Review: Wolfenstein Youngblood – das erste Mal sozialadäquat


Bild: Bethesda

Sophie und Jess vermissen ihren Vater. Der ist nicht irgendwer, sondern William „B.J.“ Blaszkowicz – der Mann, der 1968 Hitler tötete. Die beiden Schwestern machen sich auf nach Paris, Daddys letztem bekannten Aufenthaltsort. Die Stadt an der Seine ist auch in den 1980er Jahren fest in der Hand der Nazis, was die Sache nicht einfacher macht. Gemeinsam befreien die Schwester Stadtviertel und rücken langsam, aber aufhaltsam (SIC) gegen den Stadthalter vor.

Ah, Wolfenstein und seine gruselige alternative Zeitlinie, in der die Nazis dank geklauter Technologie den Krieg gewonnen und die Weltherrschaft an sich gerissen haben. Moment, Nazis? Gab´s in den letzten Spielen doch gar nicht!

Da gab es statt der NSDAP „Das Regime“, und statt Adolf Hitler gab es die Figur „Albert Heiler“. Der sah zwar genauso aus wie Hitler, hatte aber keinen Bart. Warum das so war? Weil in Deutschland verfassungsfeindliche Symbole wie das Hakenkreuz in Videospielen verboten sind. Bis vor kurzem ohne Ausnahme, womit Spiele anders behandelt wurden als z.B. Filme. Bei denen galt schon lange die Sozialadäquanzklausel. Grob gesagt besagt §86 Abs 3 des Strafgesetzbuchs, dass verfassungsfeindliche Symbole von Parteien verboten sind – es sei denn, sie dienen der Aufklärung, der Kunst oder Wissenschaft, der Berichterstattung oder ähnlichem.

Spiele waren also bis vor Kurzem vom Kunstbegriff ausgenommen, was, Verzeihung, grober Unfug ist. Aber dieser Unfug ist nun vorbei, die Gremien der Selbstkontrolle Unterhaltungssoftware prüfen nun in jedem Einzelfall, ob Hakenkreuze in Spielen erlaubt sind. „Wolfenstein Youngblood“ ist eines der ersten Games mit dieser Freigabe. Aber: Macht das einen Unterschied?

Zwischen den Hauptspielen von „Wolfenstein“ schiebt Hersteller Machine Games gerne kleinere Spiele, die mehr sind als DLCs, aber nicht zum Vollpreis verkauft werden. Dazu gehört auch „Youngblood“, das eher als ein Spin-Off einzuordnen ist.

Das dies kein vollwertiges Spiel ist merkt man am Gamedesign. Waren „Wolfenstein: New Order“ und der Nachfolger „A New Colossus“ bockschwere, aber meist faire Single-Player-Shooter mit einer starken Story, kommt „Youngblood“ als Koop-Spiel mit Open-World-Ansatz und nahezu ohne Geschichte daher.

Es muss zu zwingend zweit gespielt werden, in der Deluxe-Edition liegt ein Buddycode, damit man mit einem Freund spielen kann, ohne das der sich das Spiel kaufen muss. Als reiner Einzelspieler geht man mit einer KI-Begleiterin auf Nazijagd. Das klappt leider gerade zum Ende hin nicht wirklich gut. Macht die KI anfaangs noch einen guten Job, stellt sie sich am Ende sehr dumm an.

Zwar ist das Paris der 80er Jahre schön designed, inkl. Werbung für „Superspur Musikkassetten“ oder „Blitzküche 2000 Mikrowellen“, aber die offenen Level täuschen nicht darüber hinweg, dass sie lediglich Maps ohne Bezug zueinander sind.

Verbindendes Element sind lediglich die Katakomben von Paris, in denen sich ein Rebellenhauptquartier befindet, das als Hub dient.

Hier lassen sich Missionen abholen oder einfach mal Durchschnaufen, denn das geht in den Leveln nicht. Es gibt keine Pause-Funktion, selbst wenn man in Charaktermenus unterwegs ist, kann man jederzeit angegriffen werden. Und das passiert häufig, denn kaum dreht man ihnen den Rücken zu, Respawnen alle Gegner einer Map.

Das macht auf Dauer wenig Spass, zumal die Gegner mitleveln und irgendwann Bulletsponges sind, die Treffer völlig ohne Feedback in sich aufsaugen. Progression? Kaum erkennbar, gefühlt wird die eigene Spielfigur nicht mächtiger. Dazu ist Munition ist immer knapp, und das Aufleveln der Charaktere in der Offenen Welt ist mühsamer Grind. Dazu kommt eine merkwürdig schlechte Spielbalance. Mit meiner maximal Level 35-Spielfigur und KI-Begleitung habe ich es nicht geschafft, den Endboss auch nur im allereinfachsten Schwierigkeitsgrad zu besiegen.

Das Finale habe ich mir irgendwann nach dem 30. Versuch wutentbrannt auf Youtube angesehen. Sehr unbefriedigend.

Das Gefühl, dass das Spiel unfair ist, kommt auch daher, dass es keine Speicherpunkte und kein Item Restore gib. Beim Game Over wird man wieder ganz an den Anfang einer Map versetzt und muss unter Umständen den gesamten Level nochmal spielen, was bis zu einer Stunde dauern kann, aber OHNE die zuvor gesammelten Health Items und Extraleben, die sind weg. Man wird hier also gleich dreifach gestraft, mit zu starken Gegnern, keinen Speicherpunkten und dem Verlust von Ausrüstung.

Durch die Sozialadäquanzklausel darf die internationale Version inkl. verfassungsfeindlicher Symbole wie den SS-Runen oder dem Hakenkreuz in Deutschland verkauft werden. Diese Version enthält aber keine deutsche Synchro.

Kaufen braucht man sich die aber ohnehin nicht. Im Vorgänger „New Colossus“ hätte das eine Rolle gespielt, denn durch die Tilgung aller Nazi-Verweise musste sich die deutsche Version den Vorwurf der Holocaust-Leugnung gefallen lassen. Neben Nazisymbolen hatte Machine Games auch alle Verweise auf den Holocaust getilgt, und aus verfolgten Juden wurden Polen. Das war völlig absurd und verschenkte so nebenbei das satirische und aufklärerische Antikriegspotential.

Es ist grundsätzlich zu begrüßen, dass Videospiele nun genau wie andere Medien auch behandelt werden und vorab geprüft wird, ob die Abbildung von Nazisymbolik in Ordnung ist.

Bislang wurde ein ganzes Medium durch ein generelles Verbot unfair beschnitten. Das führte dazu, Antikriegspiele wie „Through the Darkest of Times“ oder „Attentat 1942“, das mit Holocaustüberlebenden gemacht wurde, ausgerechnet im Land der Täter nicht verkauft werden durften. Von daher: Gute Entwicklung. Durch die Einzelfallprüfung ist auch nicht damit zu rechnen, dass nun der Markt mit billigen Nazispielchen geflutet wird. Die USK hat die Prüfbedingungen sehr hoch gehängt, sobald ein Spiel Nazis glorifiziert, war es das. So macht das Medium Computerspiele einen weiteren Schritt in Richtung Authentizität und kann damit auf künstlerischer und intellektueller Ebene neue Möglichkeiten erschließen

Für „Youngblood“ spielt es aber keine Rolle ob Nazisymbolik enthalten ist oder nicht, weil es für das Spiel mangels Handlung schlicht nicht relevant ist.

Als Fazit zu Youngblood: Nicht mein Spiel. Koop, Unfair, kaum Story – bleibt mir weg damit. Ich hoffe auf ein echtes „Wolfenstein 3“. Die Chancen dafür stehen nicht gut. Zum einen hat sich der Vorgänger recht schlecht verkauft, zum anderen – man glaubt es kaum – protestieren in Amerika die Nazis („Identitäre“) gegen die ihrer Meinung nach unfaire Darstellung von Nazis in den Spielen.

Kategorien: Game, Games, review | Hinterlasse einen Kommentar

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