Assassin´s Creed Symphony

Das erste Mal hörte ich von der Existenz einer Assassins Creed Symphonie im Sommer 2018. Ich war mit dem Motorrad an der ligurischen Küste unterwegs und machte Pause am Tresen einer Kaffeebar. Neben mir unterhielten sich zwei Männer darüber, dass im Teatro Civico, dem kleinen Opernhaus von La Spezia, das Tuscany Symphony Orchestra gerade etwas Großes, Geheimes probte, die Symphonie des Credos der Assassinen.

Ich dachte erst ich hätte mich verhört, aber im November 2018 machte Ubisoft das Projekt offiziell und betonte dessen Exklusivität, denn die Assassins Creed Symphony sollte weltweit nur 15 mal aufgeführt werden, und nur fünf Mal davon in Europa (später rückte man davon ab, es gibt nun mehr Termine).

Dementsprechend elektrisiert war ich, als im Janur 2019 die Karten endlich in den Verkauf kamen. Als europäische Spielorte wurden genannt: Paris, Mailand, London, Zürich, Barcelona und – Düsseldorf. Hä? Düsseldorf? Egal. schnell Karte geklickt, und neun Monate später machte ich mich nun auf den Weg, um am 04.10.19 in der Nordrhein-Westfälischen Landeshauptstadt die Assassins Creed Symphony anzuhören.

Das Teatro Civico in La Spezia an der Küste Liguriens. Bild: Google Streetview 2018.

„Assassin´s Creed“ ist, im wahrsten Sinne des Wortes, ein multimediales Phänomen. Alles begann 2009 mit einem Videospiel. Das basierte auf der Idee, dass man die Erinnerungen seiner Vorfahren nacherleben könnte, wenn man die nur mir geeigneter Technologie aus der eigenen DNA extrahieren würde. Ist wissenschaftlich natürlich Mumpitz, als Storyvehikel aber genial: Der DNA-Mumpitz eröffnet einen Rahmen, in dem eine kohärente Erzählung und Zeitreisen möglich sind.

Die kohärente Erzählung ging im Verlauf der vergangenen 10 Jahre leider verloren. Das lag unter anderem auch daran, dass Assassins Creed eben multimedial wurde und in andere Medien diffundierte. Es gab Facebook-Games, Bücher, eigenständige Comicreihen, Kurzfilme und sogar einen Kinofilm mit Michael Fassbender in der Hauptrolle. Kern des Franchises blieben aber die Spiele, die äußerst aufwendig produziert werden. An jedem Serienteil sitzen jahrelang bis zu 1.000 Personen in Studios rund um die Welt.

Zu einer Triple-A-Produktion gehört natürlich auch ein angemessener Soundtrack, und dafür wurde bei Assassins Creed von Anfang an geklotzt. Der Komponist Jesper Kyd definierte als erster die Grundlagen und Ausrichtung des Soundtracks. Er suchte historische Instrumente, die zur im Spiel dargestellten historischen Epoche und den Orten passten. Mit denen interpretierte er situationsabhängig Themen und Melodien und setzte, wo passend, Orchesterklänge und Choräle zur Verstärkung oder als Kontrast ein. Das gelang ihm im Falle von „Assassins Creed II“, das im Florenz der Renaissance spielt, so gut, das heutzutage Stücke aus dem Soundtrack bei Mittelalter- und Stadtfesten überall in der Toskana zu hören sind.

Kyd widmete sich nach drei Teilen (AC, AC II, AC Brotherhood) anderen Aufgaben, ihm folgte der Hans-Zimmer-Schüler Lorne Balfe. Der führte endlich das ein, was den Soundtracks von Kyd immer fehlte: Ordentliche Themen. Dabei griff er auf die Arbeiten seines Vorgängers zurück und machte aus Kyds Stück „Ezios Family“ das „Assassins Creed Theme“.

Auf Balfe, der für „Revelations“ und, zusammen mit Brian Tyler, für „AC III“ verantwortlich zeichnete, folgte Sarah Schachner. Die vervollkommnete die Assassins Creed Formel durch den Einsatz von starken, aber zur historischen Epoche passenden Themen, interpretiert von historischen Instrumenten und angereichert mit Verzerrungseffekten und Begleitung durch moderne Instrumentierung. Seit „Black Flag“ bis zum 2018er „Odyssey“ arbeitet Schachner exklusiv an Assassin Creed.

10 Spiele, drei Hautpkomponisten, das ergibt 10 Soundtracks mit je zwei Alben und Hunderten Stunden Material. Genug, um daraus eine eigene Symphonie zu bauen und aufführen zu lassen, dachte sich Spielehersteller Ubisoft.

Nun also: Düsseldorf.

Hier steht die „Mitsubishi Electric Halle“, und von Weitem sieht der hässliche Zweckbau, der Außen mit Werbung bepflastert ist, tatsächlich erstmal aus wie ein Autohaus. Ich war 15 Minuten nach Saalöffnung da, und erstmal bass erstaunt: Hunderte Menschen standen bereits in Schlangen über Vor- und Parkplatz.

Ich reihte mich ein und stand die nächste halbe Stunde erstmal am selben Fleck, denn was auch immer das Personal da angestellt hat: Der Einlass ging nur sehr langsam voran. Keine Ahnung warum, denn -typisch Deutschland- Sicherheitskontrollen von Taschen gab es nicht wirklich. Das Personal suchte nicht nach Waffen oder Sprengstoff, sondern achtete nur darauf, das niemand ein eigenes Getränk mitbrachte.

Im Inneren des Foyers wurde mir auch sofort klar, warum. Popcorntheken, Brezelstände, Bars. Im Inneren der Halle dann klingelnde Laugenstangen- und Eisverkäufer. Der Veranstalter macht offensichtlich gute Geschäfte mit Fressalienverkauf. Merch der Assassins Creed Symphony gab´s auch. Allerdings nur ein (uninspiriertes) Motiv, und so langweilige Dnige wie T-Shirts, Caps und Hoodies. Nee, nix für mich, 30 Euro sind für ein langweiliges T-Shirt dann doch arg viel.

Die Mitsubishi Halle selbst ist von der Sorte, wie ich sie inbrünstig hasse. So eine widerliche Mehrzweckhalle, die außer zu Sportevents zu nichts wirklich zu gebrauchen ist. Gebaut wie eine Arena, ringsum Tribünen und für Konzerte in der Mitte eng bestuhlt. Warum dieses Parkett die teuersten Premiumplätze sind wird sich mir nie erschließen, immerhin sitzt man da platt hintereinander und sieht ab Reihe 5 nur noch die Köpfe der Vorderleute.

War mir egal, ich hatte einen Platz in Reihe 3, direkt vor der Bühne. Neben mir saßen zwei Frauen Mitte Zwanzig, dem Gespräch nach Powergamerinnen, die von Assassins Creed bis Destiny alles spielen was die Playstation 4 zu bieten hat. Die beiden waren keine Ausnahme – mehr als ein Drittel der Personen in der Halle waren Frauen. So viel also zu dem Vorurteil, Videospiele seien nur was für männliche Nerds. Meine Nachbarinnen waren überaus angenehme Gesellschaft – während des Konzerts fummelten Sie nicht mit Smartphones rum und quatschten nicht. Super!

Durch den Platz so weit vorne sah ich nur die erste Reihe der Streichinstrumente und den Dirigenten, hatte aber immerhin freie Sicht auf die Videoprojektion. Das war Okay, auch wenn die Bühne ECHT KACKE war. Der Chor stand z.B. nicht auf einer Erhöhung, wie bei solchen Konzerten üblich, sondern IN EINEM GRABEN hinter dem Orchester. Dis 20 Sängerinnen und Sänger waren deshalb kaum bis gar nicht zu sehen. Überhaupt hat sich das Venuemanagement wenig Mühe gegeben, und das eingesetzte Personal machte auch keinen tollen Job. Zwischendurch flackerten Scheinwerfer, es wurden (gefühlt) falsche Beleuchtungen gefahren, der Projektor fiel zwischendurch zwei Mal aus und NICHT MAL DIE VERDAMMTE PROJEKTIONSFLÄCHE HING KNITTERFREI. Liebloser geht es nicht. Diese Mitsubishihalle in Düsseldorf, das ist ein Ort ohne Liebe.

Liebe brachten die Leute selber mit, und die hing deutlich spürbar im Saal und verband alle Personen im Publikum miteinander: Die Liebe zu den Spielen, die allen Anwesenden so viele, besondere Stunden geschenkt haben. Der Beginn des Konzerts zögerte sich durch den schleppenden Einlass immer weiter raus, und in der Zwischenzeit diskutierten die Leute ihre Lieblingsmomente aus den Spielen, tauschten sich über Charaktere aus und vertieften sich in einzelne Stories.

Als es endlich losging, liefen auf der Leinwand hinter dem Orchester Videos mit Spielszenen, passend zur Musik. Zur Ouvertüre war das ein Zusammenschnitt aus allen Spielen, eine Art Best-off oder, wie man im Videobereich sagen würde, eine Sizzle-Reel. Dazu spielte das insgesamt 84-köpfige Orchester kurze Anrisse bekannter Themen, die elegant ineinander übergingen.

Nach der Eröffnung folgte die Musik der Chronologie der Spiele, begann also mit Stücken aus „Assassins Creed“ von 2009 und arbeitete sich vor bis zum 2018er „Odyssey“. Schön: Auch die „kleinen“ Serienteile wie der PS Vita Ableger „Liberation“ mit seinen langen Spinettpassagen oder das etwas untergegangene, irisch angehauchte „Rogue“ wurden gewürdigt. Ein Fleißsternchen gibt es dafür, dass sich das Orchester durch „Syndicate“ kämpfte, mit seinem amelodischen Geschrammel aus der Zeit der Industrialisierung.

Was mich überraschte: Hier wurden nicht einfach nur die Stücke der Soundtracks mit der Wucht eines Orchesters nachgespielt. Stattdessen wurden bekannte Themen neu interpretiert, und das sehr häufig mit erstaunlicher Zurückhaltung oder auf unerwartete Weise. So wurde Beispielsweise der Prolog von „Revelations“, der sich für eine Symphonie geradezu aufdrängt, nicht orchestral ausgespielt, sondern sehr rockig und mit E-Gitarren umgesetzt. Das blieb aber der einzige Ausflug in die Neuzeit, ansonsten bewegten sich die Interpretationen eher im klassischen Bereich. Das klang in den besten Momenten nach ganz großer Oper, in den schwächsten immerhin noch nach Rondo Veneziano. Hier hat sich jemand wirklich richtig Mühe gegeben, aus dem vorhandenen Material etwas neues zu machen, und so die AC Symphony zu etwas ganz eigenständigem werden zu lassen.

Die Besetzung des Orchesters war großartig. Geigen, Cellos, Bässe, drei Percussioneinheiten inkl. Schlagzeug, eine Harfe, ein Flügel, ein Spinett, eine recht ordentlich Bläserabteilung mit Trompeten und Hörnern, mindestens eine E-Gitarre und ein ordentlicher Chor, da steckte schon Power drin.

Der Effekt war umwerfend: Auf der großen Leinwand die Schlüsselszenen aus den Spielen, dazu Musik, die bekannt, aber doch neu war. Ein sehr einzigartiges Erlebnis, das Erinnerungen frei setzte. Erinnerungen an das, was das Medium Spiel in seinen besten Momenten auf einzigartige Weise zu leisten versteht: Tiefe Immersion, Bindungen an Charaktere, Emotionen. Diesen Trip die Straße der eigenen Erinnerungen entlang erlebte nicht nur ich. Schon beim zweiten Stück des Hauptteils schniefte und schluchzte es überall um mich herum – die Musik setzte so starke Erinnerungen frei, das die Tränen nur so kullerten.

Wer wissen möchte warum, höre sich einfach mal „Ezios Family“ in der Interpretation des Danish National Orchestras an. Selbst wenn einen nichts mit den Spielen verbindet, so kann man doch ahnen, wie kraftvoll diese Musik ist.

Der emotionale Aspekt wird mir immer in Erinnerung bleiben, genau wie die Überraschung über den Bruch meiner Erwartungen. Nicht nur wurde Bekanntes neu interpretiert wurde, es fehlten auch Dinge, von denen ich annahm, dass sie auf jeden Fall zur Aufführung kämen. Das tat der Freude aber keinen Abbruch: Der Abend war schon echt was besonderes. Er endete mit Lachern, denn die Zugabe war… ausgerechnet einer der ruppeligen Seefahrerchanties aus „Black Flag“, die der Männerchor A Capella sang. Das Publikum lag am Boden vor Lachen, und der Dirigent (der verdächtig nach Jason Isaacs aussah) triumphierte und war sichtlich stolz auf die Leistung des Orchesters.

Hier noch eine Kurzfeaturette:

Proben in La Spezia, Teil 1: AC II und Brotherhood

Proben, Teil 2: Black Flag

Teil 3: Origins und Odyssey

Kategorien: Assassins Creed, Assassins Creed Touren | Hinterlasse einen Kommentar

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