Reisetagebuch Japan (5): Your Name in Kamurocho

Reise durch Japan. Heute begebe ich mich an reale Orte aus fiktiven Geschichten, sinniere über Tankstellen und treibe mich in alten Bordellvierteln herum.

Dienstag, 05. November 2019
Oak Hostel Fuji
Sumida, Tokyo

An diesem Morgen verlasse ich um kurz nach acht alleine das Hostel. Modnerd und ich gehen heute getrennte Wege. Zwar kommen wir uns nicht groß in die Quere, wenn wir zu Zweit unterwegs sind, aber wenn ich für mich bin, habe ich das Gefühl mehr zu sehen und mehr mit zu bekommen, und das will ich heute.

Allein die Möglichkeit, jederzeit und in der eigenen Sprache mit jemandem reflektieren zu können was ich gerade sehe, lässt mich eine Reise weniger intensiv erleben. Vielleicht weil Gedanken, die mir beim Erkunden in den Sinn kommen, gleich durch den Mund wieder den Kopf verlassen. Wenn ich allein bin, bleiben die Gedanken im Kopf und kreisen darin, bis sie für mich kategorisiert und eingeordnet sind und dann irgendwann hier im Reisetagebuch stehen. Wenn ich allein bin, kommen Dinge näher an mich heran, ich tauche in die Welt ein. Bin ich mit anderen unterwegs, habe ich das Gefühl eine Blase um mich herum zu haben, durch die ich weniger mitbekomme. Wie auch immer: Ich mag Reisen mit Modnerd, aber heute freue ich mich darauf den Tag für mich zu haben.


Das ich in Tokyo verschütt gehen könnte, davor habe ich keine Angst. Google Maps hat hier eine Datenqualität die ihresgleichen sucht, und was Google mit diesen Daten anstellt, ist mehr als erstaunlich. Gebe ich ein Ziel ein, zeigt mir die App nicht nur an wie ich mit dem ÖPNV da hin komme, sondern auch wieviel es kosten wird, wie die Auslastung des Zugs um die Zeit normalerweis ist und in welchen Wagen ich einsteigen muss, um beim nächsten Halt möglichst nah am Ausgang anzukommen. Faszinierend!

Ich fahre heute Morgen nach Süden, in Richtung des Hafens, steige ab vorher im Stadtteil Ginza aus. Dort steht der Nakagin Kapsule Tower. Das ist ein etwas skurriles Haus, das hier 1972 gebaut wurde. Das Design dieses 14 Stockwerke hohen Bauwerks ist faszinierend.

Es handelt sich dabei um ein seltenes Exemplar architektonischen „Metabolismus“. Der Gedanke dahinter: Häuser sollen sich „organisch“ an verändernde Lebensbedingungen anpassen können. Der Capsule Tower besteht aus einem Grundgerüst, in das flexibel Wohnmodule eingehängt werden können. Die Module können unterschiedlich ausgestattet sein und, falls jemand mehr Wohnraum haben möchte, miteinander verbunden werden. Das Haus sollte ein Prototyp sein für eine neue Art, Städte bedarfsgerecht und flexibel zu gestalten.

Diese Hoffnung des Architekten hat sich nicht erfüllt, vielleicht auch, weil die vorproduzierten Module von mangelhafter Qualität waren. Wind und Regen schlagen durch spalten zwischen den Modulen, die mit Asbest belastet sind. Dazu kommt, dass die Ver- und Entsorgungsleitungen undicht sind und Teile der Fassade abfallen können – deswegen ist der ganze Turm in Netze gehüllt. 2007 stimmten die Eigentümer für Abriss und Neubau, was aber letztlich durch die Finanzkrise nicht mehr realisierbar war. Trotz aller Mängel, faszinierend ist die Idee des Gebäudes natürlich trotzdem.

Gerne würde ich das Gebäude von Innen sehen. Wenn ich irgendwo rein will wo ich nur begrenzt rein darf, gucke ich normalerweise leicht genervt auf den Boden und gehe zielstrebig und schnellen Schrittes am Pförtner vorbei, gerade so, als hätte ich hier was zu tun und wüsste, wo ich hin muss. Damit kommt man fast überall durch. Bloß nicht aussehen wie ein Tourist. Aber als ich gerade meine genervte Miene aufsetze, sehe ich diesen Aufkleber. Anscheinend hat das Gebäude öfter Besuch von Designfans, weshalb das Betreten des Gebäudes sofort angezeigt wird. Nee, das brauche ich nicht.

Stattdessen mache ich ein paar Bilder vom Äußeren des Gebäudes und laufe dann zum nächsten Bahnhof. Unterwegs fällt mir wieder auf, wie wenig Autos hier unterwegs sind. Ich meine, herrje, Großstadt, kurz vor 09:00 Uhr, und die Hauptstraßen sehen so aus?!

Ich wiederhole es nochmal: 95% des Verkehrs in Tokyo passiert mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Metro hier ist mit 3,1 MILLIARDEN Fahrgästen pro Jahr die am meisten genutzte U-Bahn der Welt. Das sieht man einfach.

Auch die Tankstellen sind anders. Die sind zum Teil in die Erdgeschosse von Gebäuden reingebaut. Es wird kein Platz mit Zapfsäulen verschwendet, stattdessen hängen die Zapfpistolen von der Decke. Ich habe gelesen, dass man an den meisten Tankstellen von Tankwarten bedient wird. Die angeln sich dann wohl irgendwie die Zahpfpistolen von der Decke, ich käme da jedenfalls nicht dran.

Oh, ein Kabuki-Theater.

Mit dem Zug geht es in das Viertel Sugacho. Das liegt etwas westlich des Stadtzentrums Chiyoda und besteht aus vielen, kleinen, zweigeschossigen Häuschen. Wie auf dem Land sieht es hier aus, gar nicht wie in einer Großstadt. Dazu die Stille und der Platz durch die Abwesenheit von Autos, und schon fühle ich mich gar nicht wie in einer 38-Millionen-Metropole.

Wieder fallen mir die oberirdisch verlegten Stromleitungen auf. Vielleicht sind auch noch Telefonleitungen dabei, in jedem Fall kann ich aber auch Glasfaserleitungen erkennen. Die dünnen Glasfaserkabel sind einfach um andere Leitungen herumgewickelt. So einfach bekommt man schnelles Internet in jedes Haus. Nichtsdestotrotz sieht das oberirdische Kabelwirrwarr nach dritter Welt aus. Vor allem auf Fotos, jetzt, wo ich drunter lang laufe, scheint es gar nicht so schlimm.

Warum überhaupt sind in Japan Stromleitungen oberirdisch? Wegen der Erdbebengefahr? Nein, auf keinen Fall. Gerade in Gebieten, die von Erdbeben und Tsunamis bedroht sind, stellen die oberirdischen Leitungen eine erhöhte Gefahr dar. Nicht nur, dass bei einer Naturkatastrophe die Masten umfallen und die Starkstromleitungen reißen können, an vielen Masten hängen auch noch Transformatoren. Die sind groß wie Regentonnen und mit Öl gefüllt – eine erhebliche, zusätzliche Gefahr! Und keine theoretische, 1995 kamen in Kobe bei einem Erdbeben 6.000 Menschen ums Leben, ein großer Teil davon durch umfallende Strommasten oder Verletzungen durch Elektrizität. Wären Kabel unterirdisch verlegt, bestünde kaum eine Gefahr. Wenn sich nicht gerade ganze Erdspalten auftun, sind Kabel in der Erde sicher.

Nein, der Grund für die oberirdischen Leitungen ist schlicht: Geld. Es ist um den Faktor 5 bis 10 Mal teurer, ein Kabel unterirdisch zu verlegen, als wenn man es einfach an einen Mast nagelt. Das man in Zeiten des Klimawandels, in denen immer öfter Fluten und Stürme die Stromversorgung in Japan lahmlegen, dieses Geld aber mal investieren muss, hat die Regierung mittlerweile eingesehen und Förderprogramme aufgelegt, um die Kabel unter die Erde zu bringen.

Ich spaziere im Sonnenschein durch dieses gemütliche Viertel, bis ich an einen Schrein komme. Daran vorbei, hier rechts, da links und schon stehe ich vor einer Treppe. Kennt jemand den bezaubernden Film „Your Name“? Das hier ist die Treppe, an der sich die Protagonisten finden.

So sah das im Film aus:

Ich bin nicht der einzige, der sich für den Film so interessiert, dass er diese Treppe sucht. Neben der Treppe lungern schon etliche Leute herum und warten darauf in Ruhe Fotos machen zu können, ohne Leute drauf, die gerade Fotos machen.

Auf der Treppe sitzen gerade zwei japanische Mädchen und machen Quatsch und Selfies. Nach fünf Minuten geht eine Amerikanerin auf sie zu und meint „Seid ihr bald fertig? Hier warten schon Leute“. Die Japanerin guckt erschrocken, als sie die kleinen Gruppen von jeweils drei bis fünf Leuten wahrnimmt, die alle ein Bild mit DER Treppe wollen. Allerdings ohne sie darauf. „Nur noch eins mehr“, sagt eine der Japanerinnen schnell, knipst noch 18 Bilder und macht sich dann aus dem Staub.

Als die beiden weg sind, machen zwei Franzosen ihre Bilder, dann wirft sich die Amerikanerin in Pose und wird gleich von drei männlichen Begleitern fotografiert. Influencerin mit eigenem Produktionsteam? Vielleicht.

Als sie fertig sind, zuckelt ein dicker Ami nach. Er guckt dullig, schlurft die Treppe hinauf und stellt ein Stativ mit einem Smartphone auf. Dann springt agil und lachend die Treppe hinunter, aber kaum ist er an der Kamera vorbei, guckt er wieder dullig und schlurft zurück. Als er weg ist, kann ich endlich ein Bild machen. Fast ohne Influencer darauf.

Ich schlendere durch ein schönes Wohnviertel, dann fahre ich noch einmal nach Akihabara, wo wir am ersten Tag schon waren, und gucke noch einmal durch die Kaufhäuser.

In aller Ruhe stromere ich an den endlosen Regalen mit tausenden von Actionfiguren und Spielzeug entlang und stoße auf unter anderem auf olfaktorisches Branding. Davon hatte ich bislang nur gelesen, hier erlebe ich es hautnah: Die Aufsteller mancher Marken sind mit Gerüchen versehen. Sobald man einen bestimmten Geruch wahrnimmt, soll man daran denken. Der Begriff „Duftmarke“ ist hier ganz neu definiert. Ob dieses Geruchsbranding funktioniert? Vermutlich. Aber es nervt wie Sau, wenn es alle paar Meter intensiv nach etwas anderem stinkt.

Die Geschäfte haben übrigens alle eine kleine Grundfläche im Erdgeschoss, aber verteilen sich dann über mehrere Stockwerke, Statt ein Mal 100 Quadratmeter besteht ein japanisches Geschäft hier aus fünf mal 20 Quadratmeter – in fünf Etagen übereinander, verbunden mit winzigen Rolltreppen.

Ein paar lustige Entdeckungen: Ein Bad-Ass-Pommesgabel-Vader…

… UFO-Catcher-Maschinen, die sich großer Beliebtheit erfreuen…

…Coin Locker in den Straßen existieren wirklich…

…und das es an den Toiletten Hinweise gibt, das man hier doch bitte nicht Stundenlang rumhocken soll.

Ich lerne, das es völlig normal ist, das Kaufhäuser, die groß mit „DVD“ an der Hausfront werben, ein sehr breites Angebot haben und „DVD“ durchaus ein Sammelbegriff für harten Schmuddelkram ist.

Im Erdgeschoss der Kaufhäuser gibt es Bücher zu kaufen, im ersten Stock Kartenspiele, im zweiten Stock Actionfiguren und Kinderspielzeug, im dritten Stock 3. Stock „DVDs“ – allerdings keine Spielfilme, sondern auf Hunderten von Regalmetern härteste Pornos á la „pissende Schulmädchen Teil 8“ oder „Gangbang mit dem Tentakelmonster“. Uäh. Genauso normal ist es, das eine Buchhandlung im Erdgeschoss Kinderbücher verkauft, im Keller aber härteste Hentais.

Das ist teils hart unappetitlich. Hunger habe ich trotzdem, es ist mittlerweile früher Nachmittag. Ich kaufe mir in einem Family Mart ein „Steamed Bun with Pizza“, finde jedoch keinen Ort, um es zu verzehren. Während des Gehens auf der Straße zu Essen oder zu trinken wird in Japan ähnlich bewertet wie urinieren mitten auf die Straße: Das macht man einfach nicht. So einige andere Sachen macht man auf der Straße auch nicht, zum Beispiel laut Niesen oder sich schnäuzen. Das ist auch ganz, ganz schlimm und wird mit Abscheu quittiert. Nase hochziehen ist okay, aber in ein Taschentuch schnäuzen, niesen oder herzhaft husten? Niemals! Man nimmt immer Rücksicht auf andere, und dazu gehört auch, dass man seine Keime bei sich behält. Deshalb tragen auch so viele Asiaten einen Mundschutz. Weil sie sich selbst nicht ganz auf dem Posten fühlen oder tatsächlich erkältet sind und niemanden anders anstecken wollen. Gut, manche tragen die Maske auch, weil sie sich gerne mal verstecken oder keine Lust haben sich zu schminken, aber es geht nie darum mit der Maske sich selbst vor Viren zu schützen. Es geht um die anderen.

So, wo esse ich denn jetzt?

Sitzgelegenheiten gibt es hier keine, also verdrücke ich mich in eine Hinterhofgasse, wo schon andere Männer stehen und verschämt eine Kleinigkeit essen oder schnell eine rauchen. Unnötig zu erwähnen, das auch die Hinterhofgassen picobello sauber sind.

Steamed Bun ist übrigens labberiges, gedämpftes Brötchen mit Füllung.

Ist übrigens erstaunlich: Zwischen den fünfgeschossigen Gebäuden stehen immer wieder gammelige Hütten.

Die Verpackung des Steamed Buns loszuwerden ist übrigens unmöglich, denn es gibt keine Mülleimer in den Straßen. Nachdem die Aum Sekte 1995 das Giftgas Sarin in Mülleimern versteckte, hat es einen Volksentscheid dafür gegeben öffentliche Mülleimer abzuschaffen. Seitdem schleppen alle brav ihren Müll von unterwegs mit nach Hause. Ich bin darauf vorbereitet und habe Müllbeutel eingepackt.

Für Touristen ist die einzige Chance Müll loszuwerden die ohnehin lebensrettenden Conbinis. Neben Fertigessen, Geldautomaten und Toiletten haben Conbinis auch Mülleimer. Getrennt wird der Müll dort nach „Brennbar“ und „nicht brennbar“.

Obwohl es keine Mülleimer gibt, sind die Straßen sauberer als in der Schweiz. Ja, ich hätte auch nicht gedacht, dass das möglich ist.

Nachdem ich noch ein wenig durch Akihabara gewandert bin, nehme ich den Zug nach Shinjuku. Dort steige ich am Bahnhof aus und gehe ein paar Schritte eine belebte Straße entlang und unter einer Unterführung durch, und dann sehe ich es: Das berühmte rote Tor, der Eingang zum Vergnügungsviertel Kabukichō.

Seit mehr als 10 Jahren gibt es die „Yakuza“-Spiele auf Playstation Konsolen. Darin spielt man einen Ex-Gangster, der allerlei Abenteuer erlebt. Die finden fast gänzlich in „Kamurocho“ statt, einem fiktiven Vergnügungsviertel in Tokyo. Nun mag Kamurocho fiktiv sein, aber modelliert wurde es nach dem real existierenden Stadtteil Kubichko, und DER liegt gerade vor mir. Das rot blinkende Tor ist der Eingang zu einer belebten Fußgängerzone. Die Wände sind gesäumt mit blinkenden Leuchtreklamen.

Modnerd und ich waren am zweiten Tag unserer Reise schon hier, nun tauche ich alleine in das Vergnügungsviertel ein, dessen virtuelles Abbild ich seit einem halben Jahr auf der Playstation erkunde. Das Gefühl ist überwältigend. Es ist, als ob ich durch das Computerspiel laufe. Die Aufteilung der Straßen ist zwar etwas anders, aber es sind die vielen Details, die einfach das Wesen des Viertels ausmachen, und die in der virtuellen Fassung genau stimmten!

Kleine, mit Fliesen versehene Häuser haben Aufzüge auf Straßenhöhe, die Besucher in Bars in höheren Stockwerken bringen. Aus Medien und Spiel weiß ich, dass diese „Bars“ teils kaum größer sind als ein kleines Wohnzimmer und teilweise nur aus einem Tresen und fünf Barhocker bestehen.

An den Eingängen mancher Bars hängt der Hinweis „Japanese only“. Das ist gelebter Alltagsrassismus, der darin begründet ist, das viele dieser Minibars von ihren „Regulars“ leben – Büroarbeitern, die nach einem langen Arbeitstag in „ihre“ Bar auf „Ihren“ Barhocker fallen und dort den Abend vor einem Drink verbringen. Hätte man in den Winz-Etablissements jetzt auch noch Laufkundschaft durch Touristen, würde man diese Regulars vergraulen, so die Befürchtung.

Hier ist im Yakuza-Spiel der Eingang zur Bar „Serena“.

Im Spiel steht in der Mitte von Kamurocho ein Hochhaus, der Millenium-Tower. In der realen Welt steht hier auch ein Hochhaus, ein Hotel mit einem Multiplex-Kino.

Auf der Fassade guckt ein Godzilla über eine Dachkante.

Vor dem Kino steht Terminator 2 Promo. Der neueste Teil, „Dark Fate“, läuft gerade an. Ich überlege kurz, ob ich ins Kino gehen soll – das mache ich auf Reisen ganz gerne mal – aber dann fällt mir ein, dass ich nicht weiß, ob Filme in Japan synchronisiert werden und ich in dem Fall vermutlich nichts verstehen würde. Schwarzenegger japanisch sprechen zu hören wäre sicher lustig, aber das Geld und die Zeit nicht wert.

Ich fahre in die Lobby des iMax-Kinos und schaue von oben auf Kabukichō.

Dann setze ich mich hin, um mal die Beine zu entspannen. Neben mir sitzt eine Frau, die vor sich hinmurmelt. Eine Obdachlose, bis auf den etwas unpassenden Pelzmantel sieht sie aber ganz normal und sehr gepflegt aus. Auch das ist in Japan Bestandteil der Kultur. Wenn man auf Parkbänken Männer mit Aktentasche und Anzug schlafen sieht, können das überarbeitete Büroarbeiter sein – oder Obdachlose, die sich so kleiden, um nicht als solche erkannt zu werden.

Es wird dunkel, die Leuchtreklamen erwachen zum Leben, und jetzt wird Kamurocho… äh, Kabukichō, erst richtig interessant.

Ich nutze die Gelegenheit und vergleiche Kabukichō mit dem fiktiven Kamurocho. Die Übereinstimmungen sind manchmal tatsächlich hoch, manchmal nur gefühlt. Die nachfolgenden Vergleichsbilder stammen aus dem „Yakuza“-Spin-Off „Judgment“.

Das Tor zu Kabukichō in der Realität:

und im Videospiel:

Die Hauptstraße in der Realität:

Und im Spiel:

Die Straße ist gesäumt von leuchtenden Werbeschildern auf den Gehwegen und Ausrufern, die für Bars und Restaurants werben.

Der legendäre Kramladen „Don Quichote“ virtuell:

…und in der Realität:

Mit den Begrifflichkeiten kommt man hier allerdings schnell durcheinander. So wird zum Beispiel für das „Robot Café“ geworben, aber das ist gar kein echtes Café. Vielmehr handelt es sich bei dieser größten Attraktion von Kabukichō um eine Art Varieté-Aufführung, die rund 90 Minuten dauert und bei der zu Technomusik Fantasieroboter über einen Laufsteg gefahren werden, auf denen junge Frauen herumturnen.

Immer wieder entdecke ich Ecken, die ich aus den Yakuza-Spielen kenne. Wie diese Ecke im Hotel District. Das sind Liebeshotels, in die sich Paare stundenweise zurückziehen können, um miteinander intim zu werden. „Ausruhen“ wird das genannt und kostet 5.000 Yen, rund 40 Euro. Wer will, kann auch eine Nacht dort verbringen und zahlt dann 75 Euro.

Hier ist der Eingang zur Bar Serena…

… Gasse hinter der „Serena“…

…dort der Millenium Tower…

…und hier der Parkplatz hinter den Werbeplakaten.

Auch das Baseball-Center gibt es.

Auch der Theatre Place aus den Spielen hat eine reale Entsprechung.

Von Plakaten glotzen fürchterlich verphotoshoppte Gesichter herab. Frauen, die aussehen wie Puppen, mit lächerlich großen Augen und alienhaften Gesichtszügen. Das sind Hostessen.

Ausrufer machen auf Cabarets aufmerksam, in denen die Hostessen arbeiten. Die haben aber nichts mit einem Kabarett zu tun, und Aufführungen von Tanz und Musik gibt es da auch nur in den wenigsten Fällen. Es handelt sich bei japanischen Kabaretts um Bars, in denen man sitzen und auch eine Kleinigkeit essen kann. Das besondere: Man kann sich eine Hostess dazu mieten. Hostessen sind Gastgeberinnen, im Wortsinn. Sie müssen nicht nur gut aussehen, sie müssen vor allem gut in Konversation sein und den Besuchern das Gefühl geben, verstanden zu werden. Hostessen sind, wenn man so will, die modernen Nachfolgerinnen von Geishas. Manche Hostessen sind kleine Berühmtheiten und mit ihrer Arbeit zum „Idol“ und reich geworden.

Mittlerweile hat es auch hier Gleichberechtigung gegeben. Ich sehe überall Plakate mit männlichen Hosts, die von weiblichen Publikum gemietet werden können.

Das älteste Viertel von Kabukichō ist das „Golden Gai“. Das sind einige enge Gassen, zwischen ein-, maximal zweigeschossigen Häuschen. Die Häuschen selbst sind teils Bretterbuden, zum Teil windschief aus Backstein zusammengekloppt.

Das Golden Gai bei Tag und aus der Luft wirkt wie eine Ansammlung von Wellblechhütten.

Bild: Google Maps 2020.

Früher waren das alles Bordelle, aber seit Prostitution in Japan verboten ist, wurde das Golden Gai zum Barviertel. Die sind alle winzig und haben nicht mal ein halbes Dutzend Sitzplätze. Manche erheben eine Grundgebühr, dafür sind die Drinks billiger, andere haben teurere Drinks, aber dafür keine Tischgebühr.

In den „Yakuza“-Spielen heißt dieses Viertel „Champion District“, und tatsächlich entdecke ich am Eingang eine „Bar Champion“. Jetzt weiß ich, woher die Entwickler den Namen haben!

Im Yakuza-Spiel sieht das alles so aus:

Strom- und Telefonkabel sind allesamt oberirdisch, und die sonstigen Installationen sind abenteuerlich: Strom- und Gaszähler sind an den Außenwänden verlegt.

Angst hier allein in den dunklen Gassen herumzulaufen habe ich übrigens nicht. Tokio ist die sicherste Stadt der Welt. Hier kann einem nichts passieren, obwohl so gut wie nie Polizisten auf der Straße zu sehen sind. Seltsam. Aber es ist ja auch eine unglaublich saubere Stadt, obwohl es keine Mülleimer gibt. Muss wohl Zauberei sein.

Bis 18:00 Uhr streife ich durch Kubichko. Alles kommt mir bekannt vor, jede Ecke fühlt sich vertraut an. Ich habe großen Respekt vor der Leistung der „Yakuza“-Videospielentwickler, dass sie es geschafft haben, die Essenz dieses Ortes so genau einzufangen.

Dann fahre ich zurück nach Asakusa, esse noch einmal wie am ersten Abend Ramennudeln mit Ei und laufen dann zurück zum Oak Hostel Fuji, wo ich nach einer Dusche meine Sachen packe. Als ich gerade fertig bin kommt Modnerd rein. „Na?“, sagt er. „Na“, sage ich. „Guter Tag!“ – „Ja, bei mir auch“. Mehr Worte braucht es nicht. Ich ziehe den Reissverschluss des Rucksacks zu. Morgen verlassen wir Tokyo.

Fünf Tage waren wir jetzt hier. Und erst jetzt, am letzten Abend, entdecken wir ein bis dahin zugezogenes Fenster im Zimmer. Als wir den Vorhang öffnen, sehen wir den Skytree.

Tour des Tages: Von Sumida, wor die Homebase war, nach Südosten zum Capsule Tower, dann nach Westen zur „Your Name“ Treppe und dann nach Nordosten, nach Akihabra und Shinjuku mit Kubicho.
Bild: Google Maps 2020.

Kategorien: Reisen | 10 Kommentare

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10 Gedanken zu „Reisetagebuch Japan (5): Your Name in Kamurocho

  1. Danke fürs Mitnehmen!

    Nur eine Anmerkung… Wie heißt das Viertel jetzt wirklich? Bin verwirrt. Du hast verschiedene Schreibweisen, wovon welche auch einer Autokorrektur geschuldet sein können, auf der Hauswand heißt es Kabuki-cho, was für mich Sinn machen würde, da -cho sowas wie Viertel heißt glaube ich.

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  2. Endlich mal wieder ein Teil des Reisebericht,s den ich auch kommentieren kann, weil ich an dem Tag nicht dabei gewesen bin 😉

    Ich habe es übrigens auch genossen, mal einen Tag für mich zu haben. Für mich ist der große Unterschied beim Alleinereisen/-erkunden, dass ich nicht an jeder Straßenkreuzung, jede „Was mache ich jetzt“-Entscheidung reflektieren muss. Nicht, dass das jemals ein Problem zwischen Herrn S. und mir gewesen wäre – es ist einfach schön, diese vielen hundert einzelnen Entscheidungen vollkommen aus dem Bauch treffen zu können und „erratisch“ unterwegs zu sein.
    Ich habe mir an dem Tag ganz viel moderne Architektur angesehen, bin auf Dachgärten und Hochhäuser geklettert und habe das Foyer des Theaters von innen gesehen:

    Faszinierend finde ich bei den Animes bzw. mindestens hier bei „Your Name“, wie präzise die realen Orte wiedergegeben werden. Da ist das kleine Metallgitter unten links bei der Treppe genauso im Film vorhanden, wie das Grünzeug was darauf wächst und sogar die Form des Bewuchses stimmt überein!

    Das Kapselhaus war übrigens eines der Bauwerke, das mich vor 25 Jahren dazu gebracht hat, unbedingt einmal im Leben nach Tokyo zu reisen. Schade, dass der Zustand so schlimm ist und da vermutlich auch nichts besser wird (ich bin an dem Tag etwas später ebenfalls dort gewesen). Derartig runterbekommende, moderne Gebäude sind ja schon an sich in Tokyo eher ungewöhnlich. Wirklich schade.

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  3. Danke für den Hinweis! Du hast völlig recht, ich habe hier die Silben verdreht. Es heißt natürlich Kabukichō. Autokorrektur ist unschuldig, das habe ich ganz selbst verpaddelt 🙂
    Ist korrigiert.

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  4. @modnerd: also ich würde auch gerne drine Kommentare lesen, wenn du dabei warst. Oder gibt es dich extra wo zu lesen und ich habe das bisher verpasst?

    @beide: allein reisen ist schon schön 🙂 eben wegen der vielen kleinen Entscheidungen, die man ganz ohne Einbeziehung irgendjemand anderes treffen darf/muss. Da steh ich noch immer drauf, auch wenn ich gerne auch in Gesellschaft reise. Nur manchmal bin ich auch mit mir ganz alleine überfordert, wenn es um Entscheidungen geht, und dann mache ich gar nichts davon oder was ganz anderes, meinst unbefriedigenderes. Vor allem beim Essen passiert mir das oft. Kennt ihr das?

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  5. Kalesco: Zu hören gibt es was von Modnerd. Unter schoene-ecken.de gibt es drei Folgen zu Japan.

    Das ich so viele Optionen habe, dass ich am Ende gar nicht weiß was ich machen soll und dann gar nichts tue, das hatte ich tatsächlich noch nie. Ich gehe nur im Zweifel nicht essen sondern nutze die Zeit anders. Das ist auch das, worauf ich beim Reisen mit anderen immer achten muss – das die regelmäßig Pausen zur Nahrungsaufnahme brauchen.

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  6. In mir versärkt sich das Gefühl von, ich will endlich wieder hin. Sehr schön geschrieben!

    Was die Sauberkeit angeht, da können viele was von den Japanern abschneiden. Wobei, ist dann schon nicht überall so. Aber besser als die Schweizer machen sie es auf alle fälle, hier (in der Schweiz) schaffen es ja nicht mal alle ihren Müll in die Mülltonne zu werfen die 2m weiter steht.

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  7. @kalesco Ja, ich kenne das Gefühl sehr gut. Gerade beim Essen gehen. Manchmal lasse ich daher andere für mich entscheiden.

    Konkret sind es diese drei Folgen:
    https://schoene-ecken.de/2020/02/13/se-228-japan-teil-1-osaka/
    https://schoene-ecken.de/fotos/fotogalerie-japan-teil-2-tokio-se-229/
    https://schoene-ecken.de/2020/03/12/se-230-japan-teil-3-kyoto-umland/

    Aus Gründen ist die Reihenfolge anders als das Tagebuch nicht ganz chronologisch.

    Gefällt 2 Personen

  8. Thom

    Von dem Capsule Tower hatte ich noch nie was gehört. Aber es erinnert mich stark an unsere Metastadt, die wir mal hatten. Da hat der Architekt wohl gut geklaut. 😉 Dieses Gebäude war aber auch sehr problematisch, deshalb ist es Geschichte.
    http://www.wulfen-wiki.de/index.php/Metastadt

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  9. Thom: Das ist ja interessant! Von dieser „Metastadt“ hatte ich vorher noch nie was gehört!

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  10. Thom

    Ist ja auch ein bisschen von dir entfernt. Wir haben aber noch ein paar 70 Jahre Bausünden. Such mal auf der Seite nach Habiflex.

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