Momentaufnahme: Juli 2020

Herr Silencer im Juli 2020

Was soll das heißen, das Jahr ist zu mehr als der Hälfte rum?!

Wetter: Anfang des Monats regnerisch bei Temperaturen um 14 Grad. Zweite Monatshälfte durchwachsen mit Tendenz zu sonnig, aber mit 12-23 Grad auch nicht übermäßig warm.


Lesen:

Sid Jacobson & Ernie Colón: Anne Frank. The Authorised Graphic Biography
Otto und Edith Frank geht es super: Die beiden haben gerade geheiratet, die kleine Familienbank läuft und langsam arbeiten sich die beiden in die Oberschicht von Frankfurt vor. Doch dann kommen die Nationalsozialisten an die Macht. Der Rassismus zwingt die Franks 1934 nach Amsterdam auszuwandern. Otto leitet dort erfolgreich ein Gewürzgeschäft, obwohl der Rassismus die Gesellschaft auch in den Niederlanden toxisch werden lässt. Erst als Edith Frank 1942 einen Deportationsbefehl erhält, wird die Situation untragbar. Die Franks tun so, als wären sie ins Ausland geflüchtet, tatsächlich verstecken sie sich in aber in einem Hinterhausanbau mitten in Amsterdam.

Acht Personen leben dort auf 50 Quadratmetern, und das drei Jahre lang. Es gibt Reibungen und Spannungen. Insbesondere die jüngste Tochter, Anne, streitet permanent mit ihrer Mutter und wird im Laufe der Zeit sogar depressiv. Kurz vor Kriegsende werden die Franks verraten und in die Konzentrationslager Ausschwitz und Bergen-Belsen deportiert. Anne Frank und ihre Schwester verhungern in dem Lager kurz hinter Hannover, als der Krieg praktisch schon vorbei ist. Otto überlebt als einziger und hat fortan ein Ziel: Er möchte den Traum seiner Tochter, eine Schriftstellerin zu werden, erfüllen. Also veröffentlicht er „Das Tagebuch der Anne Frank“.

Illustrierte Biographie von Anne Frank. Toll ist der Kontext, den das Buch gibt. Immer wieder werden in kurzen Einschüben politische und gesellschaftliche Entwicklungen erklärt. Zudem erfährt man viel über die Charaktere und Konstellationen der „Hinterhäusler“, wodurch die Konflikte und Belastungen während des Lockdowns umso greifbarer werden. Die Aufarbeitung als Graphic Novel bringt als Mehrwert mit, das die Bilder eine sehr genaue Darstellung geben wie räumliche Verhältnisse aussahen – von der palastartigen, ersten Wohnung der Franks über Risszeichnungen, über den Aufbau des Amsterdamer Hinterhauses bis hin zu der beklemmenden Enge der kleinen Zimmer sorgen die Zeichnungen für Klarheit. Der unprätentiöse Zeichenstil ist dem Thema angemessen. Sehr gutes Buch für alle, denen (wie mir) Anne Frank außer „hat Tagebuch geschrieben und sich hinter einem Schrank versteckt“ nichts sagt.


Hören:

Kid Kasino: Slaughter in the Suburbs
Caro Emerald hat praktisch im Alleingang eine neue Musikrichtung geschaffen: Electric Swing. Das ist Gesang, der klingt als ob er aus den 50ern kommt, dazu aber moderne Rythmen und Soundsamples. Mittlerweile gibt es zahlreiche Bands die diesen Stil kopieren, Kid Kasino ist eine der besseren – zumindest im Zusammenspiel mit Sängerin Shea.

Hört sich gut an, und die Texte sind teils bitterböse – was Titel wie „I wanna be Evil“ oder „Headless Horseman“ erahnen lassen. Letztern habe ich – wie passend – zuerst in Kutna Hora gehört. Kid Kasino sind für mich also ein Reisemitbringsel.


Sehen:

Warrior Nun [Netflix]
Seit Jahrhunderten schützt ein Orden von Kriegernonnen die Welt vor dem Bösen. Bei einem Überfall auf das spanische Kloster, das als Trainingslager und Hauptquartier dient, wird die Anführerin der Nonnen lebensgefährlich verletzt, worauf eine heilige Reliquie Gefahr läuft, in die Hände der Dämonen zu fallen. Bei der Relique handelt es sich um einen Heiligenschein, den eine Nonne auf der Flucht ausgerechnet in einer Leiche einer behinderten Teenagerin versteckt. Die erwacht daraufhin wieder zum Leben, was zu mehr als einem Problem führt. Der Pater des Klosters hält sie für eine Auserwählte, die Nonnen für eine Konkurrenz und der Vatikan für eine Gefahr. Ungeachtet dessen muss sich die Teenagerin erst einmal selbst finden, und sich so ganz nebenbei mit Dämonen prügeln.

Ui, das ist mal originell. Eine spanische Serie, die eine coole Grundidee, ausgearbeitete Charaktere und gute Schauspieler hat und dazu ordentlich Anleihen bei „Buffy“ nimmt, das hatten wir noch nicht. Leider hat die erste Staffel das typische Netflix-Problem: Zäher Anfang, wer bis Folge drei durchhält kriegt furiose Dinge zu sehen, dann Durchhänger von 5 Folgen, bis es am Ende wieder spannend wird. Das nervt.

Dennoch: Tolle Schauspielerinnen, der Cast ist fast durchgehend weiblich und divers, dazu frische Ideen und tolle Bilder von Spanien. Kann man gucken.

Doctor Sleeps Erwachen [Amazon Video]
Danny hat das „Shining“, eine Art Drittes Auge. Als Kind sah er die Geister, die seinen Vater im Spukhotel verrückt gemacht haben. 35 Jahre später ist Dan schwerer Alkoholiker, der versucht sein Shining mit Whiskey zu betäuben. Als er begreift, dass er ein Wrack ist, versucht er sein Leben in den Griff zu bekommen. Dadurch gerät er in den Fokus einer Bande von Tramps, die Menschen mit Shining töten und sich von dessen Lebensenergie ernähren. Zusammen mit der Teenagerin Abra, die ebenfalls ein starkes Shining hat und auf der Speisekarte der Tramps steht, dreht Dan den Spieß jedoch um: Die Jäger werden zu den Gejagten, und die finale Falle ist das Overlook-Hotel, in dem Jack Nicholson geduldig seit 40 Jahren wartet.

Eine Fortsetzung von „Shining“? Dem Stanley-Kubrik-Film aus dem Jahr 1980 nach der Buchvorlage von Stephen King, die ich beide fürchterlich langweilig fand? Hat mich nicht wirklich in Erregung versetzt, von „Doctor Sleep“ habe ich null erwartet. Tatsächlich ist das aber ein sehr guter und völlig unterschätzter Film, der mit einer coolen Geschichte daher kommt und exzellent gespielt ist – alleine Ewan McGregor als Dan Torrance ist eine Wucht. Besonders mag ich die Idee, dass die „Guten“ so viel Schlimmes erlebt haben, dass sie den „Bösen“ Angst machen können. Sehr toll.

Gemini Man [Prime Video]

Will Smith ist ein alternder Auftragsmörder. Als er in Rente gehen will, wird er von einem anderen Auftragskiller gejagt – der sich als sein jüngeres Ich herausstellt. Irgend jemand züchtet Klone.

High Concept-Film, der aus seiner Grundidee nichts, aber auch gar nichts macht. Nachdem man sich durch 30 totlangweilige erste Minuten gequält hat, mutiert dieser Müll zu einem generischen Actionprügler. Völlig Banane, und den jungen Will Smith komplett im Computer zu generieren war eine bescheuerte Idee – man sieht das einfach in jeder Szene.

The Old Guard [Netflix]
Charlize Theron führt eine Söldnerbande an. Das Besondere: Weder sie noch ihre Männer können sterben oder altern. Durch die Jahrhunderte tun die Unsterbliche Gutes, bis sie in unserer Gegenwart in eine Falle laufen. Ein Pharmahersteller will das Geheimnis ihrer Unsterblichkeit entschlüsseln und macht Jagd auf Theron. Die hat in ihren Reihen einen Verräter, der nur eines möchte: Endlich sterben.

Die Parallelen zu „Gemini Man“ sind frappierend: Hier wie da ein High Concept Film mit viel Action. Aber wo „Gemini Man“ seine Prämisse nach zwei Minuten vergisst und in der Folge alles verschenkt, dreht „The Old Guard“ die richtigen Räder. Was der Film macht, kann nur mit dem Konzept Unsterblichkeit funktionieren. Egal ob Charlize Theron wie in „Live – Die – Repeat“ zig mal umgebracht wird und immer wieder zum Leben erwacht, ob sie sich aus Situationen befreit in dem sie ein Flugzeug abstürzen lässt und als einzige überlebt oder ob sie als Mentorin einer neuen Unsterblichen per Kopfschuss eine Lektion erteilt – „Old Guard“ ist permanent erfrischende, weil besondere, Action. Die findet nie zum Selbstzweck statt, sondern trägt den Film, ist toll choreografiert, sauber geschnitten, und Charlize Theron mit ihren 45 Jahren kicked Ass wie keine Zweite.

Hat man sich als Zuschauer daran gewöhnt, dass die Heldin nicht sterben kann, legt der Film eine Schippe drauf und zeigt, was schlimmer ist als der Tod – und sofort ist der Einsatz wieder so hoch, dass man mitfiebert. Gelungener Film, der endlich mal wieder aus der alten „Highlander“-Idee – was macht es mit Menschen, wenn sie nicht sterben können? – was Ordentliches macht.


Spielen:

Persona 5 Royal [2019, PS4]
(Fortsetzung der von Mai und Juni). Das Ende der alten Version von „Persona 5“ ist der Anfang der Erweiterung der 2019er Royal-Version: Kaum haben die Phantom Thieves ihr großes Abenteuer bestanden, geht es mit einem noch größeren weiter. Irgendeine mysteriöse Macht hat die Realität verändert – und zwar zum Besseren! Fortan leben alle Menschen in einer für sie perfekten Welt, ohne Verletzungen, ohne Verluste, ohne Enttäuschungen. Aber ist das wirklich das, was Menschen brauchen? Machen uns nicht gerade Verlust und Trauer aus? Schweren Herzens ziehen die Phantom Thieves los, um wieder Leid in die Wrlt zu bringen und ein allerletztes Mal ein Herz zu stehlen – ausgerechnet das eines alten Freundes.

Ohne Atempause geht es weiter, und das fühlt sich seltsam an. Der Endkampf der normalen „Persona 5“ Edition ist sehr schwer und sehr lang, und anstatt den Sieg angemessen zu feiern und erstmal durchzuatmen, geht es sofort mit der „Royal“-Erweiterung weiter. Da fehlt ein wenig die Belohnung. Aber sei´s drum, die Erweiterung ist natürlich auch sehr cool, bietet eine tolle Story und neue und schwere Gegner. Von daher alles OK, und wenn die Geschichte dann wirklich endet, gibt es auch lange und emotionale Abschiede.

Die sind mir tatsächlich nicht leicht gefallen. Bombige 135 Stunden habe ich am Ende mit Persona 5 Royal verbracht, und es hätten noch mehr sein dürfen. Sämtliche Spielmechaniken machen auch nach über 100 Stunden noch Spaß, und von den Geschichten der Personen bekommt man auch nicht genug. Hänger gab es zwischendurch wenig, ich war nur an zwei Stellen von einem Levelgrind angenervt, der aber nicht nötig gewesen wäre und den ich mir selbst auferlegt habe. Ein so gut geschriebenes und umgesetztes Spiel wie Persona 5 ist sehr, sehr selten. In meinen persönlichen Top Ten der besten Spiele aller Zeiten ist es auf Platz 3, gleich nach „Horizon: Zero Dawn“ und „Assassins Creed 2“.

The Last of Us Part II [2020, PS4]
Die Welt 25 Jahre nach Ausbruch einer Pandemie: Die letzten Menschen kämpfen bis auf´s Blut, entweder gegeneinander oder gegen mutierte Infizierte. Nach ihrer Reise durch die USA in „The Last of Us“ leben Ellie und Joel in einem relativ geschützten Ort in den Bergen von Montana. Das ändert sich, als ein Gewaltverbrechen Ellie dazu bringt, auf einen blutigen Rachefeldzug zu gehen.

Ich möchte bitte nie wieder eine Rachegeschichte spielen müssen. Normalerweise wird in Spielen Rache als starke Motivation des Hauptcharakters die Grundlage für heroische Taten. In „The Last of Us Part 2“ verschlingt Rache die Menschen, zerstört ihr Leben und alle Personen die ihnen wichtig sind. Dieses Spiel zeigt Trauer, die tiefe Verzweifelung und das Leid, das aus Rache und Gewalt entsteht und wiederum für mehr Leid sorgt. Das macht gerade zum Ende hin wenig Spaß, zumal ein narrativer Kniff dafür sorgt, dass man als Spieler aus anderer Perspektive miterlebt, was die eigenen Taten für Folgen haben.

Die Geschichte ist schwierig und sperrig, die Motivationen der einzelnen Charaktere im ersten Moment nicht immer nachvollziehbar und die Darstellung von Gewalt teilweise unerträglich. „The Last of Us Part 2“ kann erzählerisch und emotional seinem Vorgänger nicht das Wasser reichen. Beides sind Spiele, in denen es im Kern um die Beziehung zwischen Menschen geht, und letztlich um Liebe. Wo der erste Teil die Verbindung von Liebe und Trauer verhandelte, geht es nun um Liebe und Zorn. Das ist psychisch alles andere als schön, aber Part II ist es ein erzählerisch wichtiges Werk und technisch sogar eine Meisterleistung, da es wohl eines der grafisch schönsten Spiele für die PS4 ist.


Machen:

Kleine Moppedtour durch den Osten, 2.200 Kilometer.


Neues Spielzeug:

Ein neues Netbook, ein Akoya E2292 (Süd) Convertible von Medion. „Akoya“ ist eine japanische Perle, und das Alu-Netbook schimmert tatsächlich recht hübsch. Außerdem ist es mit 11,6 Zoll klein, leicht, lüfterlos und mit 249 Euro vor allem: Günstig.

Ob es mein geliebtes ASUS XT201 von 2014 als Reisenetbook ablösen kann, dessen 32 GB eMMC-Speicher für den Betrieb von Windows kaum noch ausreicht, wird sich zeigen – das Akoya ist zwar besser ausgestattet (4GB Hauptspeicher, 128 GB SSD, schnellerer Prozessor) als das ASUS, aber die Tastatur ist signifikant schlechter, der Akku hält statt 12 nur 7 Stunden, der Sound ist indiskutabel und durch den Touchscreen wiegt es mit 1.140 Gramm rund 200 Gramm mehr als das Asus.

Diese 200 Gramm machen erstaunlicherweise den Unterschied zwischen „ist federleicht“ und „Wer soll das alles schleppen“. Es ist witzigerweise das erste Gerät, auf dem ich mal „Cortana“, die Sprachassistentin von Microsoft, ausprobiert habe, und sagen wir mal so: Ich werde nie wieder was gegen Siri sagen.

„Cortana, wie wird das Wetter morgen?“ – „Ich habe diesen Wikipediaeintrag über Wetter gefunden“.

Ein Soundcore Flare 2 von Anker. Netter 360-Grad Bluetoothlautsprecher, wasserdicht, 12 Stunden Laufzeit. Hat ordentlich Bass trotz geringer Größe, klingt aber in den Mitten etwas dumpf und den Höhen unsauber. Ist aber OK zum Podcast und gelegentlich Musik hören. Die LED-Lichtshow ist Quatsch und nervt schnell, lässt sich aber zum Glück abschalten.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

Kategorien: Momentaufnahme | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Momentaufnahme: Juli 2020

  1. ruediger

    Last of Us II ist tatsächlich kein Spiel was ich durchgängig spielen mag, dafür jage ich zu gern ein Hunt Showdown, und beim spielen zieht es einen schon ganz arg rein.

    Rein vom Gewicht: Warum kein Tablett mit SIM und BT-Keyboard? Anschlüsse, Tools?

    Siri kann schon eine dumme Nuss sein, aber Cortana macht das nahezu dauerhaft und mit Krönchen, die sind dort noch zu dumm zum kopieren.

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  2. Ich musste jezt erstmal gucken was Hunt Showdown ist, ich bin ja kein Onlinespieler 🙂

    Genau, Anschlüsse und Tools. Ich brauche USB und HDMI und ein vollwertiges Windows für unterwegs, weil Die Software ür Jacke, Motorrad, Navi und GPS-TRacker nur für Windows verfügbar ist und noch ganz alte Bridge-Treiber (und, im Falle der Alpine Stars-Software, obskure DLLs) braucht. Anonsten hätte ich schon lange ein Chromebook oder halt ein Tablet mit Tastatur, das wäre genau mein Ding.

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  3. ruediger

    Stimmt ja … ganz vergessen. gibt es auch für die PS4 und soll gar nicht mal schlecht portiert sein … *just_sayin‘

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