Reisetagebuch Sardinien (8): Nuraghenland

Herbstreise nach Sardinien. Heute fahre ich einfach nur sehr lange durch die Gegend – durch das Dorf der Messermacher, über Berge und unter Wolken.

Donnerstag, 25. Oktober 2018, Agriturismo Scalzi bei Macomer
Anscheinend habe ich gestern Nacht nicht alle ausgeschlossen, als ich den draußen versteckten Schlüssel mit ins Haus genommen habe. Zumindest rumort es heute Morgen im Untergeschoß. Georgia, eine junge Frau in Leggings und Fleecejacke, hat Frühstück für mich angerichtet. Überhaupt ist der Hof auf der Hochebene bei Macomer heute morgen deutlich belebter, und als ich abreisen will, strecken gleich drei Frauen die Köpfe zur Tür raus.

Die älteste von ihnen ist wohl die Chefin. Sie scheitert grandios an der Bezahlung per Karte. Leicht hilflos und mit wachsender Verzweifelung drückt sie auf dem Zahlenpad herum, bekommt es aber nicht hin, den richtigen Preis einzugeben. Immer wieder scheitert sie daran, dass sie die Taste „5“ nicht fest genug drückt, und ich wahlweise 3,60 oder 3600 Euro für die Nacht bezahlen soll. Auf die korrekten 36,50 Kommt sie nie. Irgendwann gibt sie auf und murmelt „Vielleicht hat Booking.com die 0,50 Euro-Preise verboten?“ Ich muss lachen und zahle bar.

Der Himmel ist noch grau und bedeckt, als ich vor das Haus trete. In der Ferne thront der Ort Sindia auf einer Bergkuppe.

Es ist richtig kalt heute Morgen, der Fiat ist mit Kondenswasser bedeckt. Ein Wunder ist das nicht, wir befinden uns hier auf einer Hochebene. Keine Ahnung wie hoch, aber lauschiges Küstenklima ist anders.

Heute ist langer Fahr-Tag. Ich steuere den Fiat von der Wiese, auf der er die Nacht verbracht hat, und fahre auf eine gute ausgebaute Staatsstraße, die nach Norden führt. Hier treffe ich nach einer dreiviertel Stunde fahrt auf das „Tal der Nuraghen“.

Der Name ist eine Marketingerfindung des hiesigen Touristikverbandes und soll wohl an das Tal der Könige oder so erinnern. Ein Tal ist das hier nämlich nicht so richtig. Ich habe die Landschaft her aus der Luft gesehen: Eine wildgrüne Ebene, die seltsam terassenförmig aussieht. Darin stehen hier und da Nuraghen rum.

Bis ich anfing über Sardinien zu lesen, wusste ich nicht, was das ist. Es sind alte Steinbauten, gebaut vor rund 4.000 Jahren und ganz unterschiedlich in Form und Funktion. Wozu sie im Einzelnen dienten, weiß heute niemand mehr. Manche Nuraghen sind einfache Türme aus Findlingen, andere sehen aus wie Minifestungen, mit Befestigungsmauern und Innenhöfen. Im Prinzip ist jede größere, menschengemachte Ansammlung von Steinen auf Sardinien eine Nuraghe.

An der Straße ist meilenweit nichts außer einem Flachbau mit einem Schnellrestaurant und einem Souvenirshop. Hier muss man eine Eintrittskarte für eine Nuraghe kaufen, die neben der Straße und mitten auf einem Feld steht. Wirkt ein wenig wie eine Road Attraktion in den USA.

Diese Nuraghe heißt Santu Antine.


Als ich mich ihr nähere, erhebt sich ein Schwarm Krähen aus den groben Fugen des Steinturms. Das ist ein wenig unheimlich. Aus der Nähe ist der Steinturm noch viel größer als ich dachte. Man kann sogar reingehen, und erst im Inneren merke ich, das dieses Dinge eine echte Festung ist. Innenhof, mehrere Türme, Gänge im Inneren der Wände, die aus aufgestapelten Riesensteinen bestehen. Wie haben die Menschen vor x-tausend Jahren diese tonnenschweren Steine bewegt?

In den Gängen bekomme ich fast Raumangst, denn die Steine werden nur von der Schwerkraft gehalten. Sehr beeindruckend.

Dann geht es weiter nach Norden, einfach nur so, weil es da wieder Berge gibt.

Um ehrlich zu sein: Ich weiß nicht so richtig wohin ich fahre. Ich habe bei der Vorplanung dieser Reise ganz lange keinen Zugang zu Sardinien gefunden. Bei vergleichbaren Regionen gibt es immer irgendwelche Highlights, die man gesehen haben MUSS. Auf Sizilien sind das z.B. griechische Tempel, oder der Ätna, oder die Barockstädte. Sowas gibt es aber auf Sardinien nicht. Tempel? Naja, es gibt halt die Nuraghen, aber die stehen eigentlich überall. Landschaftliche must-sees? Nö. Besondere Städte? Auch nicht. Normalerweise beschäftige ich mich mit einem Land, einer Region oder einer Stadt und irgendwann macht es bei mir KLICK und ich habe eine Vorstellung davon, was ich sehen möchte und wie ich in welcher Reihenfolge wohin fahre. Bei Sardinien hat es ganz lange nicht Klick gemacht, und dann auch nur so halb.

Sardinien, da sind sich alle Reiseführer und jeder, der schon mal da war, einig, besteht quasi nur aus schönen Ecken, aber konkret wird da sehr wenig empfohlen. „Einfach irgendwo hinfahren und chillen“, das scheint der Konsens zu sein. Damit kann ich schlecht umgehen, und das ist der Grund, weshalb mir Sardinien für 10 Tage Urlaub fast schon zu klein schien. Deshalb fahre ich jetzt hier einfach durch die Gegend, nach Norden, dann bis nach Osten, bis ich fast wieder in Nuoro und Orgosolo bin, wo ich vier Tage zuvor schon mal war. Aber immerhin gibt es hier Berge, und hier zu fahren macht Spaß. Im Autoradio erzählt Heinz Strunk von seinen Abenteuer mit Osteuropäischen Datingagenturen.

Bild: Google Earth 2019

Im Dorf Pattada genieße ich die Aussicht auf die Berge. Hier sitzen die besten Messermacher Sardiniens. Beim berühmtesten von denen muss man ein Jahr auf ein persönliches Messer warten. Sardische Klingen sind sehr spitz, schmal und elegant. Wirklich schöne Handarbeit, die mich sofort anspricht. Aber ach, was soll ich mit einem solchen Messer, das bekomme ich nie durch die Kontrolle am Flughafen.

Weiter fahren. Einfach nur fahren. Sonnenbrille auf, Fenster runter, im Radio ein Hörbuch, und so über die Bergstraßen kurven. Herrlich.
Auf einem Bergkamm liegt ein Friedhof. Von hier kann man nach einer Seite bis zum Meer sehen, zur anderen weit über das Land.

Ein schöner Platz. Das finde nicht nur ich, sondern auch die Jugend des Ortes, wie zahlreiche Kondompackungen beweisen.

Richtung Osten kann ich von oben auf eine Wolkendecke sehen und finde das skurril und schön anzuschauen. Zumindest so lange, bis mir klar wird, dass das genau auf meiner Route liegt.

In der Wolkendecke ist es dann Bäh, und es nieselt. Aber Inselwetter sei Dank, eine Stunde später scheint wieder die Sonne.

An einem See mache ich Pause und verdrücke eine Piattini aus dem Supermarkt, das ist so ein gerollter Wrap mit irgendwas drin. schmeckt nicht, macht aber satt. Der See sieht aus wie die Talsperren im Harz gerade. Nahezu leer. Es hat dieses Jahr viel zu wenig geregnet, auch hier.

Ich genieße die Ruhe am See. Der Landstrich ist wirklich einsam. Ich lehne mit offenem Hemd und Sonnenbrille am Auto, auf dessen Rückbank das ganze Spektrum von wettertauglichen Accessoires liegt: Handschuhe und Wollmütze genauso wie Sonnenhut. Der ist übrigens neu. Nach meinem Abenteuer im Sommer, in dem sich ein Hut aus normalem Stoff trotz Imprägnierung binnen Minuten von einem Indiana-Jones-Modell zu einem Paddington-Bär-Topf verwandelte, habe ich nun einen aus wasserfestem Oilskin, mit einem Draht in der Krempe. Der behält seine Form, auch wenn man ihn in den Rucksack geknüddelt hat.

Dann fahre ich weiter. Fahren, Fahren, Fahren. An nichts denken müssen. Heinz Strunck erzählt absurden Quatsch. Ich gleite über in diesen Zen-haften Zustand, in dem man sich auf eine Sache (Fahren!) konzentriert, während der Geist auf Wanderschaft geht und über ganz andere Dinge nachdenkt. Gespräche und Geschehnisse der letzten Wochen und Monate. Besuche von Geistern der Vergangenheit, aber auch Wanderungen durch mögliche Zukünfte. Das ist ein sehr entspannendes Stadium. Die drei Wochen Sommerreise mit dem Motorrad tun mir unter anderem genau deswegen so gut: Weil ich während diesen Stadiums Dinge aufarbeiten kann. Das ist wie träumen, wo das Hirn ja Dinge für sich sortiert, nur in bewusstem Zustand.

Winzige Bergstraßen, nur so breit wie ein Auto, rechts geht es steil den Berg hinab. Ab und zu liegen Steine und Büsche auf der Fahrbahn, und an manchen Stellen sind Teile der Straße den Berg runtergepurzelt. Wenn mir ein Auto entgegenkommt, wird es sehr eng. Das passiert zum Glück nur zwei Mal, aber einmal ist es ein Jeep. Um an dem Vorbei zu kommen müssen wir beide die linken Außenspiegel einklappen, und den den rechten Aussenspiegel des Fiat stelle ich ganz nach unten, damit ich die Abbruchkante der Straße sehen kann. Langsam schieben sich die Fahrzeuge dann aneinander vorbei, während mein 500 mit den rechten Reifen nur Zentimeter von der Abbruchkante entlang knirscht.

Letztlich schieße ich mir mit dieser Bergstraße selbst ins Knie. Ich hatte die geplant, weil ich eine möglichst Kurvenreiche Strecke fahren wollte. Dies Route hatte das Naviprogramm um jeden Preis verweigern wollen. Als ich vor der Trümmerstrecke stehe, in der die Asphaltdecke unvermittelt endet, weiß ich auch warum. Der Asphalt endet, dann folgen noch ein par hundert Meter Schotter, aber dann sind von dem Weg nur noch Felsen übrig. Ich steige aus und gucke mir das an. Hm. Keine Chance, da mit meinem Kleinstwagen rüber zu kommen.

DCIM102_VIRB

Bild: Google Earth 2019

Etwas unentschlossen stehe ich auf dem Bergpass rum. Mein Bein tut weh, merke ich. Das rechte, genau in der Kniekehle. Muskelkater von gestern, als ich die Treppen runtergestürmt bin? Nein, so fühlt sich das nicht an. Ist eher so ein pochender Schmerz. Egal.

Ich drehe um und fahre die Bergstraße in die andere Richtung, aber da stehen erst überall Schweine rum, dann liegt eine Kuhherde mitten auf der Straße. Hier geht es auch nicht weiter.

DCIM102_VIRB

Bild: Google Earth 2019

Zum Glück kann der Floh auf der engen Bergstraße wenden, dann geht es 6 Kilometer über die einspurige Piste wieder zurück und dann durch den Ort Aristo, der sich schon auf das große Event, das Kastanienfest, vorbereitet. Das startet morgen, und dann kommen jeden Tag bis zu 10.000 Besucher hierher. Ich frage mich wo die parken sollen, schon jetzt ist kein Platz in dem engen Dorf.

Durch die Wendeaktion auf dem Bergpass habe ich eine Stunde verloren, und genau die fehlt mir nun. Eine weitere Nuraghe schaffe ich nicht mehr, also fahre ich direkt zu meiner Unterkunft, einem Bauerhof in der Nähe von Genoni. Heute Morgen war ich im Nordwesten von Sardinien, heute Mittag im Norden, und heute Abend bin ich etwas südlich der Mitte der Insel. Dort gibt es eine Hochebene, auf der Wildpferde leben.

Bild: Google Maps 2019

Die Hochebene Giara di Gesturi.
Bild: Google Maps 2019

In der Mitte: Giara di Gesturi, Hochebene, Naturschutzgebiet und Wildpferdreservat.

Auch auf dem Hof werden Pferde gezüchtet.

Freundlich werde ich von einem kleinen Mann mit einem riesigen Bart begrüßt. Pietro ist einer der Söhne von Franca und Peppino, den Besitzern des Hofes Cuadus & Tellas. Er zeigt mir mein Zimmer. Das ist klein, aber gut ausgestattet. Leider hat es eine Verbindungstür zum Gastraum, aus dem laut italienische Vorabend-Schnulzenserien zu hören sind.

Der Hof ist nicht nur ein Öko-Bauernhof mit zwei Gästezimmern, er hat auch ein Restaurant, in dem Hausgemachtes serviert wird. Geführt wird der Hof vom Gastraum aus, wo Matriarchin Franca ihr Regiment führt. Sie tut das aus einem Bürostuhl heraus, mit dem Sie zwischen den Tischen herumrollert, auf denen Bügelwäsche, und Nähzeug liegt.

Mittlerweile schmerzt mein Bein dauernd. Ein dumpfer, pochender Schmerz, der jetzt aber aus der Kniekehle nach oben gewandert ist, in den Oberschenkel. Zu wenig getrunken, zu lange mit angeknickten Beinen im Auto gesessen? Trombose? Ich werfe zur Sicherheit und zur Blutverdünnung Aspirin ein.

Ich esse dort zu Abend. Es gibt zuerst Antipasti, Pecorino und verschiedene Wurst aus Hausschlachtung. Danach kleine-Würmer-Pasta, dann Frittierte Pilze und Stücke aus Haxe und Nieren, obwohl ich mir da nicht ganz sicher bin. Dazu gekühlter Wein, und den gleich im Literkrug (den ich natürlich nicht leere. Ich habe da so gewisse Erfahrungen mit drehenden Zimmern auf Bauernhöfen wie diesem gemacht).

Zum Dessert gibt es Äpfel und Birnen und einen Kaffee und dann lädt mich Hausherr Peppino noch auf einen Mirto ein. Das ist ein Likör aus Myrte, der kalt getrunken wird und ein wenig wie Schierker Feuerstein schmeckt. Rund 30 Umdrehungen hat normaler Mirto. Als Peppino nach dem zweiten anbietet, den nächsten mit Grappa zu verdünnen, lehne ich dankend ab.

Über all dem steht erneut ein feurig-orangener Vollmond.

Tour des Tages: Einmal durch das grüne Herz der Insel.

Bild: Google Earth 2019

Kategorien: Reisen | 2 Kommentare

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2 Gedanken zu „Reisetagebuch Sardinien (8): Nuraghenland

  1. endlich eine Nuraghe von innen! Irgendwie haben Monika und ich als echte Kulturbanausen es nur zu einem Selfie vor einer Nuraghe geschafft…

    Straßen, die plötzlich enden oder Navis, die Strecken fahren wollen, die Google maps nicht mal kennt – das kommt mir bekannt vor…

    Aber das Spoilern mit den Knie ist nicht nett…. Jetzt stehe ich irgendwo zwischen meiner weiblichen Neugier und der Hoffnung, dass es nichts schlimmes ist und stelle mir vermutlich den Wecker nächsten Samstag auf 4 Uhr… 😉

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  2. 😀

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