Ich habe Dein Motorrad beschädigt.

„Du, ich habe Dein Motorrad beschädigt“, sagt der Meister und guckt traurig.  Meine Augen verengen sich zu Schlitzen. Was hat er mit der Barocca angestellt? Umgeworfen? Kratzer beim Rangieren reingefahren? Was am Fahrwerk kaputt gewürgt? Ist die Suzuki am Ende vielleicht sogar von der Bühne gefallen?!

Nein, es ist was ganz anderes. „Hier, der Topcaseschlüssel, der hat sich irgendwie verhakt und dann ist er abgebrochen“, sagt der Meister und fuddelt nervös mit einem Givi-Set herum. „Aber ich habe hier schon ein komplett neues Schlossset, das tausche ich Dir gleich aus“, sagt er ernst und betreten. Ich gucke ihn erst groß an, dann platzt ein Lachen der Erleichterung aus mir raus. Meine Güte, diese uralten Givischlüssel sind fragil, das passiert schon mal. Ist doch egal sowas. Weiter hinten ein Loch durchgebohrt, fertig.

Nicht egal war die Wartung, die an Suzuki durchgeführt wurde.

Das war die Mutter aller Inspektionen. Die V-Strom DL650 hat einen Wartungsintervall von 6.000 Kilometern, den hatte ich nun schon um das doppelte überrissen. Und nicht nur das, die nächste anstehende Fahrt wird gleich wieder fünfstellig lang werden. Deswegen war es mir wichtig, dass jetzt alle anstehenden Inspektionsarbeiten gemacht wurden, plus Austausch von Verschleißteilen. Auch solche, die noch nicht aus dem letzten Loch pfiffen. 

„Vorbeugende Instandhaltung“ heißt sowas. Die tut immer auch ein Bißchen weh, denn sowohl in den Reifen als auch in der Kette wären noch ein paar Tausend Kilometer drin gewesen. Die hätte ich noch ausnutzen können, aber für die nächste lange Reise hätte das schon wieder nicht mehr gereicht.

Da ich weder das Wissen noch die Fähigkeiten und auch weder Zeit noch Lust habe diese Arbeiten selbst durchzuführen, muss ich mich auf eine Werkstatt verlassen. In ganz Göttingen gibt es nur noch zwei Motorradwerkstätten. Da ist es leicht die Beste zu sein, aber meine Werkstatt ist wirklich gut. Das zwei Mann/Frau-Unternehmen gibt sich Mühe, die denken mit, die gehen die Extrameile, und das Wichtigste: Sie erzählen keinen Scheiß. Haben die als Markenwerkstatt auch nicht nötig, dafür sind sie halt nicht günstig.

Ich war leicht beunruhigt, als die V-Strom statt der angepeilten 8 Stunden auch nach 3 Tagen noch nicht fertig war. Stellte sich raus: Eines der Radlager passte nicht und der Ersatz kam nicht an Land. Ansonsten gab es aber keine Probleme.

Gemacht wurden:

  • Komplette große Inspektion
  • Neue Reifen (Metzler Tourance Next, nach 12.000 km hatten die alten noch 4,5 und 3 mm Profil, also die Hälfte runter)
  • Neuer Kettensatz (DID525VM-X, die alte hatte jetzt binnen zwei Jahren 23.000 km runter)
  • Radlager hinten (64.000 km)
  • Radlager vorne (64.000 km)
  • Bremsbelag hinten (nach 28.000 km)
  • Luftfilter
  • Öl, Brems- und Kühlflüssigkeit
  • Zündkerzen (24.000 km)
  • Kettenradlager
  • Ventilspiel eingestellt (24.000 km)
  • Umlenkhebel getauscht
  • Gabelrohre durchgesteckt
  • Motorschutzbügel montiert
  • Hauptständer montiert
  • Seitenständer getauscht

Radlager? Ja. Ich hatte bei der letzten Reise plötzlich mahlende Geräusche am Hinterrad, deshalb wurde das ganze Gelump jetzt ausgetauscht. Ich habe nämlich schlicht keinen Bock mir Sorgen zu machen. Ich hatte schon so einige Motorradtouren, bei denen mich Quietschen, Klappern oder Klingeln aus dem Motorrad vor Sorge fast irre gemacht hat. Das möchte ich nicht noch einmal, und wenn sich das jetzt mit einem Teil für 20 Euro und 10 Minuten zusätzlicher Arbeitszeit erschlagen lässt, dann bitte!

Genauso hat mir eine ruckelnde Kette mal eine lange Fahrt versaut. Bevor ich so einen hanebüchenen Mist nochmal mitmache, lasse ich die alte Kette lieber austauschen, auch wenn Sie noch vor der Verschleißgrenze ist.

Unsicher war ich ja, ihr habt´s mitbekommen, was das Rausnehmen der Tieferlegung anging. Tatsächlich steht die Maschine jetzt gefühlt 5 Zentimeter höher, und, was soll ich sagen? Das fühlt sich…

… GROßARTIG AN!

Ja, gewöhnungsbedürftig, sicher. Ich komme jetzt halt nicht mehr mit beiden Füßen gleichzeitig und vollflächig auf den Boden, sondern nur noch mit einem Fuß. Oder mit beiden Fußballen.

Obwohl sich die Sitzposition nicht geändert hat, fühlt sich allein die veränderte Sitzhöhe nach ganz anderem Motorrad an. In den Kurven setzt sie nicht mehr auf! Hach. Cool. Außerdem habe ich wieder einen Hauptständer und kann die Kiste vernünftig aufbocken – auch, wenn das überraschend schwer geht. Ich muss schon mein ganzes Körpergewicht auf das Pedal stellen, um die Kiste hochzukriegen. Zum wieder aufsteigen muss ich anschließend über die Fußraste hochklettern. Schon spannend. Aber die richtige Entscheidung, da bin ich mir jetzt sicher.

Dieser ganze Werkstattkram war jetzt nicht unteuer. 600 Euro nur die Teile, genauso viel nochmal an Arbeitszeit, Märchensteuer obendrauf… das ist nicht ohne und tut schon weh. Aber gemacht werden hätte das alles sowieso, irgendwann.

Das nun alles auf ein Mal gemacht wurde, hat neben dem Loch im Portemonnaie aber noch einen positiven Effekt. Viel Zeit zum Fahren habe ich in diesem Jahr absehbar nicht mehr. Die V-Strom ist jetzt in einem Zustand, wo sie schon wieder fit ist für die große Motorradreise im nächsten Jahr. Das ist supergut, denn bei nur zwei Werkstätten vor Ort kann man sich vorstellen wie schwer es ist, im März/April einen Werkstatttermin zu bekommen.

Ich könnte die Barocca jetzt also einwintern, und müsste im nächsten Frühjahr quasi nichts mehr machen, um wieder mit ihr auf große Fahrt zu gehen. Auch ein gutes Gefühl.

„Eigentlich bräuchtest Du mal eine VerSys“, sagt der Meister. „Die neue 1000er wäre das Richtige für Dich“.

Ich gucke ihn an, grinse und sage „Wieso, ich habe doch jetzt eine praktisch neue V-Strom“.

Kategorien: Motorrad | 11 Kommentare

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11 Gedanken zu „Ich habe Dein Motorrad beschädigt.

  1. dermeikel

    Ach schön SO muss das sein – ist doch ein gutes Gefühl zu wissen, dass alles im Lot ist unter dem eigenen Allerwertesten…ich kann bestätigen, dass das Gefühl auf der DL 650 nicht anders als GROßARTIG zu beschreiben ist – dieses Jahr in den Dolomiten erstmalig unterwegs gewesen und es hat einfach nur riesigen Spaß gemacht, wenn die kleine Frau Strom durch die Haarnadeln zog wie ein Zug, so, dass die „Großen“ immer wieder erstaunt waren als ich den „Beschleunigungsnachteil“ auf der Gerade durch überragende Kurvenhaltungsnoten wett machen konnte 😀

    Viel Spaß weiterhin – vielleicht sieht man sich ja mal in GÖ 😉

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  2. Ali

    Freut mich. Zudem kann man die durch Federvorspannung noch einen Ticken
    höher machen wenn es unten öfter knirschen sollte.
    Gut gemeinter Ratschlag mit einer 1000er oder noch darüber. Wenn ich meine Wegstrecken auf
    Reisen anschaue, wäre ich mit einer „Großen“ übermotorisiert, zudem noch mehr Gewicht
    zum Händeln plus eventuell geringere Reichweite. Den einzigen Vorteil würde ich sehen, daß ein
    hubraumstarker Motor die Leistung souveräner abgibt.

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  3. Puha, bei den Worten zur Begrüßung wäre ich auch gleich um die Nase geworden! Ich hätte sie vor meinem geistigen Auge auch quasi mit doppelten Salto von der Bühne plumpsen sehen.

    Und ja, die Strom ist jetzt quasi wieder neu! Meine hat jetzt 105000 km und ich denke nicht im Traum daran, sie zu tauschen! Und die 1000er Versys ist schon ein echter Klotz! Da komme ich nicht mit den Armen an den lenker!

    Ich glaube auch, dass es eine gute Idee war, die Tieferlegung rauszunehmen! Das andere ist wirklich Gewöhnungssache! Wäre meine von Anfang an so hoch gewesen wie jetzt, hätte ich sie mir nicht gekauft!;-)

    Die nächste Reise wird fünfstellig? Wo geht es denn hin?

    Meine Reifen sind allerdings noch 12.000 km fast fertig. Den jetzigen muss ich schon bei 9000 tauschen, weil der Reifen Rumänien sonst nicht schafft! Wobei, so schlimm sieht er nicht aus. Aber wenn dann das Profil fast fertig ist und ich im Regen Weg rutsche, wird es ein teurerer Spaß, als die Reifen zu wechseln! Da bin ich ganz bei dir!

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  4. @dermeikel: Da sagste was, die tanzt geradezu durch die Kurven. Dolomiten? Perfekte Landschaft zum Moppedfahren!

    @Ali: Die Federvorspannung ist aktuell auf hoch gedreht, trotzdem komme ich recht gut mit zurecht. Die Versys ist ein Plastebomber, von dem Kawasaki behauptet sie sei reisetauglich. Nun, auf Straßen, vielleicht, aber ganz ehrlich, mir ist das zuviel Gedöns.

    @Maechenmotorrad: 100500 ist ja echt mal eine stolze Laufleistung! Aber genau mein Reden: Wenn man mit den Motoren pfleglich umgeht und regelmäßig mal ne Wartung machen lässt, dann hat man lange Freude an den Maschinen.

    Bei den Tourance Next macht der Asphalt echt einen Unterschied, habe ich gemerkt. In Frankreich lutscht die Straße den Reifen praktisch weg, da wo ich dieses Jahr war, gab´s wenig Abrieb.

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  5. dermeikel

    @Silencer: Meine ist sogar um galbu 8 oder 10cm höher gelegt worden vom Vorbesitzer und ich möchte keinen cm davon missen…weder in den Kurven wo das Handling so dermaßen leichtfüßig einem vorkommt – in den Dolos meinte mein Kumpel immer nur ungläubig „Wie kannst Du die Haarnadeln SO eng fahren bitte…?“ Er meinte er müsse da immer richtig arbeiten mit seiner Maschine und dabei war der Gewichtsunterschied marginal…war wohl doch der bessere Schwerpunkt bei der kleinen V-Strom *grins*

    @Ali: Bin ganz Deiner Meinung…bis auf das „mehr“ an Leistung sehe ich auch keinen Vorteil darin etwas größeres zu fahren…aso doch – wenn man ein kleines Selbstbewusstsein hat DANN macht es durchaus Sinn für einige dieses zu kompensieren *breitgrins* 😀

    In diesem Sinne Euch allen immer eine sichere Fahrt!

    Der
    Meikel

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  6. Gerade bei Motorradreisen braucht man nicht viel Leistung. Das ist ein Marathon, kein Sprint, wo (außer beim Überholen) großartig Beschleunigung gebraucht würde. Da reicht eine 600er bis 800er völlig aus. Alles über 1000 ist mir auch zu klobig und schwer. Das einzige, was ich oft vermisse, ist die Laufruhe eines drei- oder vierzylinders. Ich mag das Bollern des V-Twins nicht.

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  7. Wenn du nicht selber schraubst, ist dieses „auf Vorrat“ schrauben lassen schon verständlich. Aber wenn ich fast alles selbst mache, verliert der Verschleiß auch unterwegs seinen Schrecken.
    Als kurzbeiniger empfehle ich, den Lenker stets rechts einzuschlagen und nur den Seitenständer zu benutzen. Dann noch den Gang drin lassen und schon steigt es sich sicher auf. Viel Spaß beim hochbeinigen Fahren!

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  8. Ali

    @Bla, auf Reisen steige ich fast grundsätzlich über die Tasten auf/ab wegen Packrolle auf dem Rücksitz. Ohne Pack sehe ich die Streifspuren auf dem TC immer mehr werden, eines Tages werde ich das schwungvoll heruntergetreten haben. (Mittel-Normalbeiner).
    @dermeikel, echt – 10 cm plus? Gabel ist so geblieben? Für (seltene) Holperdipolter hätte ich mir schon noch ein paar MM Bodenfreiheit mehr gewünscht um den Unterbau zu schonen.

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  9. Hm… Radlager… Ich glaube meine BMW darf beim geplanten Bremsflüssigkeitswechsel vom Meister ein wenig genauer angeschaut werden. Mahlende Geräusche an der Hinterachse… Da weiß ich nie ob die vom HAG kommen oder die Radlager sein können?

    Jetzt sind über 92’000 km auf der Uhr und auf den letzten 1’600 km (Montag bis Mittwoch diese Woche) hat sie sich auf 750 ml Öl reingezogen. Das hat zwar alles nichts mit den Radlagern zu tun, aber zuletzt von Meisterhand wurde sie vor 20’000 km durchgecheckt.

    Kardan und Getriebe haben diesen Monat schon frisches Öl bekommen – und im September ist die HU fällig… Dann sind die »2 Monate drüber« erreicht. 😀

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  10. Ali

    @X FISH, hm…gegen 100t….würde für mich klingeln, daß es abgenutzte Verzahnung vom HAG sein könnte. Nach allem, was ich da gelesen hatte über weiß/blau (wegen möglichem Zukauf) und niedrigem Preis/ergo viel km, gab es Abstand für mich zu nehmen wegen möglich hohen Folgekosten.
    Läßt du es uns wissen, wenn es „nur“ das Radlager war?

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  11. Wird dann in meinem Blog nachzulesen sein. Wobei ich kaum Abrieb feststellen konnte -> die Ablassschraube vom HAG ist ja magnetisch. Da war nicht wirklich viel dran bei den letzten beiden Ölwechseln.

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