Reisetagebuch Japan (14): Kriminelle Rehe und das frustrierendste Getränk der Welt

Reise nach Japan. Nach der schweren Kost in der letzten Folge geht es heute um Vereinigungen verbrecherischerer Rehe, eine gepflegten Torkelei über eine Insel mit tödlicher Fauna und eine der dümmsten Produktverpackungen der Welt.

Mittwoch, 13. November 2019, Hiroshima

Modnerd hat schlechte Laune. „Das war nur eine 6 von 10 Nacht“, klagt er beim Aufstehen und hebt zu einem großen Lamento an: Durch das Fenster zog es kalt rein, das (Doppel)bett war zu kurz und zu eng und das Schlimmste: Seine SIM ist gedrosselt, nachdem er in Kyoto darüber Netflix für 20 GB geguckt hat, weil das Hotel-WLAN nur SD-Qualität geliefert hat. Anscheinend heißt bei dem Provider, von dem wir unsere Travelsims haben, „unbegrenztes Datenvolumen“, dass man nach 20 GB auf eine nicht mehr sinnvoll nutzbare Geschwindigkeit gedrosselt wird. Japan und Deutschland haben eben viele Gemeinsamkeiten.

Ich habe auch unruhig geschlafen, aber nicht wegen gedrosseltem Datenvolumen, sondern weil ich tierische Halsschmerzen habe und dauernd Husten muss. Vermutlich hat das maßgeblich zu Modnerds schlechter Nacht beigetragen. Sorry, Kumpel. Ich habe mir das auch nicht aussuchen können, ausgerechnet während einer Reise krank zu werden.

Nach einem Instantkaffee und seltsamen Kuchenzeug aus dem Conbini gurgele ich nochmal mit desinfizierender Salzlösung, dann geht es los. Wir laufen durch das morgendliche Hiroshima und bewundern, wieder einmal, die Detailverliebtheit der japanischen Kultur. Zum Beispiel deren Kanaldeckel.

Natürlich begegnen uns auch heute Morgen wieder deutsche Wörter, die die Japaner einfach nutzen, weil sie sie schön und cool finden:

Hiroshima selbst liegt am Nordende eines Küsteneinschnitts und wird von Flüssen durchzogen. In der Bucht vor der Stadt liegen mehrere Inseln. Die bekannteste davon ist die heilige Insel Miyajima, und die wollen wir uns heute ansehen.


Mit einer kleinen Bahn geht es vom Hauptbahnhof von Hiroshima einmal nach Südwesten an der Küste entlang bis nach Miyajimaguchi. Dort steigen wir aus dem Zug aus und laufen den anderen Touristen hinterher, die heute Morgen schon in Scharen unterwegs sind.

Nach wenigen hundert Metern kommen wir an ein Fährterminal.

Ein Boot von Hiroshima City, das am Friedensmemorial ablegt, kann bis zu 20.000 Yen kosten, das sind aktuell rund 160 Euro. Diese Fähre dagegen ist für uns kostenlos. Sie wird von Japan Rail betrieben und ist daher im Railpass enthalten.

Die Fahrt dauert keine zehn Minuten, dann sind wir an der Pier der heiligen Insel. Von hier geht eine breite Strandpromenade ab und führt zu den heiligen Schreinen, nicht ohne vorher einen Umweg durch eine Ansammlung von Andenken- und Fressbuden zu nehmen.

Als wir an Land gehen, werden wir schon mißtrauisch beäugt. Rehe liegen in den Rabatten herum und tun so, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Dabei sind die Rehe von Miyajima als höchst druchtrieben bekannt. Sie belästigen Touristen und Einwohner, pöbeln herum, fressen alles was einem lieb und teuer ist, sie betrinken sich sinnlos, marodieren durch Einkaufsstraßen und verlangen Schutzgeld.

Die geneigten Leser mögen nun annehmen ich übertreibe, aber das Gegenteil ist der Fall. Hier die Beweisfotos.

Dieses Reh hier späht die Ankommenden aus und gibt seinen Kumpels im Hintergrund versteckte Signale, bei wem sich ein zugreifen lohnt.

Dieser arme Mann hier hat die Herausgabe von Geldbörse, Schmuck und Süßigkeiten verweigert, deshalb beißt ihm das Reh gerade die Genitalien ab.

Die Rehe von Miyajima erpressen Schutzgeld von den kleinen Geschäftsleuten. „Schönes Geschäft haben sie hier, wäre doch schade, wenn keine Touristen hereinkommen würden, weil ein Reh im Eingang liegt“.

Weigert sich ein Ladenbesitzer zu zahlen, lauern die Rehe ihm in Gruppen auf und verhauen ihn.

Die Rehe lassen nichts aus, angefangen bei Taschendiebstahl…

…bis hin zum Vertrieb von gepanschtem Alkohol.

Wirklich, vor den Rehen von Miyajima muss man sich hüten. Ist man nur einen Moment abgelenkt, werden sie einen bestehlen und alles fressen, was einem lieb und teuer ist. Alles.

Dieses Reh ist so verfressen, dass es versucht sich selbst zu essen.

Auf Schildern wird sogar vor Rehen gewarnt, die sich als Großmutter verkleiden und dann versuchen einen zu fressen.

Das sind sie, die toten Augen des Bösen:

Modnerd und ich gehen der pöbelnden Fauna weiträumig aus dem Weg. Der Hafenort besteht anscheinend aus mehreren Einkaufsstraßen, deren Geschäfte gerade erst erst öffnen. Alle Straßen führen zu einem großen Schrein, vor und in dem sich enorme Schlangen gebildet haben. Nein, da müssen wir nicht rein. Was wir aber unbedingt sehen müssen ist das Tor von Miyajima, das vor dem Itsukushima-Schrein steht. Das Ist weltberühmt und praktisch auf jedem Werbeprospekt von Japan zu sehen. Die Ansicht kennt wirklich jeder. Normalerweise sieht es so aus:

Bild: Jordi Meow, CC 3.0 BY SA NC

Aber heute sieht das berühmte Tor… so aus:

Frustriert beschließen wir, uns den anderen Sehenswürdigkeiten der Insel zu widmen. Das Aquarium gehört heute für uns nicht dazu. „Wer weiß, ob die Hauptdarsteller der Delphinshow nicht direkt danach zum Frühstück gegessen werden?“, sage ich und muss über dieses blöde Witzchen kichern. Nein, ich bin echt noch nicht wieder so ganz auf dem Posten.

Wir wollen auf den Berg Misen. An der Zufahrt zum Berg verkauft ein Mann Tickets für die Seilbahn, die kosten aber fast 20 Euro das Stück.

Modnerd guckt auf ein Schild und sagt: „Ach komm, nur 2,5 Kilometer bis zum Gipfel, das schaffen wir“. Er schafft das bestimmt, bei mir bin ich da aber nicht so sicher, mit meiner Erkältung und so. „Das sind 2,5 Kilometer auf denen es 500 Meter nach oben geht.“, sage ich. „Ist das viel?“, fragt Modnerd. „Ja! Das ist viel“, sage ich.

Die Steigung muss heftig sein. Ich bin zwar fieberfrei und die Salzgurgelei hat auch gegen die Halsschmerzen ein wenig geholfen, aber noch immer ist mein Hals dick geschwollen, ich krieg schlecht Luft und muss mit meiner wenigen Energie haushalten.

„Wir gehen einfach los, und wenn es zu heftig wird, kehren wir um“, sagt Modnerd. „Na gut“, sage ich. Wohl wissend, das er mich jetzt nach Kyoto zum zweiten Mal rangekriegt hat, denn wenn ich einmal unterwegs bin, gebe ich mich ungern geschlagen. Keinem Berg, keinem Turm und auf was man sonst noch so draufklettern kann: Wenn ich einmal angefangen habe auf etwas drauf zu klettern, gebe ich mich nicht mehr geschlagen.

Die ersten Meter des Weges sind sehr schön. Es geht unter roten Ahornbäumen entlang, die in der Sonne leuchten und über kleine Holzbrücken, die über lieblich gurgelnde Flüsschen führen.

Am Wegesrand verkaufen ein paar Marktfrauen Andenken und Erfrischungen.

Ich traue meinen Augen nicht: Hier gibt es das frustrierendste Getränke der Welt zu kaufen!

Glückes Geschick! Hier, auf der heiligen Insel, habe ich endlich gefunden, was ich schon so lange suche: Ramune Soda. Ich kaufe die letzten beiden Flaschen und sage zu Modnerd: „Wenn wir das heute schaffen, gibt es zur Belohnung nachher das frustrierendste Getränke der Welt“. Dann beginnen wir gut gelaunt den Anstieg.

Dreißig Minuten später verfluche ich mich dafür, nicht die Seilbahn genommen zu haben. Der Weg ist zweifellos wunderschön, er führt durch einen Urwald und entlang eines Bachbetts, aber er ist unsäglich anstrengend. Der Pfad besteht praktisch nur Stufen. Nun ist Treppen steigen an sich schon unschön, aber diese Stufen sind bis zu 40 Zentimeter hoch und bestehen teilweise aus Natursteinen oder aus Trümmern von Betonschwellen, die zerbrochen und schief in der lehmigen Erde stecken. Zum Glück macht meinem Schuhwerk das nichts aus, wie immer trage ich die Trekkingschuhe, die sowohl in der Oper als auch am Berg gehen.

Aber der Rest meiner Klamotten ist für dir Rumkraxelei hier ungeeignet. Die Jeans ist ohnehin zu eng geschnitten und klebt mir schon am Körper, genau wie das Hemd. Das Backpack ist für die Stadt gemacht und überhaupt nicht atmungsaktiv, darunter steht der Schweiß. Es ist ohnehin warm, über 20 Grad, die Sonne bretzelt vom Himmel und die Luftfeuchtigkeit muss sehr hoch sein, zumindest fühlt sich das alles hier total tropisch an. Mir läuft der Schweiß in Strömen über Gesicht und Körper, und ich habe das Gefühl, ich habe keinen trockenen Fitzel mehr am Körper und kann mich in den klitschnassen Klamotten kaum noch bewegen.

So steil wie der Weg begonnen hat geht er auch weiter. Immer öfter muss ich innehalten um zu verschnaufen. Nur noch vereinzelt treffen wir jetzt auf andere Touristen. Die sind wesentlich besser auf den Aufstieg vorbereitet als wir, die laufen alle in Funktions-Spandexklamotten durch die Gegend, haben Sonnenbrillen und Caps und Stöcke dabei.

Im Vorbeigehen grüßt man sich. „Konnichi-Wa!“ – rufen die Spandexleute. „Moin, wir sind die Doofen!“, möchte ich antworten.

Ich kämpfe gegen den steilen Anstieg und schnaufe und huste und quäle mich langsam voran, alle paar Schritte muss ich stehenbleiben, wie so ein alter Mann. Klar, ich bin auch nicht fit und schleppe ein par Kilo zu viel mit mir rum, was zu viel Schreibtischarbeit und zu wenig Bewegung geschuldet ist, aber aktuell habe ich echt das Gefühl, überhaupt keine Kraft mehr zu haben.

Bild: Google Maps 2020.

Gefühlt müssten wir schon drei Mal am Gipfel sein. Sind wir aber nicht, im Gegenteil, es geht kaum voran. Ich sehe ein Schild „Gipfel: 1,5 Kilometer“, dann klettern wir eine Viertelstunde lang diese überdimensionierten Treppenstufen hoch, dann kommt ein Schild „Gipfel: 1,4 Kilometer“.

Nach einer Stunde Kletterei treffen wir auf das Niveau der Seilbahnstation, aber damit ist es noch nicht vorbei. Der Gipfel liegt davon noch 700 Meter entfernt. Könnten genauso gut 700 Kilometer sein.

Ich schnaufe und keuche den Berg hoch, mißtrauisch beäugt von den Touristen, die gerade mit unverbrauchter Energie aus der Seilbahn gehüpft sind und nun stracks den Bergpfad hochmarschieren, der jetzt ein echter Weg ist, und keine Treppe mehr.

Nach weiteren dreißig Minuten Gedrängel auf dem schmalen Bergpfad sehe ich Licht am Ende des Himmels. Aber wieder falsch, es ist wieder nur ein Plateau, dieses Mal mit Tempeln und Schreinen. Aus irgendeinem Grund stehen überall kleine Steinmönche herum, mit Häkelmützen. Damit sehen sie aus wie die Mainzelmännchen.

Zum Gipfel sind es weitere 300 Meter Stufen steigen. Kurz vor dem Gipfel macht mein Kreislauf fast schlapp. Ich lehne mich gegen eine warme Felswand und warte, bis der Schwindel vorbei ist. Zum Glück liegt hinter nächsten Biegung das Ziel, ein großes Steinplateau mit einem Aussichtsturm.

Der Ausblick auf Hiroshima und die umliegenden Inseln ist sehr toll.

Dann geht es wieder runter. Der Weg hinab ist nicht ganz so schlimm, geht aber trotzdem auf die Beine. Die Stufen sind meist nicht ganz so hoch wie beim Aufstieg, trotzdem braucht es einen Menge Kraft hier hinab zu gehen.

Am Wegesrand stehen manchmal steinerne Pfosten, auf denen die Leute Geld abgelegt haben. Klar, Kleingeld in Japan ist die Seuche, das vermehrt sich von selbst im Portemonnaie und man wird es nicht mehr los, aber es einfach so in die Natur zu legen… ist das nicht Umweltverschmutzung?

Dazu kommt, dass überall vor einer Viper gewarnt wird. „Mamushi“ sei agressiv, tödlich und ein echter Kaventsmann, wenn man dem Bild auf den Schildern glauben darf. Darauf ist eine Schlange zu sehen, die dick wie ein Unterarm sein muss.

Zum Glück sehen wir die tödliche Riesenbiest nicht. Lediglich eine ca. dreißig Zentimeter lange Schlange begegnet uns. Die liegt mitten auf dem Weg rum. Ach, wie niedlich, die muss ich fotografieren, denke ich, und weil sie so klein ist, gehe bis auf wenige Zentimeter mit dem Objektiv an die Minischlange heran.

Die Schlange lässt sich bereitwillig ablichten, dann gehen wir getrennter Wege. Ich steige weiter die Treppen hinab, die Schlange schlängelt in die Büsche davon.

Wenige Minuten später komme ich noch einmal an einem Schild vorbei, das vor der gefährlichen Viper warnt. Dabei fällt mir auf, dass es auf dem Bild keinen Vergleichsmaßstab gibt. Das kann ein Bild von einer sehr großen Schlange auf mittlere Entfernung sein, oder eine Großaufnahme von einer kleinen Schlange.

Ich hole meine Kamera raus und vergleiche das Rückenzeichnung der Schlange, die ich gerade fast getätschelt hätte, mit der auf dem Warnschild.

Öhm…

o_0

!!!

„Alles OK?“, fragt Modnerd, „Du bist etwas bleich um die Nase“. Ich schüttele den Kopf und stecke die Kamera weg.

Bild: Google Maps 2020.

Das hier ist die Tour. Links den Berg hoch, rechts wieder runter. Aus der Entfernung sieht es gar nicht so schlimm aus aber mein Gott, was habe ich mich da gequält.

Wieder im Tal erklimmen wir noch gefühlt noch einmal 1.000 Stufen bis in einen Tempel. Auch hier stehen wieder behäkelte Steinmönche rum wie die Mainzelmännchen, und grimmig guckende Schildkröten, und eckige Büsche.

Dann ist aber auch gut. Heute keine Treppen mehr!

In einem Laden will ich Essstäbchen kaufen. Leder ist die Besitzerin verrückt. „AAAAH!! Ihr seid Europäer“, quietscht sie auf englisch, als sie hört, wie ich skeptisch „hm“ mache, während sie die Umsatzsteuer vom Kaufpreis abzieht – was weder legal ist noch sinnvoll, und wobei sie sich dann erst verrechnet und dann falsch rausgibt. Aber sie lacht sich darüber kaputt, dass ich ihre Ausführungen in bröckligem Englisch und ihre seltsamen Aktionen mit einem „Hm“ begleite. „Ach, ihr Europäer! Sagt „hm“, ganz Gentlemen! Japaner sagen immer laut „HAI!“, hihihihi…“.

Sie freut sich so, das sie Modnerd und mir je einen Zahnstochergroßen Cocktailspieß mit einer Blumenverzierung schenkt, die sie in ein Kleenex einschlägt.

Wir kommen wieder am Schrein vorbei, an dem nun Ebbe ist. Er steht nicht mehr im Wasser, sondern im Schlick.

Am Strand setzen wir uns auf eine Parkbank. Ein kriminelles Reh schleicht sich an und versucht meinen Rucksack zu stehlen, aber ich kann es gerade noch abwehren. Modnerd hat weniger Glück, ehe er es sich versieht, hat das Reh etwas weißes aus seinem geöffneten Rucksack gestohlen und verschluckt. „War das…“, frage ich. „Ja“, sagt Modnerd entgeistert. „Der Pincho-Spieß, den wir gerade geschenkt bekommen haben“.

Das Verbrecherreh blickt uns triumphierend an, während es auf seiner Beute herumkaut. Dann guckt es plötzlich komisch und macht Würgelaute. Modnerd und ich sehen es gebannt an. Steckt ihm jetzt der Spieß quer im Hals?

„Sind die Rehe hier eigentlich heilig?“, fragt Modnerd. „Vielleicht“, sage ich. „Immerhin gehören die zum Inventar einer heiligen Insel, also werden die wohl auch heilig sein“. „Und was passiert, wenn man so ein heiliges Reh umbringt?“, fragt Modnerd. „Keine Ahnung. Hey, wusstest Du, dass Japan die einzige westliche Demokratie neben den USA ist, in der die Todesstrafe noch vollstreckt wird?“, gebe ich ungefragt unnützes Wissen zum Besten. Wir starren weiter das Reh an, das vor uns steht und würgt und röchelt. „Gibt es wohl mildernde Umstände, wenn es aus Versehen war?“, macht sich Modnerd Gedanken.

Das Reh würgt und schluckt, dann kaut es langsam weiter, dann röchelt es, wendet es seinen Kopf und blickt mit glasigem Blick hinaus auf die See. Dann würgt es einmal ganz laut, und etwas fällt zu Boden. Das Reh wirft den Kopf zurück und stolziert erhobenen Hauptes von Dannen. Wir betrachten den zerkauten Spieß, der inmitten des durchspeichelten Kleenex im Sand liegt.

„Wo waren wir?“
„Hier“, sage ich und reiche Modnerd das frustrierendste Getränk der Welt. „Das hamwa uns verdient“. Die Challenge ist nun, das Ding aufzubekommen, denn die Flasche von Ramune ist legendär schlecht designt. Erfunden wurde sie von einem Schotten, der 1884 eine Apotheke in Kobe betrieb und ein Sodagetränk erfinden wollte, das einen besonderen Geschmack haben und in einer unverwechselbaren Flasche ausgeliefert werden sollte. Damit schaffte er etwas, was in den USA erst zwei Jahre später mit Coca-Cola gelang: Er schuf eine Legende.

Vor allem deswegen, weil die Flasche legendär dumm designt ist. Modnerd guckt sich die gerade ganz genau an. Sie ist völlig überdesignt, ein Zeichen dafür sind die beiden Mulden am Hals für Finger, mit der man sie halten kann.

Das ist aber erst der Anfang. Modnerd puhlt interessiert die Folie ab, die über dem Verschluss sitzt.

Eine grüne Kappe fällt in den Sand. Modnerd hebt sie auf, guckt sie an, dann blickt er die Flasche an, die immer noch geschlossen ist. Auf dem Hals sitzt eine blaue Kappe und mitten drin eine Kugel.

Ich kichere ein mich hinein, als Modnerd an der Flasche herumdrückt und schiebt und zieht.

Es dauert dann aber insgesamt keine Minute, dann hat er sie soweit offen, dass er daraus trinken könnte. Konjunktiv, weil sich die Flasche in dem Moment, wenn man wirklich daraus trinken will, wieder verschliesst. Man kann nur daran nippen. Aber der Reihe nach.

Ramune Soda ist das frustrierendste Getränke der Welt, weil die Flasche einen zur Verzweifelung treiben kann, wenn man nicht weiß, was man tun muss. Der Öffnungsprozess ist nämlich nicht ohne Tücken.

Zunächst muss man wirklich die blaue Plastikfolie abfummeln.

Dabei kann man schon den ersten Fehler machen, denn unter der Schrumpffolie sitzt, manchmal etwas auf Spannung, eine grüne Kappe. Hält man die nicht mit dem Daumen fest, springt die davon.

Was man nicht auf den ersten Blick sieht: Die Grüne Kappe ist gar keine Kappe, sondern ein Öffnungswerkzeug mit Müll drum rum.

Der Müll sitzt sehr fest, und manchmal ist es schwierig, das Öffnungswerkzeug aus der Mitte herauszubrechen. Hat man es geschafft, hat man sowas hier in der Hand:

Im Hals der Flasche sitzt tatsächlich eine Glaskugel, die als Verschluss dient. Nun setzt man das Öffnungswerkzeug an die Kugel…

…und muss dann SEHR fest drücken, am besten stellt man die Flasche dazu hin und legt sein Gewicht mit dem vollen Handballen darauf. Wenn das Öffnungswerkzeug jetzt nicht verbiegt oder davonspringt, weil man feuchte Finger hat, dann macht es irgendwann „Plopp“ und die Glaskugel fällt in eine kleine Verengung im Hals der Flasche.

Frustrierender Öffnungsprozess, oder? Ich bin stolz auf Modnerd, dass er das bis hierher alles so schnell selbst rausgefunden hat.

Aber es geht frustrierend weiter: Die Flasche ist jetzt zwar prinzipiell offen, aber wenn man sie jetzt ansetzt und den Kopf zurücklegt um zu trinken, fällt die Glaskugel vor die Trinköffnung und verschließt sie. Das tut sie aber nur, wenn man trinken möchte. Fällt die Flasche versehentlich um, dichtet die Kugel den Hals nicht dicht genug und das Zeug läuft trotzdem aus. Frustrierend, oder?

Nach Einführung der Flasche wurde Ramune Soda übrigens ratzfatz total bekannt, einfach weil über Nacht überall zerbrochene Flaschen rumlagen. Denn die Glaskugel ist ein tolles Gadget, und natürlich wollten die Kinder die als Murmel haben und warfen deshalb die Flaschen kaputt. Also musste der Hersteller die Ramune-Flaschen unzerstörbar machen oder zumindest so fest, dass man sie nicht ohne Werkzeug kaputt bekommt. Und ja, das haben sie geschafft – wirft man eine Ramuneflasche mit Wucht auf den Boden, wird man sich nicht rumfliegenden Scherben verletzen, sondern nur, weil das Ding zurückfedert und einen auf diese Weise verletzt.

Trotz oder gerade wegen dieses Unfugs ist Ramune Soda aber tatsächlich Kult geworden. Es schmeckt in der klassischen Form wie Sprite, also ganz lecker.
Als vor ein paar Jahren die Verkäufe lahmten, entschied man sich, neben „Ramune Soda Classic“ auch neue Geschmacksrichtungen anzubieten. Natürlich übertrieb man es auch hier: Statt nur zwei, drei Varianten zu machen, wie beim Konkurrenten Cherry Coke oder Vanilla Coke, gibt es bei Ramune ganze 36 Sorten, bis hin zu solchen Varianten mit Teriyaki- oder Krabbengeschmack. Igitt.

Modnerd hat Hunger und gönnt sich in der Ladenstraße der Insel erst einen „Keks“ aus einer Automatenbäckerei, bei der man im Schaufenster sehen kann, wie die Teigware hergestellt wird.

Überraschung: Der „Keks“ ist von wabbeliger, zäher Konsistenz, wie ein Stück Schaumstoff. Modnerd verzehrt dann noch ein gedämpftes Brötchen mit Aal darin.

Auch das ist ganz wabbelig. Es ist schon erstaunlich, wie anders hier die Konsistenz von Lebensmitteln sein kann und wie sie sich im Mund anfühlen. Diese „Spezialitäten“ fühlen sich im Mund an, als ob man in einen Schwamm oder ein Stück Qualle beißt. Für Japaner ist das lecker.

Unnötig zu erwähnen, dass Modnerd währenddessen gierig von Rehen beäugt wird.

Skurriles Geschäft: Hier kann man sein Baguette gravieren lassen, wohl ein Service für Touristen aus Frankreich.

Mit der nächsten Fähre fahren wir zurück zum Festland und mit der Bahn zurück nach Hiroshima.

Im Hotel dusche ich erst einmal ausführlich und wasche mir Schweiß und Staub vom Körper, dann ziehe ich mir frische Klamotten an. Modnerd macht das gleiche, und schließlich gehen wir noch einmal in das Okonomimura und essen ein weiteres Mal Okonomiyaki. Dieses Mal am Tresen eines älteren Herren, der an einem Kühlschrank einen Zettel mit der Aufschrift „Welcome to my House“ kleben hat. Er fragt woher wir kommen, und als er die Antwort vernimmt lacht er und tauscht den Zettel aus: „Herzlich willkommen in meinem Haus!!“, steht nun im Hintergrund.

Das Omnomnomiyaiki ist wieder fantastisch. Könnte ich mich echt dran gewöhnen. Warum gibt es bei uns sowas nicht?`

Abends streifen wir durch das Kaufhaus Labi. Es ist groß, leer und überall ist Personal zu finden. Schon allein die Spielwarenabteilung ist riesig, und es gibt schon Spielzeug des kommenden Star Wars-Films!

Sogar eine Slotcar-Racing-Bahn gibt es, die Kinder hier benutzen können für Batteriebetriebene Autos, die man mit allerhand Teilen und Motoren tunen kann.

Ich bin mittlerweile ein großer Fan von japanischen Toiletten mit ihrem fantaststischen Reinigungskonzept. Eine ganze Toto-Toilette werde ich nicht in meinen Rucksack bekommen, aber von Panasonic gibt es das zum Nachrüsten.

Tour durch die Innenstadt:

Bild: Google Maps 2020.

Tour des Tages:

Bild: Google Maps 2020.

Kategorien: Reisen | 6 Kommentare

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6 Gedanken zu „Reisetagebuch Japan (14): Kriminelle Rehe und das frustrierendste Getränk der Welt

  1. Snoeksen

    Das mit dem „auf den Berg geh ich zu Fuß, ist ja nicht soooo weit“ hab ich auch gemacht. Dieses Gefühl auf dem vermeintlichen Gipfel anzukommen und dann festzustellen, dass das noch zwei Berge oder so bis zum Ziel dazwischen lagen war… naja 😀

    Mit akuter Erkältung muss es eine üble Quälerei gewesen sein. Und das dann das Torii auch noch eingepackt war ist noch ne Packung Salz in die Wunde.

    Ach, und die Rehe in Nara scheinen zur gleichen Gang zu gehören, auch fiese Gesellen…

    Gefällt 1 Person

  2. Hehe, dann haben wir uns ja wenigstens nicht allein so verpeilt. Nara haben wir leider nicht geschafft zu besuchen, aber ich habe schon gehört, dass das Schalenwild dort auch fies drauf sein soll.

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  3. Dieses Omnomnomiyaiki macht mich neugierig… 😉

    Gefällt 1 Person

  4. Maren

    Wenn dir in Zukunft nochmal der Sinn, nach dem frustriensten Getränk der Welt steht… Ich hab das auch schon in Hannover beim Sushi-Laden am Thielenplatz gefunden. Ich hab die letzten Male nicht darauf geachtet, ob sie es noch haben, aber vor 2 Jahren oder so hab ichs mal gekauft 😉

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  5. Ralfi: Au bitte mach eine Omnomnomiyaki-Bude auf, dann bin ich regelmäßig Gast im Siegerland!

    Maren: Dankeschön für den Hinweis!! Modnerd arbeitet jeden Tag in Hannover, der kann da mal vorbeigucken!

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  6. Snoeksen

    Okonomiyaki (Osakastyle) lässt sich zu Hause auch relativ einfach selber machen. Wir nehmen immer Spitzkohl darein, der Rest ist ja as-you-like. Okonomiyakisoße ist natürlich wichtig und Katsuobushi (die tanzenden Bonitoflocken). Kriegt man im gut sortierten Asiashop bzw online.

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