Reisetagebuch Sardinien (4): Lost Places found

Korsika!

Herbstreise nach Sardinien. Heute finde ich einen Toilettenbaum und gerate an Orte, die in der Zeit verloren gegangen sind.

Montag, 22. Oktober 2018, Agriturismo Salmarina
Ich werde früh wach, weil mir der unangenehme Geruch von Mörtel in die Nase steigt. Das Zimmer auf dem Agriturismo Salmaria ist groß und der Bau neu, aber irgendwas riecht hier ganz eklig nach nassem Mauerwerk. Ich schlafe wieder ein, nur um kurz darauf von einem lauten Geräusch geweckt zu werden. Ich muss im Schlaf gepupst haben, und das hat in dem großen, leeren Raum wie ein Donnerschlag wiedergehallt und mich geweckt. Die Vorstellung ist so absurd, dass ich lachen muss. Von dem Lachflash werde ich endgültig wach. Na, dann kann ich auch aufstehen.

Ich schwinge mich aus dem Bett und versuche die wirren Träume abzuschütteln. Zum Glück habe ich nicht von der Arbeit geträumt, nur von einer Ex-Freundin. Aber warum? Was wollte mir das Hirn damit sagen? Egal. Die Traumfetzen wehen davon, und schon im Bad weiß ich nicht mehr, worum es eigentlich ging.

Ich gehe zum Haupthaus hinüber. Nemo, ein großer, alter Schäferhund, guckt mir träge nach. Kein Schweinshund, wie Zeus gestern.

Im Erdgeschoss des Haupthauses befindet sich der Frühstücksraum. Wieder fallen mir die Augen raus ob dieser Pracht. Sardisches Frühstück unterscheidet sich definitiv von Kontinentalitalienischem.

Zwei große Tische biegen sich unter der Last von fünfzehn(!) verschiedenen Kuchen und Torten, Tellern mit gekochten und gebratenen Eiern, Schüsseln mit Schinken und Speck und Salami und und Filata-Käse (Cargocult: Kein Brot oder Brötchen zum Darauflegen in Sicht) und aufgeschnittenen Melonen und Ananas. Dazu gibt es eine Auswahl von sieben verschiedenen Säften und natürlich alle Kaffeespezialitäten, die Italien zu bieten hat. Wahnsinn. Vor allem, weil das hier kein Luxushotel ist, sondern eigentlich „nur“ ein Bauern- und Ferienhof.

„Silencer, che cosa da bere, Silencer?“, fragt Aneta auf ihre merkwürdige Art, während ich immer noch mit hängendem Unterkiefer vor den überladenen Tischen stehe. „Prendo un Doppio, per favore“, antwortet mein interner Anrufbeantworter. „Silencer, Café Lungho, Silencer?“ Nun wecken die Ohren den Rest des Hirns aus der Paralyse. Ich drehe mich um, blicke ihr direkt in die Augen und sage „Aneta, no, Aneta“. Sie lacht und verschwindet hinter einer monströsen Kaffeemaschine.

Die 15 Kuchen sind nicht ganz alleine nur für mich. Gestern Nacht sind noch ein halbes Dutzend Autos gekommen, eine Hochzeitsgesellschaft und zwei niederländische Studentinnen.

Nach dem Frühstück mache ich den Fiat startbereit, dann geht es los. Nicht lange und nicht weit, schon nach einer halben Stunde bin ich am Capo d´Orso, dem Cap des Bären.

Bild: Google Earth 2019

Den Namen trägt es seit Urzeiten wegen des riesigen Felsens auf dem Cap, dem Roccia dell´Orso, der tatsächlich wie ein Bär geformt ist. Auf diesem Bild sieht man ihn, oben links auf dem Felsen:

Den Bären kenen die Menschen hier seit ewigen Zeiten. Ganz früher verehrten sie ihn als Gott, dann nutzen sie ihn als Navigationspunkt, und heute ist er eine Touristenattraktion.

Den Weg zum Cap finde ich erst nach einigem Suchen. Der große Parkplatz und das Haupttor sind verrammelt und verriegelt, nur eine kleine Pforte ist offen.

In einem Tickethäusschen am Wegesrand sitzt eine Mitarbeiterin des Nationalparks. Sie erklärt mir in schnellen Sätzen, dass ich in einer Viertelstunde am Bären sei. Sie stutzt, mustert mich nochmal und korrigiert: In 10 Minuten. Aber ich könne den Bären nicht ganz sehen. Warum? Weil…

Erst verstehe ich, dass es keinen sicheren Winkel gibt, aus dem man den Bären in Gänze sehen könnte. Ok, das ergibt einen Sinn.

Aber dann erklärt sie noch mehr und fährt mit dem Finger über ein Foto des Felsens und deutet auf verschiedene Punkte. Hä? Jetzt bin ich verwirrt. Ist dem Bären der Kopf abgefallen und liegt jetzt daneben? Das würde zu ihren Gesten passen. Das fehlt noch, da steht hier seit Äonen so ein berühmter Steinbär rum, aber kurz bevor Herr Silencer ihn bewundern möchte, fällt ihm der Kopp ab. Wäre nicht das erste Mal, das sowas passiert. Als ich am berühmten Wackelfelsen in der sächsischen Schweiz war, ist der vor meinen Augen in der Mitte durchgebrochen und wackelte fortan nie wieder.

Ich mache mich an den Aufstieg, der aus einem breiten und nicht allzu steilen Weg besteht, und beglückwünsche mich wieder und wieder dazu, eine dicke Wollmütze mitgenommen zu haben. Es ist nämlich windig, und wenn ich eines nicht ab kann, dann sind das kalte Ohren.

Je höher es geht, desto toller wird der Ausblick.

Nach 10 Minuten bin ich tatsächlich oben auf dem Bärenfelsen. Erleichterung: Der Bär hat seinen Kopf noch. Aber um ihn ganz zu sehen, müsste man tatsächlich auf eine nahegelegene Felsnadel klettern. Was natürlich viel zu gefährlich wäre. So sehe ich entweder den Bärenhintern von weiter weg oder kann den Kopf des Bären in Großaufnahme fotografieren, aber ganz bekomme ich ihn nie drauf.

Der Kopf des Bären.

Der Bär von Hinten.

Wenn man doch auf die Felsnadel klettert, wie der Fotograph dieses Bildes, sieht man den ganzen Bären:

Das Gestein hier ist Granit. Durch besondere Arten von Verwitterung – Wollsackverwitterung, Verwitterungsrinden und Tafoni – haben die Felsen hier völlig bizarre Formen angenommen.

Als ich zum Bauch des Bären laufe, kommt mir ein junger Mann entgegen. Verspiegelte Sonnenbrille, Iro-Schnitt. Ihm hinterher trottet seine Freundin, Bulimiedünn und vergraben in einen überdimensionalen Hoodie. Nützt aber nichts, die Kälte des Windes kommt bei ihr über die Beine. Leggins hier oben, tolle Idee. „Achtung, Menschen“, sagt der junge Mann auf Deutsch. Ich blicke ihn an, als ob ich ihn nicht verstehe, sage nicht und denke „Gibt es dafür Beweise?“

Als sie ein paar Schritte weg sind, fängt er an vor seiner Freundin anzugeben. „Alles supergriffig hier. Würde ich gerne mal ausbouldern. Is ja leider verboten.“ Angeber. Die Felsen hier sind glattgeschmirgelt und rund, es gibt praktisch keine Ritzen oder Spalten. Hier könnte vielleicht Spider-Man einen ausbouldern, der Spiegelbrillenträger aber bestimmt nicht. Sie sagt nichts dazu

Der Wind treibt dunkle Wolken vor die Sonne. Von hier oben aus kann man bis nach Korsika sehen.

Korsika!

Wieder am Auto geht es gleich weiter, aber wieder nicht weit, nur eine halbe Stunde bis zum Capo Testa. Testa heisst „Kopf“, und genauso steht das Cap auch aus der Landmasse ab. Oder wie ein Fibrom. Ich parke den Fiat an der Straße, ziehe mir die Wollmütze über die Ohren und ziehe am Türhebel. Fast bläst mir der Wind die Tür aus der Hand. Hier stürmt es!

Bild: Google Earth 2019

Ich wandere über Dünenwege zu einem alten Leuchtturmhaus und merke bei jedem Schritt, wie der Wind versucht mir die Beine wegzuziehen. Vom Weg aus kann ich die Küste sehen, gegen die der Sturm die Wellen peitscht.

Auch hier hat die Verwitterung bizarre Granitstrukturen hinterlassen.

Auf den größeren Felsen haben Besucher kleine Steintürmchen gebaut. Auch bei diesem Wetter sehe ich Touristen auf den Felsen herumklettern. Das würde ich jetzt nicht machen. Die großen Felsen sind 20 Meter hoch, glatt und bieten keinen Halt, und die Sturmböen sind heftig und unberechenbar. Da runter zu fallen überlebt man vermutlich nicht.

In das Cap hat das Wetter Schluchten hineingefressen, die in einem winzigen Strand enden. Hier ist es gut windgeschützt. Ich sehe mir die Seiten der Schluchten an, die aus steilen Klippen bestehen. Mein Blick schweift über die Steinwände. Plötzlich habe ich unbändige Lust zu Klettern. Ich ziehe meine Lederhandschuhe fester, greife in die Felsen und los geht es. Natürlich klettere ich nicht die blanken Felsen hoch, sondern turne zwischen ihnen durch.

Das ist gar nicht so einfach, merke ich, weil ich das Gestein nicht einschätzen kann. Ich bin auf Kalkstein groß geworden. Der war überall in dem lehmigen und mageren Boden, den man bei uns „Mergel“ nennt und aus dem meine Heimat besteht. Da gibt es auch stillgelegte Kalksteinbrüche, und in denen habe ich einen Teil meiner Kindheit verbracht, mit Klettern und Erforschen und allen möglichen anderen Abenteuern.

Kalkstein ist tückisch. Manchmal ist er geschichtet wie Schiefer und löst sich in dünne Platten auf, wenn man danach greift. Oder er bröckelt auseinander, wenn man sich daran festhält. Der Punkt ist aber: Ich kann Kalkstein lesen. Zeig mir einen Kalkstein und ich sage dir, wie er von der Konsistenz her beschaffen ist und ob der trägt. Bei diesem Zeug hier weiß ich das nicht.

Da steht eine Granitzunge aus den Felsen heraus. Ist das so fest wie es aussieht? Oder macht die einen Abgang, wenn ich mich draufstelle?

Während ich in den Felsen rumklettere, gehen die Gedanken auf Wanderschaft. „Das Land steckt in den Menschen“, sagt die Folklore und meint damit, dass der Boden, auf dem man aufwächst, den Charakter prägt und damit in den Knochen steckt.

Ich halte das ja für Blödsinn. Aber wenn es stimmen würde, was würde das dann bedeuten? Das die Menschen hier ein Rückgrat aus Granit haben? Einen steinharten Willen? Und was würde das für mich heißen, als Kalkstein-Typ? Das ich ein bröckeliges Wesen und einen weichen Charakter habe? Hm.

Ok, da sieht es gut aus. Ich greife in eine Spalte zwischen zwei Felsen und ziehe mich vorsichtig darin hoch. Der Wind weht mir um die Nase, während das Hirn weiter mit Gedanken rumspielt.

Kalkstein ist zwar bröckelig, aber in seinen Schichten findet man häufig Fossilien. Auch dafür habe ich die Steinbrüche geliebt. Ich habe oft darin gespielt ich sei Archäologe. Mit einem Maurerhammer habe ich die Kalksteine aufgeklopft. Zwischen den bröckeligen Schichten fanden sich versteinerte Muscheln und Schnecken und große Ammoniten, wundervolle Zeugnisse einer Zeit, als alles Land unter Wasser war. Manchmal habe ich auch Höhlen im Kalkstein entdeckt. Winzig zwar, nicht größer als eine Faust, aber sogar mit winzigen Stalagtiten. Kommt daher meine Affinität zu Höhlen? Immerhin: Kalkstein ist vielschichtig und er erinnert sich an Dinge. Das sind positive Eigenschaften!

Vorsichtig steige ich einen schmalen Grat zwischen zwei Felsrändern hinab. Spärliches Gras wächst hier.

Manchmal, ganz selten, fand ich in dem weichen und bröckeligen Kalkstein auch Hornstein. Das ist eine Art von Feuerstein und sogar härter als Granit. Man kann Werkzeuge daraus machen oder Feuer anschlagen. Das ist die Grundlage für jegliche Zivilisation. Seltsam, oder? Das härteste Material, das die Menschen für lange Zeit kannten, steckt verborgen im Inneren eines weichen Steins.

Wenn das Land, auf dem man aufgewachsen ist, das eigene Wesen wirklich prägen sollte, dann, so beschließe ich, bin ich vielschichtig. Vielschichtig, und ich kann Dinge aufnehmen und bewahren und unter einem weichen Äußeren, ganz tief in mir drin, habe ich einen Kern, der härter ist als Granit, und der mein Wesens ausmacht*. Ja, das gefällt mir. Das ist definitiv besser als „Charakter: Bröckelig“.

Im Wasser liegen weitere Steinskulpturen, die genau so auch in einem Museum für moderne Kunst stehen könnten.

Zwei nacktbadende Pärchen in einer Bucht finden es nicht so lustig, dass ich in den Felsen rumkraxele, und ziehen sich schnell was an. Ich mache mich an den Aufsteig, und eine Stunde später bin ich ein mal um das Cap herum, kämpfe mich gegen den Wind zurück zum Fiat und fahre weiter.

Etwas die Küste runter gibt es ein Tal, in dem in den 70ern Hippies lebten. Das Tal des Mondes, nannten die das. Bis dahin komme ich nicht, aber ich verstehe, wie die auf den Namen gekommen sind – die Wasserlinie ist ganz aus aus hellgrauem Kalkstein mit großen Auswaschungen. Das sieht hier wirklich aus wie auf dem Mond.

Leider ist der Weg zum Mondtal privat und mit einem Tor verschlossen. Hausfriedensbruch steht erst für heute Nachmittag auf dem Programm, zwei Mal an einem Tag mache ich das nicht. Ich fahre weiter an der Küste entlang.

Unterwegs überkommt mich ein dringendes Bedürfnis, und auf der Suche nach einem geeignetem Plätzchen entdecke ich etwas seltsames. Von Außen sieht der aus wie ein ganz normaler Baum, mit einem Loch im Nadelwerk.

Geht man durch das Loch, steht man im Inneren des Baumes, das leer ist. Wirklich, das hier ist nur ein großer, von grün geschützter Raum, der offensichtlich häufig als Toilette benutzt wird. Ich habe wohl einen Toilettenbaum enttdeckt, bestimmt eine seltene Pflanze, die in dieser Form wohl nur im Mittelmeerraum vorkommt.

Ein Dreiviertel Stunde die Küste runter komme ich an ein Schild. „Costa Paradiso“. Bäh, wie romantisch. Ich biege von der Staatsstraße ab und lenke den Fiat in Richtung Küste.

Ich hatte erwartet, dass hier nichts ist – aber das genaue Gegenteil ist der Fall. Hier ist etwas, etwas seltsames. Zuerst komme ich an einem Wachhaus vorbei, mit Geschwindigkeitsschwellen und einer offenen Schranke davor. Im Vorbeifahren sehe ich einen… Geldautomaten? Was ist das denn für eine Mischung, Wachhaus und Geldautomat, hier, mitten im Nirgendwo?

Ein Stück die Straße runter ist eine Kreuzung, Darauf ist ein großer Kreis mit einem „H“ gemalt. ein Helikopterlandeplatz? Hier? Warum?

Ein Stück weiter verschwindet die Straße zwischen Felsen und schlängelt sich dann runter bis zum Meer. Als ich um die erste Kurve bin, komme ich an einem Haus vorbei, dass sich wie getarnt in die Felsen duckt. Und da kommt noch eines. Und noch eins!

Jetzt weiß ich es – das hier muss eine Gated Community sein. Diese Häuser hier gehören bestimmt reichen Leuten, die ähnlich wie an der Costa Smeralda nicht zu auffällig gebaut haben! Damit,so lese ich später, liege ich fast richtig. Tatsächlich ist die Costa Paradiso eine Anlage von Ferienhäusern von reichen Leuten. Die verbringen meist nur wenige Tage im Jahr hier, aber die Anlage wird das ganze Jahr über von einem Wachdienst geschützt. Mir fallen Überwachungskameras an den Straßen und Häusern auf.

Überall in die Küste ducken sich die eingeschossigen, kleine Häuser, die praktisch getarnt sind. Die Bauten sind in der gleichen Farbe gestrichen sind wie die Felsen, an die sie sich schmiegen. Ich hatte im Vorfeld Satellitenbilder der Gegend studiert, aber nicht mal auf denen ist zu sehen, dass hier alles vollgebaut ist.

Gut getarnt: Häuser an der Costa Paradiso.

Bild: Google Earth 2019

Sehr harmonisch wirkt das. Verbunden sind die Häuser durch winzige, einspurige Straßen, die sich ganz eng die Küste hinabwinden.

Am Ende einer solchen Straße ist mein Ziel. Ich lasse den Fiat außer Sichtweite zurück und gehe die letzten 500 Meter zu Fuß, ganz langsam und Ausschau nach Menschen und Kameras haltend. Bislang war hier alles menschenleer, und auch andere Autos habe ich bislang nicht gesehen. Ach shit, warum muss dann ausgerechnet an meinen Ziel ein Geländewagen rumstehen, der aussieht, als sei er vom Wachschutz?

Vom Fahrer ist nicht zu sehen. Hm. Das Tor zu dem Grundstück, das mich interessiert, ist mit einer schweren Kette gesichert. Ich sehe mich um. Direkt neben dem Tor fehlt ein Stück Zaun. Soll ich es wagen?

Ich sehe mich um. Niemand zu sehen oder zu hören. Mit einem schnellen Satz bin ich die Mauer hochgeklettert und lande auf der anderen Seite auf einem Sandweg. Auf dieser Seite liegen herausgebebrochene Mauersteine wie eine Treppe. Praktisch für den Rückweg, und ein Zeichen, das ich hier nicht der erste Einbrecher bin.

Praktisch: Die Steine liegen wie eine Treppe.

Möglichst leise pirsche ich mich voran und lausche dabei, ob ich jemanden höre. Nichts. Der Sandweg führt unter einer Art Trauerweiden entlang, die in dem starken Wind mit ihren dünnen Ästen schlagen. Das wirkt fast surreal, als ob die peitschenden Äste ein Eigenleben führen.

Nach wenigen Dutzend Metern endet der Sandweg. Ach nein, doch nicht, er ist nur zugewuchert. Vorsichtig drücke ich mich um einen Busch herum und klettere einen Abhang entlang.

Ah, da lugt es schon um die Ecke, das Gebäude, das ich hier suche.

Dann liegt sie in ihrer ganzen Pracht vor mir, die „Cupole di Antonioni“.

Die seltsame Kuppel war das Ferienhaus des Regisseurs Michelangelo Antonioni (1912-2007), der hier mit seiner Lebensgefährtin, der Schauspielerin Monica Vitti, Ferien machte. Gebaut hat das Haus in den 60ern der Stararchitekt Dante Bini mit einem speziellen Verfahren, das nach ihm benannt wurde, der sog. „Bini-Hülle“. Dabei wird ein Stahlgerüst aufgebaut, in das ein großer Gummiballon eingehängt wird. Der wird von Außen mit Beton bespritzt. Dadurch entsteht eine Betonkuppel, in die dann Türen und Fenster gesägt werden. Mit diesem Verfahren lassen sich schnell und sehr günstig Häuser bauen, die dann auch sehr stabil und sicher sind. Die Firma Bini-Shells baut heute noch so exklusive Ferienhäuser.

Die Cupole di Antonioni wird leider nicht mehr benutzt. Sie steht leer und verfällt langsam. Teile der Außenhülle bröckeln, kleine Büsche wachsen in den Rissen und Sand bedeckt Zugangswege und Außenkuppel. Schade drum, denn das Haus muss auch im Inneren ungewöhnlich und der Blick aus dem Wohnzimmerfenster über die Küste der Wahnsinn sein.

In diesem Filmchen sind Innenaufnahmen zu sehen:

Allein schon die Zugangsbrücke wirkt mondän und atmet so sehr 60er-Jahre-Zeitgeist, das ich praktisch vor mir sehe, wie eine blonde Schauspielerin mit Bienenkorbfrisur und Zigarettenhalter hier entlangstöckelt.

Ich lasse das Bauwerk auf mich wirken. Es ist größer als ich dachte. Näher rangehen möchte ich nicht. Lohnt sich auch nicht, an den Türen und Fenstern sind Schlösser, die recht neu aussehen. Vorsichtig ziehe ich mich zurück. Ich spähe über die Mauer, sehe aber keinen Wachdienst. Eine kleine Kletterpartie später stehe ich wieder auf der Straße, ordne meine Kleidung und gehe langsam davon, als wäre nichts gewesen.

Unbehelligt komme ich am Auto an, und wenig später passiert der Fiat 500 das bewachte Tor. Die Wachleute stehen gelangweilt im Schatten herum und halten mich nicht auf.

Wieder summt der Fiat über Land, von der Küste weg und in die Berge.

Ich werde müde, es ist kurz nach zwei. Ich halte am Straßenrand, schiebe mir den Hut über die Augen und schlafe eine halbe Stunde.

Weil der Tag bis hierher schon so lang ist (und noch sehr viel länger und spannender wird), gibt es an dieser Stelle ausnahmsweise eine Pause. Nächsten Samstag geht es weiter, mit Lost Places: Troposcatter.

Tour des halben Tages.
Bild: Google Earth 2019


*) Später wird mir einfallen, dass ich genau solch einen Gedankengang in einem Buch von Terry Pratchett gelesen habe. Mein Hirn plagiiert in diesem Moment also, und das so geschickt, dass ich es selbst nicht merke. Shame on me. Wer also dachte, in mir schlummert ein Poet: Nein, alles nur geklaut.

Kategorien: Reisen | 2 Kommentare

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2 Gedanken zu „Reisetagebuch Sardinien (4): Lost Places found

  1. Deine FKKler haben sich wohl vor Strafe gefürchtet? Italienisch die Nation, römisch-katholisch die Religion. Da versteht man bei sowas keinen Spaß. Hattest du irgendwie etwas an das als Uniform hätte gedeutet werden können? 😀

    Steine und Sand mitnehmen ist übrigens auch verboten. Da wäre FKK doch die ideale Lösung: Was man mangels Taschen nicht in die Selben stecken kann bleibt schon mal am Strand.

    Wieso muss ich jetzt gerade an die nahtlose Bräune in Sträters Reisebericht denken – und an das verlorene All-Inclusive-Bändchen? 😉

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  2. Polizisten in Italien haben zu viel Würde, als das sie in Felsen rumklettern würden 🙂 Ist das so, dass die Italiener beim Nacktbaden streng sind? Ist mir noch nicht aufgefallen, und auf Sardinien scheint das ohnehin komplett egal zu sein.

    Sanddiebstahl scheint aber in der Tat ein Problem zu sein: https://silencer137.files.wordpress.com/2019/03/p1120364.jpg?w=690&h=388

    Sträters Reisebericht? Ich kann mir lebhaft vorstellen wie der klingt. Wo gibt´s den??

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