Reisetagebuch 2019 (3): All about Eve

Im Februar 2019 steht der Brexit wieder mal ganz kurz bevor. Herr Silencer macht sich auf, das Unvereinigte Königreich ein letztes Mal zu besuchen, bevor sich alles in rauchende Ruinen verwandelt. Dies ist das Tagebuch der „Last Chance to See“-Tour. Heute geht es unter die Royal Albert Hall und zu Gillian Anderson.

Montag, 04. Februar 2019, Norfolk Square, London
96 Stufen sind es vom Frühstücksraum im Keller des Belvedere bis zum meinem Zimmer im 4. Stock. Die Treppen werden nach oben werden immer enger, die Stufen immer höher und durch den Teppich immer runder. Das ist anstrengend, aber gutes Training – ich bin total außer Form, und die nächste Motorradreise kommt bestimmt!

Früh frühstücken ist Pflicht im Hotel Belvedere. Im Frühstücksraum im Keller gibt es nur zwischen 6:30 Uhr und 09:00 Uhr was zu essen.

Nachdem ich die Treppen des Todes wieder bis ganz unters Dach hochgestiefelt bin, stelle ich mich erstmal unter die Dusche. Das dauert etwas länger, denn die tröpfelt gerade nur noch. Das liegt am Duschkopf. Wer auch immer auf die Idee gekommen ist, einen Duschkopf mit weiten Kammern voller Tonkügelchen und Kohledingsbumms zu installieren, sollte geschlagen werden. Der ohnehin nicht dolle Wasserdruck schafft es nicht durch das esoterische Gedöns.

Ich lungere noch etwas im Zimmer rum. Draußen regnet es, und der Wind pfeift über die Dächer. Ungemütlich. Hier drinnen im Warmen ist es viel netter. Ich liege auf dem Bett und lese Twitte., Vor dem Haus hupen Autos, LKW fahren dröhnend vorbei und Müllwagen piepen sich durch eine Nebengasse. Ich habe Urlaub, warum soll ich mich freiwillig früher als nötig in das Mistwetter begeben.

Kurz nach halb 10 stehe ich wirklich auf, packe meine Sachen und trete hinaus in den Nieselregen. Bäh. das ist nicht mal richtiger Regen, das ist mehr so… hohe Luftfeuchtigkeit. Ganz fisseliger Nieselregen, der in der Luft rumschwebt. Igitt.

Ich laufe ein wenig durch den Hydepark, der sich gleich südlich von Paddington befindet. Der Nieselregen macht die blattlosen Bäume, die sich vor dem grauen Februarhimmel abheben, gleich noch ein Stück deprimierender.


Immerhin: Die ersten Frühlingsblümkes gucken schon mal nach, wie das Wetter so ist.

Am Rande des Hyde Parks liegt Speakers Corner, an diesem Morgen auch ein deprimierender Anblick.

Hier standen früher Suffragetten und hielten Reden für die Gleichberechtigung von Frauen. Später durfte hier jeder auf eine Kiste klettern und seine Ansicht von Politik und Religion verkünden. Im Publikum gab es dann die „Heckler“, die Zwischenrufer, die entweder gegen das Gesagte argumentierten oder einfach nur den Redner aus dem Konzept bringen wollten. Frühe Trolle, sozusagen. Aber wie es ein Speaker ausdrückt:

„Auch wenn die Leute manchmal unhöflich oder sogar aggressiv sein konnten, verglichen mit der Debattenkultur im Internet war das gar nichts. Das ist interessant, oder? Von Angesicht zu Angesicht bist Du nicht so beleidigend wie hinter einer Tastatur.“

Auf bunten Tafeln wird die Geschichte von Speakers Corner und der Debattenkultur mit ihren seltsamen, ungeschriebenen Regeln erklärt.

Ein Stück weiter, auf einer Wiese mitten im Park, werden offensichtlich Möwen angebaut.

Immer wieder entdecke ich kleine Seltsamkeiten im Park. Ein kleines Cottage, in dem offensichtlich jemand wohnt. Eine Laufgruppe von Senioren, die im strömenden Regen und dünnen Leibchen Sprints macht. Eine Weggabelung, in dem der Weltenbaum gelegt ist.

Am südlichen Ende des Parks ist der Prinzessin Diana Gedenkbrunnen. Ein großes Steinrund, durch das Wasser einen Hügel hinabzirkuliert. Dabei fliesst es mal ruhig, mal schnell, mal über Hindernisse und mal teilt sich das Wasser und verzwirbelt sich dann wieder. Der Wasserlauf soll Dianas Leben darstellen, und die Idee ist wirklich interessant und gut umgesetzt.

Bild: Google Maps 2019

Mir ist kalt, außerdem muss ich mal auf´s Klo. Gibt es hier in der Nähe nicht ein Museum? Aber klar! Und nicht nur eines, ich bin praktisch im Museumviertel. In England ist ja alles anders als im Rest der Welt. In Verkehrt-rum-Land ist der Eintritt in staatliche Museen kostenfrei, während der besuch von Kirchen oft richtig fett Eintritt kostet.

Ich laufe ins Science Museum und bin erstmal überrascht, dass hier jetzt doch Kassentresen stehen. Dann die Überraschung: Die Mitarbeiterinnen dahinter wollen kein Geld, die fragen nur, ob sie bei der Planung des Museumsbesuchs behilflich sein können. Können sie nicht, auf´s Klo gehen kann ich gerade noch alleine.

Auf dem Rückweg komme ich an einer Uhrenausstellung vorbei. Wow, sind da schöne Stücke dabei!

Südlich vom Hydepark ist die Royal Albert Hall.

Für die habe ich eine Führung gebucht, aber bis dahin ist noch ein wenig Zeit. Ich setze mich in die erstaunlich kleine Cafeteria und wärme mich bei einem Espresso auf.

An der Wand hängt eine Collage von Menschen, die hier schon mal aufgetreten sind. Um es kurz zu machen: Jeder. Und seine Mudder.

Dann ist es 12:00 Uhr, und Andy betritt den Raum.

Andy macht mit mir und acht anderen eine „Behind the Scenes“-Tour, aber bevor es hinter die Kulissen geht, führt er uns erst einmal nach draußen, in den Nieselregen. Der große Vorplatz, so erklärt er, wurde bis 2004 ganze vier Stockwerke tief ausgeschachtet. Unter der hübschen Säule mit den barbusigen Damen sind nun unterirdische LKW-Rampen, Werkstätten und Lagerräume gebaut.

Heute ist das Gebäude unter der Erde größer als darüber. Muss es auch, bei bis zu 400 Veranstaltungen pro Jahr. Hier findet alles statt: Konzerte, aber auch Tennismatches, und einmal sogar ein Marathon, auf 500 Yard im Kreis. Andy führt uns in die Gallerien, die rund um den Zuschauerraum laufen.

Heute ist der Cirque du Soleil da, mit seinem Programm „Totem“. Die Bühne ist bis weit in den Zuschauerraum hineingezogen. Bei maximaler Bestuhlung hat die Royal Albert Hall 7.000 Sitz- und 2.500 Stehplätze.

Im Oberen Bereich gibt es sogar eine VIP-Lounge, wo es Sektempfang für besonder Betuchte gibt.

Einen Großteil der oberen Gallerie hat der Cirque du Soleil mit schwarzen Tüchern vor Blicken geschützt. Dahinter sieht es aus wie in einer Sporthalle. Hier liegen Übungsmatten, Ringe hängen von der Decke und Reckstangen stehen herum. „Übungsraum“, sagt Andy fast entschuldigend.

Von der Gallerie aus hat man einen guten Blick auf die seltsamen Schalen, die unter der Decke hängen.

Die sind notwendig, weil die Akustik der Royal Albert Hall grauenvoll ist. Als sie 1871 eröffnet wurde, wollte kein namhafter Musiker dort spielen, weil die Schallverteilung so ungleichmäßig war, dass man in manchen Ecken gar nichts hörte, die Musik in anderen Bereichen aber viel zu laut war. Vor allem produzierte das Gebäude ein starkes Echo, so das unter Musikern schon gescherzt wurde, dass die Royal Albert Hall das einzige Konzerthaus sei, wo ein Komponist sicher sein könnte, selbst sein schlechtestes Werk zwei Mal zu hören.

Als Grund für das Echo vermutete man die Glaskkuppel, die auf Anregung von Königsgemahl Albert entstanden war. Man verhängte die daraufhin mit Decken, aber viel mehr, als dass das Publikum nun dauernd im Licht der Gaslampen saß, brachte das nicht. 1949 nagelte man Aluminiumpanele auf die Kuppel, aber auch das änderte nichts an der Echokammer. Erst 1969 fanden Akustiker heraus, dass nicht die Kuppel selbst das Echo warf, sondern ein Sims an der Übergangskante zwischen Backsteingebäude und Kuppel. Der Schall wurde von der Kante in die Kuppel geleitet und störte von dort aus dann richtig. Man kam auf die Idee große, aber sehr leichte Pilze aus Glasfaser zu installieren, als Schalldiffusoren. Die verteilen den Schall nun so, dass es kein Echo mehr gibt. Sie sind außerdem nun eine Art Markenzeichen des Hauses.

Durch Elektro- und Beleuchtungsräume geht es quer durchs Gebäude, dann tief hinab in die unterirdischen Werkstätten und zu den LKW-Rampen. Die LKW-Rangierplätze und Rampen sehen so martialisch aus und sind so groß, dass hier auch schon mal Rap-Konzerte und sogar Wettbewerbe im Schachboxen ausgetragen wurden ( Das ist tatsächlich das, wonach es sich anhört: Drei Minuten gibt es auf´s Maul, dann setzt man sich hin und spielt drei Minuten Schach. Echt. ).

Die Räume hinter den Rampen hat der Circus komplett belegt. Ganze Nähereien, Schminkstudios, eine Schlosserei und eine große Elektrowerkstatt sind hier temporär eingerichtet. Wahnsinn. Fotografieren darf man das freilich alles nicht.

Nach eineinhalb Stunden verabschiedet sich Andy, und ich stehe wieder im Nieselregen. Und nun? Ah, Harrods ist um die Ecke. Da wollte ich schon immer mal hin, denke ich.

„Warum eigentlich“, denke ich fünf Minuten später, als ich mir schlagartig völlig deplaziert vorkomme. Diese noblen Hallen mit ihren Marmorgängen, ihren blumengeschmückten Sälen voller Luxusartikel, das ist nichts für mich. Zwar gibt es auch eine winzige Technikabteilung, aber das ist nicht meine Welt.

Immerhin durfte ich überhaupt rein, denn Harrods steht zwar prinzipiell jedermann offen, aber jedermann soll bitte angemessene Kleidung tragen. Rucksäcke sind schon grenzwertig, und ob meine nasse M65-Jacke, Jeans und Trekkingschuhe nun angemessen sind, darüber kann man sich sicherlich auch streiten.

Schwieriger noch als das rein- ist das rauskommen. Hat man sich erstmal in dem 100.000 Quadratmetergebäude mit seinen 330 Sälen verlaufen, findet man so schnell nicht mehr raus. Hergott, es gibt hier sogar eine Abteilung, in der man Goldbarren kaufen kann!

Ich bin froh, als ich wieder aus dem Laden draußen bin. Nein, das ist nicht meins. Gegen die seltsame Welt der Reichen wirkt der Pub mit dem Nashorn, das über seine Tür gehievt wird, geradezu normal.

Als Gegenmittel zu diesem Kulturshock besuche ich erstmal „Forbidden Planet“, einen Comicladen im Westend. Das Planet ist spezialisiert auf Sammlerstücke und vor allem Figuren aus TV-, Kino- und Comicserien. Hier gibt es seltene und toll gearbeitete Statuen von den Avengers, Star Trek Discovery, Fantastic Beasts und vielem mehr. Kaufen tue ich nicht, aber ich gucke mir den Kram gerne an. Kaufen tue ich nebenan in einem Eisenwarengschäft etwas: Einen Duschkopf. Ein unesoterisches und simples Modell ohne Tonkügelchen.

Um die Ecke liegt der neue Laden von Stanfords, dem altehrwürdigen Kartengeschäft. Auch vor dem machen moderne Zeiten und teure Londoner Mieten nicht Halt. Nach fast 150 Jahren musste Stanfords von seinem Stammsitz in der Long Acre Straße in eine Nebengasse umziehen. Das neue Geschäft ist wesentlich kleiner und noch nicht mal ganz eingerichtet.

Teenager stehen von einem H&M-Geschäft einmal um den Block. Vermutlich gibt es neue Sneakers oder sowas. Worauf Stadtkinder jalt abfahren.

Am Picadilly Square, in den alten Räumlichkeiten von „Ripleys Believe it or Not“ gastiert nun Körperwelten. Ich darf meinen Slingpack nach sorgfältiger Vermessung mit hineinnehmen, muss aber versprechen, ihn vor dem Bauch zu tragen.

Die Ausstellung, in der man selbstverständlich keine Bilder machen darf, ist spektakulär. Zum ersten Mal sehe ich menschliche Plastinate aus der Nähe. Tote Menschen, in den seltsamsten Stellungen für die Ewigkeit eingefroren. Das ist etwas morbide, aber auch lehrreich. Die Ausstellung versucht einem eindrücklich klar zu machen, dass wir nur ein Leben haben, der Tod unausweichlich ist, wir aber beeinflussen können, wie wir leben – die Bilder von verstopften Arterien und Raucherlungen sind wirklich krass. Ich kann aber auch die Kontroverse nachvollziehen, denn die Anordnung der Plastinate ist spektakulär. Das hier ist Kunst UND Anatomieunterricht und Philosophie.

Am Abend bin ich zu Gast im Noel Coward Theatre, einem schönen, weiß gestrichenen Theater mit sehr unbequemen Stühlen. Hier läuft etwas, auf das ich mich schon seit Wochen freue: All about Eve, die Theaterfassung eines Hollywoodklassikers um eine alterne Filmdiva. Die wird verkörpert von niemand anderem als Gillian „Scully“ Anderson. Ich bin ganz aufgeregt, weil ich beste Sicht auf die Bühne habe – aber dann kommt kurz vor Beginn der Vorstellung doch noch ein großgewachsener Informatiker, der seine gesamte Korpulenz am Hinterteil versammelt hat. Deshalb sehe ich nur noch die Hälfte der Bühne, zur anderen Hälfte die fettigen Haare am Hinterkopf des Lottertypen. Mist.

Egal. Im Laufe des Stücks merke ich gar nicht mehr, dass der Typ mir im Weg sitzt, so sehr zieht mich die Geschichte von Diva Margo in ihren Bann.

Publikum und Kritiker liegen Margo zu Füßen. Doch dann kommt Eve. Die junge, schöne Frau vom Lande gibt sich als großer Fan von Margo aus und wird schnell zu ihrer Assistentin. Dort nutzt Eve die Nähe, um die Ältere zu studieren. Stück für Stück drängt Eve, das angeblich unverdorbene, talentierte Mädchen, die neiderfüllte Margo aus dem Rampenlicht – bis sie selbst in die Mühlen des Showbiz gerät und ihr ein Mann bescheidet: „Du bist jetzt mein Eigentum“.

Gillian Anderson lebt seit dem Ende der X-Akten in London, und alle paar Jahre, wenn sie Lust drauf hat, steht sie auf einer Bühne im Westend. Wie sehr sie Lust auf die Rolle der Margo hat, merkt man ihrem Spiel deutlich an. Sie ist diese Grande Dame, die Diva, die sich jüngere Männer hält und deren Welt abseits der Bühne aus Intrigen, Seidenkleidern und Gin Tonic besteht.

In beeindruckenden Szenen bringt Anderson auf den Punkt rüber, das ihre neidische und eifersüchtige Margo ein Produkt eines erbarmungslosen Kults um Jugend und Eitelkeit ist. Echt, diese Performance ist ein Knaller. Als Agent Scully war Gillian Anderson oft nur Sidekick von Mulder, aber hier beherrscht die zierliche Frau mit ihrer Präsenz die gesamte Bühne. Ein Glücksfall, denn eigentlich sollte Cate Blanchett in dieser Produktion die Margo Channing spielen. In der Vorlage, einem Schwarz-Weißfilm aus den 50ern, wurde die Rolle übrigens von Bette Davis verkörpert.

Lily James (Cinderella, Mamma Mia! Here we go again, Baby Driver, Stolz und Vorurteil und Zombies) steht dem Spiel Andersons zum Glück in nichts nach und gibt das Mädchen vom Lande mit einer zugleich naiven wie sinistren Note.

Dass das Stück mit Videoprojektionen angereichert ist, ist der eigentliche Gag dieser Produktion. Immer wieder sieht man über der Bühne Aufnahmen von Kameras, die entweder die Gesichter der Protagonistinnen im Closeup zeigen, zu anderen Orten schalten oder in Räume hineinsehen, die auf der Bühne zwar vorhanden, aber für die Zuschauer nicht einsehbar sind. Das erlaubt Handlungssprünge, aber auch subtiles Spiel oder Einblicke in die Gedankenwelt der Darstellerinnen. In einer Szene etwa seht man Gillian Anderson in Großaufnahme, wie sie sich selbst im Spiegel sieht. Zunächst normal, dann schaltet das Videobild in ihre Gedankenwelt um. Falten werden tiefer, Augenringe dunkler, bis man als Zuschauer begreift, das Margo sich in diesem Moment als uralte Frau sieht.

Tief beeindruckt schlendere ich durch das nächtliche Westend nach Hause.

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