Corona (12): Ostern im Lockdown

Weltweit: 1.935.646 Infektionen (+ 431.746) 120.914 (+30.983.460 in 5 Tagen) Todesfälle
Deutschland: 130.383 Infektionen (+17.087), 3.215 (+866 in den letzten 5 Tagen) Todesfälle

Vorerst gilt der Lockdown in Deutschland nur bis Anfang kommender Woche. Heute bespricht sich die Bundesregierung dazu ob er verlängert wird, morgen Bund und Länder. Einige Landesfürsten, unter anderem Armin Laschet aus NRW, sind ganz jibberig darauf Schulen wieder zu öffnen und die Beschränkungen in der Wirtschaft zu lockern.

Das wissenschaftliche Feigenblatt dafür hat ihnen jetzt die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina aus Halle geliefert, in einer Stellungsnahme, in der solche Szenarien für möglich gehalten werden. Das Papier tragen nun konservative Politiker und Wirtschaftsliberale mit „jetzt ist aber mal genug, die Wirtschaft muss wieder anfahren und hier ist unser Persilschein“-Attitüde durch die Gegend.

Nur: Anscheinend haben die alle das Dokument nicht wirklich gelesen. Das gibt nämlich mitnichten konkrete Empfehlungen für ab sofort, sondern fabuliert mit „sobald wie vertretbar“ und entlässt daher nicht die Politik aus der Verantwortung.

Mit dem Dokument selbst habe ich auch so meine Probleme. M.E. sind die realen Bedingungen an Schulen und die Praktikabilität der skizzierten Maßnahmen nicht in die Betrachtung eingeflossen. Wie kann sichergestellt werden, dass die Schülerinnen und Schüler ständig Masken tragen, sich die Hände waschen und auch auf dem Schulhof Abstand halten? Das ist wohl, insb. in der Grundschule, unrealistisch. Und woher sollen Räume kommen, die groß genug sind, um max. 15 SchülerInnen auf einmal zu unterrichten?

Auch sonst sind liest sich das Leopoldina-Dokument wie eine Ansammlung von hätte-würde-könnte-sollte, klingt stellenweise etwas weltfremd oder geht von Annahmen aus, die ich für realitätsfern halte. Außerdem stimmt mich nachdenklich, dass auf der Expertenliste zu dem Papier exakt zwei Virologen und eine Infektionsforscherin stehen, aber 10 Sozialwissenschaftler, Juristen, Historiker und Theologen. WTF.

Aber egal, die verkürzten Aussagen aus dem Paper sind Wasser auf die Mühlen derer, denen Wirtschaft vor Menschenleben geht.

In der Bundesregierung weiß man das, und deren Kommunikationsstrategie ist gar nicht mal schlecht. Der Bundeskanzler Frau Merkel macht immer mal wieder so Andeutungen, damit man sich schon mal mit dem Gedanken anfreunden kann, dann trifft es einen nicht mehr ganz so hart. An dem, was sie vorsichtig schwurbelt, kann man also ablesen wie es weiter geht. Vor Ostern waren das Sätze wie „Naja, so Schulen und Kitas, die werden sicher nicht das erste sein, was wir wieder öffnen können“.

In Frankreich ist Amtskollege Emanuel Macron anderes drauf. Er verkündete gestern ohne Umschweife, dass der Lockdown weiter gilt bis Mitte Mai, und das man sich keine Illusionen machen solle – auch die Öffnung der Grenzen in Europa sieht er nicht vor September.

Also Vorsichtig sein im Umgang mit diesem Leopoldina-Papier. Aber dafür müsste man es, wie gesagt, lesen. Das dümmste Riff in der aktuellen Regierung, ausgerechnet unsere Wissenschaftsministerin, hat das natürlich nicht und findet es eine „erstklassige Beratungsgrundlage“. Ihr Kollege Scheuer liest ohnehin nur Zahlen auf Geldscheinen und lässt sich jetzt gerade dafür feiern, dass er mit Anrufen bei der Lufthansa half, einem befreundeten Händler aus seinem Wahlkreis Passau Millionen von Schutzmasken aus irgendwelchen grauen Quellen nach Deutschland zu bringen – der die nun mit ordentlich Profit verkaufen dürfte.

Immerhin, die harten Maßnahmen und die Grundrechtseinschränkungen zeigen Wirkung. Zu Beginn der Maßnahmen steckte ein Infizierter 4 bis 5 andere Personen an, jetzt liegen wir bei ungefähr einer Neuinfektion pro Infiziertem. Das ist nicht schlecht, aber noch nicht wieder im Bereich wie zum Beginn der Pandemie, wo Infektionsketten wieder nachverfolgbar sind und wirklich über Lockerungen nachgedacht werden kann, sind wir noch entfernt.

Ich Ich Ich

Der Lockdown macht sich auch bei der Medikamentenversorgung bemerkbar. Am Wochenende lag ein Brief von Doc Morris im Kasten. „Zu unserer Entlastung senden wir Ihnen Ihr Originalrezept zurück“. Warum? Weil die Bestellung nicht ausführbar war, mein Blutdrucksenker Candesartan ist momentan schwer erhältlich. Nun sind Blutdrucksenker wichtig, aber nicht gleich Lebensnotwendig. Nur: „Jeden Tag geht was anderes aus“, wie die Apothekerin heute morgen sagte. Es komme dann zwar immer wieder Nachschub an diesem oder jenem, aber sofortige Verfügbarkeit bei verbreiteten Medikamenten ist nicht gegeben. Immerhin, ich hatte Glück, in der dritten Apotheke die ich abgeklappert habe, lag noch eine letzte Packung Candesartan rum – was selbst die PTA dort wunderte.

Ostern im Lockdown

„Was machst Du so über Ostern? Verreist Du?“, fragte mein Vater, der immer noch ignoriert, was eigentlich los ist. „Sohn, ist doch nicht schlimmer als eine Grippe“, posaunte er fröhlich am Telefon und hörte schon wieder nicht mehr zu, als ich dem Herrn Ingenieur den Unterschied zwischen linearem und exponentiellen Wachstum erklären wollte.

Bewegungsdaten der Handyprovider zeigen, dass mein alter Herr nicht der einzige ist, der nicht zuhause bleiben kann. Die Reiseaktivität hat zugenommen, anscheinend wollten sich viele den Osterbesuch bei den Familien nicht nehmen lassen.

Hier bei mir was man vernünftig. Auf meinem Dorf gab es keine Osterfeuer, keine Familiengartenfeste. In meinem Haus blieben alle unter sich, machten aber trotzdem was Schönes. Zum einen fand ich vor meiner Haustür ein Osternest, so wie Osternester in der Zeit von Corona aussehen:

Im Treppenhaus materialisierten sich plötzlich Dinge wie frisch gebackener Käsekuchen oder Zwiebelkuchen, was per SMS und Whatsapp kommuniziert wurde. Jede und jeder konnte sich bedienen. Ein Schönes Symbol für „Ihr seid vielleicht allein in Eurer Wohnung, aber nicht in Euren Herzen“. Bah, Kitschig. Aber auch lecker!

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Kategorien: Corona-Tagebuch | 2 Kommentare

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2 Gedanken zu „Corona (12): Ostern im Lockdown

  1. Thom

    Das mit dem Ostertisch im Treppenhaus finde ich eine ganz tolle Geste. Hut ab an den Initiator oder (vermutlich eher) Initiatorin.

    Gefällt 1 Person

  2. Ali

    Dank „nur“ Kontaktsperre und keinerlei Ausgangsverbot hatte ich es mir erlaubt, das Möpp für ein paar Rundtouren zu entwenden.
    Vorher in die Karte geschaut wo die Landesgrenzen von Bd.Württ. sind, da ein Erscheinen in Bayern teuer werden kann.
    So wie ich dachten auch gestern sehr viele Biker, davon eine große Anzahl mit hessischen Kennzeichen.
    Gestern am Neckarlauer gehalten. Jeder&Jede hält viel Abstand. Mit einem anderen Biker gesprochen in über 5 Mtr. Abstand. Sein Sozius stand neben ihm. Kommt die Kontrollpatrol vorbei und erzählt was von jetzt drei Personen auf einem Fleck. Bullerist hält direkt neben mir.
    Meine Gegenfrage, wie es denn die Exekutive so hält mit der Abstandsregelung, dazu noch ohne Maske und Cm-Abstand im Auto zur Kollegin blieb unbeantwortet. Ich fragte noch, ob ich ein Foto machen darf. Scheibe hoch…und weg.
    Meine Vermutung: Sollte sich tatsächlich eine größere Gruppe auf Trip befinden, welche solche bestimmte Lederjäckchen anhat, ob die dann auch kontrolliert werden?
    Die Freizeit verbringe ich beim Holzmachen im Wald. Es kommen immer wieder Spaziergänger vorbei, welche permanent einen Mundschutz tragen.
    Und ja: Corona wächst auf Bäumen und fällt beim Durchgehen blitzartig herunter.

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