Reisetagebuch Motorradtour 2019 (17): Die große Poperze

Sommerreise mit dem Motorrad. Heute geht es in die Alpen, ein lang gehegtes Vorhaben gelingt und endet in Wut.

Freitag, 28. Juni 2019, Villa Maria Luigia, Veneto

Ich sitze an meinem Tisch im Frühstücksraum der Villa Maria.

Vor drei Jahren habe ich exakt hier, an diesem Tisch, die Nachrichten aufgemacht und völlig geschockt lesen müssen, dass die Briten für einen Austritt aus der EU gestimmt haben. Was mich wohl heute morgen für Horrornachrichten erwarten?

Oh. Sowas. Naja, ist ja halb so schlimm. Ives Besessenheit hat in den letzten Jahren Apples Produkte eher schlechter als besser gemacht.

Sara steckt den Kopf durch die Tür. „Es tut mir leid, es gibt keinen Kaffee heute Morgen.“
Nnnnnnnooooooooiiiiiiiinnnnnn!!!!!!!!!

„Sorry, die Maschine ist kaputt“, sagt Francesco. Söhnchen Carlo sitzt auf dem Bartresen und sieht mit großen Augen zu, wie sein Vater an der schrankwandgroßen Espressomaschine herumschraubt, die aber keinen Mucks tut.

Na, dann keinen Kaffee, nur Abschied. „Bis zum nächsten Mal?“, fragt Sara. Ich ziehe die Schultern hoch. „Wir werden uns sicher wieder sehen. Aber ich weiß noch nicht wann“, sage ich.

Ich spüre das schon die ganze Fahrt über: Ich habe Italien durchgespielt. Auch wenn ich manche Menschen hier wirklich sehr in mein Herz geschlossen habe und sie am Liebsten ständig besuchen würde, ich brauche jetzt mal was anderes.

Das Motorrad ist bereits beladen und steht vor der Tür in der Morgensonne.
Sara, Francesco und Carlo stehen vor der Villa und winken mit nach, als das Motorrad startet und über den Gartenweg hinaus auf die Landstraße rollt.

Der Berufsverkehr im Veneto ist wie immer dicht und klebrig, aber Motorräder dürfen in Italien ja zum Glück fast alles. Mit dem üblichen und tolerierten an-roten-Ampeln-bis-ganz-nach-vorne-fahren, im-Überholverbot-überholen usw. komme ich leidlich schnell voran.

Anna hilft nach Kräften mit. Die MOtorrad-KI hat Baustellen und Unfallmeldungen aus dem Netz gefischt, die sie mir nun ins Ohr sagt. Wir einigen uns darauf, dass wir ein kurzes Stück Autobahn fahren, um nicht stundenlang auf irgendwelchen Dörfer an Ampeln zu warten. Die 3,60 Euro für die Maut kann ich mir gerade noch leisten.

Schnell geht es in die Berge. San Biagio di Callalta liegt nicht weit vom Alpenrand entfernt, und als ich von der Autobahn abfahre, bin ich schon mittendrin in den Bergen.

Bild: Google Earth 2020.


Die Dolomiten sind beeindruckend. Ich mag es ja, wenn Landschaft dreidimensional ist, und die kahlen, gezackten Felskämme sehen ebenso brutal wie faszinierend aus.

ARSCHLOCH!!

Ah, Cortina d´Ampezzo. Hier hat es mich mal mit der Honda gelegt. Zack, lag ich in einer Kurve auf der Straße. Ich weiß bis heute nicht warum. Vielleicht lag es einfach an den schlechten, weil viel zu harten Reifen der CB450N. Zum Glück ist nicht viel passiert. Das war noch die Zeit, wo ich nur mit einer Lederjeans und Sicherheitsstiefeln gefahren bin, Protektoren gab es damals in Reiseklamotten nicht. Bei der Honda war ein Blinker abgerissen, den ich dann auch noch auf dem Weg zurück zur Unterkunft auch noch verloren habe. Aus einer Helco-Tüte, Klebeband und dem Deckel einer Kettenfettdose habe ich dann einen Blinker improvisiert, der bis nach Hause gehalten hat.

Heute passiert zum Glück nichts. Die V-Strom passiert den mondänen Skiort, in dem heute nicht viel los ist, ohne Probleme. Dann geht es auch schon über die Grenze nach Österreich.

Fast schlagartig werden die Straßen voller. Der Verkehr hier dichter als ich es mir wünschen würde – es ist der Wahnsinn, wieviele Autos aus ganz Europa hier unterwegs sind, dazu noch LKW und natürlich viele Motorräder. Aber klar, das hier ist alles Feriengebiet. Dementsprechend sind auch viele Radfahrer und Wanderer unterwegs.

Die Straße führt am Naturpark Drei Zinnen vorbei. Ich kann mich an den großen Felsmassiven kaum satt sehen.

Kurz hinter den drei Zinnen und einem Ort mit dem lustigen Ort „Säge“ geht es in ein großes Tal. Über Toblach und Lienz führt die Straße nach Osten, dann bis Heiligenblut in den Norden.

Bild: Google Earth 2020.

Hinter Heiligenblut wird es wieder etwas spannender, es geht in die Berge.

Arschloch!

Gegen Mittag, fünf Stunden nach der Abfahrt von Sara, komme ich an einer Mautstation an.

Das hier ist der Beginn der Großglockner-Hochalpenstraße.

ENDLICH HABE ICH ES BIS HIER HER GESCHAFFT!

Ich versuche schon seit drei Jahren hier her zu kommen, und seit fast zwei Jahren bin ich schon im Besitz einer Vorverkaufskarte für die Straße. Die hatte ich mir im Herbst 2017 zuhause beim ADAC geholt, aber dann waren Anfang Oktober schon Minus 10 Grad und Schnee hier oben. Vergangenes Jahr das gleich Spiel: Anfang Juli 2018 war ich wieder bei Sara und wollte über den Großglockner nach Deutschland fahren, aber da gab es dann Schneeregen und ich fuhr lieber um die Alpen herum als mitten durch. Zum Glück ist die Vorverkaufskarte 24 Monate gültig, und jetzt, acht Wochen bevor sie abläuft, klappt es noch! Das Wetter ist gut, und eine freundliche Dame tauscht mein Ticket gegen eine Broschüre und einen Aufkleber um.

Endlich kann ich die Hochalpenstraße unter die Reifen nehmen. Schon die ersten Ausblicke sind…wow. Ich kann von unten sehen, wie sich die Straße an den Bergen hochwindet. Das sind die Hohen Tauern.

Aber bevor ich da hoch fahre, geht es erst einmal zur Kaiser-Franz-Josefs-Höhe. Der Platz wurde nach dem Besuch von Franz und seiner Sissi im Jahr 1856 so benannt. Der Kaiser wünschte damals den größten Gletscher Österreichs zu besichtigen und wanderte deshalb zu Fuß hier hoch. Damals war hier nichts, heute steht hier ein… Parkhaus? Tatsächlich!

Alles sehr Rider-freundlich hier. Am Eingang zum Parkhaus gibt es sogar übergroße Spinde, in denen Motorradfahrer Schutzklamotten und Helme einschließen können. Ich brauch das zum Glück nicht, ich fahre ja extra ein fast leeres Topcase nur deswegen spazieren, damit ich Helm und Handschuhe einschließen kann. Das mache ich jetzt auch, setze gegen den heftig wehenden Wind eine Wollmütze auf und gehe dann zu der Aussichtsplattform, von der man auf den gigantischen Gletscher sehen können soll. Wie heißt der nochmal? Ich vergesse immer den Namen. Klingt so ähnlich wie große Poperze. Ach, jetzt habe ich es: Die große Pasterze.

Ich trete an die Brüstung und sehe…

…eine Pfütze.

Hä? Wo ist denn der Gletscher?

Ja, ähm, weg. Sagt ein Schild mit einem etwas verdrucksten Text. Als wolle man sich um den menschengemachten Klimawandel herumreden, wird von einer „Heißzeit“ fabuliert, und das Klimaverhältnisse gerade nicht so ganz günstig sind für Gletscher.

„Die große Pasterze ist aber nach wie vor der mächtigste Gletscher Österreichs“, sagt das Schild und endet mit dem Satz „Gletscher werden in den Alpen wohl nie ganz verschwinden“. Tja, das klingt eher nach Wunschdenken als nach Gewissheit. Seit den Zeiten von Kaiser Franz hat die große Pasterze fast zwei Kilometer an Länge und 200 Meter an Mächtigkeit verloren.

Wenn man sich über die Brüstung lehnt und ganz nach Westen guckt, sieht man den kümmerlichen Rest aus schmutzigem Eis.

Bild: Google Earth 2020.

Aus der Luft offenbart sich das ganze Elend. Das Tal hier war mal ganz vom Gletscher ausgefüllt:

Au man, das ist schon erschütternd.

Neben dem Parkhaus und dem unvermeidlichen Souvenirshop gibt noch es mehrere Gebäude hier oben.

Eines der Gebäude ist für Ausstellungen. Als ich es betrete, erwarte ich eine Art Heimatkundemuseum mit Informationen über die Alpenwelt und insbesondere den Gletscher, wegen dem die ganze Station hier ja gebaut wurde. Und ehrlich gesagt erwarte ich auch Informationen zum Klimawandel und den Auswirkungen, die das Verschwinden der Gletscher haben wird. Das drängt sich ja geradezu auf, an einem Ort wie diesem, wo die Auswirkungen des Klimawandels greif- und sichtbar sind wie sonst kaum wo, genau darüber zu informieren. Oder?

Als ich in das Gebäude eintrete, stehe ich mitten in einer…

…Autoausstellung?!??

Hä? „Willkommen in der Ausstellung „Die Erfolgsgeschichte des Automobils“, verkündet ein Plakat. Darunter ein Text, dass man sich hier in der höchstgelegenen Automobilausstellung der Welt findet und Autos voll doll sind. Direkt hinter der nächsten Ecke stehen dann riesiege SUVs aus der aktuellen Modellpalette von Citroen.

SAGT MAL, HOCHALPENSTRAßE AG, HACKT´s BEI EUCH? HABT IHR NOCH ALLE LATTEN AM ZAUN? DRAUßEN VOR DER TÜR VERWANDELT SICH DER GRÖßTE GLETSCHER ÖSTERREICH DURCH DEN MENSCHENGEMACHTEN KLIMAWANDEL IN EINE TRAURIGE PFÜTZE UND IHR FEIERT HIER SUVs AB? GEHT´S NOCH??

Das sind so ungefähr die Gedanken, die mir durch den Kopf gehen. Trotzdem gucke ich mir die Ausstellung kurz an. Neben einigen Youngtimern wie einem Trabant und einem Golf I (so einen hatte ich mal in Silber) steht hier ein Nachbau einer „Herbie“-Hälfte sowie ein etwas dullig guckender Kaiser Franz herum.

Das interessanteste Objekt ist ein Auto, das der Motorradhersteller KTM gebaut hat und das, wie ich belustigt zur Kenntnis nehme, eine Contour ROAM-Kamera in der Front verbaut hat.

In einem weiteren Raum stehen alte Moppeds und Roller herum, wie diese knallrote Conny:

Außerdem gibt es noch die Werke lokaler Künstler zu sehen. Wie einen Knödel aus zusammengerollten Stockschildern. Oder Fotos von einem Tisch, an dem jemand Rakten befestigt und ihn auf dem Furkapass in die Luft gejagt hat. Was man in den langen Wintern in den Bergen halt so an Unfug anstellt. Woanders ist das Vandalismus, hier ist es Kunst.

Nach einer halben Stunde habe ich alles gesehen und gehe zurück zum Motorrad. Ich fasse es immer noch nicht. Hier schmelzen die Gletscher weg und gleichzeitig wird das Auto als Krone der Schöpfung gefeiert und der Berg mit Parkhäusern vollgestellt. Ich bin ehrlich erschüttert.

In der nächsten Woche die finale Etappe mit dem schönen Titel „Ich bin ein menschlicher Tintenfisch“.

Kategorien: Motorrad, Reisen | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Reisetagebuch Motorradtour 2019 (17): Die große Poperze

  1. 😦

    Ein Stück sind wir denselben Weg gefahren im Sommer 🙂
    Und bei der Glockner-Hochalpenstraße hast du mir jetzt einiges voraus, ich habe es bisher noch nicht geschafft, den höchsten Berg meines Landes zu besuchen.

    Gefällt 1 Person

  2. zimtapfel

    Zum letzten Teil: seufz…
    Zum ersten Teil: Sind Italiener im Ernst nicht in der Lage ohne funktionsfähige Kaffeemaschine Kaffee zu kochen? Kennen die die DDR-Methode nicht? Oder die Moccamethode? Porca miseria!

    Gefällt 1 Person

  3. Kalesco: Dann mal los, bevor der auch noch schmilzt 🙂

    Zimt: Doch, natürlich. Sara hatte die „Macchina“, die Espresso-Kanne für den Herd, schon in der Hand. Ich wollte aber unbedingt ganz schnell los, weil ich wusste, dass das ein langer Tag wird. Deshalb ohne Kaffee in den Sattel.

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