Reisetagebuch Motorradtour 2019 (18): Ich bin ein menschlicher Tintenfisch

Sommerreise mit der V-Strom. Heute geht´s hoch hinaus, dann nach Hause.

Freitag, 28. Juni 2019, Großglockner Hochalpenstraße

Die Hochstraße ist jetzt nicht mehr ganz so voll, und die Motorräder fahren schön gereiht hintereinander her. Also, die meisten.

Die Parkverwaltung bittet darum langsam, vorsichtig und leise zu fahren. Das tun auch fast alle, aber selbstverständlich gibt es Ausnahmen. Einige Kradfahrer sehen in der Hochalpenstraße wohl sowas wie eine Rennstrecke, auf der sie eine neue persönliche Bestzeit aufstellen müssen. Ich hatte schon befürchtet, dass alle paar Meter so ein Held hinter mir hängt und drängelt, und obwohl ich zügig unterwegs bin, ist es natürlich genau so.

Sogar noch schlimmer, es gibt auch jede Menge unzivilisierte Gruppen, wo einer vorne weg rast (Held) und die dahinter krampfhaft versuchen Anschluss zu halten. Die letzten, das sind dann die schwächsten Fahrer, und die versuchen verzweifelt Anschluss zu halten und fahren sich haarsträubenden Scheiß zusammen, schneiden Kurven und gefährden dabei sich und andere. Das, meine Damen und Herren, ist nicht wie Gruppenfahrten funktionieren sollten.

Ohnehin sind viele richtig schlechte Motorradfahrer unterwegs. Insbesondere Niederländer fallen dadurch auf, dass sie ihre Maschinen um die Kurven tragen. Dieses Prachtexemplar hier eiert zum Beispiel völlig ohne jede Schräglage und in Schrittgeschwindigkeit um die Kurven.

Trotzdem ist die Fahrt durch diese großartige Landschaft fantastisch. Links und rechts tun sich immer wieder Ausblicke auf, die ich ganz tief in mir aufsaugen und nie vergessen möchte. Schneefelder bedecken sattgrüne Wiesen, Seen stehen in kleinen Tälern und Wasserfälle aus Schmelzwasser sprudeln über Felswände.


Meine nächste Station ist die Edelweißspitze, der höchste Punkt der Großglockner-Hochalpenstraße. Auf einer kleinen Bergspitze gelegen, ist die Anfahrt gar nicht so einfach. Das liegt weniger an dem Kopfsteinpflaster oder den engen Kehren, sondern an den schlecht fahrenden Affen, die bevorzugt mit einer superbreiten BMW GS Adventure mit Alukoffern links und rechts durch die Gegend fahren, und diese mopsige Gefährt nicht auf ihrer Seite der Straße um die Kurven kriegen und deshalb die ganze Breite der schmalen Straße nutzen. Immer wieder kommt mir so eine Kasperbude auf meiner Spur entgegen, was die Fahrt auf den letzten Metern zur Tortour macht.

Oben angekommen greift sofort mein Fluchtreflex. Hier ist ja alles voll von Motorradfahrern! Bloß weg hier!!

Nach dem ersten Schreck überwinde ich mich aber doch. Zumindest ein paar Erinnerungsfoto möchte ich Schießen. Ich parke die V-Strom möglichst weit weg, und laufe dann an den Grüppchen von für Selfies und Gruppenfotos posierenden Moppedfahrern vorbei auf den kleinen Aussichtsturm am Rande des Parkplatzes. 37 Dreitausender und 19 Gletscherfelder kann man von hier aus sehen, sagt das Lexikon.

Auf dem Weg zurück zum Motorrad muss ich durch eine Gruppe GS-Fahrer, die lässig im Kreis um ihre Kisten stehen und Benzin reden. Gebärden tun sie sich, als hätten sie gerade eine unfassbare Heldentat vollbracht, den Amazonas durchquert oder so. Dabei sehen die Kombis der meisten wenig benutzt und nicht mal schmutzig aus.

Ich will mich gerade unauffällig vorbeidrücken, da geht es auch schon los. „Na, auch mittem Mopped hier?“, quatscht mich ein Typ von der Seite an. Wow, Sherlock, was hat mich verraten? Lederhose und Stiefel? Oder die Tourenjacke und das Halstuch? Oder die Tatsache, dass auf dieser Seite des Parkplatzes nichts anderes steht als Motorräder?

Ich nicke und murmele mit gesenktem Kopf „Hmja“ und will weitergehen.

„Gehört dir die F800 GS da vorne?“, lässt der Typ nicht locker. Er ist mitte 50 und lehnt lässig an einer R 1250 GS. Neuestes Modell, Dickschiff mit Alukoffern und allem Zipp und Zapp. Alles auf Hochglanz poliert. Himmel, warum müssen Motorradfahrer immer Quasselwasser getrunken haben? Das wir hier alle auf zwei Rädern unterwegs sind, heißt doch nicht, dass wir irgendwas zu besprechen hätten.

Ich hebe den Kopf. „Nee. Ich kann es mir nicht leisten, eine BMW zu fahren…“, sage ich und sehe dem Typen direkt in die Augen. Er beginnt mitleidig zu nicken. „Ich brauche ein zuverlässiges Motorrad… deshalb fahre ich Suzuki“, beende ich meinen Satz.

Die Gesichtszüge des Mannes sind noch in Richtung mitleidig Gucken unterwegs, als sein Hirn begreift, was die Ohren da gerade vermeldet habe. Der spontane Gleiswechsel in Richtung zornig Dreinblicken führt dann zu einer lustigen Entgleisung. Ich drehe mich um und gehe zur Barocca hinüber, die in einigen Metern Entfernung steht. Freunde machen? Kann ich!

Der Weg von der Edelweßspitze hinab ist ins Tal ist angenehm leer. Nur einen rumänischen Toyota überhole ich gleich mehrfach, weil ich immer mal wieder einen Fotostop mache und er immer dann in Schritttempo fährt, wenn es was Schönes anzugucken gibt. Also ständig.

Bild: Google Earth 2020.

Im Tal komme ich wieder durch eine Mautstation.

Dann geht es Richtung Norden. Der Ort Zell am See ist ziemlich unerträglich. Dort empfängt mich umfängt mich das österreichische Gemüt, Arroganz und schlechte Laune inklusive. Zell am See ist voller Luxuslimousinen, Megasportwagen und Nobel-SUVs, die alle Scheiße fahren bis zum Abwinken.

Immerhin finde ich meine Unterkunft sofort, einen Berghof bei Mittersil.

Bild: Google Earth 2020.

Das ist auch dringend nötig, denn irgendwie geht es meinem Magen nicht gut. Seit heute Mittag sind meine Innereien am Blubbern und Brodeln, und kaum, dass ich mein Zimmer in Beschlag genommen habe, habe ich mächtig Druck auf der, äh, großen Poperze.

Ich rette mich gerade noch auf´s Klo, als sich Durchfall vom Feinsten seinen Weg bahnt. Der ist flüssig wie Wasser und kohlrabenschwarz.

Ich weiß woher das kommt: Ich habe die vergangenen zwei Tage Spaghetti mit Tintenfischtinte gegessen. Und nun habe ich mich anscheinend selbst in einen Tintenfisch verwandelt.

Kaum ist der Strom versiegt und ich fange an die Koffer auszupacken, geht es gleich wieder los. Ich stürze wieder zum Klo und entlasse schwallweise schwarzes Wasser in die Schüssel.

Wieder und wieder geht das so, bis ich mich völlig entleert, aber besser fühle. Jetzt kann ich auch ein wenig die Aussicht aus meinem Zimmer genießen.

So, wo kriege ich jetzt ein Abendessen her? Das ist der letzte Reisetag, das muss angemessen zelebriert werden!

„Na, fei net, des muss I vorher wissen“, sagt die Herbergswirtin, während ihre Schwiegertochter ihre Limousine mit laufendem Dieselmotor und offenen Türen 15 Minuten vor dem Hof stehen lässt. Ach man, Österreich ey.

Letztlich wird das Abendessen ein echt mieser Dönerteller an einem Campingwagen an der Durchfahrtsstraße. „Angemessen“ und „zelebriert“ ist anders, aber gut.

Samstag, 29. Juni 2019

Am nächsten Morgen frühstücke ich ganz früh um sieben Uhr, denn die anderen Gäste auf dem Hof sind Münchner, und mit denen will ich nichts zu tun haben. Dann sattele ich die V-Strom, die die Nacht vor dem Hof verbracht hat.

Ab auf die Landstraße, dann auf die Autobahn. Es dauert nur kurz, dann merke ich, dass ich den dichten Verkehr fast nichte ertrage. Drei Wochen war ich jetzt in Regionen unterwegs, die für europäische Verhältnisse dünn besiedelt sind und wo es nicht viele Autos gab. Die endlosen Landstraßen in Frankreich, die Strada Statales in der Toskana, die Bergstraßen in den Abruzzen, die staubigen Highways in Süditalien… und jetzt mit einem Mal wieder in Deutschland, wo es gefühlt zehn Mal mehr Autos gibt als anderswo.

Es dauert einige Stunden, bis mein Hirn sich wieder an den dichten Verkehr gewöhnt hat und die Gedanken abschweifen. Das war sie also, die Sommerreise mit dem Motorrad. Kommt mir vor, als wäre es Monate her, seitdem das Ganze mit schmutzigem Regen und einer Übernachtung in der großen Scheune begonnen hat. Es sind aber nur drei Wochen. Zeit genug, damit die Löcher in meinen Fersen wieder verheilen, die ich mir in Nizza gelaufen habe und die während der ganzen Abschiedstour durch die Toskana weh taten.

Der Süden Italiens war eine tolle Erfahrung. Also, nicht die Amalfiküste, die fand ich doof, aber die kleinen Küstenorte weiter südlich.

Der bewegendste Moment und gleichzeitig die intensivste Erfahrung war sicherlich, die Geschichte von Riace kennen zu lernen, was mich immer noch wütend und traurig macht, wenn ich daran denke.

Nette Leute habe ich überall kennengelernt. Maria an der Amalfitana, die ungleichen Schwestern Riccarda und Raffaela, Signore Grippo in der Geisterstadt auf dem Wabbelberg und natürlich Ela und Enrico in der Stamperia. Letztlich habe ich all das geschafft, was ich schon lange mal machen wollte. Sogar das Arsenale von Venedig und jetzt auch die Großglockner-Hochalpenstraße habe ich sehen können. Damit habe ich in Italien wirklich alles erledigt.

War eine tolle Reise, aber anstrengend. Diese Hitze! Drei Wochen lang habe ich keinen Regen gesehen, stattdessen brennende Sonne und jeden Tag über dreißzig, manchmal über vierzig Grad. Das war auch für mich etwas zu viel und hat viel Kraft gekostet. Egal, Hauptsache gesund wieder zu Hause.

Ich bin froh, als ich am Nachmittag, nach sieben Stunden und siebenhundert Kilometern, in die heimische Garage einrolle.

Bild: Google Earth 2020.

Etwas steif klettere ich aus dem Sattel und klopfe der V-Strom auf den Tank. Braves Motorrad, hast mich nicht im Stich gelassen. Zum Dank werde ich Dich wohl demnächst mal saubermachen. Zwar sind merklich weniger Insekten unterwegs, trotzdem hat die Barocca eine veritable Sammlung mediterraner Fauna mitgebracht. Und Staub. VIEL Staub.

Tja, daran sieht man halt, dass es die vergangenen drei Wochen praktisch nicht geregnet hat.

Ich trage die Koffer ins Haus und beginne damit, mein Reisegepäck auseinanderzunehmen. Natürlich muss ich auch die Schätze sichten, die ich mitgebracht habe.

Das waren nun also 23 Tage und 8.124 Kilometer. Das ist, nun, nicht ganz wenig:

Bild: Google Earth 2020.

Bild: Google Earth 2020.

Keine Probleme, keine Panne. Langweilig, Hm? Trotzdem: Für alle, die jede Woche dabei waren – Danke für´s Mitreisen!


Hier gibt es die Reise nochmal im Schnelldurchlauf:

Hier alle Teile des Reisetagebuchs:

Kategorien: Motorrad, Reisen | 9 Kommentare

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9 Gedanken zu „Reisetagebuch Motorradtour 2019 (18): Ich bin ein menschlicher Tintenfisch

  1. zwerch

    Eine wunderbare Reise, auch wenn sie mit viel Schweiß verbunden war…

    Das mit den Menschen verstehe ich gut, beim Skilaufen hab ich immer versucht schon ganz früh mit dem Personal auf den Berg zu kommen um auf dem Gipfel die Ruhe, die gewaltige Natur und die Weite einzusaugen. Das hat mich immer für den Rest des Tages entschädigt.
    Persönlich kann ich ja mit und ohne Menschen gut leben und auch bei beidem auftanken, halt alles zu seiner Zeit.

    Vielen Dank dass ich auch diesmal dabei sein durfte, das ist immer wie ein Geschenk!
    Und jetzt starte ich ein wenig traurig in den Tag, denn es wird wohl etwas länger werden eh ich wieder gedanklich hinter dir sitzen und staunen werde…

    Gefällt 1 Person

  2. Tom

    Danke für Deine tolle Reise. Es hat sehr viel Spaß gemacht, Dich auf dieser lesend begleiten zu dürfen. Ich hoffe, dass es auch dieses Jahr noch die Möglichkeit für die ein oder andere Reise geben wird…

    Viele Grüße – bleib gesund
    Tom

    Gefällt 1 Person

  3. Wieder mal ein Dankeschön dafür, Dich auf einer Reise begleiten zu dürfen! Hat sich ja ganz schön verändert, die Gegend und der Gletscher am Großglockner. Ich war letztmalig 1998 droben, da war zwar auch schon weniger Gletscher und mehr Publikum als erstmals (so um 1986), aber nun ist ja von dem einen gar nix mehr und von dem anderen viel zu viel.

    Die „dummquatschenden“ GS-Affen kenn ich auch zur Genüge und die bekamen schon immer von mir ihr Fett weg. Mit der Harley hat es sich zum Glück sehr reduziert, doof angequasselt zu werden. Sicherlich trägt da auch mein miesepetriger Blick (den ich ab und an ganz gerne und bewusst aufsetze) dazu bei! 😉

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  4. natira

    Danke!

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  5. rudi rüpel

    Oh, der letzte Tag. Schadeeee! Silencer, danke fürs mitnehmen!

    LIEBEn Gruß vom rüpel

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  6. ruediger

    Vielen Dank fürs erneute Mitfahren und lesen lassen.

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  7. Ali

    Danke für’s Mitnehmen.
    Ich halte es wie Zwerch und bin sehr früh am Morgen unterwegs. 6:00 auf dem Transfalgarasan hatte ich den Paß für mich alleine. Bis andere Möppfahrer in die Puschen kommen, habe oder hatte ich bis dahin recht schöne Stunden.
    Daß man Berge in kürzester Zeit bewältigen muß, wird sich mir nie erschließen. Da können die Augen nur auf den Asphalt gerichtet sein und die eigentliche Naturschönheit eine wenig wichtige Rolle spielen.
    GS ? Es ist eben eines der meistverkauften Möpps. Wäre ein älteres nicht mit den Fehlern behaftet, welche tiefe Geldlöcher reißen, hätte ich u. U. auch eine und würde dann sehnsüchtig zur zuverlässigen Strom schielen

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  8. Ihr seid lieb. Guckt mal an den nächsten Samstagen wieder rein.

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  9. Es war spannend, schön und interessant, mit dir mitzureisen. Vielen Dank!

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