Die Wahrheit über Notre Dame

Ich war echt erschrocken, als vorgestern die ersten Bilder der brennenden Kirche Notre Dame durch Twitter liefen. In der Kirche hatte ich seltsame und tolle Erlebnisse und interessante Begnungen, ich bin ihr auf´s Dach gestiegen und habe lange die Innenausstattung bewundert.

Gestern und heute beherrscht das Feuer alle Schlagzeilen, die Welt (oder zumindest die Medien) scheinen kollektiv im Schockzustand. Ich bin nur heilfroh, dass das kein religiös motivierter Anschlag war – sonst wäre das ein zweites 9/11 gewesen.

So sehr sich jetzt auch alle freuen, dass die Fassade noch steht, der wahre Schatz von Notre Dame sind für mich die Fenster. Meine Güte, sind diese Fenster schön. Bis dahin war mir nicht bewusst, dass im Jahr 1250 Handwerker sowas hier konnten:

Die Dinger sind echt mehr als 750 Jahre alt! Nach der Blaupause der Fensterrosen von Notre Dame entstanden praktisch alle anderen Kathedralenfenster in Europa.

Der nun eingestürzte Mittelturm ist dagegen ist ziemlich egal. Die Wahrheit ist: Der gehörte gar nicht originär zur Kirche, sondern war praktisch ein Fake. Genauso wie die Gargoyles, die tatsächlich erst nach einer Renovierung im 19. Jahrhundert hinzugefügt wurden – von einem Mann, der den Auftrag historische Bauwerke zu restaurieren immer mißinterpretierte als „Bau einfach was Du willst“.

Die Rede ist von Eugene Violet Le-Duc. Wenn man zu dem sagte: „Hier, kaputtes Bauwerk, erhalte mal die Bausubstanz“ kam bei ihm an „Hier, das Bauwerk da, das würde mit zusätzlichen Türmchen, einem absurden Dach und jede Menge Fabelwesen an der Fassade viel besser aussehen. Und wo Du gerade dabei bist, NOCH schöner wäre es, wenn Deine Visage mindestens 8 Mal in der Fassade verewigt wäre.“

Die ganze Geschichte von dem marodierenden Restaurator und Notre Dame habe ich schon mal im „Reisetagebuch: Paris“ aufgeschrieben. Hier ist der Text nochmal in Auszügen:

Die Geschichte mit der Renovierung
Heute kennt Notre Dame jedes Kind, und besonders bekannt ist das Bauwerk wegen seiner grotesken Figuren und Wasserspeier, die von der Fassade auf die Stadt hinabblicken. Das war nicht immer so.

Anfang des 19. Jahrhunderts war Notre Dame eine Ruine. Die Kathedrale auf der Île de la Cité verfiel seit Jahrhunderten. Das sie während in der französischen Revolution stark beschädigt und als Lager benutzt worden war hatte den Verfall nur beschleunigt. Dann aber schrieb ein gewisser Victor Hugos einen Roman über die Kathedrale. „Der Glöckner von Notre Dame“ wurde 1831 ein riesiger Erfolg, und plötzlich interessierten sich die Leute wieder für die Kirche und spendeten für die Renovierung.

Mit den Arbeiten wurde Eugène Violet-le-Duc beauftragt, der danals bereits einen Ruf hatte. Nicht den besten, aber immerhin einen Ruf. Er zog nämlich mit einer Horde Restaurierungsvandalen durch die Welt und renovierte alles, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Allerdings tat er das mit viel Kreativität. Die Dächer von Carcassonne? Eine Erfindung von Violett-Le-Duc.

Violett-Le-Duc rettete Notre Dame, aber er nutzte auch hier die Gelegenheit einige Dinge hinzuzufügen, die da eigentlich nicht hingehören. Der große Turm in der Mitte des Kreuzdaches, zum Beispiel, den gab es so bis dahin nicht, aber Violett-Le-Duc fand, ein Holzturm würde sich an der Stelle gut machen.

Zu den Dingen, die Violett-Le-Duc nach eigenem Gutdünken an die Kirche montierte, gehörten auch die Gargoyles – sie seien aber „absolut authentisch wie im Mittelalter“, versicherte er, nachdem er zugeben musste sie sich ausgedacht zu haben.

Außerdem befinden sich dem Dach, rund um den neuen Turm, Figuren von Heiligen, die von diesem zentralen Punkt der Kathedrale aus über Frankreich sehen. Alle außer einem, der genau in die andere Richtung blickt und fast bewundernd auf den Turm schaut.

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Diese Statue trägt die Gesichtszüge von Eugène Violett-Le-Duc. Und das ist nicht die einzige Stelle, an der er sich verewigt hat: Um die Fassade von Notre Dame läuft eine Galerie von Heiligenfiguren. Während der Revolution fehlinterpretierte der Pöbel die als Königsfiguren und zerschlug sie. Während der Restaurierung wurden die Figuren neu geschaffen, und die achte von Links trägt das Gesicht von… Eugène Violett-Le-Duc…

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Kategorien: Betrachtung, Historische Anekdoten | Hinterlasse einen Kommentar

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