Reisetagebuch Motorradtour 2019 (12): Die Geisterstadt auf dem Wabbelberg

Sommertour mit dem Motorrad. Heute mit einem spannenden Ausflug in die Welt der Symbologie.

Sonntag, 23.06.2019, Fabrizio, Kalabrien
Um 07:30 springe ich schon im Zimmer rum und packe die Sachen. Um diese Uhrzeit ist wenigstens die Temperatur noch halbwegs erträglich, zumal ich im Zimmer des kleinen Hotels von der Morgensonne nicht viel mitbekomme. Die Fenster sind bedampft und filtern die Sonne, und die Klimaanlgae läuft auch schon.

Die Hemden und Unterwäsche, die ich gestern Abend auf den Balkon gehängt habe, sind heute Morgen knochentrocken. Oh, und der Opa, der letzte Nacht vor dem Fernseher auf dem Balkon am Haus gegenüber eingeschlafen ist, sitzt da schon wieder da. Oder immer noch? Man weiß es nicht. Immerhin hat er jetzt wieder ein Feinripphemd und Unterbuchsen an und sitzt nicht mehr völlig nackig vor der Kiste.

Ich packe meinen Kram zusammen. Das ist ein immer gleich ablaufendes Prozedere und in Minuten erledigt. Alles hat seinen Platz, alles passt tetrismäßig ineinander, und am Ende haben beide Koffer das genau richtige Gewicht, um austariert an der V-Strom zu hängen. Der rechte Koffer ist ein Kilo leichter als der Linke, weil er wegen des Auspuffs weiter außen hängt. Wären beide Koffer genau gleich schwer, fängt die Maschine ab 140 an zu pendeln. Musste ich auch erst lernen und mich an die richtige Verteilung rantasten, das war die große Erkenntnis im vergangenen Jahr.

Frühstück findet im Freien statt, auf der Terrasse vor dem Haus.

Die Dame des Hauses zeigt mir das große Frühstücksbuffet, das in einem Nebenraum im Keller aufgebaut ist: Frische Feigen neben Äpfeln, Trauben und Bananen, und auch Rührei gibt es und satte sechs Sorten Kuchen. Darunter so interessante Sorten wie Topfkuchen mit Minze, Apfelkuchen und Ricotta-Schokoladenkuchen. Die hat die Chefin selbst gebacken, und die muss ich leider alle probieren, auch wenn ich danach Sodbrennen haben werde.

Unter den Augen der anderen Hotelgäste belade ich kurz darauf die Barocca, die nur wenige Meter von der Frühstücksecke die Nacht verbracht hat, dann lasse ich den Motor an und rolle an Frühstückstischen und Hollywoodschaukeln vorbei auf die Straße.

Hier halte ich noch einmal kurz, nehme eine Plastiktüte von der Rückbank und stopfe deren Inhalt in einen Müllbehälter an der Strandpromenade. Es sind die eklig nach Chemie stinkenden Badelatschen, die ich in San Vincenzo gekauft habe. Gestern war die letzte Gelegenheit zum Baden, und jetzt will ich die Chemiepest keine Sekunde länger mit mir rumfahren. Die Teile haben nicht nur viel Platz weggenommen, sie haben auch alle anderen Sachen im Koffer vollgestunken.

Als das erledigt ist, mache ich mich so richtig auf den Weg. Die V-Strom rollt aus dem kleinen Ort Fabrizio und auf eine größere Landstraße. Oh, was ist das denn? Der rechte Blinker tackert viel zu schnell. Vorne funktioniert die Lampe, also ist wahrscheinlich die hinten rechts durch. Naja, egal. Wir sind in Italien, hier braucht kein Mensch einen Blinker.

80 Kilometer geht es auf der Strada Statale an der Küste unterhalb der Fußsohle des italienischen Stiefels lang, dann führt uns Anna ins Landesinnere.


Von Fabrizio nach Craco. Bild: Google Maps 2020.

Schnell tauchen die charakteristischen Hügel der Basilikata auf, diese seltsamen Geländeformationen, die aussehend wie Erdpyramiden und aus erodiertem Ton bestehen. Sie sind mit etwas bewachsen, was aus der Ferne nach goldenem Getreide aussieht, aber aus der Nähe nur vertrocknetes Gras ist. Außer ein paar Olivenbäumen, die mit Riesenaufwand bewässert werden, wächst hier nicht viel. Es sieht eher nach Wüste aus. Wie schreibt die offizielle Website der Region so schön? „In die Basilikata kommt man nicht zufällig, man entscheidet sich hierher zu kommen“. Wohl wahr. Das hier ist eine der am dünnsten besiedelten Regionen Europas und touristisch praktisch nicht erschlossen. Das liegt auch an der Trockenheit. Hier gibt es nicht viel außer Sand und Unkraut.

140 Kilometer und 100 Minuten später komme ich in Craco an. Craco ist eine Geisterstadt, eine Ansammlung von Ruinen auf dem höchsten Berggipfel der Region. Häuser und Türme sind alle noch gut erkennbar, aber so majestätisch sie auch aus der Ferne aussehen mögen, aus der Nähe sieht man, das alles kaputt ist und die fensterlosen Maueröffnungen tot in die Landschaft starren.

Seltsam sieht die Stadt aus. Gar nicht wie ein italienisches Dorf, sondern eher wie etwas, was im nahen Osten stehen könnte. Mit dieser Auffassung bin ich nicht allein, das finden auch Filmemacher, die immer wieder nach Craco kommen um es als Double z.B. für Jerusalem her zu nehmen.

Die Geisterstadt hat mein Interesse geweckt, seitdem ich das 2015 das erste Mal hier war. Leider ist das Gelände mit hohen Zäunen gesichert. Nur mit einer Führung darf man Craco besuchen, und damals war gerade Mittagspause, und ich hatte keine Geduld zu warten. Vergangenes Jahr war ich dann wieder hier, aber da hatte ich mich vorher zu lange in der Basilikata rumgetrieben, es war spät und das Wetter schlecht und schließlich keine Lust mehr. Aber dieses Mal, auf der Abschlusstour durch Italien, da soll es klappen!

Als ich den Blinker zum Parkplatz setze, funktioniert er wieder normal. Hä?

Italienischsprachige Führungen durch Craco gibt es am Wochenende dauernd, aber kaum englischsprachige – es kommen halt nur wenige ausländische Touristen hier her. Mein italienisch ist gerade nicht gut genug, um einem schnell und evtl. mit Dialekt sprechenden Führer in allen Details zu folgen,deshalb würde ich gerne eine englischsprachige Führung mitmachen. Dafür habe ich mich im Vorfeld sogar mit dem Kulturmanager der Stadt, Saverino Grippo, Kontakt aufgenommen. Die Kommunikation war, nun, sehr minimal. Konkrete Zeiten konnte ich im Vorfeld nicht rauskriegen. Aber dann, gestern Abend, hat sich Signore Grippo per Mail gemeldet und gefragt, wann mir ein Besuch recht sei. Ich hatte mir 11:00 Uhr gewünscht und daraufhin keine Antwort mehr erhalten.

Als ich die V-Strom vor dem Gebäude der Rezeption abstelle, checke ich noch einmal Mails. Ah, da: „OK, dann setze ich eine englische Führung für 11:30 an, nur um sicher zu gehen“, hat Grippo geantwortet. Cool, hier richtet sich die Führung nach den Besuchern, nicht umgekehrt.

Es ist 10:30 Uhr. Prima! Gut gelaunt gehe ich in das Empfangsgebäude, wo gleich vier italienischsprachige Guides rumstehen. Keiner spricht englisch, aber das ist nicht schlimm. Um klar zu machen, was ich will, reicht mein italienisch völlig aus. Nur wenn mir jemand in Schnellfeueritalienisch was über Geologie und Geschichte erzählt, verliere ich schnell den Faden.

Die Männer verkaufen mir zwei Eintrittskarten, eine für die Führung durch die Altstadt, eine für das Museum im Kloster neben der Stadt. Wo die Führung für die Stadt denn begönne, frage ich. Am Kloster, sagen die Männer, zwei Kilometer die Straße runter. Ich glaube erst, ich habe mich verhört, aber dann zeigen sie es mir sogar auf einer Karte. Das glaube ich im Leben nicht, Führungen starten doch am Zugang zur Altstadt. Ich frage noch zwei Mal nach. Nein, ich soll zum Kloster, das zwei Kilometer entfernt ist. Na dann.

Misstrauisch verlasse ich den Flachbau und gucke in den Himmel. Gehe ich da jetzt zu Fuß hin? Nein, die Sonne schmettert vom Himmel, es sind schon wieder über 30 Grad. da stiefele ich nicht in Moppedklamotten durch die Gegend.

Ich starte das Motorrad, steuere zum Kloster, huppele über den mit groben Kieseln ausgelegten Parkplatz und stellte die Maschine ab.

Wir sind allein hier, die Barocca und ich. Der Wind pfeift um das Gebäude, aber alle Türen sind verschlossen. Fast wie ich es erwartet habe.

Na, immerhin kann man von hier aus hübsche Fotos von Craco machen.

Ich setze mich in den Schatten und warte. Der Wind treibt kleine Wölkchen aus Staub und Sand vor sich hier.

Um Viertel nach Elf öffnet sich quietschend ein schmiedeeisernes Tor in der Klostermauer, und ein Mann Ende dreißig, mit vollem Haar und Brille guckt um die Ecke. „Ah, there you are“, sagt er. „We had mail Contact“. Ich nicke. „Good!. Ich wusste nicht, dass Sie auch das Kloster besuchen wollten“. Ich zucke mit den Schultern. Wusste ich selbst nicht, bis mir die vier Stooges eine Karte dafür verkauft haben.

„Jetzt ist es ein wenig spät dafür. Die Tour startet ja gleich. Wir machen erst die Altstadt, dann zeige ich ihnen das hier. Wir treffen uns gleich, am Eingang zur Altstadt.“ Ich nicke und starte einmal mehr das Motorrad.

Am Eingang zur Altstadt, der fest mit einem Tor verschlossen ist, warten auch schon zwei Luxemburger.
Die beiden sind auch auf einer Rundreise, waren schon in Umbrien, jetzt sind sie hier, und morgen geht es weiter Richtung Amalfiküste. „Da freuen wir uns schon drauf,. das muss ganz toll sein“, sagt der eine, „Waren Sie da schon?“. „Ja, hm“, sage ich.

Dann geht es los. Signore Grippo verpasst jedem von uns ein Haarnetz, eine Pseudohygienemaßnahme für die Bauhelme, die er uns danach gibt. Ich darf dankenswerterweise meine kiloschwere Jacke in einem Abstellraum zurücklassen. Dann gehen wir eine Rampe hinauf, die Richtung zur Altstadt führt.

Auf dem Berggipfel stehen noch einige Häuser, aber die Flanken des Gipfels sind von Ruinen übersät.

Herr Grippo erklärt der Gruppe, warum das so ist, und erzählt uns nebenbei das Drama von Craco.

„Sehen sie, da oben, die beiden Gebäude und den Turm? Das waren die ersten Gebäude auf diesem Berggipfel. Die sind auf Fels gebaut, oder richtiger: Auf einer sehr festen Mischung aus Ton. Hart wie Stein. Dieser feste Ton bildet den Kern des Bergs, auf dem Craco liegt.“

„Im Laufe der Zeit wuchs Craco, und man baute auch in die Flanken des Berges. Das war aber stellenweise eine andere Sorte Ton, die nicht so hart war. Häuser, die dort gebaut wurden, bekamen immer wieder mal Risse. Das war nicht so dramatisch, aber klar war: Der Berghang aus dem weicheren Ton wandert, langsam, aber stetig.“

„Dramatisch wurde es in den 50ern, als hier eine Wasserversorgung gelegt wurde. Durch die Bauarbeiten mit schweren Baggern und Lastwagen kam der Untergrund stärker in Bewegung, und dadurch brachen einige der frisch verlegten Wasserrohre gleich wieder. Das blieb lange unbemerkt. Über Jahre floss unentdeckt und ununterbrochen in großen Mengen Wasser in die Erde. Dadurch sog sich die Bergflanke voll. Irgendwann war das Erdreich so schwer und wabbelig, dass es begann, auf dem wasserfesten und harten Ton, aus dem der Berg weiter drinnen besteht, hinabzurutschen. Eine ganze Bergflanke schmierte so weg und riss ganze Häuser mit sich, und die Brücke, die man unterhalb des Ortes gebaut hatte, rutschte gleich mit.“

Grippo deutet ins Tal und fährt fort: „Das war eine Katastrophe, und Ingenieure der Provinz kamen vorbei um zu beurteilen, ob der Ort noch zu retten war. Mit den Mitteln ihrer Zeit bauten sie eine Art von Mauer, um den Hang zu halten.“

Grippo zeigt den Hang hinab, wo neben der heutigen Straße Reste der Mauer zu sehen sind. Es sind meterdicke Betonteile, die zerbrochen und verdreht in der Erde stecken.

„Die Mauer war aus massivem Beton, ein riesiges Bauwerk, wie ein Damm. Leider konnte man sie nur 15 Meter tief im Boden verankern. Das Problem: An der Stelle ist der lose Lehm dicker als 15 Meter, und man konnte mit den damaligen Mitteln nicht bis zum Fels durchkommen. Sie können sich denken, was dann passierte. Das Gewicht der Mauer beschleunigte das Abrutschen des Hangs. Die Rettungsmaßnahme beschleunigte den Untergang von Craco. Als man das merkte, war es zu spät, die Mauern bekam man nicht wieder aus dem Boden. Um wenigstens etwas Entlastung zu haben und das Gewicht zu vermindern, riss man das Stadtzentrum ab. Hier stehen wir genau dort, wo früher der Marktplatz war.“ Ich sehe mich um. Hier ist nichts mehr außer Wiese, auf der drei räudig aussehende Esel grasen.

„Die Bewohner wurden umgesiedelt in den neu gebauten Ort Craco Peschiera, am Fuß des Berges“, fährt Grippo fort. „Aber einige Familien blieben hier oben zurück. Immerhin gibt es ja Häuser die auf Fels gebaut sind, und die nicht gefährdet waren. Aber 1980 erschütterte ein Erdbeben die Region, und die meisten der verbliebenen Häuser fielen in sich zusammen. Es gab keine Toten, zum Glück, aber danach wurde die Stadt komplett evakuiert und aufgegeben. Seitdem ist Craco eine Geisterstadt.“

Wir steigen den Hügel hinauf bis in die Ruinenhäuser. Kleine Straßen sind zum Schutz der Besucher vor herabfallenden Steinen überdacht.

Man kann in die Häusern hineinsehen. Ähnlich wie in Matera lebten auch hier die Menschen mit den Tieren unter einem Dach. Man kann in den Häusern noch die Einrichtung erkennen. Ställe etwa, oder die großen Kachelöfen einer Bäckerei. Lost Places.

Auf dem Berg thront ein großer Turm. „Der war das erste Bauwerk“, sagt unser Führer. Von hier aus kann man bis zur Küste sehen, und nach Westen bis zu den Bergen des Polino, der die Grenze nach Kalabrien darstellt. Nach Westen kann man bis Tarent blicken, 80 Kilometer entfernt. Bei einem Angriff der Normannen von der Küste her hätte man sie DREI TAGE vorher von hier sehen können. Heute ist der Turm ein Wassertank. Die Faschisten haben ihn in den Dreißigern mit Beton ausgekleidet, er ist die Wasserversorgung. Wenn man hier auf den Kanaldeckel guckt, sieht man sogar noch das Zeichen der Faschisten, den Balken mit dem Haken dran.“

Dieses Symbol habe noch nie gesehen, deshalb sehe ich es mir ganz genau an. Später lese ich, dass es ein Rutenbündel ist, in dem ein Beil steckt. Es handelt sich um ein Machtsysmbol der Etrusker, das die Römer später übernommen haben. Vor hohen Würdenträgern wurden die Beilbewährten Rutenbündel hergetragen, je wichtiger der hohe Herr, desto mehr. Später adaptierten das wiederum die Faschisten in Italien. Tatsächlich vermutet man, dass der Begriff „Faschismus“ von diesem Ding stammt – es heißt im lateinischen nämlich „Fasces“ oder „Fasci“s, gesprochen „Fasches“.

Ich habe hier, auf einem Kanalisationsdeckel auf einem Berg im Nirgendwo den Ursprung des Wortes „Faschismus“ für mich entdeckt!

Was mich später fast noch mehr überrascht ist die Tatsache, dass dieses skurrile Rutenbündel mit dem Beil drin, von dem ich bis jetzt noch nicht gehört hatte, ein so verbreitetes Zeichen der Macht war, dass es sich immer noch in zahlreichen Wappen findet. Der Kanton St.Gallen führt es in seinem Hoheitszeichen genauso wie Frankreich, Kamerun, Vilnius oder Ühlingen-Birkendorf, wo immer das auch liegt. Die tragen das natürlich nicht als Faschistenzeichen, sondern einfach als Machtsymbol.

Selbst über den großen Teich hat es das Fasces geschafft. Es taucht im Emblem des National Guard Bureaus auf, im Siegel des Senats der USA und die berühmte Figur von Abraham Lincoln am Washington Memorial stützt ihre Arme auf Rutenbündel!

Bild: CC BY SA Gregory F. Maxwell

Die Kirche von Craco steht noch. Sie hat Bergrutsche und Erdbeben unbeschadet überstanden, die Plünderei aber nicht. Vor dem Portal liegen die eingetretenen Originaltüren, der Innenraum ist verwüstet. Normal, denn Craco wurde erst 2009 gesichert und zum wichtigen historischen Erbe erklärt. Bis dahin kamen hier ständig Leute vorbei und nahmen Steine mit oder metallenen Balkone oder sonstwas. Signore Grippos Verein sorgt für behutsame Restaurierung. Mit Spenden haben sie es geschafft, das Kirchenportal zu restaurieren. Die Steine rund um die eingetretenen Türen sind neu. Als nächstes werden die Holzteile ersetzt.

Hier oben weht ein starker, aber sehr warmer Wind. Das ist angenehm, ich bin völlig durchgeschwitzt.

Am Tollsten ist die Sicht über die Basilicata. Von hier oben aus sieht man, dass die seltsame Tonlandschaft tatsächlich eine Wüste ist. Der Blick ist weit und die Landschaft…. berauschend.

Am Fuß des Berges führt eine wenig befahrene Provinzstraße auf Stelzen in einem eleganten Bogen durch die Landschaft. Signore Grippo deutet darauf und sagt: „Mautfrei, trotzdem gute Einnahmequelle für die Region. Nahezu jeder Autohersteller hat hier schon Werbsports gedreht.“

Kein Wunder, Autos lassen sich auf einer so prachtvollen Straße sicher gut in Szene setzen, immerhin gibt es hier sonst nichts, was ablenken könnte.

Auf dem Schild steht: „Hier schrieb ein beseelter Besucher nach dem Hinausschauen: „Fantastisch!“ an die Wand. Schau ebenfalls hinaus, aber schreib es nur in deinen Gedanken.“

Es geht wieder den Berg hinab, und Grippo verabschiedet sich von den anderen. Die Gruppe löst sich auf, ich gehe zum Motorrad zurück, das am Fuß der Altstadt in der prallen Sonne steht. Mittlerweile ist hier recht viel los, mehrere Reisebusse und einige Dutzend PKW kurven hier herum. Ich öffne das Topcase, ziehe eine der Feldflaschen aus der Halterung, nehme einen Schluck und verziehe das Gesicht. Das Wasser ist pisswarm. Das hatte ich auch noch nicht. Klar, das Motorrad stand hier in der prallen Sonne aber, dass es im Topcase so heiß wird, dass selbst das Wasser in den isolierten Flaschen warm wird… Das zeigt wie heiß es hier wirklich ist.

Ich steige in den Sattel und fahre zurück zum Kloster. Dort wartet Herr Grippo bereits auf mich und öffnet mir den Eingang. Hier gibt es verschiedene Fotoausstellungen. Ein Raum zeigt schlicht Diagramme und Querschnitte von Craco und verschiedene Stadtkarten.

Eine Sammlung besteht aus Schwarzweißfotgrafien einer abgemagerten, jungen Frau, die in einem zerrissenen Brautkleid durch die Ruinen von Craco wandert. Das ist unheimlich. Die Folgenden Bilder sind (c) La.Valse, wer auch immer das ist – ich konnte sie oder ihn leider nicht ausfindig machen. Die Bilder sind auf jeden Fall eerie.

Dann führt er mich durch eine Posterausstellung der Universität Bari. Hier sind die geologischen Gegebenheiten, die er vorhin erläutert hat, noch einmal visualisiert. Außerdem haben sich die Studierenden Gedanken über die touristische Vermarktung der Stadt gemacht. „Wir folgen nicht allen Ideen. Diese Lehrküche, wo man Kochen lernen kann zum Beispiel, das machen wir nicht. Aber wir stellen Anträge auf EU-Förderung, wo immer es geht, und wir haben durch die Touristen ein kleines Budget und bauen aus, wo immer es geht. Unsere nächsten Projekte sind ein Hostel und ein Restaurant und Treppen im Wassertank, um den Turm wieder als Aussichtspunkt nutzen zu können.“

Dann zeigt er mir noch Trailer von Filmen, die in Craco gedreht worden sind. Bibelfilme, vor allem. „Christus kam nur bis Eboli“, „Passion Christi“ und einem halben Dutzend italienischer Filme, von denen ich noch nie gehört habe und die ich gleich wieder vergesse.

Grippo zeigt mir auch noch Dias, alte Aufnahmen aus Craco und gleich daneben aktuelle Aufnahmen aus dem gleichen Winkel. Das ist faszinierend.

Ich bedanke mich bei Saverino Grippo und verabschiede mich. Ein letzter Blick zurück auf Craco, dann mache ich gedanklich einen Haken daran. Wieder ein „unfinished Business“ erledigt.

Ich gehe zurück zur Barocca, die im Schatten unter einem Baum steht, und schließe das Topcase mit dem Helm darin auf. Ein seltsamer Geruch schlägt mir entgegen. Es riecht fettig, nach Öl und …Wurst?!

Tatsächlich. Ich hatte gestern bei Lidl noch eine Schale Reissalat mit Oliven, Erbsen und Wurst gekauft, und in der Hitze ist das Schälchen schlicht geplatzt und hat seinen Inhalt im Topcase verteilt. Igitt, jetzt ist alles voller öligem Reis und riecht nach Wurst.

Nachdem ich den Salat so gut wie möglich aus dem Topcase gekratzt und über eine Leitplanke geworfen habe, geht es weiter.

Die Landschaft der Basilicata hat ihre eigene Schönheit, und durch die kurve ich jetzt. Praktisch ganz alleine, der Landstrich ist dünn besiedelt. Ein Mal sehe ich zwei Bauern die Heu machen, ein andernmal einen Fiat Panda mit einer alten Frau darin

Eine Stunde später bin ich in Matera. Die Stadt thront über einer Schlucht an einem steilen Hang und war früher bekannt als Armenhaus Europas. Heute ist sie die größte und älteste Stadt der Region und in diesem Jahr sogar Kulturhauptstadt Europas. Deshalb ist hier alles wild geschmückt, so als ob gleich Weihnachten wäre.

Hier würde ich gerne eine Zisterne unter dem Marktplatz besuchen, aber der „Palumbaro Lungo“ ist leider bis 18 Uhr ausgebucht. Das sind noch eineinhalb Stunden, aber so lange will ich nicht mehr warten. Es ist brüllend heiß und ich bin fertig. Weit rumlaufen möchte ich jetzt nicht mehr. Also kehre ich zurück zum Motorrad und starte in Richtung meiner heutigen Unterkunft. Auf die freue ich mich sowieso schon.

25 Kilometer von Matera entfernt liegt der Ort Pomarico auf einer „Bergzunge“. Ein besseres Wort dafür fällt mir nicht ein. Es handelt sich im Prinzip um einen langen Bergrücken, der auf einen breiten Gipfel zuführt. Auf dem Berggipfel liegt der eigentliche Ort, und auf dem Berrücken die Zufahrtsstraße. Meine Unterkunft, der Gasthof Colledisisto, liegt auf einer Klippe seitlich am Bergrücken, und von dort aus sieht es aus, als ob Pomarico auf einer Art Felszunge steht.

Bild: Apple Maps 2020.

Wie auch immer: Es ist bergig, und der Gasthof liegt am Ende einer langen Einfahrt, die eher wie ein Schrottplatz aussieht. Autoteile liegen herum, Erdhaufen wie von Baustellen sind aufgeschüttet, aus halbfertigen Lampen hängen Kabel heraus und über allem dreut ein riesiger Mobilfunkmast. Sieht nicht besonders einladenfd aus.

Das ändert sich aber, wenn man näher an den Gasthof rankommt. Ich rolle durch das Tor auf den schön gemachten Vorplatz und stelle die V-Strom direkt vor dem Gebäude ab.

Es ist ein relativ neues Gebäude, schön zurechtgemacht und mit einer Platzzahl für bestimmt 200 Personen definitiv auf Familienfeste ausgelegt.

Die Befürchtung von Familienfesten ist auch der Grund, weshalb ich noch einen Extratag am Meer eingelegt habe. Ich wollte auf keinen Fall am Samstag hier sein, am Ende hätte hier noch eine Hochzeit oder sowas stattgefunden und ich hätte hätte diese Herberge, die ich im vergangenen Jahr so schätzen gelernt habe, am Ende gehasst.

Ein schlacksiger junger Mann mit Schnurrbart und Weitsicht-Brille zeigt mir mein Zimmer. Vergangenes Jahr hatte ich ein lauschiges Doppelzimmer im Ersten Stock. Dieses Jahr bekomme ich das Penthouse, direkt unter dem Dach. Das Zimmer ist eigentlich für vier Personen gedacht und riesig, hat ein eigenes Vorzimmer mit Sitzecke und… eine Dachterasse!

Die bietet nicht nur einen hervorragenden Blick über die Umgebung, sondern auch einen Wäscheständer. Meine Merinounterwäsche fängt zwar auch nach einer Woche Tragens nicht an zu riechen, aber ich nutze die Gelegenheit, Wäsche und Socken mal ordentlich durch zu spülen. So warm wie der Wind ist, wird die in wenigen Stunden trocken sein. Auch Jacke und Hose des Fahreranzugs lege ich auf die warmen Steine, zum Auslüften und Trocknen.

Nachdem alle Hausarbeiten erledigt sind und ich geduscht bin, geht auch schon langsam die Sonne unter und ich zum Abendessen. Darauf freue ich mich schon seit Wochen.

Alles ist hausgemacht, und im vergangenen Jahr hatte ich hier Fleischklößchen in Tomatensoße, die in einem Körbchen aus Käse serviert wurden. Wirklich, die hatten Käse in Streifen geschnitten, warm gemacht, daraus ein Körbchen geflochten und da hinein das eigentliche Gericht gefüllt. Kurz nach dem Servieren schmolz das Käsegeflecht und legte sich über die Fleischkößchen – das war ebenso verblüffend wie im Anschluss lecker.

Ich setze mich auf die Außenterrasse und speise wie ein König. Oriechette al ragù di carne equina con polpette, kleine Muschelnudeln mit Fleischklößchen in einer Romatensoße mit Pferdefleisch, dann Braciolone con Funghi, Rouladen mit Pilzen und zum Abschluss Tiramisu.

Alles ist hervorragend, und tief gesättigt stehe ich später auf der Dachterrasse, lasse mir den warmen Wind um die Nase wehen und schaue über die Lichter der Orte auf den umliegenden Bergketten. Life is good, und dessen bin ich mir gerade sehr bewusst und sehr dankbar dafür.

tour des Tages: Von Fabrizio an der Küste entlang bis hinter Policoro dann durch die Basilicata bis Craco, von dort nach Matera und zurück nach Pomarico. Rund 200 Kilometer, reine Fahrzeit ca. 3 Stunden.
Bild: Google Maps 2020.

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Kategorien: Motorrad, Reisen | 5 Kommentare

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5 Gedanken zu „Reisetagebuch Motorradtour 2019 (12): Die Geisterstadt auf dem Wabbelberg

  1. rudi rüpel

    VORSICHT! Reisetagebuch Motorradtour 2019 (12), sollte nicht von Mädchen gelesen werden!

    Hei Silencer, mir gefällt daß du das Symbol der italienischen Faschisten auf einem Kanaldeckel entdeckt hast. Das ist der einzige Ort den ich mir vorstellen kann wo so was hingehört (hahahahaha) und die Ideologie die dieses Zeichen vertritt sollte durch die Kanalisation der Geschichte hinweggespült werden, wie schwarz/braune Scheiße.
    Silencer du hast den Panda Opi nicht erkannt? Derselbe Panda Opa von Überall? Nein? Hättest du etwas genauer hingesehen, dann wäre dir aufgefallen, daß Opi seiner Neigung zum Transvestitismus nachgegeben hat und als Frau verkleidet durch die Gegend fährt. Es ist für ihn zu einem Ritual geworden, welches er mit Vorliebe an Sonntagen auslebt. Die Transformation zum Transvestiten erfolgte bei ihm im hohen Alter. Vor wenigen Jahre verstarb seine geliebte Frau recht plötzlich. Panda Opa entdeckte in der Beschäftigung mit ihren Kleidern eine Möglichkeit ihr nahe zu sein und er merkte schnell daß er seine Trauer besser aushalten kann, wenn er hin und wieder Panda Omis Kleider durch die Gegend spazieren fährt.
    Also lieber Silencer, sollte dir Panda Opa, mal wieder Schlangenlinien oder langsam fahrend begegnen, dann laß Milde walten, denn er träumt evtl. von seiner lieben Frau.
    Mamamia, ich träume auch manchmal, aber mehr so wirres Zeug. hahahahaha.

    Danke fürs mitnehmen und einen
    LIEBEn Gruß
    rudi rüpel

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  2. Wow, das ist eine tolle Folge! Das mit dem geilen Frühstück incl. mehreren selbstgemachten Kuchen ist aber auch ein Ding in der Gegend, oder? Ich habe mein bestes Frühstück in Italien und wahrscheinlich ganz Südeuropa in Civita, 36 km um die Ecke, erlebt. Allein deswegen sollte man mal in die Gegend 🙂

    Schön Craco mal von innen zu sehen und die ganzen Details der Geschichte „nachgeliefert“ zu bekommen. Und auch schön zu sehen, dass sich da weiterhin einiges tut.

    Und ja, dieses „Life is good“-Gefühl bewusst zu leben und sich intensiv klar zu machen, dass es nicht selbstverständlich ist, finde ich ganz, ganz wichtig auf Reisen.

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  3. Rudi: Hast Recht, Faschisten sind braune Scheiße und damit in der Kanalisation aufgehoben! Ach, das war der Panda Opi?! Verdammt, das wusste ich nicht. Hätte ich auch nicht geahnt, mit dem Dutt war er wirklich gut verkleidet!

    Modnerd: Ja, das fühlte sich an, als ob ich zu ende bringe, was wir vor 4 Jahren dort beginnen hatten. Das mit dem Frühstück kann schon sein, dass das so ein südzipfeliges Ding ist, im Rest von Italien hat man es damit ja nicht so.

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  4. Ali

    Die Blinkerbirne könnte durch Oxydation keinen Kontakt mehr haben, eher noch am Pluspol, der nur eine Blechzunge ist. Ansonsten sind die Originalblinker einfach und robust gebaut.
    Ich habe einen elektronischen Blinkgeber eingebaut, der zwangsweise das Blinken steuert, egal – welches Lämpchen mit wie viel Watt da angeschlossen ist.
    Interessant diese verlassene Stadt. Ob jetzt auf Mergel oder in Überflutungsgebieten, bei solchen Baugenehmigungen kann ich nur den Kopf schütteln.

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  5. Baugnehmigungen im Mittelalter waren wohl im Dutzend billiger 🙂

    Gefällt 1 Person

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