Corona (8): Quiet Earth

Weltweit: 558.502 Infektionen (+63.416) 25.251 (+2.956) Todesfälle
Deutschland: 49.344 Infektionen (+7.825), 304 (+75) Todesfälle

Heute Morgen um kurz nach 07:00 Uhr einkaufen gewesen. Gute Nachrichten: Die Regal im Supermarkt waren gut gefüllt. Die Hamster haben sich jetzt wohl alle ihr Nest aus Klopapier gebaut und hocken da jetzt drin und fressen den ganzen Tag Nudeln. Ein anderes Bild ist nach dem Ansturm der letzten Wochen wohl kaum denkbar.

Es ist eine komische Situation. Das öffentliche Leben ist bis nahe am Wachkoma gedrosselt, die Straßen sind leer, Menschen sind nur vereinzelt unterwegs. Dennoch häuft sich bei mir die Arbeit, alles rotiert am Anschlag. Das ist gut und gibt ein seltsames Gefühl von Normalität, wo doch im Moment nichts normal ist.

Immerhin hat sich meine Atemwegssache wieder gelegt. Ich habe wohl nur zu viel telefoniert, daher die Halsschmerzen. Und das pieken in den Atemwegen kommt wohl durch die Wetterlage mit der extrem trockenen Luft, dazu Fußbodenheizung. Im Büro haben ist eine Luftfeuchtigkeit von nur noch 11%, obwohl den Ganzen Tag ein großer Luftbefeuchter läuft. Kein Wunder, dass die Atemwege da mal rumzicken.

Die Arbeit läuft auch Hochtouren, abseits davon ist Stille und Isolation. Das ist nicht nur bei mir so, sondern bei allen. Seit 14 Tagen sitzen jetzt alle zu Hause, ohne Hoffnung, dass das bald vorbei ist. Manche genießen das Privileg arbeiten zu dürfen, andere bangen um ihre Existenz.

Dadurch, das niemand weiß wie lange die Isolation noch dauern wird, beginnt jetzt einigen die Decke auf den Kopf zu fallen. Entweder weil ihnen ihre Familie auf den Sacque geht und sie dringend mal wieder Zeit für sich brauchen, oder weil sie die ganze Zeit allein sind und damit schlecht klarkommen. Ich merke das bei Telefonaten. Der Umgangston wird gereizter, die Laune deprimierter. In der Firma machen wir jetzt täglich eine halbe Stunde gemeinsam Frühstückspause per Videokonferenz, nur um zu plaudern, über Gott und die Welt, damit sich die Leute nicht so allein fühlen.

Mir ist die Isolation ziemlich schnuppe, die macht mir gar nichts. Ich weiß, dass ich damit ziemlich allein bin (SIC!), aber tatsächlich war das schon immer so.

Als Kind spielte ich am Liebsten allein, als Jugendlicher war mein Lieblingsfilm „Quiet Earth“. Der handelt davon, dass ein Mann aufwacht und feststellt, dass er ganz allein auf der Welt ist. Was für ein erstrebenswerter Zustand! Als Erwachsener kam mir das Bedürfnis anderer Menschen nach sozialer Interaktion manchmal suspekt vor, was einer der Gründe war, weshalb ich mit WGs so meine Probleme hatte.

Erst später wurden mir zwei Dinge klar:

  1. So wie ich fühlen nur die wenigsten Menschen. Die meisten kommen nicht damit klar, ganz mit sich allein zu sein. Zumindest nicht über einen längeren Zeitraum, schnell verspüren sie ein Bedürfnis nach Gesellschaft und Nähe. Ich nicht, oder zumindest nur in einem sehr reduzierten Maß. Ich kann wochenlang allein sein.

  2. Ich bin kein Einzelfall. Es gibt in unserer Gesellschaft Menschen, denen es ähnlich geht wie mir. Diese „Introverts“ sind eine fragmentierte Minderheit, aber wir haben Gemeinsamkeiten. Während der Großteil der Menschen ihre Akkus über soziale Interaktion auflädt, kostet uns der Umgang mit anderen Kraft. Das heißt nicht, dass wir Treffen mit Freunden nicht mögen oder keine Berufe ausüben, in dem wir keinen Umgang mit anderen haben. Das alles kostet uns aber Energie, es leert unsere Akkus. Die laden wir dadurch wieder auf, indem wir allein für uns sind.

Lange Rede, kurzer Sinn: Für Introverts ist die staatliche Verordnung zu Hause zu bleiben eine traumhafte Sitution. Endlich brauchen wir keine Ausreden mehr zu erfinden, um nicht mit anderen in Präsenz interagieren zu müssen. Endlich müssen wir uns nicht mehr in Situationen begeben, die unsere Akkus leert. Weil: Höhere Gewalt.

Wer ihn nicht kennt und Langeweile hat: Das hier ist „Quiet Earth“, der lohnt sich immer noch.

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Kategorien: Corona-Tagebuch | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Corona (8): Quiet Earth

  1. rudi rüpel

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  2. Handshake 🤝 (mit ausreichend Abstand, also eigentlich winken 👋) von einer Introvertierten zum Anderen.
    Lustig, wenn man es mal erzählt und dann kommt: aber du bist ja so nett! (Danke, ja und?), Aber du bist ja Trainerin und so lustig (…), Du kannst aber gut mit Menschen!
    … Ja, aber das alles kostet viel Kraft 🙂

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  3. natira

    Kennst Du auch Craig Harrisons Story, die den Film inspiriert hat? Sie ist im Original als ebook (TextClassics) und Taschenbuch zu bekommen und .. uff, der Preis ist gestiegen (vor ca. 4 Jahren war das ebook deutlich günstiger).

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