Reisetagebuch 2019 (3): Bis auf´s Fleisch

Samstag, 08. Juni 2019, in der Nähe von Embrun, Frankreich

Ein Dachfenster über´m Bett, das hört sich ja total romantisch an. Beim Einschlafen in die Sterne gucken und so. Die Realität sieht aber anders aus, besonders wenn man schlechte Augen hat und sich das Dachfenster nicht verdunkeln lässt.

Mit meinen schlechten Augen sehe ich beim Einschlafen nämlich nur einen grauen Fleck, und ab vier Uhr wird aus dem grauen Fleck ein strahlend heller, blauer Fleck. Die Sonne scheint zum Fenster rein wie der Laser des Todesterns und hobelt mir durch die geschlossenen Augenlider die Netzhaut weg. Ich kann nicht schlafen wenn es hell ist. Seufzend schwinge ich mich aus dem Bett und tappe in das kleine Badezimmer, wo ich eine winzige, zusammenrollbare Schlafmaske aus dem Allzweckbeutel fummele. Mit der auf den Augen drehe mich noch einmal um und ich schwebe in einen ganz wohlig warmen Halbschlaf davon.

Das Bett in meinem Zimmer im Inneren der Riesenscheune „La Grande Ferme“ ist warm und weich, es fällt mir nicht leicht mich von ihm zu trennen, als um kurz nach sieben der Wecker summt. Trotzdem schaffe ich es, um kurz nach 8 die Koffer zum Motorrad zu tragen und mich dann ins Restaurant im Keller zu begeben, wo Nicolette schon arbeitet.

„Bin ich der einzige Gast heute morgen?“, frage ich auf deutsch. „Derr einzige, der SO frü´ essen möschte“, sagt sie gespielt tadelnd und mit runtergezogenen Mundwinkeln. Ich muss grinsen. Es gibt getoastetes Graubrot und selbstgemachte Konfiture. Dann packe ich meine Sachen und staune noch einmal, wie groß diese Scheune ist. Es gibt auf den einzelnen Wohnungen, die wie Starenkästen an der Innenwand hängen, sogar sowas wie kleine Veranden.

Eine Viertelstunde später stehe ich in der Morgenluft vor La Grande Ferme. Es ist noch ein wenig frisch, aber nicht kalt. Die Sonne strahlt durch die Bäume und der Kies knirscht unter meinen Stiefeln, als ich die Koffer zum Motorrad trage.

Chaia, der Hofhund, läuft die Straße vor der Scheune herunter und niest mehrfach herzhaft. „A votre Santé“ rufe ich ihr hinterher, während ich die Rokk Straps um das Topcase festziehe. Eine neue Vorsichtsmaßnahme, ich vermute auf dieser Fahrt extrem schlechte Straßen und fahre einfach beruhigter, wenn ich weiß, dass die Kiste am Heck mit Spanngurten gesichert ist und keinen Abgang machen kann.

Dann rollt die Barocca den Berg hinab. Ich checke im Cockpit schnell Reifendruck….

… dann konzentriere ich mich ganz auf die Straße. Das tut auch Not, denn vor mir eiert ein Radrennfahrer herum. Zu schnell, als das ich ihn bequem überholen könnte, aber zu langsam, als das ich ihn aus den Augen lassen wollte. Als ich ihn endlich gefahrlos überholen kann, bin ich entspannter und kann die Aussicht genießen. Zarte Morgenwölkchen hängen an den Spitzen der Berge, die die weiten Täler säumen.

Die Freude währt nicht lange, schon bald habe ich wieder Radrennfahrer vor und anschließend auch hinter mir. In halsbrecherischem Tempo schießen sie die abschüssige und kurvige Strecke hinab. Einer versucht sogar das Motorrad zu überholen, muss dann aber wegen einer Kurve abbrechen. Ich sehe auf den Tacho. Über 70 Km/h.

Was machen die Schergen eigentlich, wenn die sich bei dem Tempo auf die Fresse legen? Ich trage dicke Klamotten aus Leder und Cordura, die an Sturzstellen noch mit Aramid, Kevlar und Schaumprotektoren verstärkt sind, nicht zu vergessen den Hartschalenrückenpanzer mit dem Airbag. Aber diese Radrennfahrer trage praktisch… nichts. Dieses Spandexleibchen zählt ja wohl kaum und dürfte eine ähnliche Schutzwirkung haben wie Reizwäsche. Wie sehen die aus, wenn sie mit 70 km/h den Asphalt küssen? Brennt sich das Kunststoffkram dann nicht in die Haut ein?

Die Straße folgt in umgekehrter Richtung der gestrigen Route zum Lac de Serre, der jetzt in der Morgensonne glitzert.

Die Route führt zurück Richtung Gap, dann befiehlt Anna aber in Richtung Sisteron abzubiegen. Viel von der Strecke kommt mir bekannt vor. Bin ich die schon mal gefahren? Wäre nicht schlimm, denn diese Tour ist ohnehin eine Art Reprise, ein neuer Anlauf ein altes Vorhaben durchzuziehen.

2014 wollte ich mir Nizza angucken, und hatte mich mit der Zeit verkalkuliert und musste das deshalb einfach durchfahren.

2016 dann der zweite Versuch, aber dieses Mal zerlegte sich vorher das Motorrad.

Nun möchte ich einen neuen Anlauf nehmen, und deswegen geht es jetzt wieder auf Nizza zu, und vielleicht überschneidet sich von der neuen Routen was mit den alten. Stunde um Stunde zieht die Straße unter mir dahin, und ich genieße jede Minute, die die V-Strom einfach so dahingleitet und mein Schatten über den Asphalt fliegt.

In Sisteron quere ich wieder die Brücke, an der ich vor drei Jahren mit der ZZR so ein schönes Foto gemacht habe. Soll ich wieder anhalten und so eine Aufnahme mit der V-Strom nachstellen? Nein, entscheide ich mich dagegen, ich will nicht bereits Erlebtes imitieren, auch wenn es schön war.

Sisteron

Woah, DAS kenne ich!, denke ich, als unter mir ein blau leuchtender Fluß langzieht.

Das ist der Verdon, den ich in der Verdonschlucht gesehen habe. Fahre ich die zufällig jetzt wieder? Nein, stellt sich heraus. Das ist nicht die Verdonschlucht, aber schön zu fahren ist diese andere Schlucht durch den Parc Naturel Régional du Verdon auch.

Ja ja, ich denke viel, wenn der Tag lang ist, und gerade wähne ich mich in der festen Gewissheit im Nationalpark herumzuflitzen, aber tatsächlich irre ich mich gerade total. Ich fahre nämlich gerade nördlich am Nationalpark vorbei und quasi um ihn herum.Macht aber nichts, spektakulär ist die Landschaft trotzdem.

Bild: Googlemaps 2019

Die Barocca fliegt über die Straße, und ich habe echte Freude daran wie geschmeidig die Fahrt läuft. Ich bin wieder voll drin, lege das große Motorrad behände in die Kurven, kuppele und beschleunige ohne nachzudenken. Auch wenn die V-Strom recht groß ist, so ist sie doch gerade in Kurven superhandlich und beweglich und folgt jedem meiner Kommandos. Alles ist organisch, ich bin eins mit dem Motorrad und wir sind eins mit der Straße. Ich spüre den Sommerwind auf der Haut, der am Sonnenvisier vorbeirauscht. Gott, geht´s mir gut.

Immer wieder öffnen sich irre Ausblicke auf den Fluss oder bizarre Felsformationen.

Wenig später sind leider recht viele Wohnmobile aus den Niederlanden unterwegs, und die neue Seuche Europas: Rentner in SUVs. Hier in Frankreich ist es besonders schlimm. So wie Italien einen endlosen Vorrat an Eulenfrauen hat, so produziert Frankreich en Masse zerzauste Männlein in Stadtpanzern. Zum Glück findet sich früher oder später immer eine Stelle, an der die Barocca gefahrlos vorbeiziehen kann.

Das Überholen macht übrigens nicht halb so viel Spaß wie mit der Renaissance, meiner ZZR600. Dreht man bei der am Gas, fängt die an zu Brüllen und schießt brachial vorwärts.

Dreht man dagegen bei der V-Strom am Gas, fängt sie an zu rappeln und röhrt recht laut und bewegt sich dann moderat schneller. Zumindest im direkten Vergleich. Nunja. Dafür kann ich mit der Suzuki ewig fahren, das geht mit der Kawasaki halt nicht.

Es geht aus den wilden Bergen raus, und nach einem langen Tunnel bin ich in einem Tal und nur noch 30 Kilometer von Nizza entfernt.

Das ich mich Nizza nähere und heute Samstag ist, ist auch an der zunehmenden Spinnerdichte zu merken. Motorradfahrer, die allein oder in Gruppen wie die letzten Wildsäue über die Straße prügeln, und auch eine stattliche Anzahl von Supersportwagen, die gewagt überholen müssen. Mir egal, sollen sie doch. Ich bin auf Reisen. Und Verreisen mit dem Motorrad ist ein Marathon, kein Sprint. Ich muss nichts beweisen, niemandem. Und diesen Freizeitrennfahrern schon gar nicht.

Man beachte den Sportwagen im Rückspiegel. Gleich wird er wie irre überholen.

Das heißt nicht, dass ich rumbummele. Ich bin gerne zügig unterwegs und fahre meist 10 Prozent schneller als erlaubt, aber nur so schnell, wie ich denke das es Strecke und Verkehr angemessen ist.

Vielleicht wird in diesem Tal auch deshalb so gerast, weil gerade alle Blitzer mit schwarzer Folie verhüllt sind. Warum ist das bloß so? Ich habe lange rumgegrübelt warum, denn Frankreich ist ja bekannt für seine flächendeckende Überwachung.


Kurze Abschweifung
Das Prinzip der Flächenüberwachung ist übrigens etwas, was Deutsche oft nicht verstehen. Werden unsere Motorradhelden in Frankreich geblitzt, ist das Heulen und Zähneklappern groß: „Wääääh, da war doch gar kein Gefahrenschwerpunkt, warum blitzen die da, warum muss ich jetzt so viel ablatzen?“

Ganz einfach: WEIL SIE ÜBERALL BLITZEN. Das ist das Konzept. Du sollst dich immer an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten, weil es Dich immer und überall erwischen kann. Ja, das kennt man im autofreundlichen Deutschland nicht, hier wird selten geblitzt und Geschwindigkeitsverstöße kosten praktisch nichts. Ist halt ein anderes Verkehrskonzept und, ich will es mal ganz leise sagen: KEIN SCHLECHTES!


Wie auch immer: Die überklebten Blitzer sind vielleicht Teil der Gelbwestenproteste. Oder sie sind deswegen überklebt, weil die Höchstgeschwindigkeit auf Landstraßen gerade gesenkt wurde, von ohnehin lahmen 90 auf jetzt nur noch 80 Kilometern pro Stunde. Um die zu kontrollieren, muss man natürlich die Blitzomaten umprogrammieren, und vielleicht geht das aus der Ferne nicht. Auf jeden Fall ist es ein begründeter Verdacht, dass wegen der Umstellung so viele Blitzer außer Betrieb sind.

Nizza ist jetzt ganz nahe. Die Sonne scheint, aber nicht mehr mit einem fahlen, weißen Licht wie gestern im Jura, sondern kräftig und warm, so dass alles ein wenig golden wirkt. So gehört es sich für die Côté d´Azur, und mit 26 Grad ist es auch ansprechend warm.

Kurz vor der Stadt nehme ich nochmal Benzin auf, wohl wissend, das Tankstellen im weiteren Verlauf bis zu meiner heutigen Unterkunft rar gesät sein werden. Bei meinem letzten Besuch hier war ich eine Stunde unterwegs, weil ich zu einer Tankstelle wollte, die Anna in zwei Kilometern Entfernung anzeigte. Das waren aber zwei Kilometer Luftlinie, aufgrund der Straßenführung durch die Berge kamen dann schlappe 15 Kilometer zusammen. Das passiert mir nicht nochmal.

Dann stürze ich mich ins Stadtgetümmel. Stadtverkehr in Nizza ist die Hölle, dicht und stinkend.

Die Straßen sind eng und liegen so dicht beieinander, dass ich Annas Anweisungen zwei Mal fehl interpretiere und mich prompt verfahre. Zum Glück kann mich meine Co-Pilotin immer wieder auf eine Ausweichstrecke lotsen. Anna im Ohr zu haben, während ich mich ganz auf den Verkehr konzentrieren kann, ist Gold wert. Nur Audio wäre aber auch nichts, immer wieder muss ich einen Blick auf das Display werfen um zu gucken wie es weitergeht.

Noch 3 Kilometer… noch 2…. Ich stehe mit dem Motorrad an den Ampeln der Promenade Anglais, direkt an der Küste. Aber für die habe ich keine Augen, zu fordernd ist der Verkehr, der hier auf sechs Spuren läuft.

Moment, wieso noch zwei Kilometer? ich wollte doch in ein Parkhaus, irgendwo hier. Annas Einwände ignorierend ziehe ich die V-Strom auf einen Linksabbiegerstreifen und steuere auf die Innenstadt zu. Jetzt fahre ich nach Sicht, aber das kommt mir hier alles bekannt vor. Natürlich! Das kenne ich von Google Maps, das habe ich mir auf der Suche nach einem Parkplatz angesehen!

Was ist das denn? Ich kann es kaum glauben – freie Motorradparkplätze! Sowas hat hier Seltenheitswert! Ich setze den Blinker, komme abrupt zum Stehen und schiebe die Barocca schnell rückwärts zwischen zwei Metallbügel am Straßenrand. Das passt mit den breiten Koffern gerade mal so. Gut, dass ich das große Motorrad habe habe tieferlegen lassen – mit beiden Beinen auf den Boden zu kommen und solche Einparkaktionen wie gerade eben sicher und ohne Kippelei machen zu können ist eine Freude!

Glücklich steige ich ab, dann komme ich auf die Idee, zur Sicherheit nochmal zu checken, wo ich nun wirklich bin. Doch, passt. Die Innenstadt ist nur 5 Minuten entfernt.

Ich lasse Anna sich die Parkposition merken, dann ziehe ich das Navie aus dem Cockpit der V-Strom und stecke es in einen kleinen Rucksack, in den ich auch eine Wasserflasche, Sonnenspray und eine Sonnenbrille werfe. Schließlich aktiviere ich noch den kleinen Peilsender in der Seitenverkleidung der Barocca, dann schließe ich die Maschine ab und mache mich auf dem Weg in die Stadt.

Nizza, das ist in meinem Kopf bislang in erster Linie ein hässlicher Betonmoloch. Klar, bei den Durchfahrten habe ich halt bisher wenig mehr gesehen als hässliche Neubaugebiete.
Das soll sich nun ändern, jetzt möchte ich die Innenstadt sehen.

Der erste Platz, auf dem ich stehe, sieht groß und einladend aus, mit gepflegten Stadthäusern und einem Brunnen.

Das ist offensichtlich das Ende einer Prachtmeile, hier defilieren gutgekleidete Leute in Designerklamotten entlang.

Ich muss laut loslachen, als ist sehe, dass sich einige Teenies haben sich doch allen Ernstes Kissen oder sowas hinten in die Leggins gestopft haben. Erst denke ich, dass ich mich verguckt habe, aber es ist wirklich so: Die haben Kissen in der Hose. Dann fällt mir ein warum: Gerade sind Riesenhintern in Mode. Influencer wie Kim Kardashian, Kylie Jenner oder Anastasia Karanikolaou setzen gerade das Schönheitsideal, und diese Damen tragen mit Implantaten oder Eigenfett aufgepumpte Riesenhintern durch die Gegend. Manche der Heckseiten dieser „Prominenten“ sind so giganticsh, dass ich mich manchmal frage, wie sich die Tanten sich auf ihren Stilettos halten können ohne rückwärts umzukippen. Und jetzt stopfen sich Kinder Kissen in die Hose um genauso deformiert auszusehen. Bah.

Ich folge dem zentralen Park, der großflächige Wasserspiele bietet – Fontänen, die immer wieder ausgehen und dann mit unterschiedlicher Stärke wieder anspringen. Für Kinder ein Riesenspaß, Dutzende rennen zwischen den Fontänen herum, während die Erwachsenen unter schattenspendenden Holzbauten am Rand sitzen und zusehen.

Das wirkt wie Strandleben in einer Lightversion. Seltsam, dabei hätten die Nizzeraner Nizzaner Einwohnerinnen und Einwohner von Nizza doch den echten Strand nur einen Kilometer weiter.

Ich biege in Richtung Zitadelle ab, einer großen Burg auf einem Fels am Meer. Der Weg dahin führt durch die Altstadt. Die ist verwinkelt, und es tobt das Leben: An einer Ecke wird gerade geheiratet und mit Glitzerkonfetti geworfen, direkt nebenan Fisch verkauft und dazwischen lümmeln Hipster in Burgerbuden herum.

Ein Plakat informiert darüber, dass gerade Fußball WM in Nizza ist. ARGH! Würde ich mich für sowas interessieren, hätte ich das vielleicht gewusst – aber dann wäre ich mit Sicherheit hier nicht hingefahren. Zum Glück, so erfahre ich von FrauZimt über meiner Twittertimeline, ist das erste Spiel erst morgen Abend. Dann bin ich schon wieder weg.

Am Ende einer Straße ist ein großer Berg und ein Tunnel an dessen Ende ein Aufzug zur Burg.

Im Tunnel stehen schon dicht gedrängt zwei Dutzend Menschen. Es ist heiß und stickig, eine Lüftung gibt es nicht, die Hälfte der Beleuchtung ist ausgefallen und von zwei Aufzügen ist einer defekt. Rund eine halbe Stunde stehe ich im Halbdunkel zwischen schnatternden Frauen mit Kinderwagen, bis ich mich in eine überfüllte Fahrstuhlkabine mit flackerndem Licht quetschen darf. Der Aufzug rumpelt und rappelt und fährt im Schneckentempo- Als sich die Türen wieder öffnen, stürze ich hinaus und sauge gierig die frische Luft auf dem Berggipfel ein.

Hier oben ist ein grüner Park, und der der Ausblick über Nizza ist spektakulär. Über den Dächern von Nizza, das ist hier. Von oben kann ich über die Stadt sehen und über die Küstenlinie. Weit unten crasht gerade ein Gleitschirmflieger ins Wasser, weil sein Zugboot eine Kurve fährt.

Ein künstlicher Wasserfall rieselt von einem Felsen herab. Große Lautsprecher stehen hier herum. Außerdem gibt es noch alte und Ruinen und einen jüdischen Friedhof.

Über den jüdischen Friedhof laufe ich wieder den Berg hinab und am Hafen vorbei, in dem gerade eine Band für ein Konzert heute Abend probt. Am Wegesrand steht ein Motorrad, das meine Aufmerksamkeit findet.

Was ist das bloß? Es handelt sich um eine BMW HP2 Megamoto, vermeldet ein BMW-Kundiger nach kurzer Rückfrage per Messenger. Sieht man nicht allzu oft, so ein Ding.

Zurück in der Stadt laufe ich ein wenig ziellos in der Gegend herum. Ich habe nichts vorher ausgesucht was ich sehen möchte, ich lasse mich einfach von der Stadt überraschen. Wobei ich ein wenig unenthusiastisch bin, mir ist tierisch heiß.

Am Rand des Kunstgartens steht das „Acropolis“, das aussieht wie eine abgewohnte Version des Starfleet Headquarters. Star Trek trifft Bladerunner.

Die Altstadt von Nizza sieht aus wie Genua. Klassizistische Stadthäuser mit Schmiedeeisernen Balkonen, alles ein wenig abgeranzt, Beatiful Decay, eben.

Diese Schweine! Die schleppen hier tatsächlich falsch geparkte Moppeds und Roller ab!

Nizza ist anscheinend voll die Kunststadt. Kunstgarten mit Flaniermeile in der Mitte, dazu jede Menge Kunstmuseen. Schade, dass ich weder Zeit noch Lust auf einen Besuch habe. Ich schwitze wie irre.

Rumlaufen macht gerade keinen Spaß. Es ist zu warm, und meine Klamotten sind dafür nicht wirklich geeignet. Die Airbagjacke ist ohnehin zu schwer und zu undurchlässig um damit bei fast 30 Grad rumzuwandern, aber auch der Rest stimmt gerade nicht. Die Hose von Held rutscht mir beim Laufen vom Hintern und ist ohnehin zu lang. Die Daytona-Stiefel sind gefühlt eine Nummer zu groß, seit dem Regen in Frankreich scheinen die weiter geworden zu sein..

Irgendwie hat mein Körper gerade so eine komische Zwischengröße, denn eine Nummer kleiner ist die Hose in den Kniekehlen zu eng und die Stiefel lassen meine Füße schmerzen. Mein vorheriges Outfit war perfekt zum Fahren und rumlaufen, aber nach sieben Jahren traute ich den Kunststoff-Klamotten nicht mehr.

Das jetzige Outfit ist auf Sicherheit optimiert, aber dafür ist es nicht mehr für Städtetouren geeignet. Das ist großer Mist. Ich kann schon spüren, wie die Stiefel meine Fersen zu blasigem Grind zerreiben, deshalb schleppe ich mich zum Motorrad zurück.

Sorgfältig bereite ich mich vor, dann starte ich das Motorrad und stürze mich wieder mitten rein in den Stadtverkehr von Nizza.

Der ist, wie erwartet, wild. Aber kein Vergleich zu Rom und Neapel, wo ich NIE frewillig fahren wollen würde. Das hier ist eher auf dem Niveau von Genua: Der Verkehr ist dicht, alle fahren zügig, aber nichts, was ich nicht hin bekäme.

30 Minuten und 800 Höhenmeter später bin ich in Asprémont, einem Dorf in den Bergen über Nizza.

Rumgelaufen in Nizza.
Bild: Google Maps 2019.

Hier steht das Hotel „Hostellerie Asprémont“, das von Sabine betrieben wird. Die Leipzigerin hat mir vor drei Jahren in einem kleinen Frühstücksgespräch mehr über Frankreich beigebracht als Ulrich Wickert in drei Büchern, und sie hat mich aufgebaut, als ich völlig down war, weil die ZZR ihre Lichtmaschine kurz vor Nizza zerlegt hatte. Damals wollte Sabine so schnell wie möglich das Hotel schließen und aus Frankreich weg. Umso mehr freut es mich, dass sie noch da ist – und sich sogar an mich erinnert! „Wie geht es Ihnen? Besser, hoffentlich?“, fragt sie, als sie im Türrahmen erscheint. Eine blonde Erscheinung.

Auf dem Zimmer reiße ich mir die klatschnassen Wollklamotten vom Leib. „Erst dass Ross, dann der Reiter“, denke ich, und säubere den Helm, hänge Jacke, Hose und Unterwäsche zum trocken auf, stelle die Stiefel zum Lüften ans Fenster und schließe die Kameras und den Tracker an die Ladegeräte an. Dann nehme ich eine kalte dusche und falle danach nackt auf´s Bett, um einen Moment einzudösen.

Im Bett mit Anna.

Zwanzig Minuten später rappele ich mich wieder hoch und traue mich jetzt erst, einen Blick auf meine Füße zu werfen. Es ist noch schlimmer als befürchtet. Die Stiefel sind wirklich viel zu weit und haben mir beim Laufen die Fersen zu kaputtgescheuert. An beiden Füßen habe ich ein Fünfmarkstückgroßes Loch in der Haut, durch das ich bis auf´s Fleisch runtergucken kann. So fühlt sich das auch an. Scheiße.

Ich humpele zum Gepäck und krame die Erste-Hilfe-Tasche aus dem Seitenkoffer. Darin sind Blasenpflaster. Vorsichtig puhle ich von den größten Pflastern die Folie ab und klebe sie über die Löcher in meinen Fersen. Die Pflaster werden praktisch sofort unsichtbar und kühlen ein wenig. Sie versiegeln die Wunden und mindern den Druck, wenn ich wieder Schuhe trage. Außerdem enthalten sie ein antiseptisches Gel, das auch das Hautwachstum stimuliert. Nach ein paar Tagen, wenn die Haut nachgewachsen ist, werde die Pflaster von alleine abfallen. Soweit die Theorie. Bei kleinen Blasen funktioniert das auch super, aber beim Zustand meiner Füße habe ich Zweifel. Ich bin so lange rumgelaufen, dass ich die Blasen, die sich anfangs gebildet haben, gleich mit weggescheuert habe.

Ich ziehe Socken und Trekkingschuhe an und trete vorsichtig auf. Doch, das wird gehen. Dann packe ich die Kamera ein und wandere ein wenig durch Asprémont.

Die wenigen Straßen ziehen sich kreisförmig um einen kleinen Berggipfel, der auf das Tal hinter Nizza blickt. Die Sonne versinkt schon langsam hinter den Bergen, und die Flüsse im Tal leuchten im dunstigen Abendlicht.

Am Abend gehe ich eine Pizza „4 Saison “ im Restaurant „L et Lui“ essen. Tradition, habe ich das letzt mal hier auch gemacht.

Bild: Google Streetview, April 2019.

Hätte ich mal lassen sollen, die Pizza ist nicht besonders und sobald die Sonne weg ist, wird es ratzfatz eisekalt. Beim letzten Mal hatte Sabines Küche geschlossen, dieses Mal hätte ich Halbpension für 75 Euro bekommen können, hätte ich nicht über Booking gebucht. Naja, egal. Währen der langen Wartezeit im Restaurant kann ich wenigstens Blog schreiben und mir überlegen, wie ich morgen fahren möchte.

Später am Abend genieße ich noch ein wenig den Ausblick auf die flackenden Lichter im Tal. Städte bei Nacht. Ich liebe das.

Tour des Tages: Von Ebrun bis Nizza. 200 Kilometer, rund 6 Stunden reine Fahrzeit.

Rumgelaufen in Nizza.
Bild: Google Maps 2019.

Kategorien: Motorrad, Reisen | 9 Kommentare

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9 Gedanken zu „Reisetagebuch 2019 (3): Bis auf´s Fleisch

  1. Oups … Stadtwanderung in Moppetklamotten ist wie Aufschlag mit 70 kmh in (kurzen) Kunststoffleibchen: Asphaltausschlag vorprogrammiert… ich kann Deinen Schmerz nachfühlen und wahrscheinlich hängen Dir die Löcher in der Haut die ganze Tour über irgendwie nach … shit.
    Vielleicht solltest Du italienische Größen probieren ? Nur so als Idee, denn die haben NUR Zwischengrößen; bei meinen Trialstiefeln von Gaerne hätte ich eine Nummer größer für ok befunden, Aber ZWEI Nummern und die passen gerade so, ist ungewohnt…

    Die Sprasche der petite Fraunzösinnän ‚abe ick serr gut nachempfinden chönnän, die Schreibweise war besser als meine 😉

    Bei den technischen Sachen …ein Kundiger über whatsapp … Frau Zimt über twitter … Tankstelle 2 km voraus … mußte ich natürlich schmunzeln; der ich froh bin, wenn mir nach 1000 Kilometern oder 2 auffällt, daß ich mein Hendi und auch den Fotoapparat doch nicht zu Hause liegengelassen habe … 😉

    Und jetzt hoffe ich, die Tage danach waren bessere für Dich, dieser liest sich nicht so ganz wohlfühl-prickelnd an als der davor – auch wenn er sich zu Beginn nicht so schlecht anließ…

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  2. motorrado

    Stadtrundgang in voller Montur bei 30 Grad? Also für mich bist Du ein echter Held!

    Ansonsten habe ich mich köstlich über die Radler-Passage beömmelt: sooo wahr!

    Was hat es denn mit diesem Peilsender auf sich? Klingt nach einer sinnvollen Anschaffung, wenn man im Ausland unterwegs ist. Hast Du darüber bereits irgendwo Näheres geschrieben?

    Freue mich bereits wie jeck auf den nächsten Teil!

    LG
    Susy

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  3. Olpo: Ach, der tag war eigentlich ganz gut 🙂

    Motorrado: Das wird nicht das letzte Mal sein, dass uns hier Radfahrer begegnen. Die werden sogar zu einer Challenge 🙂

    Der Peilsender ist ein Trackimo. Den hatte ich hier beschrieben: https://silencer137.com/2018/04/26/follow-me-der-trackimo/

    Funktioniert ziemlich gut, nur die Batterie hält leider nicht lang (max. 24 Stunden) und meine selbstgebastelte Stromversorgung funktionierte in den Form auch nicht. Ansonsten ein nettes und billiges Teil.

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  4. Das freut mich, daß Du den Tag trotzdem als gut markieren kannst; vllt bin ich da wehleidiger 😉
    Kannst Du den Trackimo nicht an einen der Akkus mit Mini-Usb hängen ? Andererseits reichen im Normalfall 24 Std. für’s Wiederfinden des Moppets in einem Städtchen aus 😉

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  5. Doch, das geht. Muss man dann allerdings dauernd dran denken. War mir letztlich zu aufwendig, deshalb habe ich den Trackino nicht dauernd, sondern nur an seltsamen Orten wie Nizza benutzt.

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  6. StrayCat

    Ich lese Deine Reiseberichte seit kurzem mit und freue mich über Deine gut geschriebenen Geschichten und die vielen tollen Bilder. Benutzt Du für die Bilder während der Fahrt immer noch die Virb XE? Wo hast Du die Kamera befestigt?
    Weiterhin gute Fahrt 😁
    Frank

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  7. Hi Straycat, willkommen im Blog.
    Die Virb XE benutze ich immer noch. Sie sitzt bei der V-Strom entweder vorne zwischen und über den Scheinwerfern (mit einer geklebten Halterung), an den Sturzbügeln (mit einer Schraubhalterung) oder hinten an der Schwinge (Klebehalterung). Dazu kam in diesem Jahr eine Prism Tube Wifi, die seitlich am Helm sitzt.

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  8. StrayCat

    @Silencer: Danke, bin wirklich beeindruckt von der Bildqualität der Kameras, ich hatte auf meinen Touren eine einfache Helmkamera von Aldi, da hat sich in den letzten Jahren viel getan.
    Hat die Prism Tube Wifi auch eine Fernbedienung für Fotos während der Fahrt oder sind das Standbilder aus dem Video?

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  9. Wobei die XE auch schon wieder etliche Jahre auf dem Buckel hat und keine Konkurrenz mehr sein dürfte für aktuelle Gopros u.ä. Das Bild der XE wirkt auch oft matschig, besonders wenn der Weißabgleich mal wieder dumme Sachen macht.

    Die Prism hat keine Fernsteuerung, nur einen Ring, den man nach vorne zieht. Supersimpel, macht aber nur Videos, die Bilder oben sind alle Screenshots aus den Filmen. Die Videos sind für meinen Geschmack zu überschärft, aber ganz Ok was Farbtreue angeht. Das beste aber: Die Prism läuft auf ihrer Batterie ewig (2-3 Stunden). Deswegen und wegen der simplen Bedienung mag ich die ganz gerne.

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