Marie Frederiksson

Ach, Marie Frederiksson. Die Schwedin war meine erste große Popstar-Liebe.

Es war 1989, ich war 14 und sah auf MTV das Video zu „The Look“, wo Frederiksson mit blonder Kurzhaarfrisur in einer typischen 80er-Jahre-Kulisse stand und zusammen mit Per Gessle als Roxette ordentlich ablieferte.

Das Album „Look Sharp!“ wurde meine allererste CD, und irgendwann hatte ich auch das VHS-Video zur Livetour zu Hause. Je mehr ich von Marie Frederiksson hörte und sah, desto verzauberter war ich von ihr.

Marie Frederiksson verkörperte, auf und abseits der Bühne, einen Typ Frau, der stark, unabhängig, intelligent und voller Power ist („Dressed for Success“), die keinen Mann oder Partner braucht („Dangerous“), aber trotzdem innig und manchmal unglücklich lieben kann („Listen to your Heart“) und tief trauert, wenn das Unausweichliche passiert und alles vorbei ist („It must have been Love“).

Diese Ausstrahlung einer starken und intelligenten Frau zieht mich bis heute unwiderstehlich an, damals haute sie mich komplett aus den Socken.

Mehr als ein Mal bekam ich im Erdkundeunterricht Ermahnungen, weil ich heimlich Texte von Roxette übersetzte, statt die Höhenstufen des Kilimandscharos zu zeichnen. Ja, wirklich: Ich lernte mit den albern-naiven Texten von Per Gessle Englisch, damit ich auch wirklich verstand, was Marie da sang.

Im Sommer 1989 lief „The Look“ bei mir auf Repeat-All, sowohl zu Hause als auch unterwegs. Ich hatte die Kassette im Walkman und hörte die Musik von morgens bis abends, wenn ich allein durch Würzburg streifte. Roxette war der Soundtrack eines ganzen Sommers.

Die fast verliebte Schwärmerei für die Popsängerin hielt nicht lange und wurde nach Kurzer Zeit von Schwärmereien für reale Personen abgelöst, faszinierend fand ich Marie Frederiksson aber weiterhin. Auch wenn ich mit den späteren Roxette-Werken wie „Crash Boom Bang“ und „Tourism“ nicht mehr viel anfangen konnte, so freute ich mich doch immer wieder, wenn ich Marie irgendwo sah.

Die 90er gingen, und mit ihnen verschwanden Roxette und Marie von der Bildfläche. Nachrichten von einer Krebserkrankung machten die Runde, und niemand hätte erwartet, noch einmal was von Frederiksson und Gessle zu hören. Ich erinnere mich darin wie überrascht ich war als ich 2011 mitbekam, dass Marie sich wieder auf die Bühne gekämpft und mit Roxette noch einmal auf Tour gehen wollte. Mir war bewusst, dass das vielleicht die letzte Gelegenheit war, die Liebe meiner Jugend mal live zu sehen.

Im Juni 2011 war es dann soweit, ausgerechnet in Oberursel (fragen sie nicht!) hatte ich die die Gelegenheit Roxette live zu sehen. Das war toll, aber es war deutlich zu merken, welche Spuren die Krankheit bei Frederiksson hinterlassen hatte.

Sie war schon immer zierlich gewesen, aber nun wirkte sie fragil und irgendwie zerbrochen. Auf einen Barhocker gestützt und nur einen Arm nutzend wirkte sie wie eine Puppe aus Porzellan, die heruntergefallen war und die jemand mit großer Mühe, aber irgendwie verkehrt wieder zusammengesetzt hatte. Später erfuhr ich, dass Marie zu diesem Zeitpunkt stark motorisch eingeschränkt und zudem auf einem Auge blind war und große Probleme mit dem Sprechen hatte.

Singen tat sie freilich immer noch großartig, wenn auch die Worte ein wenig verschliffen kamen. Sie liebte die Bühne, dass war zu merken. Es war aber auch deutlich zu merken, dass es ihr alles andere als gut ging. Sie litt, ganz sichtbar – und dennoch kämpfte die Powerfrau für das, was sie liebte – das Singen.

In der Folge kaufte ich mir ihre Solo-Alben, konnte mit denen aber nicht viel anfangen. Ich mochte Maries Stimme, aber das war nicht meine Art von Musik.

Nun ist Marie Fredriksson in dieser Woche gestorben. 61 ist sie am Ende geworden und damit älter, als man es bei ihrer Erkrankung hätte hoffen können. Eine große Künstlerin ist von uns gegangen, aber ehrlich gesagt bin ich auch froh, dass ihr Leiden ein Ende hat.

Wenn ich an Marie Frederiksson denke, dann sehe ich vor mir die energiegeladene und selbstbestimmte Frau mit der blonden Kurzhaarfrisur, deren Kunst mir so viel gegeben hat und wegen der ich heute so ausgezeichnet englisch spreche.

Danke, Marie.


Auf Youtube hat Per Gessle gerade die „The Roxette Diaries“ bereitgestellt. Größtenteils unkommentierte Aufnahmen aus den 80ern und 90ern, die zeigen, wie Marie hinter den Kulissen war. Sie war natürlich genau so, wie ich mir sie vorgestellt hatte, und dazu noch unglaublich liebenswert und witzig. Angucken lohnt sich.

Kategorien: Betrachtung | 6 Kommentare

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6 Gedanken zu „Marie Frederiksson

  1. Lupo

    Deine große Liebe?? Kann gar nicht sein! War meine!!!

    Schöner Beitrag und danke für den Link zu den Diaries.

    Lupo

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  2. HANDGEMENGE

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  3. Lupo

    Autsch…..

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  4. 😄

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  5. Na, da simmer ja vom Baujahr her nicht allzuweit auseinander. „Roxette?
    Ich? Gehört? Nö. Nie!“. Wir hatten T-Shirts, Tapes, LPs und CDs von
    AC/DC, Saxon, Slayer und die ganz Mutigen von The Cure. Wir hörten die
    nachts erstellten Tape-Mitschnitte von Fields of the Nephilim (was
    keiner außer uns verstehen konnte) und auf „One“ von U2 folgte „One“ von
    Metallica (und in seltenen fällen noch „One“ von Elton John – als „three
    from One“ 😀 ) als Stimmungskiller auf jeder Feier. Erfolgreich, die
    Tanzfläche war leer und wir mussten unsere Haare erst mal wieder sortieren.

    „Roxette? Ich? Niemals!“ – trotzdem kaufte man den seltsamen Wesen
    namens „Frauen“ das Album Look Sharp! oder etwas später auch Joyride –
    nur um dann festzustellen das sie es schon von wem anders geschenkt
    bekommen hatten. Oder es standen am Geburtstag mit zahlreichen Gästen
    gleich 3x Look Sharp! als LP, 2x als CD und noch einmal als MC auf dem
    Gabentisch. 😀

    Das war die Zeit in den wir nicht nur – aus unerfindlichen Gründen – bei
    den Roxette Charthits total textsicher waren (obwohl wir sie natürlich
    nie selbst gehört hatte) und sich der Einkaufsgutschein für Parfum/LP/CD
    bei der Drogerie als ideales Geschenk für das seltsame Wesen „Frau“
    herausstellte. Musste schon nichts mehr umgetauscht werden. 🙂
    _____

    Fast forward.

    Ich habe vor ein paar Jahren einen der Konzertmitschnitte gesehen in
    welchem sie im Sitzen gesungen hat. Einerseits schön. Schön zu sehen das
    sich jemand zurückkämpft und seinen Traum weiterverfolgt. Nicht mehr in
    den Charts, nicht mehr im nun nicht mehr existenten Video-Kanal in der
    „heavy rotation“. Aber eben doch da. Andererseits: „Nicht mehr wie früher“.

    Ich muss nun auch an Dolores O’Riordan denken. Und auch an Lemmy
    Kilmister – auch wenn das noch ein paar weitere Jahre zurückliegt und
    eine ganz andere Art von Künstler und Kunst war/ist. „Irgendwann gehen
    wir doch mal auf ein Konzert und schauen uns den/die (noch) mal an“.
    Geht nun nicht mehr.

    Wir werden alle nicht jünger. Dies hat mir der gestrige Besuch auf einer
    Trauerfeier auch nochmals nachdrücklich und unmissverständlich sehr
    deutlich gemacht. 😦
    _____

    »Every time you leave the room I feel I’m fading like a flower«

    PS: Ich dachte eigentlich ich hätte den Kommentar abgeschickt… Rechner gestartet, Browser gestartet – da steht er zum Absenden bereit im Browserfenster…

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  6. Ein schöner Abschiedssatz. Ja, die Heldinnen gehen langsam von uns. Dolores trauere ich auch immer noch hinterher. Ich hätte sie mal sehen können bei einem Konzert in Berlin, vor ein paar Jahren – nur leider wurde das kurzfristig verlegt. Vorverlegt! Bis ich davon mitbekam, war es schon zu spät. „Cranberries? Dit wa doch schon!“

    Die „one“s habe ich auch durch, zumindest zu zwei Dritteln – und die Metallica-Version habe ich mir so übergehört, das ertrage ich heute nicht mehr 🙂

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