Reisetagebuch 2019 (4): Outbound II

Reisetagebuch 2019 (4): Outbound II

Im Februar 2019 steht der Brexit wieder mal ganz kurz bevor. Herr Silencer macht sich auf, das Unvereinigte Königreich ein letztes Mal zu besuchen, bevor sich alles in rauchende Ruinen verwandelt. Dies ist das Tagebuch der “Last Chance to See”-Tour. Heute geht es nach Ochsenfurt, ich mache wieder mal mit Duschköpfen rum und gucke Tina Turner unter den Rock.

Dienstag, 05. Februar 2019, Bahnhof Paddington, London
Um kurz vor neun fĂ€hrt der Zug der GWR, der Great Western Railway. Wie der Name schon andeutet, verlĂ€sst der Zug London “Outbound” in Richtung Westen. Eine Stunde spĂ€ter hĂ€lt er in einem kleinen Ort, und ich falle aus dem Wagen und bin etwas erstaunt: Das ist ja winzig hier! Das soll das weltberĂŒhmte Oxford sein?

Bild: Google Earth 2019

Sieht mehr aus wie ein Dorf in der Provinz.

Am Bahnhof steht ein Bulle, dem eine besorgte Omi einen Schal gestrickt hat. Richtig so, es ist wieder schweinekalt. Neben dem Bullen hÀngt ein Stadtwappen. Es zeigt einen Ochsen, der einen Fluss quert. Ja, dann kommt der Name Oxford wohl von einer Ochsenfurt, die hier mal war.

Was mir sofort auffĂ€llt: Die Straßen von Oxford sind verstopft mit Bussen. Ich kann nicht mal erkennen, ob das Linienbusse oder touristische Reisebusse sind, die da versuchen sich in den engen Straßen und zwischen den alten HĂ€usern aneinander vorbei zu schieben.

Je weiter ich auf die Innenstadt zukomme, desto deutlicher wird, das Oxford eine UniversitĂ€tsstadt ist. Buch- und KartenlĂ€den sĂ€umen die Straßen, und die Dichte an LĂ€den mit “University of Oxford”-Merchandise steigt. Genau wie in Cambridge verkaufen auch hier die UniversitĂ€tslĂ€den allesamt Harry Potter-Gelumpe! Klamotten einer fiktiven Uni, und das in einer der altehrwĂŒrdigsten UnistĂ€dte ĂŒberhaupt! Kannste Dir nicht ausdenken, sowas.

Apropos Harry Potter: Der bekannteste Platz in Oxford ist der Radcliffe-Square, mitten im Univiertel.

Hier merkt man dann wirklich, dass man in einer Unistadt ist. Die GebĂ€ude sind imposant und alt, und alles ist voller Studierender. Toll ist vor allem die kreisrunde “Radcliffe Camera”. Das 1749 fertiggestellte GebĂ€ude ist eine Bibliothek, benannt nach dem Leibarzt von Queen Anne, der den Bau förderte.

Nun raten wir mal, wer nach der Sorbonne und Cambridge auch in Oxford studiert? Zwar nur einen Stadtplan, aber…

Am Radcliffe Square liegt auch eine anglikanische Kirche. Auf deren Dach kann man klettern. Der Aufstieg durch das Treppenhaus des Glockenturms ist eng und mĂŒhselig, aber der Ausblick ĂŒber Oxford belohnt fĂŒr die Qual – er ist grandios.

Wie Cambridge ist auch Oxford in “Colleges” aufgeteilt. Viele kleine Schulen, die zusammen die University of Oxford bilden. Und wie in Cambridge gibt es auch hier eine SeufzerbrĂŒcke. Die fĂŒhrt aber nicht ĂŒber einen Fluß, sondern verbindet zwei PrĂŒfungsgebĂ€ude. Damit ist auf jeden Fall klar, warum dort geseufzt wird.

Manche Colleges teilen sich BibliotheksgebÀude.

Die Stadt ist eine nette Mischung aus LÀdchen und Colleges. Sogar alte FachwerkhÀusschen stehen hier herum, und ein Pub ist sogar bedeckt von Moos. Das ist urig und alt.

Dominiert wird aber definitiv alles von den GebĂ€uden der UniversitĂ€t. Mit 24.000 Studierenden auf 154.000 Einwohnerinnen hat Oxford rund 2.000 Studis mehr als der verhasste Konkurrent Cambridge, von dem hier alle nur als “the other one” sprechen. Die Feindschaft wird innig kultiviert und besonders in Ruderwettbewerben ausgelebt.

GeprÀgt wird das Stadtbild auch von den teils sehr alten Kirchen. Es gibt sogar einen Friedhof mit krummen und schiefen Grabsteinen, mitten in der Stadt.

Das Wetter ist schon wieder miserabel. Es nieselt, und mir ist kalt. Mitten in der SĂŒdstadt steht ein riesiges Einkaufszentrum. Wie ein Ufo, das hier gelandet ist und die alten GebĂ€ude unter sich zerquetscht hat. Da gehe ich erstmal rein und esse ein Cornwall Pastry, eine BlĂ€tterteigtasche mit einer heißen FĂŒllung aus Fleisch und Zwiebeln. Was auffĂ€llt: Hier gibt es in jedem Einkaufszentrum einen Tesla-Store, wo man die neuen Model 3 probesitzen darf.

Leicht in Shoppinglaune kaufe ich mir keinen Tesla, dafĂŒr reicht die Reisekasse nicht, aber bei Marks & Spencer probiere ich einen echten Arthur-Dent-Morgenmantel an. Der ist cool, kariert und aus gebĂŒrsteter Baumwolle – britischer geht es kaum!

Nach rund vier Stunden ist mir langweilig, und ich fahre zurĂŒck nach London.

Im Hotel montiere ich den Duschkopf, den ich Tags zuvor im EisenwarengschĂ€ft “Leylands” in der Shaftesbury Ave gekauft habe. Endlich wieder wieder mit Druck duschen! Den Duschkopf mit den esoterischen TonkĂŒgelchen drin pfeffere ich angewidert in die Ecke. Was fĂŒr ein Unfug.

Hm. Irgendwie wird Duschen in Ordnung bringen so langsam zur DauerbeschĂ€ftigung, vor einem Jahr musste ich was Ă€hnliches in Genua machen, denke ich, wĂ€hrend ich am Schreibtisch ein ein Abendessen aus dem Supermarkt mĂŒmmele. Vegetarisches Fertiggericht, dazu ein Sandwich, als Nachspeise Obstsalat. Das schmeckt weniger schlimm als es klingt, es produziert nur viel MĂŒll. Den ĂŒberlasse ich ĂŒbrigens nie den ZimmermĂ€dchen, sondern nehme ihn selbst mit raus und werfe ihn in einen MĂŒllbehĂ€lter an der Straße.

Abends geht es zu “Tina” ins Aldych Theatre.

Das Leben von Tina Turner, als JukeBox-Musical. Das bedeutet, dass ihre Lebensgeschichte erzĂ€hlt wird, in die immer wieder Songs von ihr eingebunden sind. Die ganze Beschreibung findet sich hier. Das StĂŒck ist wirklich fantastisch, auch, wenn mein Platz in der ersten Reihe alles andere als ideal ist. Zum einen sitzen dort außer mir nur Vollpfosten, die links und rechts von mir permanent WhatsApps schreiben, und das Leuchten der Handys stört ganz erheblich. Ich werde es nie verstehen, was die Leute dazu treibt, selbst im Kino und auch hier im Theater die Dinger nicht aus der Hand zu legen. Eine Kinokarte kostet 12 Euro, dieser Musicalbesuch hier 100 Pfund, was rund 120 Euro entspricht. Und dann ist es fĂŒr die Frau neben ihr wichtiger, ihren Kindern Anweisungen zu geben, bei welcher Temperatur die WĂ€sche gewaschen werden soll?

Zum anderen kann ich von der ersten Reihe aus den Performerinnen unter die Röcke blicken, und das hat, seien wir ehrlich, keinen abendfĂŒllenden Unterhaltungswert. Der erste UnterwĂ€scheblitze mag noch interesannt sein, aber wenn man stĂ€ndig BaumwollschlĂŒbber der Marke Liebestöter vor der Nase hat, ist das nervig. Aber egal, ein toller Abend ist das trotzdem.

Adrienne Warren ist ĂŒbrigens mit der Rolle der Tina berĂŒhmt geworden, und ich habe nicht nur das GlĂŒck, dass sie selbst spielt, sondern auch, das ich sie ĂŒberhaupt noch sehen kann – zwei Wochen spĂ€ter geht sie nach New Yrk zurĂŒck, wo “Tina” am Broadway laufen wird.

5 Kommentare zu „Reisetagebuch 2019 (4): Outbound II“

    1. Das stimmt, der MĂŒll ist gruselig. Und ich hĂ€tte ein belegtes Brötchen dem ganzen Kram jederzeit vorgezogen. Leider gibt es das Konzept BĂ€cker in dieser Form nicht unbedingt in England. Die meisten Backshops haben nur sĂŒĂŸe Sachen, sowas wie Donuts, und die SupermĂ€rkte im Bahnhof haben nicht mal eine Obst- und GemĂŒsesbteilung â˜č

  1. TonkĂŒgelchen in Duschen? Also bei mir sind das ganz natĂŒrliche Kalkablagerungen… Vielleicht könnte ich mit gebrauchten Duschköpfen in .uk eine Marktnische bedienen? Mist… Jetzt kommt der Brexit – davor schaffe ich maximal noch einen Duschkopf »zu zĂŒchten«.
    Ob der Boris den Import von »organischen Duschköpfen« wohl mit Strafzöllen belegen wird? 😀

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