Einen Monat ohne (2): Day Zero

Dezember 2019
Vorbereitung kann manches einfacher machen. Vor meiner lappenlosen Zeit habe ich schwere Dinge, wie Gurkengläser, eingekauft und gebunkert. Discounter und große Supermärkte werden nämlich nur schwer erreichbar sein, und ich muss ja alle Einkäufe quasi auf dem Rücken nach Hause tragen. Jetzt sind die Vorräte gut aufgefüllt. Ich glaube ich hatte noch nie so viel zu essen im Haus.

Kurz vor Weihnachten habe ich mir überlegt, dass ich eine Monatskarte für den Bus kaufen könnte. Aber was kostet sowas und wo bekommt man das her? Für Einzelkarten hat Götham eine App, die ich auch gelegentlich nutze*. Aber Monatskarten?

Ah, hier. Die Website des Verkehrsverbundes sagt, dass es ein gutes Dutzend „Vorverkaufsstellen“ gibt, meist in Tabakläden. Da ist die zwei Euro Karte billiger, als wenn man sie im Bus kauft. Aha, wieder was gelernt.

Ich lasse 53 Euro in einem Tabakladen und bin fortan stolzer Besitzer einer Monatskarte, gültig ab dem 02. Januar 2020.

02. Januar 20
Tag 0 ist gleich eine kleine logistische Herausforderung. Das steht an:

  1. Der Führerschein muss zur Post gebracht und per Einschreiben zu Frau Webermann vom Landkreis Gütersloh geschickt werden, auf das sie ihn einen Monat verwahrt.**
  2. Bei Aldi gibt es ab heute Bodenmatten, da hätte ich gerne welche von.
  3. Ich darf auf keinen Fall zu spät zur Arbeit kommen, Handwerker werden erwartet.

Ich brauche also eine Post, einen Aldi und das bitte so, dass ich rechtzeitig bei der Arbeit bin.

Gar nicht so einfach, die meisten Aldis liegen außerhalb in Gewerbegebieten. Ach ne, hier, der da – der liegt bei einem Rewe, und darin ist eine Postfiliale. Aber wie komme ich da hin?

Die Website des Verkehrsverbundes ist sperrig, um es mal vorsichtig auszudrücken. Zwar spuckt sie mir eine Busverbindung aus, bei der ich nur drei Mal umsteigen und vorher durch alle Stadtteile fahren muss, aber sie zeigt mir z.B. nicht auf einer Karte, wo die Bushaltestellen sind, an denen ich umsteigen muss. Und die meisten tragen Namen, die ich noch nie gehört oder auf dem Stadtplan gelesen habe.

Nach einigem Rumklicken finde ich dann raus, dass bei jeder Buslinie eine Open Street Map mit der Route hinterlegt ist. Nach dem Studium dreier Busrouten und der Lage von verschiedenen Haltstellen finde ich sogar noch eine Direktverbindung zu Post/Aldi und eine zeitnahe Rückfahrt zur Arbeit. Na dann, los geht´s!

In der Einfahrt steht das Kleine Gelbe AutoTM, eingepackt in eine Halbgarage, die extra für diesen Monat gekauft wurde. Die Fenster bei der Kiste sind ja undicht, und nach einem Monat Regen und Schnee und ohne Heizung zwischendurch könnte ich darin im Februar wohl Schimmelpilze ernten. Reicht schon, dass in vier Wochen die Batterie leer sein wird.

Die Nacht über ist es kalt geworden. Minus 6 Grad zeigt das Thermometer. Das Geräusch von Eiskratzern auf Windschutzscheiben in allen Straßen hören. An der Bushaltestelle vor mich hinfrierend sehe ich, wie ein Mann Anfang 70 einen alten Mazda freikratzt, ihn kurz anlässt, dann wieder ausmacht und im warmen Haus verschwindet. In Mumpfelhausen gibt es sie noch, die Gentlemen, die früh aufstehen, rausgehen und das Auto freikratzen, damit die Frau sofort zur Arbeit fahren kann.

Der Bus kommt mit fünf Minuten Verspätung, aber immerhin ist der ÖPNV angenehm leer. Meine Timeline auf Twitter weiß auch, warum.

Eine halbe Stunde gurkt der Bus kreuz und quer durch die Stadt, vom Klinikviertel zur Uni, von da in die Südstadt, dann nach Osten und einen Berg hoch. Den letzten Kilometer muss ich den Berg hoch laufen.

Vor dem Rewe-Markt läuft ein Mann mit einem Laubbläser herum und macht damit einen Heidenlärm. Alles für drei Blätter, zumindest sieht es im ersten Moment so aus. Dann sehe ich den Berg an abgebrannten Silvesterfeuerwerk, dass der Mann schon zusammengeblasen hat.

Als ich der Postfrau den Umschlag mit meinem Führerschein überreiche, der jetzt als Einschreiben nach Gütersloh geht, fühlt sich das seltsam unprätentiös an. Ich hatte gedacht das würde jetzt ein andächtiger Moment werden, so rein gefühlsmäßig, aber stattdessen eile ich weiter. Tagesaufgabe 1 erledigt. Morgen wird der Führerschein in Gütersloh sein, dann beginnt das Fahrverbot zu laufen. Zwar darf ich auch heute schon nicht mehr fahren, aber das zählt nicht. Heute ist Tag Null.

Tagesaufgabe 2: Bodenmatten kaufen. Wenn ich mich beeile schaffe ich den Bus noch, der in sieben Minuten von hier zur Arbeit fährt. Fall das nicht klappt, muss ich eine halbe Stunde in der Kälte stehe.

Im Eingang des Aldi-Markts steht ein Mercedes mit laufendem Motor. Darin lehnt ein weißhaariger Mann Mitte 60 mit dem Kopf an der Scheibe. Es gibt sie noch, die Gentlemen, die dafür sorgen, dass die Frau nicht weit laufen muss und ein warmes Auto vorfindet, wenn sie den Einkauf erledigt hat. Boomer, ey.

So, Bodenmatten gefunden, jetzt bezahlen und weg hier. Fünf Minuten noch. Der Mann vor mir hat einen beachtlichen Einkauf in mehre Abrechnungen gesplittet, aber die Kassiererin ist schnell.

Noch vier Minuten. Der Typ ist abkassiert und dreht sich gerade um zum Gehen, als ihm noch was einfällt. „Wo ist der Bon?“, fragt er. „Habe ich ihnen gegeben“, sagt die Kassiererin. „Ich habe den aber nicht“, sagt der Mann.

„Ich habe ihnen den aber gegeben“, sagt die Kassiererin. „Da ist er doch.“ -„Nein, das ist nur der dritte, wo ist der zweite?“ „Den habe ich ihnen auch gegeben“ Der Mann beginnt in seinem Portemonnaie zu wühlen, die Kassiererin in ihrem Mülleimer.

Eine Kundin mischt sich ein. „Hier liegt auch Geld auf dem Boden!“, sagt sie und klaubt 11 Cent auf. „Es geht nicht um Geld“, sagt die Kassiererin. „Es geht darum, dass sie mir meinen Bon nicht gibt“, braust der Mann. „Ich HABE ihnen den gegeben“, sagt die Kassiererin. „HABEN SIE NICHT!“, wird der Mann laut.

„Hat sie, ich habe es gesehen“, sage ich. „Sehen sie! Er hat’s gesehen!“, ruft die Kassiererin und der Mann guckt verwirrt. Ich habe nichts gesehen, ich habe geträumt, aber mich nervt, wie der Mann die Kassiererin angeht. „Was mache ich nun mit dem Geld??“, sagt die andere Kundin und hält die 11 Cent hoch.

Noch zwei Minuten. „Entschuldigen sie, ich muss zum Bus“, sage ich. Die Kassiererin guckt mich genervt an, und ich schiebe ein „Sorry“ hinterher.

Zwei Minuten und einen kurzen Sprint später sitze ich in Linie 73. Wer hätte gedacht, das Busfahren so spannend ist – und man erlebt definitiv mehr als mit dem Auto.


*) um ehrlich zu sein: Nur, wenn ich ein Motorrad aus der Werkstatt holen muss.
**) Theoretisch geht auch die Abgabe an einer Polizeidienststelle, die den Führerschein dann versendet. Aber die Dienststelle in der Göthamer Innenstadt macht das nicht.

Kategorien: Gnadenloses Leben | 9 Kommentare

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9 Gedanken zu „Einen Monat ohne (2): Day Zero

  1. zwerch

    Jaja.. es ist nicht einfach, aber dafür sehr abwechslungsreich, weiß auch ich aus Erfahrung 😦
    Ich wünsche dir keine außerplanmäßigen Zwischenfälle oder gar Notfälle!
    Da wird es dann haarig…. mir blieb damals nur einen Mercedes (Taxi 😉 ) zu buchen

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  2. Brigitte Eckert

    Als ich 2018 6 Wochen urlaubsmäßig in Athen war (wo ich nie gelebt habe) bin ich mit einer Monatskarte von 15 € (wirklich, ganz Athen, alle Linien!) wirklich viel und weit rumgekommen.
    Mithilfe täglicher abendlicher Online-Planung der Reiserouten des kommenden Tages kannte ich nach 2 Wochen alle Tram- und Metrolinien, deren Streckenführung und sämtliche erforderlichen Umsteigehaltenstellen.
    Nach 4 Wochen kannte ich die meisten Buslinien innerhalb der Stadt, die auch aus der Stadt in alle Richtungen rausfahren (Erweiterungs der Exkursionsrouten!) und die Linienboote zu den saronischen Inseln (nicht im 15 €-Ticket enthalten). In den letzten 2 Wochen bestand die Vorbereitung nur noch im Check von Fahrplänen, aber nicht mehr Suchen von Routen…
    Es hat irren Spass gemacht, den ganzen ÖPNV in der Birne abzuspeichern, das war eigentlich die Hauptüberraschung meiner Reise. (Auf alles andere war ich vorbereitet.)
    Viel Spass bei der neuen Perspektive!

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  3. Batterie leer ? Nö. Gibt es nicht … Ausbauen, in die Garage damit, 2 Tage vor Neustart zwischenladen, einbauen und keinen Ärger haben. Tiefentladung tut ihr nicht gut.
    Lustig, so ein Tagesablauf mit ohne Individualverkehr.
    Ich hasse Öffis, weil sie einen so großen Zeitaufwand beanspruchen und Streß verursachen mit ihren Fahrplänen. Nein. Ich hasse Öffis so und so.

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  4. Protipp: Nicht mit seltsamen lokalen Apps und Webseiten rumorgeln sondern einfach die App der Deutschen Bahn verwenden. Die fährt dich auch mit Bussen direkt zu Andressen, zeigt Karten und Routen an und hat sogar seit kurzem Echtzeitdaten (!) auch in unserer Stadt.
    Ich habe noch nie irgendwelche Webseiten oder Apps von den Busbetrieben hier oder anderswo verwendet und fahre durchaus öfter mal hier mit dem Bus rum.

    Ach ja, willkommen in meinem Leben 🙂

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  5. ssuchi

    Auf dem Android ist „Öffi“ sehr hilfreich, die kann nach meiner Erfahrung Routen mit Umsteigen noch besser als die Bahn-App. Ich weiß aber nicht ob es die auch für iphone gibt.

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  6. Zwerch: Danke!

    Frau Eckert: Ja, auf Städtereisen mag ich es auch sehr, wenn es nach einiger Zeit „Klick“ macht und der ÖPNV zur Selbstverständlichkeit wird. Die Ksten für das Ticket in Athen sind natürlich echt unschlagbar.

    Olpo: Ganz so einfach ist es nicht. Wie verursacht man bei einem modernen Auto einen Schaden von 1.000 Euro? Indem man einfach die Batterie abklemmt. Im Falle von Mercedes muss die Kiste dann abgeschleppt werden und einen Tag in der Werkstatt verbringen, weil alle Steuergeräte in der richtigen Reihenfolge wieder gestartet werden müssen. Ganz so schlimm ist es bei meinem Auto nicht, aber einfach so Batterie abklemmen und Verlustfrei wieder anschließen geht bei dem auch schon nicht mehr – mal ganz abgesehen davon, dass die Ansaugbrücke vom Turbolader dafür abgebaut werden muss. Öffis hassen? Nee, öffis sind toll.

    Modnerd: Agh, danke für den Tip! Und schön, dass Du noch nie mit anderen Apps rummachen musstest. Ich habe ein rundes Dutzend lokaler Apps auf dem Telefon, deren Angaben meist nicht im DBN sind und vor allem: Deren Ticketsysteme darin integriert sind.

    ssuchi: Gibbet nicht für Apple 😦

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  7. @Öffihasser: das ist natürlich eine unzulässige Provokation 😉 … ich hätte dennoch nichts dagegen, würden sie sämtlich unterirdisch fahren und die Radfahrer das Kanalsystem benutzen. So kämen sie auch vor/in jedes Haus 😉
    Daß moderne KFZ (auch Moppets mit Einspritzung) komplizierter werden im Handling war mir bewußt. Daß es derart schlimm ist, nicht. Schöne Neue Welt 😉 …
    Eine Turbobrücke abzubauen könnte einfach sein, wenn ein Rohr zwischen zwei Schläuche gespannt ist – die intelligentere Methode ist es bestimmt, an einem halbwegs schönen Tag ein Kabel aus der Garage herauszulegen (Fenster) und rechtzeitig nachzuladen. Daß man nach dem Abklemmen vom Strom bei einem Youngtimer mehr als die Uhr richtig einstellen muß um wieder starten zu können, hätte ich nicht gedacht – jedoch weißt Du es sicher besser.

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  8. Ja, genau das ist dann auch der Plan: Bei schönem Wetter einfach mal zwischendurch Strom nachfüllen 🙂

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  9. Ohhh … Du beschämst mich 😉

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