Reisetagebuch 2019 (2): Outbound

Im Februar 2019 steht der Brexit wieder mal ganz kurz bevor. Herr Silencer macht sich auf, das Unvereinigte Königreich ein letztes Mal zu besuchen, bevor sich alles in rauchende Ruinen verwandelt. Dies ist das Tagebuch der „Last Chance to See“-Tour.

Sonntag, 03. Februar 2019, London, Norfolk Square
Ich mag das Belvedere, dieses kleine, etwas schrullige Hotel im Norfolk Square am Bahnhof Paddington in London. Im Keller des Hauses ist der Frühstücksraum, in der zwei Polinnen und eine Koreanerin den Frühstücksservice schmeißen. Heute Morgen ist der eng bestuhlte Raum noch leer, aber das ist nicht oft so. Auch wenn es nur 16 Zimmer im Belvedere gibt, übernachten bis zu 50 Personen hier. Dementsprechend voll ist es hier an den meisten Morgenden.

„Do you like english breakfast?“ ist immer die erste Frage. Die richtige Antwort lautet „Ja“, ansonsten wird man freundlich auf eine leicht staubig wirkende Schachtel Frühstücksflocken auf einer kleinen Anrichte hingewiesen. Antwortet man richtig, rumort es kurz in der Küche, und wenig später steht ein Klacks Bohnen, zwei Eier, ein Stück Frühstücksschinken, ein Würstchen und ein Stück Toast vor einem.

Verhandlungen sind übrigens Zeitverschwendung. Ich muss immer schon grinsen, wenn jemand „Ich hätte gerne etwas mehr Bohnen und zwei Würstchen, dafür kein Ei“ oder sowas bestellt. Dann nickt die Koreanerin freundlich, und die Küche macht trotzdem exakt das Standardfrühstück.

Ich frühstücke zu Hause nie, aber im Urlaub passe ich mich an. So, wie ich in Italien morgens an einem Stück Zwieback rumknabbere und dazu Espresso trinke, schlinge ich hier mit Genuss das Warme Frühstück mit ordentlich HP-Sauce hinunter.

Kurz darauf sitze ich in der U-Bahn. An der Wand wirkt eine Bank mit dem Brexit. „An alle 7.643 Personen, die ein monatliches Essenbudget mit dem Titel „Brexit Überlebens Rücklage“ eingerichtet haben: Haltet durch!“ – Und sowas, liebe Kinder, passiert, wenn man bei einer dieser modernen Internetbanken ist. Die werten die privatesten Daten aus und machen Werbung damit.

Am Bahnhof Kings Cross steige ich auch und schlendere zu den hinteren Gleisen. Wieder mal fällt mir auf wie paranoid die Briten sind. Displays und Plakate fordern überall auf, alles und jeden sofort zu verpetzen. Orwells Albtraum, hier ist er Realität geworden.


Ich warte auf einen Zug der Great Northern Railway. Das Ticket habe ich online gekauft und gestern am Automaten ausgedruckt. Die App der GNR zeigt auch den Fahrplan an.

Als der Zug den Bahnhof verlässt, fährt er an einem Neubau vorbei. Der Bauherr lässt sich erahnen. Die farbigen Androiden als Etagenmarkeriung bieten einen deutlichen Hinweis.

Ausflüge sind toll. Outbound, so werden alle Linien aus London raus benannt, geht es gen Norden. Vor dem Fenster zieht die raureifbedeckte Landschaft vorbei.

Nach rund einer Stunde kommt der Zug in Cambridge an.

Bild: Google Earth 2019

Es ist schweinekalt. Minus drei Grad hat es laut Thermometer in London, aber in Cambridge fühlt es sich durch die feuchte Luft kälter an.

Als ich aus dem Bahnhof komme, schlage ich den Jackenkragen der M65 hoch und ziehe mir die Wollmütze tiefer ins Gesicht. Die Kälte beißt regelrecht.

Der Bahnhof liegt rund 2 km von der Innenstadt entfernt. Der Weg dahin ist gesäumt mit Fressbuden, und ich wundere mich, wie so viele davon leben können. Immerhin gibt es auch alte Bauwerke, die sehr britisch aussehen.

Ich habe keinen Plan und laufe ein wenig in der Gegend rum. Mal hier in einen Cotsworld-Outdoorladen, mal dort in den Buchladen Waterstone. Der hat lustige Dinge, wie dieses bitterböse Brexit-Buch.

Cambridge, das ist ja vor allem deswegen bekannt, weil da viele Leute studiert haben. Ein gewisser Herr Newton, zum Beispiel. Dieser Apfelbaum, das soll der sein, unter dem ihm ein Apfel auf den Kopf gefallen ist, und daraufhin hat der Herr Newton die Schwerkraft erfunden. Was für ein Glück für uns alle!

Das Wiesel findet das natürlich super und studiert sofort in Cambridge. Zwar nur den Stadtplan, aber immerhin. In Zukunft hat das Viech in seiner Vita stehen, dass es an der Sorbonne UND in Cambridge studiert hat.

Das Universitätsviertel von Cambridge ist in mehrere Colleges aufgeteilt. Die bekanntesten sind sicher das Trinity College, das Kings College und Corpus Christi. Aber es gibt noch ganz andere, wie das Pembroke College, das St. Catherins oder das Queens College. All diese Schulen sind in altehrwürdigen Gebäuden untergebracht, die hintereinander weg am Fluss Cam liegen. Über den führen mehre Brücken, sogar eine Seufzerbrücke gibt es.
Fluß Cam.
Brücken.
Ich stehe auf einer solchen, als der Groschen fällt. Ich klatsche mir mit der flachen Hand an die Stirn. So offensichtlich!

Rot: Trinity College, blau Kings College.
Bild: Google Earth 2019

Die Colleges haben öffentlich zugängliche Teile, die man gegen geringe bis mittelteure Gebühren besichtigen kann. Ich besuche das Trinity-College. Das enttäuscht etwas, weil nur der Innenraum und die Kirche zugänglich ist, alle anderen Wege sind gesperrt und werden von Herren in Zylindern bewacht. Dafür kostet es nur 2 Pfund, und die Campuskirche ist recht schön.

Das Trinity hat einen großen Innenhof mit einem gepflegten Rasen. Aufpasser mit Umhang und Zylinder achten darauf, dass niemand den Rasen betritt. Eine Gruppe Chinesen, die beim Selfiemachen einen halben Fuß auf das Grün setzen, werden lautstark angeblafft.

Umso erstaunter bin ich, als dieser Zausel hier im Strickpulli demonstrativ mitten über den Rasen latscht, und dafür von einem der Wächter mit einem freundlichen Nicken begrüßt wird.

Später lese ich, dass eines der Privilegien von Fakultätsmitgliedern das Recht ist, den Rasen betreten zu dürfen. Man stelle sich das vor: Statussymbol: Auf der Wiese rumlatschen dürfen. Das ist schon bescheuert genug, noch bescheuerter ist aber das Verhalten der Herren Professoren, die das tatsächlich so demonstrativ tun: Guckt mich an, ich bin wichtig, ich stapfe auf dem Rasen herum und niemand kann was dagegen sagen!

Das Kings College ist ungleich teurer, 9 Pfund, dafür gibt es mehr zu sehen. Auch hier gibt es eine Kirche, und die ist noch prächtiger als die vom Trinity.

Ansonsten ist Cambridge eine nette, kleine Studentenstadt, die heute, am Sonntag, voll mit Touristen ist.

Es gibt viele Shops, die Devotionalien der hier ansässigen Colleges verkaufen – und von Hogwarts! Ja, ehrlich – in jedem Collegeshop kann man auch die Uniformen und Merchandise mit den Insignien von Gryffindor, Slipperig, Rabenklau und Puffreis kaufen. Es gibt auch noch mehr Skurrilitäten, wie diese seltsame, leuchtende Uhr, auf der ein Grashüpfer im Sekundentakt herumspringt. Ringe aus LEDs zeigen die Uhrzeit.

Das ist die Corpus Clock, die hier seit 2008 steht und die ein gewisser Dr. John Taylor gebastelt hat. Auf einem der Pendel steht eine lateinische Inschrift:

Joh. Sartor Monan Inv. MMVIII

Johannes steht für John, Sartor ist der lateinische Name für Schneider, also „Tailor“ im Englischen. Monan steht für die Isle of Man, Inv. für erfunden und MMVIII ist 2008. Clever.

Zäune und Mauern dienen als Werbefläche für Debattierclubs, Theateraufführungen und Musikdarbietungen von Studierenden und Kursen der Colleges. Cambridge ist mit 22.000 Studierenden auf 155.000 Einwohnerinnen sehr studentisch geprägt. Aber auf eine Art, die seltsam ist. An den Zäunen hängen wirklich professionell gestaltete und laminierte Plakate von einzelnen Studierenden, die zu sich zum Kammerkonzert einladen. Oder zur Rezitation eines Textes. Als würden die Studis sich als bildungsbürgerliche Ich-AG begreifen.

Ein Barber-Shop, der Handys und Laptops repariert, Telefonzubehör verkauft, ein Internetcafé ist, Pässe fälscht und den Bart schneidet? Will man das?

Nach 4 Stunden fahre ich zurück, in einem überfüllten und überheizten Zug. Die Hinfahrt hat 1:30 gedauert, dafür hat der Zug an jeder Milchkanne gehalten. Die Rückfahrt ist Express und dauert nur 57 Minuten.

Am Norfolk Square lege ich mich eine Stunde auf´s Ohr, weil ich total fertig bin.

Ich schlafe richtig tief ein und bin nach einer Stunde sehr müde. Mit der Bakerloo-Line geht es zum Picadilly-Square. Hier leuchtet die berühmte Bildschirmwand, die eine ganze Hausecke einnimmt.

Seit 2017 ist sie auf moderne LED-Technik umgestellt. Das Display ist so groß wie vier Tennisplätze und hat 11 Millionen Pixel, die jeweils 8 Millimeter auseinanderliegen. Außerdem hat man in ihrem Inneren Überwachungstechnik eingebaut. Jedes Handy, das an der Reklamewand vorbeiläuft, wird erfasst und gespeichert. Außerdem nehmen Kameras Fahrzeuge und Gesichter von Passanten auf. Eine Software soll die Daten analysieren und anhand von Fahrzeugmodellen und -farben sowie Alter und Geschlecht von Personen die möglichst passende Werbung anzeigen.

Gegenüber der Spionagewand ist ein klassizistisches Gebäude. Davor stehen heute Nacht ein paar hundert Leute im Kreis und lauschen Straßenkünstlern, die sich hier einen Rap-Battle liefern.

Das Gebäude selbst ist der Eingang zum Criterion-Theatre, laut Stephen Fry eines der schönsten Theater Londons. Und meine Güte, er hat recht. Das Criterion liegt unterirdisch, man geht deshalb direkt vom Eingang kleine Treppen hinab bis in den Theatersaal. Alte Fliesen, Art-Deco-Elemente, prachtvolle Lampen und edles Holz sorgen für einen erhabenen Eindruck.

Im unterirdischen Theater schaue ich „The Comedy about a Bank Robbery“, ein sehr überraschendes Stück, das mit vielen interessanten Einfällen aufwartet – so sehen die Zuschauer zum Beispiel eine Szene aus der Vogelperspektive, was bedingt, dass die Darsteller auf einer vertikalen Bühne und angeseilt agieren. Irre.

Nach der Vorstellung wandere ich noch ein wenig durch London. Erst spät in der Nacht kehre ich zurück zum Norfolk Square, bin aber noch zu aufgekratzt, um zu schlafen. Stattdessen bastele ich mir einen BBC-iPlayer Account und einen für Channel 4, um dann… Frauentausch zu gucken. Eine glühende Europa-Verehrerin und Akademikerin nimmt den Platz der Hausfrau und Mutter in einer Brexit-Familie ein. Uh.

Das ist so schlimm wie es klingt. Leicht deprimiert schlafe ich ein.

Kategorien: Reisen, Wiesel | 2 Kommentare

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2 Gedanken zu „Reisetagebuch 2019 (2): Outbound

  1. Warum ist das Wiesel unscharf? Ich finde so ein schönes und weltoffenes Wiesel, dass in Cambridge schon bald akademische Ehren erlangen wird, hat mehr Tiefenschärfe verdient! Ich plädiere für Wiesel-Fotos mit Weitwinkel und geschlossener Blende. Das brave Tier hält ja still. Da kann man sich für die Belichtung richtig viel Zeit nehmen und ein bisschen was mehr ISO steckt das Wiesel locker weg. 🙂

    Herzliche Grüsse
    http://www.derhalbhartemann.com

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  2. Tja, ich bekenne mich schuldig – keine Ahnung von Blende und Belichtung, ich knipse eigentlich immer einfach drauf los. An dem Tag mit einer neuen Kamera, die Post-Fokus beherrscht – das Ding nimmt alle Ebenen auf, allerdings muss man dann noch die auswählen, die man wirklich fokussiert haben möchte. Jetzt weiß ich das auch 🙂

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