Reisetagebuch Japan (18): Coney Island, bei Paris

Reise nach Japan. Heute mit den Hinterlassenschaften einer Weltausstellung.

Sonntag, 17. November 2019, Wohnung in Osaka

Den Luxus eines eigenen Appartements nutze ich, um zu Wäsche waschen. Nicht zum ersten Mal auf dieser Reise, immerhin ist mein Reisekonzept: Wenig Klamotten mitnehmen, dafür dann aber mal waschen. Modnerd reist anders, er nimmt immer Wäsche für die komplette Reise mit. Ich bin halt lieber leicht unterwegs und mache dafür ab und an mal Haushaltsarbeiten.

Ein guter Teil meiner Leibwäsche, also Unterhemden, -hosen und Socken, ist eh aus Merinowolle. Die müssen selten gewaschen werden, weil die Wolle selbst antibakteriell ist und deshalb nicht nach Schweiß riecht. Wäscht man sie doch mal, trocknet sie schnell. Außerdem trage ich gerne Hemden aus Baumwolle, die sind auch leicht und trocknen gut.

Normalerweise ziehe ich meine Wäsche ein Mal mit Rei-in-der-Tube durch das Waschbecken, aber das Appartement in Osaka verfügt sogar über eine Waschmaschine. Die ist, wie in Japan üblich, ein Toploader, wird also von oben befüllt.

Ebenfalls wie in Japan üblich wäscht sie nur ganz kurz und nur mit kaltem Wasser. Danach hänge ich die gewaschene Wäsche in das fensterlose Badezimmer und stelle dessen Lüftung auf „Trocknen“ ein. Ein heißer Luftstrom vom Typ Scirocco fegt nun wie ein Föhn durch die Naßzelle, die keine separate Dusche hat. Der ganze Raum IST die Dusche. Die heiße Trocknungsluft trocknet im Nu das Duschwasser weg und auch meine Hemden sind in null Komma nix trocken.

Nach diesen morgendlichen Hausarbeiten wandern Modnerd und ich noch einmal durch Osaka. Zuerst durch die runtergekommene Einkaufspassage von gestern Abend. Die wirkt bei Tageslicht nicht mehr ganz so gruselig, an der Runtergekommenheit ändert aber auch der sonnige Sonntag Morgen nichts.

Hinter dem Einkaufszentrum liegt das Viertel Abenobashi, ein Geschäftsviertel mit, äh, krasser Architektur.

Mittendrin steht der Abeno Harukas, ein Wolkenkratzer.

Mit exakt 300 Metern Höhe ist er das höchste Bürohaus Japans. In dem wird auch am Sonntag gearbeitet, und Modnerd und ich fahren hoch in den 95. Stock und schauen von einer Aussichtsplattform auf Osaka hinab.


Einen kleinen Fußmarsch weiter liegt das Viertel Shinsekai mit einem großen Turm in der Mitte.

Shinsekai besteht aus mehreren Einkaufstraßen und Passagen voller Restaurants, Nippesbuden und Gedönsläden. Hier werden seltsamste dinge verkauft, wie hier, der Penis von Arnold Schwarzenegger.

Glücksgott Billiken blickt gütigt über das wuselige Geschehen. Die seltsame Figur ist eigentlich die Erfindung einer amerikanischen Hausfrau, aber in Japan fand man die so absurd-witzig, das man den adoptierte.

Dem Glücksgott zum Trotz wirken die Geschäfte und Leute hier ein wenig zwielichtig. Ich bewege mich vorsichtiger und achte mehr auf Anzeichen von Drogenhandel und auf Taschendiebe. Nach kurzer Zeit stelle ich fest, das ich mich getäuscht habe: Das hier ist kein kriminelles Viertel, es ist nur arm. Armut ist in Japan tatsächlich ein Problem. Rund 15 Prozent aller Singles haben ein Einkommen von weniger als 800 Euro im Monat, Alleinerziehende und Alte haben es besonders schwer, und auch die Obdachlosigkeit wächst. Sie fällt in Japan nur nicht so auf, weil alles so sauber ist und selbst Obdachlose Anzüge tragen.

Von Obdachlosen sieht man hier nichts, in diesen langen Einkaufspassagen mit ihren kleinen Geschäften und Flohmarktständen, in denen von seltsamen Pilzen bis Schnappschildkröten alles verkauft wird.

Dieser Fisch sieht aus wie eine leckere Waffel, hat aber die gleiche Konsistenz und den gleichen Geschmack wie PU-Schaum.

Sowohl das Viertel als auch der großen Metallturm in der Mitte, der Tsutenkaku, wirken ein wenig aus der Zeit gefallen. Alles wirkt Retro und etwas zusammengestückelt, und das ist das Konzept: Das Ganze Viertel wurde 1912 für eine Weltausstellung aus dem Boden gestampft, um den Besuchern einen Eindruck von der Zukunft und vor allem von anderen Ländern zu geben. Deshalb ist der Norden von Shinsekai auch Paris nachempfunden, alles südlich des Turms aber Coney Island in den USA.

Der Tsutenkaku-Turm ist von unten hübsch bemalt. Auf dem Turm ist eine Aussichtsplattform, aber die ist heute morgen so überlaufen, dass wir auf das Anstehen in der Schlange verzichten.

Der weitere Spaziergang durch Osaka ist mehr oder weniger planlos, und nach kurzer Zeit trennen sich Modnerds und meine Wege. Wir gehen jeder für uns auf Entdeckungstour und tauchen in die Metropole und die japanische Kultur ein.

Ich schlendere zuerst am Fluss lang, in der Teens beiderlei Geschlechts in Gruppen Tanzchoreografien zu Musik aus Bluetooth-Boxen üben, so wie die Vorbilder der Idolgruppen wie AKB48.

Am Fluss beginnt Dotonbori, und bei Tag sieht man, wie spektakulär manche der Liebeshotels, die einen Rückzugsort für Paare bieten, gestaltet sind.

Ein Viertel voller Second-Hand-Klamottenläden hat skurrile Straßenlampen in Form von Robotern.

Es gibt Fahrräder von Hummer?

Ich laufe nach Norden und mache Pause in dem kleinen Park am Fluß, den wir gestern entdeckt haben. Es ist warm, die Sonne scheint, ich habe es nicht eilig, und so sitze ich hier eine Stunde und lese einfach ein wenig.

Dann laufe ich weiter am Fluß entlang, der hier ein Kunstufer hat.

Auch japanische Kanaldeckel sind Kunstwerke.

Im Norden der, über mehrere Stadtzentren verteilten, Innenstadt von Osaka liegen Museen, und einige bieten am Sonntag freien Eintritt. Ich besuche das Museum für Gegenwartskunst, bin aber von der überschaubaren Ausstellung über den Schweizer Künstler Alberto Giacometti nicht beeindruckt.

Später wandere ich durch die kilometerlange Einkaufspassage, de wir gestern schon entdeckt haben, zurück. Unterwegs kaufe ich eine Tüte KitKats mit Matcha-Geschmack. KitKat ist der heiße Shice in Japan, es gibt extra KitKat-Geschäfte die alle möglichen und unmöglichen Sorten verkaufen. Selbst KitKat mit Sake-Geschmack gibt es.

Als ich wieder in Dotonbori ankomme ist es bereits dunkel. Ich lehne an der hölzernen Uferpromenade und lasse die bunten Lichter und das wuselige Nachtleben auf mich wirken. Menschen drängen über die Brücken und machen Selfies vor den berühmten Reklamewänden, Besucher strömen in Restaurants und Boote voller singender und klatschender Touristen ziehen lautlos über den Fluss.

Es ist faszinierend hier zu sein, wo ich die Stadt doch schon aus den Yakuza-Spielen kenne. Der besondere Flair dieser Stelle der Stadt wird selbst im Virtuellen auf der Playstation toll transportiert. Beim Spielen habe ich mir oft gewünscht hier zu sein, und nun ist es soweit und ich will gar nicht wieder weg, sondern nur hier stehen bleiben und Menschen beobachten und alles in mich aufsaugen. Genau das tue ich dann auch, mehr als eine Stunde lang lehne ich einfach an der Brüstung der Promenade und beobachte.

Die Reflexionen der bunten Lichter auf den Wellen des Flusses wirken fast wie das Gemälde eines Impressionisten.

Gibt es übrigens auch in den Spielen, obwohl Wasser da oft nicht echt aussieht:

Die Geschäfte entlang der Promenadeim Realen:

Und im Spiel:

An einer kleinen Bude lasse ich mir einen Würstchen Am Spieß machen. Das wird frittiert, dann rundherum mit Kartoffelstückchen gespickt und dann mit Senf oder Ketchup gegessen. Die Verküferin sieht mch an und sagt: „?“ und ich nicke, obwohl ich kein Wort verstehe, worauf sie das frittierte Kartoffelwürstchen in Zucker wälzt. Jetzt hat dieses Ding genug Kalorien für einen ganzen Tag.

Während ich versuche das klebrige Zuckerkartoffelsenfwürstchen zu essen, schlendere ich weiter. Kein Wunder, dass Videospiele manchmal Fernweh machen, hier nochmal der Vergleich Realität gegen Gamewelt:

Jetzt die Frage: Ist das folgende Bild echt oder Videospielgrafik?

Zum Abschluss besuche ich noch den Park auf dem Dach des Bahnhofes in Namba. Die LED-Skulpuren, die bei Tageslicht wie tote Pflanzen von einem anderen Planeten wirken, leuchten nun und verbreiten eine zauberhafte Atmosphäre.

Dann kehre ich ins Appartement zurück und sortiere erstmal das Kleingeld aus meinen Hosentaschen. Meine Güte, schon wieder so ein Berg Münzen, vom Nennwert her so klein, dass man damit nichts bezahlen kann.

Dann packe ich meine Sachen, denn morgen Früh werde ich Osaka verlassen, Modnerd aber noch hier bleiben.

Tour des Tages: 24 Kilometer zu Fuß durch Osaka.

Google Maps 2020

Kategorien: Reisen | 7 Kommentare

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7 Gedanken zu „Reisetagebuch Japan (18): Coney Island, bei Paris

  1. Das Foto ist echt.

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  2. Da halte ich gegen, Spiel.

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  3. fleissiger Fussgänger,
    mein letzter Besuch in Osaka war im Sommer. Zu Fuss bin ich bei der Wärme fast eingegangen.

    Die Stadt hat aber auch so viel zu beiten.

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  4. Dirk Rössner

    Echt. Wegen der Spigelung im Glas

    Gefällt 1 Person

  5. Ali

    Ich lese da nur fasziniert mit.
    Bei den Bildern bin ich mir unsicher, was ist Spiel oder echt.
    Bin auch kein Spieletyp und trotzdem erstaunt, zu was die Graphik heute fähig ist.

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  6. Ist tatsächlich echt 🙂

    Dirk Rössner: Gute Beobachtung! Wenn sich Raytracing durchsetzt, gilt das nicht mehr 😉

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  7. Ha!

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