Reisetagebuch Japan (3): Baumkuchen, Brüste und Igel

Reise nach Japan. Heute probiere ich japanischen Baumkuchen, amüsiere mich über deutsche Worte und stolpere in Kunstinstallationen.

VORBEMERKUNG: Japans konservative Gesellschaft ist patriarchal geprägt und hat ein großes Problem mit Sexismus und ein riesiges Problem was Frauenrechte angeht. Beides halte ich für hoch problematisch.

Ich versuche mit meinen Reisen und diesem Tagebuch zu entdecken und zu verstehen, wie andere Gesellschaften ticken. Da sexualisierte Darstellungen im Jahr 2019 fester und allgegenwärtiger Bestandteil der japanischen Kultur sind, komme ich um deren Beobachtung nicht herum. Das soll kein Selbstzweck sein, sondern wird vom Versuch begleitet, durch Beobachtungen auf gesellschaftliche Phänomene zu schließen. Das nur als Grund, weshalb es im Folgenden durchaus (Comic-)Brüste geben wird.


Sonntag, 03. November 2019
Oak Hostel Fuji
Sumida, Tokyo

Beim Frühstück muss ich kurz das Gesicht verziehen. Meine Zunge gibt sich empört, weil Sie vermutet, ich hätte sich in Waschmittel gesteckt.

Nein, Zunge, das ist kein Waschmittel. Hier schmeckt nur einiges etwas anders, als wir es gewohnt sind. Der Joghurt zum Beispiel hat eine etwas andere, geradezu wässrige Konsistenz und schmeckt nicht nach den Aromen, die wir so kennen. Er schmeckt künstlich und so, wie manche Waschmittel riechen, und das empört meine Zunge.

Ich probiere ja gerne neue Sachen, aber in Maßen. So lange es sich vermeiden lässt, trinke ich keinen Grünen Tee zum Frühstück und esse dazu Fisch. Deshalb gibt es auch heute morgen für mich Rosinenbrioche und Instantkaffee, während sich Modnerd an Reisbällchen mit Fisch in Kombination mit einem seltsam rosafarbenen Getränk versucht.

Der Wohnbereich unseres Zimmers hat mittlerweile, nach einem Abendessen und zwei Mal Frühstück, Gemütlichkeit absorbiert. Oder anders ausgedrückt: Es müllt langsam aber sicher voll.

Seit zwei Tagen versorgen wir uns aus „Conbinis“, den kleinen Convenience-Stores, in denen es Fertignahrung gibt. Das ist bequem und vergleichsweise billig, produziert aber leider unglaublich viel Müll. Zumal man es in Japan mit Plastikverpackungen eh hat. Es ist unglaublich, aber ALLES gibt es hier in Wegwerfvarianten und eingepackt in Unmengen an Kunststoff. Sogar hartgekochte Eier werden geschält und dann in Plastik verpackt zum Kauf angeboten:

Völlig ungläubig haben wir gestern Abend eine Packung Kekse angestarrt, die sich Modnerd aus einem Conbini mitgebracht hatte. Drum herum war eine große, feste Plastikverpackung, innen drin war eine Halterung aus Kunststoff für die Kekse und JEDER EINZELNE KEKS war auch nochmal in Plastik verpackt. Völliger Wahnsinn, der sich beim Einkauf auch fortsetzt.

So bekommt man beim Einkauf in Conbinis zu allem Besteck dazu. Zu einem Fertigsalat eine Plastikgabel, verpackt in Plastik. Zu einem Joghurt gibt es einen Plastiklöffel, verpackt in Plastik. Dazu Servietten, natürlich verpackt in Plastik. Und man bekommt immer und überall Plastiktüten für seine Einkäufe.

Am Ausgang der Conbinis stehen sogar Mülleimer, in die man die frisch gekauften Plastiktüten gleich wieder entsorgen kann, wenn man sie nicht braucht. Aber mitnehmen muss man sie. Über diese Konvention setze ich mich jedes Mal hinweg. Ich habe meinen kleinen Tagesrucksack dabei und sogar eine Einkaufstasche aus Stoff und sehe es überhaupt nicht ein, die Plastebeutel mitzunehmen. Jedes mal wenn ich sage „Nonono“, wenn der Kassierer zum Plastikbeutel greift, werde ich erst ungläubig angesehen, dann folgt seltsames Gemurmel, und manchmal wird dann jeder einzelner Artikel mit farbigem Klebeband als „bezahlt“ markiert.

Die Ernährung auf Conbinis ist natürlich nicht gesund. Zwar gibt es auch fertig abgepackte Reisgerichte und Salate, aber die meisten Fertiggerichte sind zu süß und zu fettig. Interessant ist es natürlich schon mal zu probieren, wie japanischer Baumkuchen eigentlich schmeckt.

Auflösung: Nicht nach Baumkuchen. Das ist auch kein echter Baumkuchen, sondern lediglich ein profaner Rührkuchen, auf den mit Lebensmittelfarbe Ringe aufgemalt wurden.

Modnerd und ich fahren mit der Metro in den Stadtteil Akihabara.

Auf den Bahnsteigen ist auf dem Boden markiert, wie man in zwei Schlangen rechts und links vor einer dicken Markierung warten soll. An der dicken Markierung kommen exakt die Türen der Züge an. Manchmal sind die Markierungen gelb, manchmal grün. Keine Ahnung was das bedeutet. Was ich aber weiß: Wenn die Markierungen schreiend pink sind, dann darf ich dort nicht einsteigen.

Pink bedeutet, dass dort ein Wagen hält, in den nur Frauen einsteigen dürfen. Japan hat so gut wie keine Kriminalität, aber „Groping“, das Befummeln und Betatschen von Frauen in vollen Bussen und Bahnen, ist ein echtes und verbreitetes Problem. Die Wagen nur für Frauen gibt es auf den Hauptlinien der Tokioter Metro und sind ein etwas verzweifelt scheinender Versuch, Frauen zu schützen.

In Akihabara angekommen stellen wir fest, dass der Bahnhof zwitschert. Wirklich, wir hören Vogelgezwitscher aus den Lautsprechern. Damit wird blinden Menschen der Weg zu den Ausgängen gewiesen, unmittelbar vor Treppen zwitschert es am Lautesten. Jeder Bahnhof hat einen anderen Vogelruf.

Außerdem hat jede Haltestelle der Metro in Tokyo eine eigene Melodie, die immer beim Einfahren eines Zuges erklingt. Modnerd, der sehr auf Akustik steht, zeichnet die Bahnhofsgeräusche mit einem kleinen Soundrecorder auf. Was er da so aufnimmt, kann man in seinem Podcast unter schoene-ecken.de nachhören, dort wird diese Reise in drei Folgen besprochen.

Beim Verlassen des Bahnhofs wird sofort klar, wo wir hier sind. Akihabara ist bekannt für zwei Dinge: Erstens für Comics und Comicfiguren und zweitens für Unterhaltungselektronik. Was es in diesen Bereichen gibt oder jemals gegeben, kann man hier kaufen, egal wie absurd es ist.


Ich werfe einen Blick in einen der kleinen Läden und bin erstaunt ob der Auswahl. Alte Spielekonsolen wie das Sega Dreamcast, das Nintento N64 oder den Gameboy kann man hier gebraucht kaufen. In großen Stapeln liegen sorgfältig gereinigte, aufgearbeitete und in Plastikbeutel verschweißte Altkonsolen herum. Dazu werden die passenden Controller und Spiele angeboten sowie jedes erdenkliche Adapterkabel. Am beedindruckendsten sind aber hunderte von Plastikfiguren, die in Vitrinen stehen. Meist sind es Nachbildungen von Comicfiguren aus Mangas und Animeserien, aber immer wieder gibt es auch Figuren aus westlichen Filmen zu bestaunen, die detailliert und aufwendig gearbeitet sind.

Herrlich, in solchen Läden könnte ich mich den ganzen Tag rumtreiben. Bevor ich das tue, schlendern wir aber etwas durch das Viertel und sind leicht überrascht, als wir Werbung für ein bayerisches Restaurant sehen.

An einer Straßenecke ist der Eingang zur „Electric Town“. Das ist vom Gefühl her ist es ein großer Marktplatz in einem Keller, in dem an Dutzenden Ständern jedes erdenkliche Elektronikbauteil und alle möglichen und unmöglichen alten Geräte angeboten werden. Kondensatoren, Widerstände, CB-Funkgeräte, Richtantennen, LEDs – alles kann man hier einzeln kaufen.

Direkt neben der Electric Town liegen die größten Kaufhäuser für Comic- und Modellbau-Tinnef, die es auf der Welt gibt. Auf 10 Etagen kann man hier alles zu Mangas kaufen. Das muss ich mir angucken!

Schon auf der ersten Rolltreppe wird klar gemacht, um was es hier geht: Rieseroboter, Püppis, Dinosaurier und Modelle.

Und so ist es den auch. Jedes der Riesenkaufhäuser beherbergt dutzende von einzelnen Geschäften, die sich jeweils leicht unterschiedlich spezialisiert haben. Manche verkaufen nur Figuren aus alten japanischen Animes, andere nur Filmfiguren, wieder andere bieten Figuren und Spielsets zu Mangas an. In langen Vitrinenreihen stehen zehntausende von Plastikfiguren und Modellen, in manchen Geschäften bilden die Vitrinen ein regelrechtes Labyrinth. Möchte man etwas kaufen, muss man auf einem Zettel die Nummer der Vitrine notieren und damit zum Personal. Ich laufe amüsiert und interessiert die Reihen der Vitrinen und Regale ab. Modnerd erträgt das mit stoischer Gelassenheit, obwohl er zu dem ganzen Thema keinen Zugang hat.

Ich stehe staunend in einem Geschäft, das mit einer großen Auswahl an Star Wars-Spielzeug wirbt.

Auch Assassins Creed-Figuren gibt es hier, die ich im Westen noch nie gesehen habe.

Ich kann dem Impuls widerstehen die mitnehmen zu wollen, zumal die Preise ordentlich sind. 35.000 Yen kostet die Edward-Kenway-Figur, das sind fast 300 Euro. So viel Geld für einen Haufen Plastik… Nee, aus dem Alter bin ich raus. Aber Angucken und Bestaunen tue ich sowas trotzdem gerne.

Es gibt alle möglichen Arten von Merch, bis hin zu Kostümen aus „Resident Evil“:

Bei dem Modellbausätzen nehme ich amüsiert zur Kenntnis, dass man sich gerne an deutschen Wörtern bedient. So gibt es einen großen Kampfroboter, der „Kaiserin“ genannt wird.

Oder hier, eine Spieleserie, deren Protagonistinnen Walküren sein sollen und Namen tragen wie „Siegrune“, „Schwertleite“, „Helmwiege“, „Brünnhilde“, Gerhilde“, „Ortlinde“, „Grimgerde“, „Rossweisse“ und „Waltraute“. Die kennen ihren Wagner, die Japaner!

Das hat übrigens Tradition, wie ich später erfahre. Seit Anfang der 90er die Mangaserie „Alita Battle Angel“ rauskam, mögen Japaner möglichst martialische, deutsche Begriffe in ihren Mangas. Alita übte damals „Panzerkunst“ aus, wo sie Dinge tat wie „Hertzhauen“ und „Einzug Rustungen“ oder ein „Machine Klatsch“. Nunja.

Es gibt auch eine „Ab 18“-Abteilung nur für Männer. Was in dem „Men´s R-18“ (SIC!) angeboten wird, ist aber auch alles harmlos. Auch Mangafigürchen, aber halt mit meist abwegig proportionierten sekundären Geschlechtsmerkmalen und noch weniger an.

Interessant ist aber was angeboten wird. Neben unvermeidlichen Figürchen und gedruckten Hentais (Comics mit Hardcore Sex) gibt es Banner und Bettwäsche, auf denen die halbbekleideten Mangadamen in Menschengröße abgebildet sind. Banner? Das bedeutet, Männer hängen sich das als lebensgroßen Wandschmuck in die Wohnung?

Fern liegt der Gedanke nicht, zumal sexualisierte Inhalte überall im Alltag zu finden sind. In einem Elektronikgeschäft werden Kopfhörer ganz selbstverständlich so präsentiert:

In meinem Kopf passt das alles nicht so ganz richtig zusammen. Wie tickt Japan denn nun in Bezug auf Sex? Auf der einen Seite finden sich allerorten hypersexualisierte Mangapüppis, Maidcafés oder Host-Cabarets. Geschäfte für DVDs bieten im Erdgeschoß Familienfilme an, im ersten Stock Zeichentrick für Kinder und im zweiten Obergeschoß völlig selbstverständlich regalmeterweise härteste Sado-Maso-Pornos und mit Filme mit urinierenden Schulmädchen.

Eigentlich lässt sowas doch auf einen recht freizügigen Umgang mit dem Thema schließen. Auf der anderen Seite ist die Gesellschaft aber streng konservativ, die Mode hoch geschlossen und für die Darstellung von Geschlechtsverkehr gibt es die strengsten Zensurbestimmungen, weshalb japanische Pornos verpixelt sind. Wie passt das zusammen?

Bedingt vielleicht sogar das eine das andere? Im Sinne von: Wenn der Umgang mit Sex in einer stark konservativen Gesellschaft tabuisiert wird, wird er dann in anderen kulturellen Bereichen, wie hier in der Comickultur, umso heftiger ausgelebt?

Interessanter Gedanke. Ich werde mal die Augen offen halten, ob ich in den kommenden Tagen noch mehr darüber erfahre und irgendwie dieses Puzzle zusammengesetzt bekomme.

Erstmal laufen Modnerd und ich aber weiter durch den Stadtteil Akihabara. Wir kommen an noch viel mehr Mangafigurenläden vorbei, und ganzen Geschäften nur voll mit diesen Maschinen:

Japanische Kinder sind verrückt nach diesen Autmaten, die Gachapon oder kurz „Gacha“ (drehen der Kurbel) heißen. Gegen 100 bis 800 Yen eine Kugel mit einem kleinen Spielzeug darin ausspucken. Jeder Automat hat eine Spielzeugserie intus, aber man weiß nie, was man bekommt. Ein Automat mit Autos, bspw., enthält 10 verschiedene Modelle. Manchmal gibt es auch Automaten mit limitierten Sammelserien. Da dann alles zusammen zu bekommen, kann nicht einfach sein.

Überhaupt: Es gibt viel Schnökes und Tand zu kaufen. In den Elektroniklädchen, die die kleinen Gassen säumen, stehe brandneue Notebooks neben alten UKW-Empfängern, Richtantennen und Handbüchern für Windows 8.1. Wer kauft solchen Schrott noch?

In den Straßen und manchmal auch auf Balkonen an Häusern stehen junge Frauen, die als Hausmädchen verkleidet sind. Sie rufen und winken und klimpern mit den Augen und versuchen so Kundschaft für die Maid-Cafés zu gewinnen.

Überall hängt Werbung für Maid-Cafés, mal mit Fotos, mal gezeichnet. Die gezeichnete Werbung ist völlig überdreht:

Freizügig geht es in einem Maid-Café nämlich genau nicht zu. Im Prinzip sind das ganz normale Cafés, in die man geht, um was zu essen oder zu trinken. Dabei wird man von den jungen Frauen in French Maid-Kostümen bedient und kann noch ein „Special“ mitbestellen oder ein Los ziehen, um ein Special zu erhalten. Das können Dinge sein wie ein Foto mit einer Maid, eine Sammelkarte oder eine Gesangseinlage.

Das folgende Video zeigt den Maidcafè-Besuch eines Buzzfeed-Reporters.

Das Ganze ist eine Art Kindergarten und Ausdruck des Kawaii, eines Ästhtikkonzepts, das kindliche Verniedlichung propagiert und das sich in vielen Bereichen des Lebens in Japan wiederfindet.

Es gibt nicht nur Maid-Cafés in Akihabara, beliebt sind auch solche mit Tieren. Katzencafés etwa, bei denen man beim Kaffeetrinken Katzen kraulen kann. Oder auch etwas exotischere Tiere, wie Igel oder Eulen.

Das klingt alles völlig seltsam und überdreht, aber jetzt, wo ich hier in Tokyo stehe und um mich rum Maids Flyer verteilen, Elektrohändler alten Kram feilbieten und an den Häusern meterhohe Werbetafeln blinken, fühlt sich alles völlig normal an.

Zum Abschluss unserer Akihabara-Tour gehen wir noch in das BIC Camera, eines der größten Elektronikkaufhäuser der Welt.

Auf 10 Etagen gibt es hier alles, vom Musikgerät bis zum Toaster. Allerdings nichts, was man nicht bei uns auch finden würde. Die Zeiten, als Japan uns technologisch weit voraus war, sind vorbei. Wer meint, hier Technologie oder Gadgets zu finden, die es so bei uns nicht gibt, liegt falsch. Allenfalls bei Spezialdingen wie den Hightech-Toiletten (die man auch hier kaufen kann), Reiskochern und abseitigen Gadgets wie einer Kamera in Form eines Stück Käses wird man hier fündig.

Ach ja, Tefal gibt es hier auch – heißt aber aus Markengründen T-FAL.

Amüsieren muss ich mich nur wieder über so deutsche Begriffe und ihre Verwendung, wie hier eine Gaspatrone, die als MY BOMBE angepriesen wird.

Auf dem Rückweg zum Bahnhof sehen wir noch zwei weitere Spezialcafés, die beide einen Einblick in die japanische Gesellschaft geben: Das Gundam-Café und das von AKB48.

Gundams sind riesige Roboter, die als Modellbausätze, Filme, Serien und Comics seit 40 Jahren fester Bestandteil der japanischen Popkultur sind. AKB48 ist die Abkürzung für „Akihabara 48“, eine Tanzformation aus Dutzenden jungen Frauen (Ziel ist die Zahl von 48), von denen meist 12 gemeinsam als „Team“ auftreten. Die Frauen werden gecastet und dann streng ausgebildet.

Mitglieder Gruppe müssen singen und tanzen und ständig Kontakt mit Fans haben – über soziale Medien, Blogs und hier im Café, wo man Teams auftreten sehen kann. Die Nähe zu den Fans ist wichtiger Teil des Konzepts – und das geht auf. Mit 20 Millionen verkauften Platten ist AKB48 die erfolgreichste Popformation in Japan. So erfolgreich, dass es mittlerweile in zahlreichen Städten über ganz Asien Ableger gibt – sogar in Thailand und China gibt es mit SNG48 (Shanghai) und BNK48 (Bangkok) Ableger. Überall in Fernost träumen junge Frauen davon, in eine solche Band zu kommen und zum „Idol“ zu werden, wie die Social Media Stars genannt werden.

Produkte dieser Gruppe klingen dann so:

Oder mal fast wie in einem Kurzfilm:

Das war also Akihabara.

Zentral, mitten in Tokio liegt der Stadtteil Chiyoda und auch der Hauptbahnhof von Tokio. Das Gebäude ist auf alt getrimmt.

Das ganze Viertel um den Hauptbahnhof sieht aus, als hätte jemand die USA in den 80ern nachgebaut. Wirklich, so kenne ich amerikanische Städte aus Serien wie „Remington Steele“ oder „Hart aber Herzlich“. Alles ist vollgestellt mit exakt rechteckigen Büroklötzen, die eine klobige Skyline bilden.

Das einzig modern aussehende Gebäude ist der neue Apple Store, der mit viel Glas und Bambus schon interessant aussieht.

In den gucke ich mal neugierig rein, gerade sind die „Airpods pro“ erschienen. Oh, die haben sie sogar schon da! Als ich nach einer Probe frage, bekomme ich in dreiwort-englisch die freundliche Antwort, dass das selbstverständlich möglich sei. Ich müsse mich nur hinten anstellen. Ich drehe mich um und sehe gut 20 Leute hinter mir stehen, ganz still und leise. Was für eine Anstehdisziplin!

In Chiyoda liegt auch ein großer Park, und mitten in diesem Park der große Kaiserpalast und die Ruinen der Burg von Edo, wie Tokyo vor Urzeiten mal hieß. In den Palast darf man aber leider nicht rein. Lediglich vom Geländer aus darf man Fotos von Park und Palast machen.

Direkt hinter dem Park, im Viertel Roppongi, liegt das Museum für moderne Kunst. Das Gebäude ist wie eine Welle gebaut und die Fassade ist ganz aus Glas, was es wie eine gläserne Welle aussehen lässt.

Im Inneren geht es spektakulär weiter. Die Lobby ist mehrere Stockwerke hoch und offen, und mittendrin stehen mehre umgekehrte „Kegel“. Brücken verbinden die Kegeloberseiten mit einer Gallerie im dritten Stock, und auf den Kegelstümpfen sind Cafés und Leseecken eingerichtet.

Die Ausstellung „Narratives in Literature“ ist eher meh, und von den ausgestellten Kunstwerken fasziniert mich auf Anhieb keines. Ein Raum voller Paddel hat für mich nur begrenzten Unterhaltungs- und Erkenntniswert.

Viel beeindruckter bin ich, als wir das Museum verlassen und wieder hinaus in die warme Abendluft treten. Es ist bereits dunkel, und das Museum und der Vorplatz sind jetzt festlich illuminiert.

Die Bank aus beleuchtetem Glas fasziniert mich so dermaßen, dass ich darauf zulaufe und nicht auf meine Füße achte. Ich bleibe an einer Kniehohen Absperrung hängen und donnere gegen den Boden des Podests, auf dem die Bank steht. Dooferweise ist die Bank selbst nur ein Kunstwerk und der Podestboden aus Blech, weshalb es laut scheppert, als ich dagegen stolpere. Als ich mich aufrappele und mich umsehe, merke ich, dass mich alle Menschen auf dem Vorplatz anstarren. Naja, egal. Schön ist sie trotzdem, die Bank.

In den Büschen und Bäumen rund um das Museum zirpen Zikaden.

Roppongi ist auch ein Viertel der Reichen und Schönen. Hier leistet man sich gerne Besonderes, zum Beispiel im Deutschen Teehaus!

Auf den Grundstücken stehen Autos von Herstellern und Modellen, von denen ich noch nie was gehört habe.

Es sind oft Kleinstautos und kastenförmige Mikrobusse, die hier rumstehen. Diese „Kei“-Autos sind wirklich winzig. Sie dürfen maximal 3,40 lang sein (deshalb das oft kastenförmige Design) und der Motor darf maximal 660ccm Hubraunm haben – das ist bei einem Vierzylinder pro Zylinder ein Schnapslas. Die Motoren haben zwischen 40 und 70 PS, was in Japan – wo man in der Stadt maximal 40 fahren darf – völlig ausreichend ist. Die kleinen Miniautos sind äußerst beliebt, da der Platz knapp ist und die Wägelchen steuerlich begünstigt werden. Über 40 Prozent der Autoverkäufe in Japan sind Kei-Autos.

Europäische Autos sind ein Zeichen von Luxus und oft deutlich zu groß für die Parkplätze:

Die „Roppongi Hills“ sind eine Ansammlung von Hochhäusern, in denen auch Malls untergebracht sind. Alles abgestimmt auf eine wohlhabende Klientel, neben Geschäften für Luxusartikel gibt es immer wieder Werbung für Schönheitskliniken. Im Dunkeln sind die Hochhäuser und die Kunstwerke davor dramatisch beleuchtet.

Gruselig: Die Installation „Maman“ der Künstlerin Louise Bourgois zeigt eine große Spinne. Die Bronzeskulptur gehört mit 10 Metern Höhe zu den größten der Welt. Es gibt mehrere davon. Diese Maman hier stetht vor dem Mori-Kunsttower, weitere in der Tate Modern in London, der National Gallery of Canada in Ottwawa, dem Guggenheim in Bilbao, dem Leeum Mueseum in Südkorea, dem Crystal Bridges in Arkansas und eine am Convention Center in Doha in Katar.

Als wir über das Gelände gehen, werden wir von einem Mann angesprochen. Ob wir nicht an einer VR-Show teilnehmen wollen, kostet auch nichts, fängt gleich an. Au ja, sitzen hört sich verlockend an, nach einem ganzen Tag auf den Beinen.

Wir werden in eine kleine Arena geführt, in der vermutlich so um die 300 Personen Platz haben, in der außer uns am Anfang aber nur 10 Leute sitzen. Wir werden in der ersten Reihe platziert und bekommen eine Mappe mit einem Fragebogen auf japanisch und englisch, in dem wir befragt werden, wie die Show denn war und ob wir schon Kunde bei NTT Docomo sind. Aha, das hier wird also eine Werbeshow für einen Mobilfunkanbieter.

Was dann folgt, ist mein ganz persönlicher „Lost in Translation“-Moment. In dem Film aus dem Jahr 2003 verschlägt es Bill Murray nach Tokyo, und alles um ihn herum ist so fremd, bizarr und völlig unverständlich, das er sich in sein Hotelzimmer verkriecht. Japan wird in dem Film als etwas dargestellt, dass so weit weg vom westlichen Verständnis ist, dass es nicht mehr zu deuten ist.

Bislang hatte sich für mich Japan als etwas sehr Normales angefühlt. Anders, ja, aber in seiner Andersartigkeit halt auch normal. Das ändert sich, als die Bühne aufleuchtet und ein Moderator aus der Kulisse springt. Er trägt eine Weste und Hose aus Tweet mit großen Karos, was ihm ein schrulliges Aussehen gibt. In der Hand hält er einen Stapel Moderationskarten, die mit einem Metallring zusammengehalten werden. Er lacht dauernd zwischen seinen Sätzen, spricht aber leider nur japanisch. Ich verstehe kein Wort. Dann flammt ein großes Display auf und zweit Comicfiguren erscheinen, beide identisch in Schuluniformen gekleidet, eine rosa, die andere blau.

Der Moderator spricht mit den Figuren, die reagieren und antworten auf ihn – das ist entweder sehr genau gescriptet, oder irgendwo hinter der Bühne sind Schauspielerinnen in Motion Capture Suits, die Bewegungen in Echtzeit übertragen. Ich vermute letzeres. Die Figuren plappern mit dem Moderator um die Wette und singen und tanzen, und ich verstehe, dass das wohl die Hauptdarstellerinnen Xi und Killin heißen und in einer Zeichentrickserie dem Namen „Heart and Algorithm“ sind, die von Docomo produziert wird und die man am Besten über die schnelle 5G-Mobilverbindung von denen Streamen soll. Aha.

Das Geplapper und Getanze zieht sich endlos, und als an einem Punkt der Moderator hinter die LCD-Wand hüpft und dann als schlecht digitalisiertes Abbild seiner selbst direkt mit den Computerfiguren interagiert, will ich schon aufstehen und gehen. Außer mir haben alle einen Heidenspaß, mittlerweile sitzen rund 80 Personen in der Arena und freuen sich und singen und klatschen im Takt der Musik:

Aber dann eilen Helfer herbei und verteilen VR-Headsets. Ich ziehe mir das Headset über den Kopf und erlebe dann das Finale der Show. Anscheinend hat man einige Personen aus dem Publikum fotografiert und diese Bilder dann auf sehr grobe 3D-Modelle geklebt, die nun mit Xi und Kilin Polka tanzen. Wie schlecht ist das denn bitte?!

„Ich sehe nichts“, höre ich Modnerd neben mir grummeln. Als das Finale vorbei ist, sagt er enttäuscht „meine Brille hat nicht funktioniert“. Tja, verpasst hat er nichts, das war alles extrem awkward und wir sehen zu, dass wir so schnell wie möglich aus der Arena kommen.

Später werde ich übrigens herausfinden, warum Modnerds Brille nicht funktionierte. Beim Aufsetzen hatte ich im Headset die große Warnung gesehen „Achtung, was immer sie tun, fassen sie das Headset AUF KEINEN FALL oben rechts an, da ist der Aus-Schalter“. Ich hatte dann ein Foto davon gemacht wie Modnerd sein Headset über den Kopf pfriemelt, und drei Mal dürfen sie raten, wo er es festhält: Oben rechts.

So, jetzt reicht´s aber auch. Der Tag war lang und anstrengend, und seit dem Frühstück haben wir nichts gegegessen. Mit der Metro fahren wir zurück nach Asakusa und kehren bei der Schellrestaurantkette „Peppers“ ein. Deren Spezialität ist das Servieren von fast ungebratenem Fleisch auf sehr heißen Metalltellern. In die Teller kann man Öl gießen, in denen man sein Fleisch so lange selbst anbraten kann, wie man es mag. Das ist sehr lecker, sorgt aber dafür, dass man beim Verlassen des Restaurants nach Bratfett müffelt.

Auf dem Rückweg zum Hostel fällt mir wieder auf, wie breit und leer die Straßen wirken.

Und dann begreife ich, was hier fehlt: Autos! Es ist in Tokyo nämlich verboten, Autos an der Straße ab zu stellen.
Dementsprechend wenig ist auch auf den Straßen los. Als ich auf dem Balkon stehe und über das Viertel von Sumida schaue, in dem das Hostel liegt, ist alles ganz ruhig.

Gar nicht wie in der Großstadt fühlt sich das an, eher wie auf dem Dorf.

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Kategorien: Reisen | 9 Kommentare

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9 Gedanken zu „Reisetagebuch Japan (3): Baumkuchen, Brüste und Igel

  1. Kleine Ergänzung zur Live-Action-VR-360°-5G-Show: So wie ich das verstanden habe, ging es darum, zu bewerben, dass das neue Docomo-5G-Netz so leistungsfähig ist, dass es auch riesige 360-VR-Videos verkraftet, die gleichzeitig an 300 Leute gestreamt werden können. Und damit daraus eine Show wird, muss es live passieren. Und damit es High-Tech ausstrahlt, muss es live gerändertes Anime sein. Alles klar soweit? 🙂

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  2. Ein File ist 404 – ich hoffe da verbirgt sich echter Baumkuchen dahinter. Sonst bin ich auf die Clickbait-Überschrift hereingefallen. 😉

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  3. Modnerd: Danke für die Ergänzung. Das ist uns dann später und nach Recherche aufgegangen, als wir mitten drin saßen, war das nur verwirrend, oder?

    X_Fish: Wunderbare Fischverdoppelung? Egal – Bild ist da, leider kein Baumkuchen, sondern wieder nur Brüste. Interessanterweise hat Chrome mir das Fehlen gar nicht angezeigt.

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  4. Ja, total gaga. Und ich denke mal, dass das auch für japanische Verhältnisse einer eher verquere Aktion war. Wirklich erfolgreich scheint dass alles auch nicht zu sein, die Live-Streams des Ereignisses haben bis heute nur eine Handvoll Zuschauer.

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  5. Die wunderbare Verdoppelung -> musste mich bei WP neu einloggen. Anscheinend wird jetzt mein Nick doppelt eingefügt damit es zu Doppel-D passt. 😀

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  6. Herrlich geschrieben.

    Das AKB48 Cafe hab ich vor 3 Jahren besucht und war etwas erschlagen. Kannte die „Gruppe“ ja schon etwas länger, aber was mir da geboten wurde hat mich erschlagen.

    Zu den Autos in Tokyo, soweit ich weiss musst du, bevor man ein Auto kaufen darf, erst einen Parkplatz besitzen. Das ist in dieser Stadt oft schwieriger und teurer als das Auto selbst.

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  7. Klingt interessant – audiovisueller Overkill?

    Zu den Autos und Verkehrsstatistiken kommt nächste Woche noch was interessantes.

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  8. Ja, Musik, Lichter, Effekte und dann die Mädchen, man stelle sich das übertriebenste Erlebnis vor und packt noch etwas oben drauf.
    Bin gespannt auf nächste Woche.

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