Einen Monat ohne (11): Und dann war da noch…

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit das auszuprobieren.

Und dann war da noch…

… die Feststellung, dass ich bis zu 480 Tweets auf dem Weg zur Arbeit lesen kann.

… die Frau, die beim Einsteigen in den Bus ihre Wochenkarte hochhielt. Normalerweise gucken die Fahrer da nicht hin und wir Fahrgäste gehen einfach durch. Aber diese Frau war der Typ „pensionierte Lehrerin“ und wollte sich damit nicht zufriedengeben. „JUNGER MANN!“, sagte sie in diesem typischen Lehrerinnentonfall, der selbst in erwachsenen Männern noch sofort das Schulkind strammstehen lässt. „Sie müssen schon hingucken, wenn ich ihnen meine Karte zeige! Und auf diese Entfernung können sie doch gar nichts erkennen!“ Damit hielt sie ihm das Ding direkt vor die Nase. Der 50jährige Fahrer kriegte rote Ohren und guckte angemessen schuldbewusst.

… die Tatsache, dass alle Pendler gerne in ihre Smartphones gucken. Manche lesen darin Bücher, manche spielen ein Spiel, andere lesen Zeitung, gucken Nachrichten oder chatten. Wenn diese morgendliche Routine der inneren Einkehr gestört wird von, sagen wir mal, einer älteren Dame Typ „pensionierte Lehrerin“, die der Meinung ist, das sei soziale Vereinsamung und man müsse sich doch jetzt mal unterhalten und dann damit beginnt über ihre nicht vorhandenen Gewichtsprobleme und das therapeutische Trommeln ihres Mannes zu berichten, dann reizt das die Nerven aller Menschen in Hörweite nicht unerheblich.

… die alte Dame, die dem gerade eingeschulten Tobi mit großem Ernst erzählte, wie sie nach Mumpfelhausen gezogen ist und er ihr im Gegenzug berichtete, welche Umstellungen das Konzept „Schule“ für ihn bedeutet. Die Geschichten spielen keine Rolle, bemerkenswert war, wie konzentriert und ernsthaft die beiden ins Gespräch vertieft waren und das die Dame im Omaalter den Tobi nicht wie ein Kind behandelte, sondern ganze und komplizierte Sätze sprach und er interessiert zuhörte, und umgekehrt.

… der Busfahrer, der 100 Meter vor der Endhaltestelle stoppte, die Türen des Busses öffnete, rausprang… und verschwand. Die Fahrgäste waren erst irritiert, begannen sich dann aber zu berappeln und zögerlich auszusteigen und nach Hause zu gehen. Vom Fahrer keine Spur mehr, der Bus blieb auf der Dorfstraße stehen, zumindest so lang wie er in meiner Sicht war.

… der Typ, der sich breitbeinig auf den einen und seinen Rucksack auf den anderen Sitz wuchtete und sofort auf einem Handy mit aktivierten Tastentönen rumtippte. Aus den Augenwinkeln sah ich nagelneue Jeans, geölten Hipsterbart und Seidenschal und dachte „Ah, Jurastudent. Arschloch.“ Dann nahm ich den Manbun und die Nickelbrille wahr und dachte „Ah, BWL-Student. Arschloch.“ Aber dann stieg der gar nicht an der Uni aus. Ich muss zugeben, meine Schubladeneinordnung ist an dem Typen zerschellt. Ein Arschloch ist er trotzdem.

… die Überraschung, das die Fußgängerzone morgens keine Fußgängerzone ist, sondern eine große Parkfläche für hausgroße SUV und alten Männern in riesigen Mercedessen. Manche haben sich verfahren, andere sind Ladenbesitzer, wieder andere haben so viel Kohle, dass es ihnen schlicht egal ist, wenn das Ordnungsamt sie erwischt, weil ein Strafzettel sie quasi nichts kostet. Hauptsache, sie können direkt vor dem Geschäft parken. Boomer, halt.

… das Mädchen, das plötzlich anfing sich auszuziehen. Mitten im Bus und bei Außentemperaturen von 3 Grad minus. Sie wollte wohl an der nächsten Haltestelle Laufen gehen und trug unter den langen Hosen Shorts, trotzdem erntete sie irritierte Blicke.

… der Typ, der am Telefon sein Gehalt und seine Joblage herumtrötete. Der ganze Bus weiß jetzt, was er brutto verdient, was er netto verdient, was er von seinen neuen Kollegen hält und in welcher Abteilung er im Klinikum arbeitet. Und noch etwas weiß der Bus nun: Das der Typ zwar einen Doktortitel hat, aber nicht besonders helle ist.

… die Erkenntnis, dass es auf dem Markt immer noch einen Scherenschleifer gibt! Und das es noch einen Markt gibt!

Kategorien: Ganz Kurz, Gnadenloses Leben | 23 Kommentare

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23 Gedanken zu „Einen Monat ohne (11): Und dann war da noch…

  1. Und auf dem Markt gibt es hervorragende Eichsfelder Mettwurst. Unter anderem 😉

    Danke für Deine Artikel, die ich immer wieder gerne lese. Ich fahre zwar etwas anders Moped, ein bisschen weniger – sagen wir mal – vorbereitet. Aber unsere Ansichten ähneln sich, nicht nur, was die Amalfiküste angeht.

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  2. Na bitte. Es geht rapide aufwärts, gefühlt zurück an die Basis:

    „der Typ pensionierte Lehrerin“… die blöde Kuh
    „Erkenntnis, dass es … einen Scherenschleifer gibt! Und es einen Markt gibt!“… Aha-Effekt ;-?
    „Doktortitel …. aber nicht besonders helle …“ (das gibt’s bei allen Sorten Graduierter)

    Und auch alle sonstigen Beobachtungen lassen auf einen (frühmorgendlichen) wachen Geist schließen … 😉
    Was mir allerdings ein wenig Sorge bereitet, ist die Meldung: „die Feststellung, dass ich bis zu 480 Tweets auf dem Weg zur Arbeit lesen kann.“
    Was isn das schon wieder, ein Tweets ? Is das nicht der ständige Begleiter der ollen Svendura ? Und liest du dann auch im Gehen zur Arbeitsstätte, wie die WegWischTelefonierer das ihre tun ;-?

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  3. @optimisc: jetzt war ich natürlich interessiert, was es da zu lesen gäbe auf deiner Seite, welcher Mopettfahrer verirrt sich schon auf Silencers Seite bzw artikuliert sich als solcher…

    … doch leider, wie so oft, nix Interessantes dahinter (was das Moppet betrifft): ein Gummikuh-Treiber der schlimmsten Sorte, GPSwahn-affiner und militanter Nichtraucher noch dazu … das kann’s ja nicht sein … 😉

    Nebenbei: mit Karte schafft man (im Sommer) auf den Gelben oder Schwarzen nicht 500, sondern sogar 700 Kilometer, so man rechtzeitig aus den Federn kommt – und es reichen dazu 27 PS und 140 kmh Höchstgeschwindigkeit durchaus – bloß der Kurvenspaß damit ist weit größer als mit einer Gewichtswumme und 400 schweren Chilo… 😉

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  4. Misc: Besten Dank, ich freue mich, wenn Du dabei bist!

    Olpo: Google einfach, was ein Tweet ist. Oder schlag vorher im Duden nach, was „googlen“ ist. Und bitte nicht andere Kommentierer hier so unvermittelt von der Seite angehen. Wenn man Dich nicht kennt, könnte man meinen, Du pöbelst hier rum.

    Nachtrag: Oh, „Tweet“ steht auch im Duden: https://www.duden.de/rechtschreibung/Tweet

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  5. Nö, Herr Silencer, der opti ist zu intelli um mich falsch zu verstehen – glaube, hoffe ich. Weil der liest ‚gerne‘ deine Berichte 😉 – ich auch, sagte ich das schon einmal ;-? – und ich kommentiere gerne, daher kennt er mich bestimmt *kicher*…

    Duden habe ich zu Hause, aber bloß das Fremdwörterbuch aus 2006 „Nach der verbindlichen Rechtschreibregelung“ (?) … da steht bloß ‚Gopak‘ wo ‚googeln‘ stehen müßte – aber ich werd‘ das mit dem Brausa erledigen, wozu hat man denn Internet. Der echte Rechtschreiber-Ausländisch-Duden kennt übrigens nur den Tweeter als Hochtöner oder das Woll-Mischgewebe mit Rechtschreibfehler.

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  6. Nachtrag:
    Danke für den Nachtrag, das erspart mir nach googlen zu dudeln. Da steht „beim Twittern gesendete Nachricht“ – was mich zum Nachdenken darüber veranlaßt, weshalb diese ‚Nachricht‘ nicht einfach ein Twitter genannt wird oder twittern nicht tweeten heißt.

    Ich bin sowas von unlogisch, ich weiß 🙂

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  7. @Olpo Liest sich schon wie Pöbeln, aber ich hab ein dickes Fell. Und was die Reichweite, das Gewicht und die Karten angeht: Jedem das seine. Meins ist genau das, was ich habe, also das, womit ich den meisten Spaß habe.

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  8. opti: Schade, aber du hast natürlich recht: jedem das Seine und ich freue mich, daß du ein dickes Fell hast und als neuer Kommentator auf Silencers Seite ein zusätzlicher Ideen- und Ansichts-Lieferant bist.
    Das andere: ich bin bloß auf der Suche nach Motorradfahrern, so es sich zufällig ergeben sollte. Die dürfen dann durchaus auch BMW oder noch schlimmer: HD fahren … 😉 Viel Spaß dir und immer ausreichend Grip unter dem Schwarzen !

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  9. Rofl!

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  10. rudi rüpel

    Hei Silencer, was man nicht alles mitbekommt wenn man nicht ausschließlich auf ein Telefon starrt. Danke für deine interessanten Beobachtungen. Am meisten wurde meine Phantasie von der Busfahrer Geschichte angeregt. Gibt es eigentlich eine Statistik aus der hervorgeht wie viel ältere Damen Typ „pensionierte Lehrerin“, im Landkreis, die öffentlichen benutzen?

    LIEBEn Gruß
    rudi rüpel

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  11. Hehe, danke, Rudi. Ich bin aber jemand, der dauernd auf sein Telefon starrt. Ähnlich wie beim Lesen eines Buchs kriegt man dabei aber auch was mit 🙂

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  12. zwerch

    Mercedessen… wieder was gelernt 😀

    Ansonsten: zwerch schmunzelt ob der Zusammenfassung frühmorgendlicher Begebenheiten 🙂

    @ Olpo
    jedes Blog braucht seinen Quotenstänkerer 😉

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  13. Silencer: ja, kriegt man. Bis zu 480 Twitter hintereinander…

    zwerch: aber nein, ich fühlte mich nicht bestänkert von dir, du hattest ja recht !

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  14. rudi rüpel

    zwerch, und ich weiß nun was ein manbun ist. Hieß dat früher nich so ganz geschlechtsneutral Dutt?

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  15. rudi rüpel

    zwerch, ich glaube ich habe mich geirrt von wegen geschlechtsneutral. Sagte man der Dutt oder das Dutt? Die Dutt? Mamamia, is aber auch wirklich lange her.

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  16. rudi rüpel

    Hei optimisc, ich habs wie der Herr Olponator gemacht. Spioniert meine ich. LIEBEn Gruß

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  17. @rudi Spioniert = Website lesen? Herzlich willkommen, nur zu.

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  18. zwerch

    @ rudi
    DER Dutt!
    Und alle Männer – die sowas tragen – sehen in meinen Augen aus wie ein zugebundener Müllsack. Punkt.

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  19. 😀

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  20. rudi rüpel

    zwerch, hahahahahahaha………..

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  21. @all: darf ich langsam bitte auch erfahren, was das sein soll, DER Dutt ? Ihr redet Kryptologie … Gibt’s davon keine Ösi-Version wie die von Frau Wimberger ?

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  22. rudi rüpel

    Olpo, kennst du die fromme Helene? Kannst du dich an ihre Frisur erinnern? Für mich der Inbegriff eines Dutts. Nein? Recherchiere! Und du wirst sehen Dutt hat nix mit Duttln zu tun. hahahaha……..
    LIEBEn Gruß
    rüpels rudi

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  23. ahh danke, jetzt verstehe ich … ihr redet über den Herrenknoten, verwendet aber einen ausländischen Begriff dafür … den fand ich besonders bei den bayrischen und tirolerischen Auslagen-DirndlerInnen als Gegenstück und Beweis ihrer weiblichen Anständigkeit stets passend zur Anziehungskraft ihrer Gesamterscheinung, wie sie -jedenfalls auf mich- stets stark beeindruckend einwirkte; also hat’s ja doch was mit Duttlbalkonen zu tun, indirekt … so richtig erotisierend finde ich jedoch erst die Kombination Sumoringer mit Duttln und Fettbauch plus deren Chonmage, der Samurai-Version des Haarknotens … 😉

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