mir auch. Ich mag auch FKK-Strände. Nackte Menschen, finde ich, haben etwas fürchterlich normales und unspektakuläres. Scham ist nur eine Konvention. Und weil das hier gerade so normal ist, ist die Situation auch nichts besonderes. Weder besonders erregend noch besonders peinlich. Ich unterhalte mich mit einer Frau. Sie ist zufällig nackt, ich angezogen. Na und? Zugegeben, sie ist außergewöhnlich schön, aber es passiert mir dauernd, dass ich mich mit schönen Frauen unterhalten muss. Nessun problema.

„Nessun Problema“, sage ich der wunderschönen, nackten Frau und blicke dabei nicht auf ihre baren Brüste, sondern direkt in ihre braunen Augen. Sie lacht, packt ihren Hund und trägt ihn davon. Zwanzig Meter weiter wirft sie den Hund und sich selbst in den Sand, schließt die Augen und genießt die Sonne auf der nackten Haut. Der Hund beobachtet weiterhin gierig meinen Salamiwrap.

Der schmeckt nicht mal besonders gut. Mittagessen aus dem Supermarkt. Wer sich gefragt hat, wie ich mir Urlaube wie diesen leisten kann, das ist die Antwort: Billigflieger, Billigmietwagenreseller, Billigfraß. Aber genau so mag ich das. Supermarktessen spart einfach viel Zeit, in denen ich interessantere Dinge machen kann als essen.

Die Badebucht ist wirklich schön. Weißer Sand und klares Wasser, das im Sonnenschein blau funkelt. Als ich mich umsehe, entdecke ich immer mehr nackte Frauen, die allein in der Sonne liegen und dösen oder lesen. Das finde ich toll – nicht, weil ich gerne nackten Frauen hinterherspanne, sondern weil das etwas bedeutet: Die Urlauberinnen fühlen sich hier sicher und geschützt, und das ist super, so soll das sein.

Unter den entsetzten Blickes des Hundes entsorge die Reste des ekligen Salamiwraps in einem Mülleimer, dann steige ich wieder in den Fiat und fahre weiter die Küste hoch.

Porto Cervo ist der Nukleus der Costa Smeralda, DEM Wohnort der überaus Reichen und Schönen. 1963 kaufte der Prinz Aga Khan hier einen 15 Kilometer langen Küstenstreifen, den er wegen der Farbe der Vegetation „Costa Smeralda“ nannte.

An der Costa Smeralda baute der Aga Khan Luxushotels und Wohnungen und einen Yachthafen. Das lockte sehr reiche Menschen an, von Milliardären und Millionären wie Flavio Briatore oder Giorgio Armani über Schauspielerinnen wie Gina Lollobridgida und Roger Moore bis hin zu Adel wie Lady Di: Alle kamen hier her. Immerhin baute Khan mit Stil und verlangte das auch von anderen. Hochhäuser oder Betonschanden gibt es hier nicht, stattdessen fügt sich alles mit runden Bauten, Naturstein und viel Grün so harmonisch ein, das man aus einiger Entfernung gar nicht mehr sehen kann, dass hier gesiedelt wird.

Bild: Google Earth 2019

Ich stelle den Fiat 500 auf einem Parkplatz am Rande von Porto Cervo ab. Alles ist sauber und Videoüberwacht, und es riecht sogar überall gut. Wie machen die das?
Die Architektur, die Sauberkeit, alles ist gemacht, um das Leben der Reichen besser zu machen. Das bedeutet auch: Ihr Leben von Geld zu erleichtern. Prada, Gucci,… ein Wahnsinn, was hier an Marken versammelt ist.

Das hier Geld sitzt, sieht man sofort an der Zahl der Immobilienbüros, die hier residieren:

Einige Ladenbesitzer haben es aber auch schon nicht mehr nötig noch zu arbeiten und haben sich in die Winterpause verabschiedet.

Die Ladenzeile liegt zum Teil unterirdisch, und hier lässt sich besonders gut sehen, was mit „organischer“ Architektur gemeint ist. Es gibt keine scharfen Kanten und Ecken, alles ist rund und harmonisch. Es ist verboten, Häuser weiß zu streichen, deshalb dominieren Pastell- und Erdtöne die Gebäude.

Über den Hafen weht Jazzmusik, und Rennautos werden hier ausgestellt. Spielzeuge für reiche Jungs.

Statt berühmten Reichen und Schönen sehe ich leider nur einen D-Promi aus einer britischen Serie. Ansonsten ist alles entspannt und normal. Das hatte ich mir anders vorgestellt, aber das hier ist kein Schaulaufen der Eitelkeiten, das ist entspanntes Rumgechille.

Nach kurzer Zeit habe ich genug vom gutriechenden Reichenparadies und fahre weiter. Einige Kilometer von Porto Cervo liegt eine riesige Hotelanlage, das Hotel Pitrizza. Die Anlage verfügt über weitläufige Parks, mehrere Gebäude und ein halbes Dutzend Pools. Ich sehe mich um, entdecke aber keine Wachleute. Gut! Schnell lenke ich den Fiat in eine schmale Seitenstraße, die nur für Lieferanten gedacht ist. Sie endet an einem Kreisel, der zu einem Steg führt.

Dieser Steg ist ein wenig berühmt. Als Kind habe ich den weißen Lotus Esprit aus dem James Bond Film „Der Spion, der mich liebte“ vergöttert. Es ist dieser Steg, über den Bond das Auto nach einer wilden Verfolgungsjagd ins Wasser steuert. Dann verwandelt sich der Wagen in ein U-Boot und fährt einige Kilometer von hier, am Spiaggia Capriccioli, wieder an Land.

So, das war´s dann für heute. Ich räume das Feld und bin 20 Minuten später auf dem Agritusimo Salmarina. Das Gelände ist riesig, und um ein Haupthaus sind mehrere Wohnhäuser drapiert.

Bild: Google Maps 2019

Hier begrüßt mich Aneta, die ein wenig wie Tracey Ullmann aussieht. Ihr Tick ist es, sehr ernst und mit großem Nachdruck zu sprechen, wie eine Machine. Dabei stellt sie meinen Namen an den Anfang und das Ende jedes Satzes, wie um den Ernst nochmal zu betonen. „Silencer, sie müssen die Duschkabinentür nach außen öffnen, nicht nach innen, Silencer.“
„Ma´am, ja, Ma´am“.

Als die Drillinstruktorin die Einweisung beendet hat, sitze ich in einem großen, aber leeren Haus herum. Das Ferienhaus besteht aus einem großen Raum mit hoher Decke. Bis auf die Betten ist der aber leer, und es hallt.

Noch eineinhalb Stunden Licht, was mache ich jetzt? Hm. Der nächste Strand ist nur 8 Kilometer entfernt. Andiamo!

Der Weg zum Strand ist beschwerlich. Die unbefestigte Straße führt über mächtige Steigungen und hat mittendrin große Rinnen und Verwerfungen. Ein Fest für Geländewagen, aber den kleinen Fiat muss ich vorsichtig und im Schrittempo da durchsteuern.

Der Aufwand lohnt sich aber. Ich finde eine Badebucht, deren feiner Sandstrand ringsum von hohem Schilf umgeben ist. Es ist absolut windstill, es gibt keinen Wellengang, und es ist warm und angenehm. Irgendwo ruft eine Frau einen Hund namens Arco.

Ich habe den ganzen Strand für mich allein! Ich lege meine Klamotten ab und werfe mich in die Fluten. Meine Güte, ist DAS herrlich! Das Wasser ist warm und weich, und in langen Zügen schwimme ich durch die Bucht.

Leider habe ich nur eine Viertelstunde für dieses Badevergnügen, dann geht die Sonne unter. Der Strand sieht schön aus, im Licht der untergehenden Sonne. Ein kleiner brauner Hund flitzt über den Sand und verschwindet im Schilf.

Ich steige gerade aus dem Wasser, als plötzlich eine Frau vor mir steht. „Haben Sie Arco gesehen?“ Sie ignoriert, dass ich völlig nackt vor ihr stehe, und mir ist das auch egal. Nackte Menschen haben was fürchterlich normales und unspektakuläres. Scham ist nur eine Konvention. Und weil das hier gerade so normal ist, ist die Situation auch nichts besonderes. Weder besonders erregend noch besonders peinlich. Ich unterhalte mich mit einer Frau. Sie ist zufällig angezogen, ich bin nackt. Na und?

„So ein kleiner brauner?“, frage ich. Sie nickt. „Der ist da lang“, sage ich und deute auf das Schilf. Sie bedankt sich und eilt davon.

Ich kleide mich wieder an und fahre zurück zum Agriturismo. Auf der Terasse meines Häuschens schreibe ich noch ein wenig Tagebuch und löse ein Versprechen ein: Dieses Ichnusa ist auf Dich, Varatweety!

Es ist kühl, aber Grillen zirpen und die Welt ist gut.

Lesen Sie am kommenden Samstag: „Reisetagebuch (4): Lost Places, found“.

Tour des Tages: Von Orgosolo über Cala Gonone und Olbia nach Porto Cervo, rund 250 Kilometer.

Bild: Google Earth 2019

Lila Punkte, beginnend von Süden aus: Cala Gonone, der Nacktstrand, dann im Norden Porto Cervo, dann der Agri Salmaria.
CC BY SA 4.0, Erstellt von Conte di Cavour, Ortseintragungen von Silencer

Kategorien: Reisen | 8 Kommentare

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8 Gedanken zu „Reisetagebuch Sardinien (3): Nackt

  1. Sehr schöner Eintrag. Ich mag Zirkelstrukturen!

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  2. Hast Recht, das war Full Circle. Es gibt so seltsame Tage.

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  3. Es macht so einen Spaß, morgens mit dir durch Sardinien zu reisen. Toll geschrieben. An einer Stelle bestätigst du ein wenig meinen Eindruck der Insel oder schreibst von meinem nächsten Urlaub dort : einem Urlaub mit dem Auto. Ja, mit dem Motorrad ist das unglaublich toll dort, ein wirkliches Kurvenparadies.
    Aber ich habe die Möglichkeit des anhaltens vermisst, badesachen griffbereit zu haben oder auch mal die Mopeds für einen Bummel länger abstellen zu können. (OK, wir waren durch andere Berichte irgendwie panisch vor Dieben.)
    Die Plastik-Geschichte aus dem Aquarium macht mich wie so oft nachdenklich, traurig und ich habe Zweifel, ob wir das Ruder noch rechtzeitig herumgeworfen haben oder noch träge beim Gegenlenken sind…
    Und zu guter letzt – Prost! 🙂

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  4. Maedchenmotorrad: Danke! Und ja, es hat echt Vorteile mit dem Auto unterwegs zu sein. Wenn ich mit dem Mopped unterwegs bin, stehe ich auch gelegentlich in voller Kombi am Strand und gucke den Badenden neidisch zu. Mit einem Auto ist es kein Problem, mal schnell irgendwo ins Wasser zu hüpfen. Und das ist auf Sardinien supereinfach. Sollte ich nochmal mit dem Auto dort hin kommen, werde ich definitiv ganz viel Zeit für Strand und Baden einplanen.

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  5. Was ich mich aber seit Jahren frage: Wo packt man den Schlüssel dann hin? Am Strand liegen lassen fühlt sich doof an. Ins Wasser mitnehmen hatte ich mal (und danach lange Spaß darauf zu warten, dass der Schlüssel wieder trocken und der Wagen wieder anspringt – elektronische Wegfahrsperre galore). Im Sand vergaben? Auf dem Kopf festmachen und nicht tauchen?

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  6. Was ich mich aber seit Jahren frage: Wo packt man den Schlüssel dann hin? Am Strand liegen lassen fühlt sich doof an. Ins Wasser mitnehmen hatte ich mal (und danach lange Spaß darauf zu warten, dass der Schlüssel wieder trocken und der Wagen wieder anspringt – elektronische Wegfahrsperre galore). Im Sand vergaben? Auf dem Kopf festmachen und nicht tauchen?

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  7. ssuchi

    Die Geräte-Taucher haben für diesen Zweck manchmal ein Tauch-Ei mit, in dem sich Autoschlüssel wasserdicht verstauen und dann in die Jacket-Tasche stecken lassen. Vielleicht wäre so etwas in Kombination mit einem Gürtel oder einer Gürteltasche auch zum Schwimmen tauglich? Oder einfach um den Hals hängen:

    https://www.tauchershop.de/content/tauchershop.storefront/DE/Product/1546

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  8. Modnerd: Ich packe den meist in die Socken oder lasse ihn in den Schuhen. Da müsste schon jemand wühlen, damit er den findet. bleibe meist in Sichtweite meines Krams, das würde ich dann hoffentlich sehen.

    Beim Motorrad hat der Schlüssel kein Elektronikgedöns dran, den kann ich mit ins Wasser nehmen.

    ssuchi: Das Ei ist lustig. Sowas gab es früher in YPS-Heften als „Abenteuerbox“ 😀

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