Reisetagebuch Sardinien (10): Au Vaia

Herbstreise nach Sardinien. Heute ist das Land gesperrt, die Stadt auch, und ich mache Bekanntschaft mit Vaia, die mich fast nicht mehr weg lässt.

Sonntag, 28. Oktober 2018, Portoscusa
Das Wohnzimmer meiner Unterkunft ist ein ehemaliges Restaurant. Der Raum ist bestimmt 30 Meter lang und 10 Meter tief. Zu drei Seiten ist er verglast, rundrum ist das Meer zu sehen. Der Himmel ist grau. Es ist windig, und hohen Wellen schlagen an die Felsen der Küste.

Den großen Raum ganz für mich allein zu haben ist fast etwas unheimlich. Wie kommt es, das aus einem Restaurant ein Wohnzimmer wurde?, frage ich die Gastwirtin. „Ach, lange Geschichte“, sagt sie. „Meine Familie hat das Gebäude hier gebaut, genauer gesagt: Mein Bruder. Das Restaurant wurde dann verpachtet, aber das lief nicht gut. Im Sommer, Juli bis August, ja, da gibt es hier viel zu tun! Aber den Rest des Jahres nicht, und irgendwann konnten wir das Restaurant nicht mehr verpachten. Also dachten wir, ok, man kann ja hier auch wohnen. Aber es sollte in der Familie bleiben, und deshalb wohne ich jetzt hier, mit meinem Mann und meinen Kindern.“ Ich nicke.

Wenig später summt der Fiat 500 durch die rostenden Industrieanlagen der Peripherie, dann über eine Straße, die sich immer weiter dem Meer annähert und in Kürze zu einer tollen Küstenstraße wird. Aber denkste, irgendwann stehe ich vor einer Polizeisperre. Was soll das denn? Irgendein Event, oder eine Treibjagd? Unwahrscheinlich wäre das nicht, es ist Sonntag und überall ziehen Männer in Tarnfleckklamotten und mit Schrotflinten durch die Felder.

Meh. Aber gut, muss ich halt außen rum. Eine Stunde kostet der Umweg, aber nun. Bald bin ich an der Küste, denke ich, als ich unvermittelt WIEDER vor einer Straßensperre stehe. Hier stehen Leute in Orangefarbenen Westen herum und passen auf, dass sich niemand um die Absperrung herummogelt. „Was issen hier los?“, frage ich eine der Westenfrauen. „Giro“, bekomme ich zur Antwort.
Eine Radsportveranstaltung!

Ich hasse Radfahrer. Ich darf nicht mal umdrehen, weil ich dann ja einen Radfahrer gefährden könnte, sagt eine Frau, die den Streckenposten macht. Wir diskutieren das aus, lautstark und mit viel dramatischem Armgefuchtel. Schließlich gibt sie auf, ich darf wenden und komme zumindest aus dem Stau raus. Aber was nun? Anscheinend haben die die ganze verdammte Küstenstraße gesperrt. Leider ist das die einzige Straße hier um nach Westen zu kommen. Im Hinterland erhebt sich ein mächtiges Gebirge.

Genervt: Ich will an die Küste, muss aber erst bei Sant´Anna (1) umdrehen, dann bei Teulada (2), dann hinter Teulada (3) und am Ende muss ich ganz in den Norden und um die Berge herumfahren (4).
Bild: Google Earth 2019

Ach, so ein Mist. Jetzt muss ich einen WIRKLICH langen Umweg fahren, einmal um die Berge herum. Das dauert mehrere Stunden.

Bild: Google Earth 2019

Im Westen der Berge liegt das Industriegebiet von Cagliari. Kein schöner Anblick, überall stehen Raffinierien oder sowas rum. Durch diese riesigen Umwege verliere ich enorm viel Zeit, und als ich endlich wieder an der Küste ankomme, stelle ich fest, dass die Zeit nicht mehr reicht. Ich hätte mir jetzt gerne die Ausgrabungen von Nora angeguckt, aber so kann ich lediglich vom Parkplatz aus einen Blick auf einen prächtigen Wachturm werfen und meiner Nora eine semilustige SMS schreiben. So ein Mist.

Auf dem Rückweg holpert mir der Floh auch noch auf einer Feldstraße so unglücklich in ein Schlagloch, dass ich spüren kann, wie die Alufelge aufsetzt. Scheiße. Heute ist mein letzter Tag auf Sardinien und offensichtlich einer, an dem nichts klappt. Ich muss echt aufpassen, sonst passieren auf den letzten Metern noch dumme Dinge! Das muss ich mir auch immer wieder ins Gedächtnis rufen, als ich nach Cagliari reinfahre.

Die Straße in die größte sardische Stadt führt über eine Brücke, die gerade erst repariert wurde. Die Unwetter vor zwei Wochen hatten sie weggespült.

Selbst heute, am Sonntag, ist hier im Stadtverkehr die Hölle los. Und meine Fresse, sind hier die Straßen schlecht! Das gibt es doch echt gar nicht. Kopfgroße Schlaglöcher, Steinplatten, die mit Versatz und riesigen Lücken liegen. Der Fiat rumpelt und holpert über die Straßen, eingekeilt von einer rasenden Blechlawine aus überdimensionierten SUVs. Winzige Kreisel, viele Ampeln – was ist denn hier bloß los? Cagliari ist die Hölle, so schlimmen Stadtverkehr habe ich selten erlebt. Ich tanke an einer winzigen Tankstelle, die auf einer Verkehrsinsel mitten auf einer Straße steht, dann stürze ich mich wieder in den wütenden Blechmob. Meine Fresse, ist es anstrengend hier zu fahren!

Nach einigen Kilometern des Mitschwimmens im dichten Autostrom erblicke ich links in einer Stadtmauer das Parkhaus, in das ich ohnehin wollte, und ziehe unter lautem Gehupe anderer Verkehrsteilnehmer in die Einfahrt.

Das Parkhaus ist fast leer, und ich weiß auch warum. Die Abfahrten sind so eng, dass selbst mein Mini-Fiat kaum um die Kurven kommt. Ein SUV würde sich hier hoffnungslos verkeilen. Als der Floh steht, atme ich tief durch.

Dann greife ich mir die Tasche und mache mich auf der Suche nach einem Treppenhaus. Das ist schnell gefunden, und als ich es verlasse, staune ich nicht schlecht. Zum einen, weil ich ich nun plötzlich auf einem Dach stehe, auf dem Kinder auf einem Fußballplatz spielen, während auf der anderen Seite Erwachsene in einem Restaurant Kaffee trinken. Das sieht aus wie ein Park, oben auf dem Parkhaus. Ich bin wohl etwas zu hoch hinaus, aber leider ist der Weg zurück versperrt. Die Tür zum Parkhaus ist ins Schloss gefallen und lässt sich nicht mehr öffnen. Was soll das denn jetzt?

Leicht orientierungslos renne ich auf dem Dach herum, finde aber keinen Ausgang. Ich gehe am Rand der Dachterasse entlang, die zu einem Park wird. Ah, da ist eine Treppe nach unten! Nein, die ist gesperrt.

Aber da ist ein Durchgang! Nein, da ist auch ein Baugitter davor. Verdammt, dieser Tag wird immer merkwürdiger!

Endlich finde ich eine Treppe, die nicht von Bauzäunen versperrt ist, und stehe auf der Straße vor dem Parkhaus. Leider ist die Altstadt, in die ich will, über mir. WEIT über mir, sie ist auf einem Berg, dessen Hänge senkrecht abfallen und die auch mit Häusern bebaut sind, die daran wie Schwalbennester kleben.

Wie komme ich da jetzt hoch? Ah, da ist ein Schild für einen Aufzug! Leider ist auch der Aufzug mit Bauzäunen verstellt. Das gibt es doch gar nicht!

Na gut. Dann halt anders. Ich wandere die Straße hinab bis zu einem der Wahrzeichen Cagliaris, der Porta Romana. Die MUSS offen sein, die ist DAS Tor zu Altstadt.

Ach nee, muss sie nicht.

Was soll das hier? warum haben die Cagliaristen ihre ganze Stadt abgeriegelt? Ich bin sauer, aber ich will da jetzt unbedingt rein. Schon allein, weil ich ein Geheimnis lösen muss. Ich habe auf Maps eine komische Struktur entdeckt, eine Betonelipse auf Stelzen, und ich will wissen, was dasist:

Bild: Google Earth 2019

Was ich nicht entdeckt hatte: Das Ding ist GANZ OBEN auf dem HÖCHSTEN BERG verortet. Es ist warm, 27 Grad, und die Sonne scheint. Ich wandere durch die Straßen, in denen außer mir kaum Fußgänger unterwegs sind. Oh, es sind viele Menschen hier, aber die bewegen sich nicht. Sie sitzen in Cafés, genießen den Nachmittag und gucken mir mitleidig nach, wenn ich schwitzend an ihnen vorbeirumpele.

Immer höher und noch höher geht es und immer, wenn ich denke, jetzt bin ich bestimmt schon ganz oben, geht es NOCH höher. Mein Hemd ist schweißdurchtränkt, als ich endlich am Ziel ankomme. Was das Ding ist, erschließt sich mir trotzdem nicht. Auch aus der Nähe ist es völlig seltsam. Es steht in einem abschlossenen Hof, an den aber Wohnhäuser grenzen. Rundrum hängen Mobilfunkantennen. Der große Zylinder oben auf dem Dach könnte eine Radarschüssel beinhalten. Aber wenn da ein Radar drin wäre, würde man doch nicht Menschen 20 Meter entfernt davon wohnen lassen, oder? An den Türen des Baus steht nichts, was auf die Funktion schließen lassen könnte.

Egal, weg hier. Ich hole den Fiat aus der Tiefgarage, dann geht es nochmal in den Stadtverkehr und über endlose Zubringerstraßen bis zum Flughafen. Kurz vorher halte ich auf dem Parkplatz eines Hotels an, sammele alle Sachen zusammen und durchsuche peinlich genau den Fiat, ob ich auch nichts vergessen habe. Nicht, dass mir nochmal so ein Mist passiert wie auf Sizilien, wo ich die VIRB-Fernbedienung am Lenkrad vergessen habe. Dann verabschiede ich mich in Gedanken von dem treuen, kleinen Auto. 2.435 Kilometer haben wir in den letzten acht Tagen gemeinsam zurückgelegt. Ich filme und fotografiere den Wagen rundrum um zu dokumentieren, dass er keine Schäden von mir hat. Zum Schluss lösche noch mein Telefon aus der Liste der Bluetooth-Geräte des Autoradios.

Dann fahre ich die letzten Meter zum Flughafen und dort in das Parkhaus zur Rückgabestation von Hertz.

Ich könnte der Mitarbeiterin um den Hals fallen, als sie sagt „All is goode“. Super! Wagenrückgabe ist halt doch immer ein spannender Moment. Modnerd singt regelmäßig Lieder von Dingen, die dann doch als kaputt bemängelt wurden oder Tankfüllungen, die als nicht ausreichend betrachtet und zu Mondpreisen nachberechnet werden. Ich hatte mit Komplikationen gerechnet, denn: Dieser komische Tag, von dem habe ich nun wirklich erwartet, dass er noch eine abscheuliche Überraschung in Petto hat. Aber hier: „All is goode!“

Was übrigens noch besser ist: Ich hatte mich ja geärgert, dass ich wohl 200 Euro für eine Zusatzversicherung bezahlt habe, die ich gar nicht braucht. Darüber habe ich mich die ganze Zeit geärgert. Aber gestern Abend ist der Betrag von meinem Kreditkartenkonto verschwunden. Anscheinend war der Betrag doch nur geblockt, zusätzlich zur Kaution, und wurde wieder freigegeben. Das hat meine Laune erheblich gesteigert, denn 200 Euro, das hat mich der Floh insgesamt für 9 Tage gekostet, inklusive Vollkasko. Also: All is VERY goode.

Danke, Floh, für die tolle Fahrt und das Du mich nicht im Stich gelassen hast.

Ich werfe mir den Rucksack auf den Rücken und ziehe los. Aus dem Flughafengebäude heraus und einen Zubringer entlang, dann durch einen Kreisel, dessen östliche Ausfahrt in einem Feldweg endet. Den wandere ich entlang, im Licht der Abendsonne, die schon hinter den Bergen untergeht und dunstiges Licht auf die feuchte Ebene wirft.

Das ganze Gebiet hier ist sumpfig, und Mückenschwärme tanzen im Abendlicht. Fünfundzwanzig Minuten zu Fuß vom Flughafen liegt eine große Lagune, und an der ist ein Tor.

Bild: Google Earth 2019

Das ist verschlossen. Ich klingele. Einmal. Nochmal. Es ist schweineheiss, die Luft ist schwer und schwül, mir rinnt der Schweiß über Kopf und Brust und ständig fliegen mich Mücken an.

„Pronto“ bellt es irgendwann aus der Gegensprechanlage. „Ich bin ein Gast“, sage ich. „OK“, ranzt die Stimme und das Tor öffnet sich. Dahinter liegt ein breiter Kiesweg, der links und recht von alten Palmen gesäumt wird. Ich komme mir vor, als würde ich die Auffahrt zu einem Gutshaus hochgehen, und im Prinzip ist das auch so.

Das „Residenza Santa´Igia Country House“ liegt auf einem schmalen Streifen Land zwischen der Lagune von Cagliari und dem Flughafen.

Am Ende des palmengesäumten Wegs liegt eine Ansammlung eingeschossiger Gebäude.

Bild: Google Maps 2019

Nicoletta ist die Besitzerin des Anwesens und begrüßt mich vor dem Haupthaus. Die Mitvierzigerin wirkt elegant, aber bodenständig. Sie führt mich zu einem Zimmer im Haupthaus, das mit alten Möbeln, eingerichtet ist. Im Zimmer hängen Kaligraphien an den Wänden, im Bad Poster alter Kunstausstellungen. Sehr stilvoll! Ich nehme eine Dusche, dann sehe ich mich um.

Das Anwesen ist eine Art Bauernhof mit Streichelzoo. Ich entdecke einen Esel, zwei Pferde und eine Schar Gänse.

In einem Gehege ist eine weiße Ziege mit einem langen Bart. Für eine Ziege, die ja eiterbeulige Geschichtsfälscher sind, ist die erstaunlich hübsch.

Sie guckt neugierig, dann öffnet sie das Maul und stößt statt eines lauten Meckerns einen Pfauenschrei aus. WTF? Dann sehe ich, dass sich die Ziege das Gehege mit einigen Gänsen und auch Pfauen teilt. Anscheinend macht sie deren Rufe nach. Eine Fremdsprachen-Ziege! Seltsam.

Ich wandere weiter über den Hof. Warum wird es eigentlich schon dunkel? Ach klar, gestern war Zeitumstellung. In der Dämmerung und in der Ferne kann ich Flamingos ausmachen, die in der Lagune herumstehen. Direkt am Zaun zum Hof läuft ein Vogel Strauß entlang. Aber nach der Fremdsprachenziege kann mich nichts mehr schocken.

Als es dunkel wird, ziehe ich mich auf mein Zimmer zurück und breche die letzte Packung Reiskekse an.

Noch ein letztes Mal Daten sichern, denn nichts von den Kostbaren Bildern und Videos soll morgen verloren gehen.

Oh, was ist das denn? Die Karte aus der Kamera, die die letzten zehn Tage vorne im Auto klebte, will sich nicht kopieren lassen, weil das Netbook zu wenig Speicherplatz frei hat. Hm. Eigentlich hat es genug Speicher, Windows ist nur zu dumm vorab die doppelten Dateien, die schon im Backup liegen, auszusortieren.

Ach, was soll´s. Kurz entschlossen lösche ich das ganze Backup, um dann alle Daten der Speicherkarte nochmal komplett neu zu kopieren. Bratz, macht Windows und sagt: Kann ich jetzt gerade nicht kopieren, irgendein Fehler. Dann erstarre ich vor Horror: Die Speicherkarte ist jetzt komplett leer. Und kaputt. Windows hat gerade 10 Tage Aufzeichnungen zerstört.*


Montag, 29. Oktober 2018, Cagliari
Schon um kurz nach halb Sechs kann ich nicht mehr schlafen, wickele mich aber noch einmal in die warmen Laken ein. Dann beginnt es zu stürmen und zu regnen. Obwohl… ist das wirklich Regen? Ich höre ein Rauschen und Klatschen, aber das kann auch der Wind in den Palmen vor dem Haus sein.

Ich halte es nicht mehr aus, wälze mich aus dem Bett, tappe zum Fenster und öffne die Vorhänge. Draußen weht gerade ein ganzes Gebüsch vorbei, aber wenigstens ist alles trocken. Ein Blick auf die Wettervorhersage lässt aber vermuten, dass das nicht mehr lange so bleiben wird. Ich konsultiere das Internet und einige Wetterapps und bin so erstaunt, dass ich gleich mal Screenshots mache. Ein Unwetter namens Vaia zieht auf das Gebiet zu, es gibt ernste Warnungen auf allen Kanälen.

Schlafen kann ich jetzt sowieso nicht mehr. Ich packe meine Sachen, dann öffne ich die Zimmertür. Davor ist die Küche des Haupthauses, und an der langen Fensterfront seht Nicoletta in einem geblümten Bademantel und nippt an einer Tasse Tee. Als sie mich hört, blickt sie auf. „Willst Du schon los?“, frag sie. „HmJa“, antworte ich. „OK, pass auf. Damit Du auch rauskommst, hier der Schlüssel fürs Haupttor. Schmeiß den dann einfach in den Briefkasten.“

Ich bedanke mich und gehe hipnüber zum Pferdestall, der zu einem Frühstückszimmer umgebaut ist. Dabei muss ich mich schräg gegen den Wind stemmen, der Blätter und Äste mit sich trägt. Ah, sardisches Frühstück! Die Croissants sind frisch gebacken und sogar noch warm!

Ich stürze einen Espresso runter. Ein Huhn weht am Fenster vorbei. Es sieht verwirrt aus.

Dann schultere ich meinen Rucksack und mache mich auf den Weg. Die breite, gekieste Auffahrt zum Countryhouse wird gesäumt von großen Palmen, und an deren Wedeln reisst jetzt der Sturm. Gigi, der Groundkeeper, kommt mir entgegen. Er hat seinen Hut mit einem dicken Band festgeknotet, damit er nicht wegfliegt. „Zu Fuß?“, fragt er. Der Gigi, nicht der Hut. Ich nicke. „Man“, grummelt er und geht weiter. Sein Hund hilft derweil schon mal beim Aufräumen und trägt einen herabgestürzten Palmwedel wie eine Trophäe davon.

Ich hatte mir vorgestellt, dass der Wind kalt sei, aber das ist nicht der Fall. Er ist schwülwarm, und wie ich so mit dem Rucksack durch die Landschaft wandere, fange ich gleich wieder an zu schwitzen. Aber alles egal, Hauptsache es regnet nicht. Bei Regen wäre der Weg eine einzige Schlammpiste. Ob wohl viele Leute auf die Idee kommen, im Sant´Igia zu übernachten und zu Fuß zum Flughafen zu gehen? Bestimmt. Oder? Die meisten sind ja mit Rollköfferchen unterwegs, und deren Performance auf diesem Weg mag ich mir gar nicht vorstellen:

Die Straßen zum Flughafen sind schon recht belebt. Ein Müllauto macht sich einen Spaß und nimmt mich auf´s Korn. Der Fahrer will mir wohl zeigen, das ich als Fußgänger nichts auf dem Zubringer verloren habe, und hält direkt auf mich zu. Ich flanke über die Leitplanke und laufe dahinter weiter. Der Sims ist zwar nur 30 Zentimeter breit, und und dahinter geht´s in einen Graben, aber mir reicht das.

Im Flughafen ist es noch ruhig. Es ist noch früh, bislang sind nur wenige Fluggäste hier. Dafür eilt Personal mit schnellen Schrittes durch das Terminal. Ich kann es mir einbilden, aber die Atmosphäre wirkt angespannt. Ruhig und konzentriert, aber angespannt.

Ein Blick in die Nachrichten verrät, warum alle so so angespannt sind. Venedig säuft ab, Rom ist bereits weggespült, in Norditalien fällt die Schule aus. Vaia ist das schlimmste Unwettergebiet seit Jahren, und dreht ausgerechnet – und nur! – zwischen den Alpen und Mittelitalien, also mit dem Epizentrum über Sardinien. Die angespannte und konzentrierte Stimmung am Flughafen hat was von „Brace for Impact“, bereit machen für den Einschlag. Die konzentrierte Vorbereitung vor dem Sturm.

Hm. Istanbul und Athen kenne ich schon.

Ich blicke auf die Anzeigetafeln. Flüge verspäten sich, ausgefallen ist aber noch keiner. Immer wieder kann ich spüren, wie Windböen gegen die Glasfront des Terminals drücken.

Ich setze mich und lese Bob Woodward, und ehe ich es mich versehe, ist es Zeit zum Gate zu gehen. Bereits 45 Minuten vor Abflug ist es dort sehr voll.

Egal, ich habe einen reservierten Platz und darf mit Priority Boarding als einer der ersten an Bord. Wenn denn das Boarding mal beginnen würde. Die Anzeige wechselt auf „Imbarco“, „Boarding“ und dann auf „Last Call“, ohne das es voran geht. Regen klatscht gegen die Fensterfronten, und Blitze zucken über den dunklen Himmel.

Ich checke meine WetterApp und muss schlucken. Die App hängt an einem, gar nicht mal so günstigen, Bezahlservice, den ich mir wegen der Motorradtouren leiste. Damit kann ich Satellitendaten praktisch in Echtzeit sehen, und was zeigen, ist alles andere als gut. Das Wetter da draußen ist nur der Vorgeschmack. Was mir schon als Unwetter scheint, ist nur die Ruhe vor dem eigentlichen Sturm. Die richtige Regenfront braucht noch eine Stunde, dann wird es hier richtig abgehen. Und nicht nur hier: Auf gesamten Flugweg von Sardinien bis Deutschland kreist Vaia. Ich muss großes Glück haben, dann wird das Flugzeug vielleicht gerade noch starten. Ich überlege, ob ich Nicoletta anrufe und für heute ein Zimmer anfrage, entscheide mich dann aber dagegen.

Die Regenfront, die auf Cagliari (der rote Punkt im Bild) zusteuert:

Die Karte mit den Blitzeinschlägen zeigt: Das Unwetter liegt ganz exakt auf der Flugroute nach Deutschland. Man! Was soll das denn?!

Erst mit einer halben Stunde Verspätung dürfen die Reisenden in das Flugzeug.

Als ich meinen Fensterplatz eingenommen habe, trifft auch der Rest des Unwetters ein. Es beginnt zu regnen wie aus einer Urwalddusche. Wasser klatscht gegen die Scheiben, und endlos lange passiert nichts. Ich rechne damit jeden Moment eine Lautsprecherdurchsage zu hören, die den Flug absagt und die Passagiere zum Aussteigen auffordert. Es stürmt so dermaßen, dass die Büsche und das Schilf neben der Landebahn platt am Boden liegen.

Dann meldet sich der Captain und sagt, dass es „einige Wolken“ auf unserem Weg gäbe, aber wir nun starten würden. Das Flugzeug hebt ab, wird aber immer wieder durchgeschüttelt. Wenn es in Turbulenzen kommt, hört sich das an, als ob es aufsetzt, als würde die Unterseite des Fliegers über festen Grund schleifen.

Dann wird es dunkel, draußen sind nur noch Wolken zu sehen. Ich bin angespannt, aber kann nichts machen. Jetzt liegt alles in der Hand des Captains und seiner Crew. Ich bin gut darin, sowas zu akzeptieren und meine Kräfte für später zu sparen. Das Hirn sagt: Du kannst jetzt eh nichts machen, und folgerichtig begibt sich der Körper in eine Erschöpfungsphase und schläft einfach ein.

Als ich wieder aufwache, ist der Himmel blau. Das Flugzeug steuer sanft über die Alpen.

Zwei Stunden später setzt die RyanAir-Maschine in Baden-Baden auf. Ich schnappe mit mein Handgepäck und bin vor allen anderen aus dem Flughafen raus. Direkt vor dem Airpark steht ein Bus, der gerade abfährt. Ich springe hinein und buche die Busfahrkarte über eine App, die ich von früheren Besuchen in Karlsruhe noch auf dem Handy habe.

„Fährt der Bus hier bis Altenhausen?“, fragt eine junge Frau mit roten Haaren und Nasenpiercing. Vermutlich ist die keine 18 Jahre alt. „Keine Ahnung“, sage ich. „Weil, ich muss nach Altenhausen. Ich besuche meine Familie. Als Überaschung. Weil, eigentlich mache ich freiwilliges soziales Jahr auf Sardinien. Aber die anderen Mädchen sind doof, die machen den ganzen Tag nur Snapchat. Das ist doof, weil, ich kann kein italienisch, und niemand bringt mir was bei. Und alles ist so schwierig, ich muss mich um alles selbst kümmern, auch um Handy und Bank und so und unser Arbeitgeber da gibt uns nichts zu tun und eigentlich bin ich allein und deshalb…“

„…deshalb bist Du abgehauen“, führe ich den Satz zu Ende. „Naja, nein, ich habe Urlaub“, sagt Nadine, denn so heißt das Mädchen. „Hast Du vor wieder zurück zu gehen?“, frage ich. Sie schweigt. „Der Bus hält in Altenhausen“, sage ich, nachdem ich einen Moment ins Handy geguckt habe. Sie nickt und schweigt und guckt betreten zu Boden.

Um Nadine aus ihren Gedanken zu holen frage ich sie, was sie sonst so macht. Hätte ich nicht tun soll. Es ist, als hätte ich ein Faß angestochen. All die Worte, die sich in den letzten Wochen in ihr aufgestaut haben, sprudeln nun aus ihr heraus. Da wir nicht nur den Bus, sondern später auch den Bahnsteig teilen, kenne ich nach einer Stunde ihre Lebensgeschichte, die Verwandtschaftsverhältnisse bis in den dritten Grad, die Namen aller Haustiere und die Automarke ihres Ex-Freundes. Ich bin froh, als sich unsere Wege trennen.

Der Rest der Reise ist schnell erzählt. ICE, BUS, Mumpfelhausen. Unterwegs lese ich Nachrichten und bin froh, mit heiler Haut von Sardininen runtergekommen zu sein. Unmittelbar nach dem Start meines Fliegers wurde der Flughafen gesperrt. Unwetter Vaia forderte vielerorts Tote, hat in Italien und den Schweizer Alpen ganze Orte vernichtet und die Schäden sind bis heute nicht repariert. Vaia hat sogar eine eigene Wikipediaseite.

Als ich zu Hause ankomme, friere ich sofort. Brr, es ist kalt. Der Großteil der letzten 10 Tage hatte 23-27 Grad, nun sind es 5. Egal. Ich habe auf Sardinien den Sommer noch ein 10 Tage verlängert. Jetzt bin ich wieder da, und es geht mir wie allen anderen. Ich könnte kaum sagen „Dort musst Du auf Sardinien hin“ oder „DAS musst Du gesehen haben“. Sardinien ist voller schöner Ecken und netter Menschen, und das entspannt ungemein.

Fast flächendeckend abgegrast: 10 Tage auf Sardinien.
Bild: Google Earth 2019

CC BY SA 4.0, Erstellt von Conte di Cavour, Ortseintragungen von Silencer

Die komplette Reise:


*) Die Aufzeichnungen waren tatsächlich nicht mehr zu retten. Zumindest unter Windows. Ein Mac konnte dann aber alles wiederherstellen.

Kategorien: Reisen | 5 Kommentare

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5 Gedanken zu „Reisetagebuch Sardinien (10): Au Vaia

  1. Immer wieder erstaunlich, dass Flugzeuge (meistens) funktionieren… 😉

    Gefällt 1 Person

  2. Der komische Bau ist wahrscheinlich ein Wassertank, würde ich sagen. Die baut man doch gern auf den höchsten Punkt.

    Gefällt 1 Person

  3. Kradblatt: Einfach nicht Boing Max fleigen 😉

    Modnerd: Glaube ich nicht. Guckt Dir mal die Form an, die würde doch von Wasser auseinandergedrückt.

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  4. Modnerd

    Was soll denn da auseinander gedrückt werden, bei dem massiven Beton?

    Das hier sind wohl auch auch italienische Wasserbehälter:

    Bolzano - NOI Park Torre dell'acqua

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  5. 😳

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