Corona (6): Familiäre Dialoge -XII-

Am Telefon.

Ich: „Und, wie geht es so?“

Vater: „Naja, wie soll´s mir gehen. Muss ja.“ (mißtrauisch) „Warum rufst Du an?“

Ich: „Ich wollte nur wissen wie es Dir geht und ob Du auch schön zu Hause bleibst und ob ich vielleicht für Dich einkaufen soll.“

Vater: „Und dann?“

Ich: „Wie, und dann?“

Vater: „Wie stellsten Dir das vor? Ist doch Nonsense, sowas!“

Ich: „Wieso Nonsense? Du könntest mir doch sagen was Du brauchst und ich stell Dir das vor die Tür.“

Vater: „Was ich brauche geht Dich doch gar nichts an!“

Ich: „…“

Vater (mißtrauisch): „Ist wegen dieses Virus, oder?“

Ich: „Ja klar. Du bist fast 80, Du hast Diabetes und Lunge. Du solltest jetzt nicht rausgehen.“

Vater (leidend): „Ich gehe doch eh nicht mehr raus, ich kann mich doch gar nicht mehr bewegen vor Schmerzen´… [beschreibt Symptome, die nach akutem Nierenversagen klingen] …Da verlasse ich doch das Haus nicht mehr.“

Ich: „Was? Du hast solche Schmerzen und kannst das Haus nicht mehr verlassen? Warum sagst Du denn nichts? Ich komme vorbei und wir fahren zum Arzt!“

Vater: „Die Ärztin hat gesagt sie hat keine Zeit.“

Ich: „Das ist doch Quatsch! Dann fahren wir halt ins Krankenhaus!

Vater: „Da habe ich neulich einen Bericht im Fernsehen gesehen, im Krankenhaus helfen die einem nicht.“

Ich: „Jetzt hör aber auf! Im Zweifel fahren wir hier ins Klinikum. Die helfen wirklich.“

Vater: „Sohn, ich habe praktisch einen Arzttermin, die haben gesagt ich soll mich nach der Virussache melden. Krankenhaus! Wie stellste Dir das denn vor! Da habe ich doch keine Zeit für!“

Ich: „Wieso, ich denke Du verlässt das Haus nicht mehr.“

Vater (heldenhaft leidend): „Tue ich ja auch nicht, außer für Besorgungen, da komme ich doch nicht drum rum. Da muss ich halt durch, Schmerzen hin oder her“

Ich: „Ach. Was denn für „Besorgungen“?“.

Vater: „Naja so [unverständlich] aus dem einen Baumarkt und [NuschelNuschel] aus dem anderen Baumarkt und ich muss jetzt gleich noch zum Putzer und deshalb muss ich jetzt auch aufhören zu telefonieren.“

Ich (entgeistert) „WAS? Du gehst jetzt NICHT zum Friseur! Draußen ist Pandemie! Der hat geschlossen und du bleibst mit dem Hintern zu Hause!“

Vater: „Du bist ein Knallkopp, der Herr Schnabel schneidet allen in seiner Küche die Haare, dem ist doch der Virus egal. Und ich gehe doch nicht ohne ordentliche Frisur auf eine Geburtstagsfeier!“

ICH (fassungslos): „WAS FÜR EINE GEBURTSTAGSFEIER?!“

Vater: „Na die Henny wird 85.“

Ich: „Da gehst Du doch nicht hin! Es herrscht Kontaktverbot!“

Vater: „Das ist doch kein Kontakt, das ist doch nur ein ganz kleiner Kreis, die Henny, die Ruth, der Werner, die Rosemarie, die Ilse, der Lachmund und seine Frau, die Thea und die Lisa und der Dings, der diese Sache mit dem Knie hat, und noch ein paar andere.“

Ich: „…“

Vater: „Ja, ich will da auch nicht hin, aber die Henny hat die Gute von Coppenrath und Wiese doch schon aufgetaut, was willste da machen?“

Ja, was willste da machen. Wenn die Alten unbedingt mit aller Macht die Rentenkassen entlasten wollen… dann sollte ich nicht versuchen, mich ihnen in den Weg zu stellen. Meinen Vater zwingt man ja eh zu nichts.

Frühere Dialoge:
Weihnachtsdialog
Straßenverkehrsordnungsdialog
Kraftfahrzeugbundesamt-Wettererklärdialog
Kostenloskulturdialog
Poststornierungsdialog
Nötigungsdialog
Tantenmonolog
Mehr Dialog
Noch ein Dialog
Anderer Dialog
Noch ein anderer Dialog

Kategorien: Corona-Tagebuch, Familienbande | 10 Kommentare

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10 Gedanken zu „Corona (6): Familiäre Dialoge -XII-

  1. Au Mann 😦

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  2. zwerch

    Du bist echt geschlagen…
    Auch wenn das wirklich schlimm ist… schmunzeln musste ich trotzdem 🙂

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  3. Wenn es nicht so traurig wäre, wäre es echt lustig 🙂 Aber was soll’s, Kinder und Besoffene haben einen Schutzengel. Verschrobene Alte vielleicht auch…? Der Rest ist Schicksal.
    Viele Grüße und bleib gesund!
    Kekse?

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  4. Wollen wir mal hoffen… Bleibt ebenfalls gesund!

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  5. Und dafür dürfen wir dann Kurzarbeitergeld für die Mitarbeiter beantragen und um den Betrieb fürchten. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Zeig ihm mal Videos von den röchelnden und sterbenden Alten aus Italien. Corona ist kein schöner Tod…

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  6. rudi rüpel

    Hei Silencer, hatte dein Vater schon immer diesen Altersstarrsinn? Also ich leide ja schon seit früher Jugendzeit an Frühvergreisung.

    LIEBEn Gruß
    rudi

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  7. Kradblatt:Ich finde das auch nicht lustig und ich bin ehrlich gesagt ziemlich entsetzt wie hedonistisch und egoistisch die alten Generationen sind. Vernünftig sein geht da nur, wenn es den eigenen Spaß nicht einschränkt. Haben wir bei der Klimadiskussion gesehen und jetzt auch wieder. Ist mir vorher nie aufgefallen, jetzt finde ich es ziemlich schlimm.

    Rudi: Mein Vater leidet unter Realitätsverlust, aber das schon so lange ich ihn kenne. Die Welt dreht sich um ihn, und falls nicht, wird er giftig.

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  8. Same here. Mein Vater akzeptiert auch keine Meinung ausser seiner Meinung.

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  9. In dem Fall habe ich Glück: mein Vater ist ein verkappter Eremit, und ganz froh dass er nirgends hin darf. So viele Sorgen ich wegen ihm schon hatte, für die Pandemie ist es gut so. 🤷
    Dir alles Gute und bleib gesund!

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  10. Väter. Machste nix. Aber als Vorbild, wie man es nicht machen soll, taugen sie

    Gefällt 1 Person

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