Reisetagebuch 2019 (15): La Stamperia

Auf Sommerreise mit dem Motorrad. Heute mit einem Besuch beim zweitältesten Gewerbe der Welt.

Mittwoch, 26. Juni 2019, Agriturismo Cupello, Cagnano AmiternoA
Tag zwei der Transitreise gen Norden. Schon um kurz nach 8:00 Uhr ist die Barocca, die die Nacht neben dem schicken Tiger verbracht hat, wieder beladen und wenig später auch auf der Straße.

Weiter geht es nach Norden, aber weiterhin ausschließlich auf Landstraßen und durch die Berge. Viele Straßen gibt es hier nicht, weshalb ich wieder durch Rieti und Terni komme, wie schon auf der Fahrt in Richtung Süden. Ist das wirklich erst neun Tage her? Kommt mir viel vor, als wäre ich Wochen in Süditalien unterwegs gewesen. So fühlt sich das an, wenn es so viel zu sehen gibt und man jeden Tag woanders ist.

Bild: Google Earth 2020.

Über die gewundenen Straßen geht es nur langsam voran, besonders in Umbrien. Hier sind die Straßen kaputt und haben teils riesige Schlaglöcher. Es ist ratsam, hier vorsichtig und mit bedacht zu fahren. Zum einen wegen der Schlaglöcher selbst, in denen man sich leicht die Ränder ruinieren kann, zum anderen, weil die Straße stellenweise voller Metallteile liegt, die Autos beim Durchfahren der Löcher verloren haben. Überall liegen Schrauben, Bolzen, abgerostete Auspuffteile und an einer Stelle sogar ein Scheinwerfer eines Fiat Panda.

Erst gegen Mittag erreiche ich die Marken. Die Landschaft besteht hier aus grünen Hügeln, die aber steiler sind als in den Regionen weiter westlich, wie Umbrien oder der Toskana. Von oben sieht die Landschaft aus, als hätte jemand ein Blatt Papier genommen, zusammengeknüllt und dann wieder glattgestrichen.

Wenn man mitten drin ist, wirkt sie wie eine Toskana auf Steroiden, alles etwas übertriebener und stellenweise mit schroffen Felskämmen durchzogen.

Der Nordteil der Marken.
Bild: Google Maps 2020.

Auf einem dieser Felskämme, dem Monte Titano, liegt San Marino, das aus der Ferne grüßt.

Jetzt bin ich in der Emilia Romagna, der motorradtechnisch zweitlangweiligsten Region Italiens, gleich nach Apulien. Normalerweise bin ich froh hier durch zu sein, denn die Region ist nicht nur langweilig zu fahren, sie ist auch eines der Wirtschaftszentren des Landes, mit entsprechend dichtem und schlimmen Verkehr. Heute freue ich mich auf den Besuch, denn in Gambettola werde ich schon erwartet. Der kleine Ort liegt nur 10 Kilometer von der Stadt Cesena entfernt und ist einfach ein schmuckes Örtchen. „Schmuckes Örtchen“ ist hier synonym für: Modern, sauber, ein netter Platz zum Leben – und sterbenslangweilig.

Ich stelle das Motorrad auf dem Platz vor dem Rathaus ab. Es ist 14:00 Uhr, die Sonne brät vom wolkenlosen Himmel herab und es ist einfach pervers heiß.


Dann stehe ich direkt vor dem Grund, warum ich hier bin. Die legendäre Stamperia Bertozzi!

„Stampe a Mano sui Tessuti“ steht unter dem Logo auf einen rostenden Blechschild. „Handgestempelt auf Tuchwaren“. Vielleicht nicht unbedingt der fetzigste Slogan, aber er beschreibt genau, was die Familie Bertozzi tut. Sie stempelt Farbe auf Stoff.

Ich bin in „Christinas Haushaltswarenlädchen“ in Siena über Produkte von Bertozzi gestolpert. Christina ist eine der wenigen Händler, die Waren von Bertozzi einfach so führen, normalerweise bekommt man die nicht außerhalb von Gamboletta zu kaufen. Jedenfalls waren mir die Sachen schon 2013 als außergewöhnlich schön aufgefallen. 2014 sah ich mir die genauer an. Die Farben, die Muster, das fand ich schon toll. Und dann berührte ich ein Tischtuch und war ab dem Moment völlig hin und weg. Dieses Material!

Als jemand, der nur industriell gefertigtes, glattes und dünnes Leinen kennt, war es geradezu elektrisierend, einen wertigen Stoff aus recht groben Naturleinen anzufassen. Der fühlt sich fest und kühl und etwas knautschig an, nicht glatt, und dabei dick und… ach, ich kann es nicht beschreiben. Ich hatte mich verliebt – in Tischwäsche. Da habe ich normalerweise gar keine Ader für, aber den Bertozzi-Kram, den fand ich toll!

Leider hat handgemachte Qualität ihren Preis, und ich musst ein Jahr sparen, bis ich mir eine Tischdecke und sechs Servietten leisten konnte. 2015 marschierte ich stolz bei Christina ein – und merkte im nächsten Moment, dass ich zwar jetzt das Geld hatte, aber keine Frachtkapazität. Stellt sich nämlich raus, dass Tuchware in ordentlicher Qualität auch sehr schwer ist. Christina amüsierte sich über mein bedröppeltes Gesicht und schickte mir den Kram kurzerhand nach Hause, und seitdem hat mein Esszimmer den Tisch schön:

Dekadent, oder? Das Muster trägt den schönen Namen „Accanto“ und stammt aus der Zeit der Renaissance. Bertozzi nutzt nämlich Muster aus dem 15. und 16. Jahrhundert, macht daraus Holzstempel und überträgt diese mit handgemachten Farben auf Tuchware.

Das hier ist zum Beispiel die Farbe „Terra Senese“, eine Farbe aus Pigmenten, die der Farbe der Erde rund um Siena nahe kommt.

Mittlerweile machen die auch modernere Muster, und irgendwann im Frühjahr hatte ich dann die Idee, dass ich gerne in diesem rauen, kühlen Leinenstoff schlafen würde.

Wie fast alle mittelständischen Unternehmen hat auch Bertozzi eine schreckliche Internetseite, ohne Shop und nur mit einer AOL-Mailadresse. An die schrieb ich eine Anfrage, ob die wohl einen Katalog für mich hätten.

„Haben wir nicht“, kam prompt die Antwort zurück, von Emanuela Bertozzi, der Juniorchefin des Unternehmens. Aber sie könne mir ja ein paar Fotos schicken und ich könnte ihr dann schreiben, was ich gerne hätte, schrieb sie [von meinem Samsung-Handy gesendet].

So tasteten wir uns langsam voran. Manuela lief durch ihre Werkstatt, den Laden und Lager und ihre Wohnung und fotografierte Muster und Farben, und ich suchte mir was aus, bis wir eine ganz spezifische Bestellung zusammen hatten. Ich kam mir dann ganz komisch vor. Handgemachte Tischwäsche, das ist ja schon Luxus, aber die neue Dekadenz, das sind Textilien, die im Auftrag exakt nach Maß handgefertigt werden.

Ende Mai überwies ich Geld nach Italien, und Ela schrieb, so gegen August sei meine Bestellung fertig. Und falls ich mal in der Gegend sei, solle ich doch mal reingucken. Ich schrieb zurück und warnte sie, dass ich Deutscher sei und wir dazu neigen, solche Einladungen ernst zu nehmen. „Macht nichts, ich meine es auch Ernst“, schrieb sie zurück.

Als ich vor zwei Tagen in Pomarico war, habe ich mir überlegt, dass ich das Angebot annehmen möchte. Ich textete Manuela an, das ich am 26. in der Gegebd sei, und prompt bekam ich die Antwort „Klar, komm vorbei“! Und hier bin ich nun.

Im Schaufenster des Ladengeschäfts sind ein paar alte Stempel ausgestellt.

Ich bin zwar hier bei Bertozzi, aber HIER beim Geschäft bin ich falsch. Um halb drei steige ich wieder auf das Motorrad und fahre in das nur 5 Minuten entfernte Indurstriegebiet von Gamberola. Hier liegt das „Werk“ von Bertozzi. Ein kleines Gebäude mit zwei Stockwerken, außen mit Wein bewachsen und mit Sonnenkollektoren auf dem Dach. Sehr stilvoll, nicht das Beton-und-Wellblech-Gebäude, was man normalerweise in Industriegebieten findet.

Ok, der Größe nach zu Urteilen ist das hier wirklich keine Industrieproduktion, sondern eine echte Manufaktur. Ich hatte genau sowas ja gehofft – dass das hier ein kleines Familiending ist, kein großes Unternehmen.

Ich bin zu früh dran, was eigentlich unhöflich ist, aber ich habe noch einen weiten Weg vor mir, da kann ich ja schon mal klopfen. Vielleicht ist Emanuela ja schon da.
Ist sie nicht, stellt sich heraus. Statt ihr öffnet Enrico. Enrico hat Geschichte studiert und spricht englisch, was unbedingt von Vorteil ist. Er bittet mich herein und beginnt eine kleine Führung, und dank englisch verstehe ich die Fachausdrücke der Färberei und Weberei. Das hätte ich auf italienisch nicht gekonnt.

Enrico führt mich zuerst durch einen kleinen Ausstellungsraum, in dem noch die Reste eines Messestands liegen. Bertozzi wird langsam mutiger und war in diesem Jahr das erste Mal auf einer Messe im Ausland, in Paris. „Die haben sich gar nicht mehr eingekriegt“, sagt Enrico, „am letzten Tag haben die uns den Stand leergekauft“.

Dann gehen wir durch eine Reihe von Büros, um dann unvermittelt in einem großen Raum zu stehen, der eigentlichen Werkstatt. Der Raum ist aufgeteilt in mehrere Arbeitsecken. In manchen sind Tücher ausgebreitet, in anderen Zeichnungen und Papiere. In großen Wagen hängen gefärbte Stoffe.

An den Wänden hängen alte Zeichnungen von floralen Mustern.

Anscheinend wird nicht in jeder Nische ein Arbeitsschritt ausgeführt und das Werkstück dann für den nächsten Schritt weitergereicht, sondern ein Stück entsteht nahezu komplett an einem Arbeitsplatz, aus der Hand eines Mitarbeiters. Oder? „Fast richtig“, sagt Enrico. „Wir arbeiten hier wie in einer Manufaktur, also eine Mischung aus Handarbeit und standardisierten Abläufen. Handarbeit ist zum Beispiel, die Rohtuchware zuzuschneiden und zu nähen, das machen wir in einer kleinen Nähstube hinter unserem Ladengeschäft in der Innenstadt. Handarbeit ist dann auch das Bestempeln. Standardisiert ist das Färben und dann das Trocknen und Fixieren.“

Wir nähern uns einem Tisch, an dem ein Mann mit einem Hammer auf ein Tischtuch einschlägt. Zumindest sieht es von weiter weg so aus. Enrico erklärt: „Der Ort, Gambettola, hat einen Gründungsmythos. Der Sage traf ein Legionär namens Gambectola aus der Armee von Julius Cäsar am Ufer des Rubikon (der hier ganz in der Nähe fließt, Anmerkung S.) eine Gruppe Romagnoli ein Geheimnis: Die Römer nutzten Eisenrost, um damit Tuch zu rot zu färben, und dann Urin, um die Farbe zu fixieren. Die Romagnoli nutzten dieses Wissen und konnten bald von der Tuchfärberei leben. Ihre Siedlung am Ufer des Rubikon nannten sie zu Ehren nach dem Legionär.“

Wir bleiben an einem Tisch stehen, der gerade mit einer Flüssigkeit eingerieben wird.

Enrico fährt fort: „Der Name „Gambettola“ blieb, aber die Färberei geriet irgendwann in den letzten 2.000 Jahren in Vergessenheit. Bis vor 100 Jahren ein gewisser Luigi Bertozzi völlig fasziniert von diesem Mythos war. Er experimentierte mit den alten Rezepten für Farben herum und erzielte interessante Ergebnisse. Bald hatte er Prozesse entwickelt, bei denen er Farben aus natürlichen Pigmenten und Mehl herstellen konnte.“

„1920 eröffnete er seinen Laden in Gambettola und experimentierte weiter. Luigi war ein geschickter Holzschnitzer, und er kam auf die Idee, die Farben mit Holzstempeln auf Hanftücher zu übertragen. Hanf wurde damals nämlich überall in der Emilia Romagna angebaut. Die Muster für die Stempel nahm Bertozzi von alten Bauwerken ab. Manche der Muster sind Friese in Häusern reicher Leute gewesen, andere Säulenverzierungen in Kirchen. Und so wie Luigi Bertozzi vor 100 Jahren, arbeiten heute noch seine Urenkel“, sagt Enrico. „Naja, fast. Luigi benutzte zur Fixierung der Farben Urin, das machen wir heute nicht mehr“. Er grinst, und wir treten an einen großen Holztisch, auf dem Tuch ausgebreitet ist.

Ein grauhhaariger Mann lächelt freundlich, dann nimmt er einen Holzstempel von einem mit Farbe getränkten Kissen, legt den Stempel vorsichtig auf das Tuch und schlägt dann mit einem kurzstieligen Hammer mit präzisen und wuchtigen Schlägen darauf ein. Zurück bleibt der Abdruck des Musters. Sowas ohne Verrutschen und Schmiererei hinzubekommen ist eine Kunst.

Die ganze Atmosphäre in der Werkstatt ist entspannt. Keine Hektik, kein Stress. Das hier ist Handwerk, da kommt es auf das Ergebnis an, nicht auf Schnelligkeit.

Einen Raum weiter ist die Fixierung und Trocknung. In großen Badewannen und Bottichen liegen Tücher in Fixflüssigkeit (kein Urin! betont Enrico noch einmal).

Zwei Frauen hängen fertig fixierte Tücher auf Ständer. Eine von ihnen ist Muslima.

Die Ständer mit den Tüchern werden in einen Trocknungsraum geschoben, in dem heiße Luft aus der Decke kommt. „Die heiße Luft ist Abluft von der Klimanlage, die von Solarzellen betrieben wird“, sagt Enrico. „Bertozzi nimmt einige Dinge sehr ernst. Das ganze Gebäude hier und all unsere Prozesse sind so gemacht, das wir möglichst wenig Energie brauchen. Wir verwenden keine umweltschädlichen Substanzen. Wir bezahlen unsere Leute gut. Und „unsere“ Leute gehören allen möglichen Ethnien und Religionen an.“

Ich nicke. Genauso sehe ich das auch. Von Konzernen darf man nichts erwarten, aber in Deutschland wie in Italien ist der Mittelstand der Motor der Wirtschaft, und auch kleine Unternehmen tragen gesellschaftliche Verantwortung. Oder sollten das zumindest tun.

Neben der Trocknung ist eine… Keramikwerkstatt? „Ja“, sagt Enrico, „Wurde immer wieder nachgefragt, deshalb haben wir jetzt auch handgemachte und bemalte Keramiksachen im Angebot.“

Er zeigt mir Teller und Lampen mit Fischmotiven. „Interessant“, sage ich und meine damit: Nicht schön. Eigentlich sogar pottenhässlich. In einem Regal liegen Teller mit etwas, das wie ein Wappen aussieht, aber einen Hofnarren zeigt, mit Narrenkappe und Schellenstab. „Das ist unser Hauptgeschäft mit der Keramik“, sagt Enrico, „und der Punkt wo ich ins als Historiker ins Spiel komme. Immer mehr Leute wollen ihr Familienwappen recherchiert und auf Tellern haben. Ich bin auf Heraldik spezialisiert, das ist dann mein Job hier.“ „Aber das…“, beginne ich und zeige auf den Narren. Niemand, der etwas auf sich hält, hätte sich auf seinem Wappen als Narr zeigen lassen.

„Ich weiß, ich weiß“, sagt Enrico und hebt abwehrend die Hände. „Das ist kein echtes Wappen. Ich habe den Stammbaum von einem Mann mit Geld recherchiert, aber da kam nichts bei rum. Da hat der Typ gesagt, wir sollen halt was entwerfen, anhand der zuletzt bekannten Profession der Vorfahren. Ich habe dann auch gesagt, dass man das so nicht macht und kein Hofnarr der Welt ein eigenes Wappen hätte, aber nun, der Typ ist reich und kriegt halt, was er will.“

Über eine Treppe gehen wir hinab in den Keller. Hier ist es kühl. „Farbmischung“, sagt Enrico. „Natürlich streng geheime Rezepturen, aber alle auf das Mikrogramm dokumentiert, damit wir gleichbleibende Qualität liefern können. Wenn Du in 10 Jahren noch Servietten nachkaufst, sollen die den exakt gleichen Farbton haben wie die, die Du schon hast. Alle Farben sind nach wie vor auf Basis von Mehl gemacht.“

Neben der Farbwerkstatt ist ein großer Raum mit Regalen voller Holzblöcke, alle sorgfältig mit Buchstaben und Nummern beschriftet.

„Unser Stempellager“, sagt Enrico. „Jedes jemals von Bertozzi gemachte Muster ist hier. Welches magst Du am Liebsten?“ „Accanto!“, antworte ich wie aus der Pistole geschossen, „davon habe ich eine Tischdecke“. Enrico nickt und verschwindet in den Regalreihen. Als er wiederkommt, präsentiert er mir einen Holzblock. „Mit diesem Stempel wurde Deine Tischdecke gemacht“, sagt er.

Ich staune, dann hole ich mein Telefon raus und zeige Enrico das Bild von Christina, wie sie das Tischtuch in Terra Senese hochhält. „Was ist das für ein Muster?“ frage ich. „Ah, c´é cardo“, sagt eine Stimme neben mir. Erschrocken zucke ich zusammen. Unbemerkt ist eine Frau neben mich getreten. Sie lächelt und hält mir die Hand hin. „Ich bin Ela“, sagt Emanuela Bertozzi. „Angenehm“, sage ich. „tut mir leid, dass ich zu früh dran war. Enrico hat mich rumgeführt“, sage ich auf italienisch, und „Was ist „Cardo“? Ich kenne das Wort nicht“. Manuela blickt Enrico an, aber der zuckt mit den Schultern und sagt „Keine Ahnung, wie das auf englisch heißt. Das wächst auf dem Feld.“ „Getreide?“, frage ich. „Nee, eher wie eine Blume“, sagt Enrico. „Kornblume?“, schlage ich vor. „Nee, auch nicht. Moment.“ Manuela und Enrico verschwinden in den Regalen. Ich höre sie rumklötern und suchen, dann kommen sie wieder und haben einen anderen Holzblock in der Hand.

„Ach, DISTEL“, rufe ich. Enrico nick und bestätigt „Thistle“, Emanuela nickt und sagt „Cardo“, dann lachen wir alle drei. Emanuela holt noch einen dritten Holzblock. „Das hier ist der Prototyp für das Muster, das Du Dir jetzt ausgesucht hast“, sagt sie.

„Ist übrigens gerade in Arbeit“, sagt sie. „Können wir nicht bei zugucken, aber demnächst bekommst Du Post von uns.“ „Ich freue mich drauf!“, sage ich. Enrico verabschiedet sich, und Ela guckt mich an. „Noch einen Kaffee trinken? Oder hast Du Lust das Geschäft zu besuchen?“ „Gerne beides“, sage ich und einen Caffé später fahre ich hinter Emanuelas Auto her in die Innenstadt.

Sie schließt das Ladengeschäft auf, das eigentlich noch geschlossen hat, und ich darf mich umsehen. Hier gibt es alle möglichen Produkte mit Bertozzi-Mustern: Taschen, Handtücher, Topflappen, Lampenschirme und Dinge, die ich nicht zuordnen kann.

„Das sind Experimente. Wir probieren halt viel aus. Das hier zum Beispiel ist ein Korb aus festen Papier“, sagt sie und faltet ein nicht zuortenbares Dings auf. Kann man alle reintun, von Brötchen bis Sachen im Badezimmer. „Ach“, sage ich und gucke mir das fasziniert an. „So ein Dings hätte ich gerne, das passt gerade noch in die Motorradkoffer“. Emanuela lächelt und packt zu dem Dings noch ein Geschirrtuch und zwei Topflappen mit dem gleichen Design. „Schenke ich Dir“, sagt sie und lächelt.

Dings mit Brötchen drin und Topflappen mit dem Muster „Farn“.

Wenig später brummt das Motorrad wieder über die Landstraße gen Norden. Das ist todlangweilig, und außerdem es ist schon wieder viel zu heiß, aber der Besuch gerade geht mir nicht aus dem Kopf. Ich finde es toll, das Menschen mit so großer Ernsthaftigkeit und gleichzeitig Freude an ihrer Arbeit Dinge schaffen, die so wertig und schön sind.

Wenige Tage nach meiner Rückkehr nach Deutschland wird übrigens tatsächlich ein Paket in der Post sein. Darin: Ein Tischtuch und Bettwäsche, beides aus dickem Leinen und mit dem Muster „Ulive“ in der Farbe „Mostardo“, einem warmen Gelbton, der fast ins Orange geht.

Unnötig zu sagen, dass ich beides wunderschön finde und jedes Mal, wenn ich es sehe, lächeln und an meinen Besuch in Gambettola denken muss.

Ich fahre die Küste hoch, vorbei an Ravenna und auf Venedig zu. Manchmal ist rechts das Meer zu sehen.

Vier Stunden stehe ich in Mestre im Stau. Feierabendverkehr und Unfälle auf den Zubringern zu der hässlichen Industriestadt, die auf dem Festland vor Venedig liegt. Es ist unerträglich heiß, und ich merke, wie mir im Inneren der Motorradklamotten der Schweiß in den völlig vollgesogenen Merinoklamotten am Körper entlangläuft und sich in den Stiefeln sammelt. Zumindest fühlt es sich so an.

Bild: Google Earth 2020.

Als die V-Strom gegen kurz nach 20:00 Uhr über den gepflasterten Gartenweg der alten Offiziersvilla „Maria Luigia“ in San Biagio di Callalta rollt und auf der Terrasse zum Stehen kommt, bin ich fix und fertig und falle beim Absteigen fast aus dem Sattel. Die Hitze, die langen Stunden im Stau, das hat mich an´s Ende meiner Kräfte gebracht.

Villa Maria Luigia in San Biaggio di Callalta.

„Alles OK?“, fragt Sara, als ich das Erdgeschoß betrete und wir uns begrüßt haben. „Geht so“, knurre ich und schleppe mich und die Koffer in mein Zimmer. Dort dusche ich lang und ausgiebig, trinke einen Liter Wasser und falle dann bäuchlings auf´s Bett.

Auf dem Bauch liegen geht gerade noch so, alles andere nicht. Alter Schwede, tut mir der Hintern weh! Gestern den ganz Tag unterwegs, heute 10 Stunden im Sattel… das war wohl in der Summe etwas zu viel. Ich fühle mich, als ob mein Steißbein in der Mitte gespalten ist. „Kompletter Arschdurchbruch“, denke ich und muss kichern, was aber auch schon wieder weh tut. „hihihi…AU“. Aber immerhin habe ich es geschafft. Gestern morgen war ich noch ganz am anderen Endes des Landes. Zwischen hier und Pomarico liegen fast 1.100 Kilometer. Da kann einem schon mal der Hintern weh tun.

Tour von heute und gestern: Fast 1.100 Kilometer, insgesamt 18 Stunden Fahrzeit.

Später humpele ich ins Restaurant direkt nebenan und lasse mich von Sara und den Kochkünsten von Francesco, ihrem Mann, verwöhnen. Es gibt Spaghetti Chitarra mit Cocktailtomaten und kleinen Tintenfischen darin. Die Pasta ist schwarz, weil sie mit Sepia, mit Tintenfischtinte, übergossen sind.

Danach ein feines Steak von Viechern hier aus der Umgebung…

…und zum Abschluss Schokoladensalami mit Mandeln.

Die Schokosalami ist eisgekühlt, und das tut gut. Selbst um 22:00 Uhr sind noch fast 30 Grad und die Luft zum Schneiden dick.

Trotzdem bin ich glücklich. Aua.

Kategorien: Motorrad, Reisen | 8 Kommentare

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8 Gedanken zu „Reisetagebuch 2019 (15): La Stamperia

  1. Wow! Ich habe dich ja letztes Jahr schon von Tischdecken reden gehört, aber erst die heutige Folge macht klar, was an der ganzen Sache so faszinierend ist.

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  2. zimtapfel

    Und wie schläft es sich nun in der special tuned Bettwäsche? Kommt da nochmal ne extra Produktrezension? (Mich würde auch interessieren wie die gewaschen werden darf. Und natürlich, was so ein Set kostet.)

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  3. Modnerd: 😉

    Zimt: Gut, aber ungewohnt schläft es sich darin. Zum einen, weil es VIEL Tuch ist, in Italien bamselt man unten noch 50 Zentimeter Extrastoff dran, damit man den Bezug auch ja gut unter die Matraze stopfen kann o_O Durch die dicke des Leinens ist der Bettbezug recht warm, im Sommer braucht man keine Decke rein tun. Anfühlen tut sich der Stoff ganz toll, leicht rau und sehr angenehm.

    Waschen kann man das Ganze ganz normal in der Maschine bis 60 Grad. Gekostet hat der Bettbezug in den Dimensionen 255×220 rund 190 Euro, der Kissenbezug in 40×80 kostet 37,00. Dazu kommt der Versand. Ganz billig ist der Spaß also nicht, für das gebotene und mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass das Zeug bis über mein Lebensende hinaus hält, ist der Preis aber sehr fair.

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  4. Sehr schöne Tuchware! Gefällt mir ausnehmend gut.
    Aber auch das Menu sieht ansprechend und lecker aus!
    Danke für Deine tollen Reiseberichte.

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  5. Ralfi, ich hätte nicht gedacht, dass Du der Typ bist, der Tischwäsche zu würdigen weiß! (Oder Einbauküchen :-P)

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  6. Tja, man verkennt mich halt in vielem…

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  7. Stephan

    Die „alte“ Tischwäsche (mit dem roten Muster welche Sie, Herr Silencer, schon vor der Reise hatten) sieht wirklich sehr imposant aus. Fast als wäre sie geradewegs aus einer mittelalterlichen Burg herüber gefallen.
    …und die Dekoration des Tisches auf die Bettwäsche abgestimmt (oder anders herum) … hat auch nicht jeder 😀

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  8. 🙂

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