Reisetagebuch Japan (19): Montag ist Ruhetag!

Reise nach Japan. Heute mit einer Übernachtung in einem Kapselhotel und dem Ende einer Reise.

Montag, 18. November 2019, Osaka

Kurz nach halb fünf. Der Wecker klingelt praktisch mitten in der Nacht. Rasch und ohne viel Worte zu wechseln packen Modnerd und ich unsere letzten Dinge zusammen, dann verlassen wir das kleine Appartment in Süd-Osaka und fahren mit der U-Bahn bis zum Fernbahnhof Shin-Osaka.

Wir trinken schnell noch gemeinsam einen Kaffee…

…dann springe ich in einen Shinkansen-Schnellzug. Modnerd bleibt in Osaka – er will sich heute einen Spa-Tag in eine Badehaus mit mehreren Sentos gönnen, die alle unterschiedliche Themen haben. Die Website sieht schon echt verlockend aus…

…aber letztlich habe ich mich dagegen entschieden mit zu gehen. Die Zeit hier in Japan ist mir zu wertvoll, als das ich einen ganzen Tag in der Badewanne verbringen wollen würde. Der Zug schießt Richtung Nordosten aus der Stadt heraus, zischt an Kyoto vorbei und biegt dann nach Südosten ab und hält in Nagoya, einer weiteren Mega-Stadt an Japans Küsten.

Als ich den Zug verlasse, stehe ich gleich erstmal vor einem Problem. Ich möchte meinen Rucksack einschließen, aber es gibt kein einziges freies Schließfach im Schließfachraum. Ich schaue auf eine elektronische Karte des Bahnhofs. Dankenswerterweise gibt es mehrere Räume mit Gepäckaufbewahrung, und es wird sogar die Auslatung angezeigt. Hm. Seltsam. Die meisten Räume sind gesperrt, die wenigen offenen sind fast voll belegt. Nur in einem einzigen scheint es noch ein paar freie Fächer zu geben.

Ich stürme los und schaffe es mit meinem unnachahmlichen Orientierungsinn erst einmal in die verkehrte Richtung zu laufen. Ok, andersum. Und dann da und jetzt hier und unter dem Säulengang durch und – äh. Hier bin ich doch hergekommen? Tatsächlich, ich stehe wieder vor der elektronischen Karte. Ach, Mist. Ich nehme mit etwas mehr Zeit um mit den Weg einzuprägen, dann gehe ich überlegt los und finde am Ende tatsächlich den letzten Schließfachraum in einem etwas runtergekommenen Kellergeschoss, hinter einer Baustelle. Aber auch hier scheint alles belegt zu sein, an jedem Fach ist ein rotes „belegt“-Zeichen.

„Das ist so nervig“, sagt eine ältere Dame, die plötzlich neben mir steht. Sie hatte mit mir zusammen auf die elektronische Karte geguckt und sucht wohl auch ein Schließfach. „Alles nur wegen G20!“. Was? Ich brauche einen Moment, dann fällt der Groschen. Klar, das hatte ich doch gelesen – nächste Woche ist der G20-Gipfel in der Stadt. Und deswegen sperren die jetzt schon alle Schließfachräume?

Am Ende finde ich noch genau ein freies Schließfach.

Leider ist es eines von den winzigen, aber allzu viele große Fächer gibt es ohnehin nie. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb ich den im Frühjahr neu gekauften Rollkoffer nicht benutze: Es gibt einfach zu wenige Schließfächer, hatte ich bei der Vorrecherche herausgefunden, in die der reinpasst. Der Hauptgrund ist allerdings, dass ich Rollkoffer nicht ausstehen kann und Rucksäcke schon deshalb mag, weil sie leicht und leise sind und man die Hände frei hat. Hier, in dieser Situation, ist es nun ein weiterer Vorteil, das ich mit Minimalgepäck reise. Der Cabinmax passt tatsächlich locker in das kleine Schließfach.

So, das wäre erledigt. Ich trete vor den Bahnhof und bin gleich erstmal erschlagen. Hier gibt es viele futuristisch anmutende Neubauten. Eckige, runde, in sich verdrehte oder kühn geschwungene Gebäude aus Glas und Stahl erheben sich in den Himmel. Oder, wie Modnerd sagen würde: Hier hat´s krasse Architektur.


Mit 2,3 Millionen Einwohnern ist Nagoya nach Tokio, Yokohama und Osaka die viertgrößte Stadt Japans und eine, von der die meisten vermutlich noch nie etwas gehört haben. Aber einen Vorort von Nagoya, den kennt jeder: Toyota.

Natürlich steht dort die gleichnamige Automobilfabrik, die ich zu gerne besucht hätte, aber die einzige Führung startet schon um 09:00 Uhr und bis zu dem Stadtrand, an dem Toyota liegt, sind es mit der Straßenbahn eineinhalb Stunden Fahrt durch die Riesenstadt. Nein, das klappt nicht.

Was auch nicht klappt: In der Stadt unterhält Toyota das „Museum of commemorative Art“, was sich ganz der Bewahrung und Vermittlung der Kunst der Herstellung von Dingen verschrieben hat. Auch das hätte ich gerne besucht, aber leider ist Montags in Japan Ruhetag. Das wusste ich vorher, aber so stehe ich nur am Tor und gucke traurig durch den Zaun auf das große Backsteingebäude, das früher mal eine Weberei war.

Ach Mensch, warum muss Japan Deutschland nur so ähnlich sein? Montag ist bei vielen Geschäften und Museen Ruhetag. Natürlich auch bei Friseuren:

Ich laufe durch die Straßen und Gassen und sauge die Stadt in mich auf. Alltägliche Dinge wie die Form der Häuser und kleine Details wie das Geräusch der Ampeln oder die Getränkeautomaten, die auch hier an jeder Ecke stehen.

Der Weg führt mich in das Viertel mit der alten Burg, die es natürlich auch in Nagoya gibt und die von einem See und etwas Park umgeben ist. In den setze ich mich und lese ein wenig. Ich habe sonst nichts zu tun, denn wirklich ALLES für das ich mich in Nagoya interessiere, egal ob Ausstellungen, Museen oder Galerien, hat heute geschlossen. Montag ist halt Ruhetag, und ich bin etwas lustlos mir hier jetzt auf Teufel komm raus Unterhaltung auszudenken.

Es beginnt zu nieseln. Auch das noch. Seufzend schwinge ich mir das Daypack über die Schulter und zockele zurück zum Bahnhof. Wann geht die nächste Verbindung nach Tokio? Ah, da. Die nehme ich.

Rund eine Stunde und vierzig Minuten braucht der Shinkansen für die 360 Kilometer von Nagoya nach Tokio. Dort steige ich um in einen NEX-Zug um, der praktisch leer ist.

Schon wieder Tokio? Da hat die Reise doch begonnen? Ja, genau. Und hier endet Sie auch. Morgen geht es nach Hause, die kleine Japanreise ist praktisch vorbei. Der NEX fährt zum Flughafen Narita, wo ich die Nacht verbringen werde.

Als ich in Narita ankomme, ist es bereits wieder dunkel. Ich gehe in das Hauptterminal, denn eine Sache muss ich noch loswerden, im wahrsten Sinne des Wortes.

Ah, da ist das Besucherzentrum auf Ebene 1. Das ist der Orientierungspunkt.

Hinter dem Besucherzentrum gibt es einen Gang, und irgendwo hier muss er sein, der grüne Automat. Ah, da leuchtet es Grün!

Da ist er! Ich habe im Vorfeld wochenlang Youtube-Videos über Japan geschaut, und in einem wurde dieser Automat gezeigt. An dem kann man sein Kleingeld einzahlen und dafür dann entweder einen Gutschein für Amazon, Zalando oder einem anderen aus einem Dutzend Lieferdiensten auswählen oder das Geld spenden.

Kleingeld in einer Stückelung unter 100 Yen, die man in Geschäften praktisch nicht mehr los wird, habe ich mehr als genug.

Theoretisch kann man Kleingeld auch auf seine SUICA-Karte einzahlen, praktisch muss man dazu aber mindestens 1.000 Yen zusammenbekommen – das ist schon wieder zu viel für die winzigen 1- und 5-Yen-Münzen. Der grüne Automat hat dagegen kein Unterlimit und nimmt brav alles an, am Ende kommt eine Spende an Unicef über 788 Yen oder 6,54 Euro zusammen.

So, Pflicht erledigt. Ich habe noch eine 100 Yen-Münze, für die kaufe ich mir „Crunky“, das sind kleine Schokoladekugeln mit crunchigem Karamellkram drin. Fürchterlich lecker, davon habe ich den letzten Wochen die ein oder andere Tüte geleert.

Ein Shuttlebus fährt mich einmal über das Flughafengelände bis zu zwei großen Parkhäusern.

Hier, zwischen Parkhaus 2 und 3, liegt das „9 Hours“, ein Kapselhotel.

Für rund 40 Euro kann man direkt am Flughafen übernachten, das ist konkurrenzlos günstig. „9 hours“ heißt das Hotel, weil es gerne möchte, dass man neun Stunden hier verbringt: Eine Stunde zum Ankommen und Duschen, sieben Stunden schlafen, eine Stunde um sich fertig zu machen und wieder aufzubrechen. Darauf ist es ausgelegt: Duschen, schlafen, sich sortieren. Was braucht man mehr?

An der Rezeption bekomme ich beim Checkin eine kleine Tasche und einen Schlüssel überreicht, dann betrete ich durch eine Tür den Männerflügel – das Hotel ist nämlich nach Geschlechtern getrennt. Unmittelbar hinter der Tür ist ein Umkleideraum mit langen Reihen von Spinden. Alles ist grau und karg und kalt beleuchtet, sieht ein wenig nach Gefängnis aus.

Ich suche nach dem Spind, der zu der Nummer auf dem Schlüssel passt, und öffne ihn. Hier soll man sein Gepäck und die Kleidung einschließen. Wieder bin ich froh, keinen großen Rollkoffer zu haben.

Nun unterziehe ich die Tasche, die ich an der Rezeption bekommen habe, einer Inspektion. Darin sind Einweg-Filzpantoffeln, ein Zahnbürste und Zahnpasta, zwei Handtücher, eine Anleitung und – ein Nachthemd? Tatsache. Ein Nachthemd, aus grauem Baumwollstoff. Die Tür am anderen Ende des Umkleideraums geht auf und eine Gruppe junger Männer kommt herein. In den uniformen Nachthemden sehen sie aus wie Sträflinge.

Ich lasse das Nachthemd erstmal Nachthemd sein, schließe meinen Rucksack ein und gehe durch die nächste Tür, hinter der Toiletten und Duschen sind. Alles ist auf dem Boden gekennzeichnet.

Die Duschkabinen sind richtige, kleine Badezimmer. Sehr gut! Ich nehme eines davon in Beschlag, rasiere mich und dusche dann ausgiebig den Staub der Straßen von Nagoya von der Haut.

Erfrischt und wieder angekleidet gehe ich aus dem Duschgang in den parallel liegenden Gang mit den Schlafkapseln. Der Gang selbst ist nur diffus beleuchtet. Die Schlafkapseln sind in zwei Lagen aufeinandergestapelt und ziehen sich einmal auf bestimmt 50 Metern an der Wand lang. Wie in einem Raumschiff sieht das aus.

Meine Kapsel ist in der oberen Reihe und über vier kleine Tritte zu erreichen. Ich werfe einen Blick hinein. Die Wabe ist komplett aus Kunststoff, ca. 2,50 Meter tief und etwas mehr als ein Meter breit und hoch. Unter der Decke ist ein Sprinkler, neben dem Kopfteil der Lichtschalter, eine Steckdose und USB-Ladeanschlüsse. Alles was ich brauche.

Ich ziehe im Umkleideraum wieder meine Straßenschuhe an, dann laufe ich noch ein wenig durch das mittlerweile fast menschenleere Flugterminal. Ich mag es, alleine und nachts an Orten zu sein, die tagsüber total überfüllt sind. Ein Gefühl von Privilegiertheit, quasi hinter die Kulissen schauen und dem Personal beim Feierabend zuzusehen und zu beobachten, wie der Wachdienst beginnt seine Runden zu drehen.

Ich ziehe mir noch ein Eis aus dem Automaten und hole ein Sandwich aus einem Seven-eEleven und damit ist mein letztes Bargeld ausgegeben.

Vor dem 9 hours ist ein großer Platz. Dort setze ich mich auf ein Steinobjekt und genieße noch ein wenig die warme Nachtluft. Die fühlt sich immer noch spätsommerlich an, was überhaupt nicht zur jetzt allgegenwärtigen Weihnachtsdeko- und Musik passen will.

Wo ist eigentlich Modnerd? Ich hole das Telefon raus und stelle diese Frage Siri. Die Landkarte springt auf und zeigt Modnerds Position. Er ist noch in Osaka.

Den Besuch einer Badelandschaft hatte Modnerd von Anfang an für die Reise geplant, und eigentlich wollten wir ganz zu Beginn der Reise einen Tag in einem Kurort am Fuji einlegen. Passte dann aber nicht. Aber nun, wir mussten so einiges von unseren Listen an Dinge, die wir gerne gesehen hätten, streichen. Zwar waren wir nun fast drei Wochen in Japan, aber manches passte halt aus Zeitgründen nicht.

Anderes liess sich schlicht nicht organisieren, wie der Besuch in den legendären G-Cans, dem Überflutungssystem von Tokio. Das sind gigantische, künstliche Kavernen unter der Stadt, die im Falles eines Tsunamis oder starken Regens das Oberflächenwasser aufnehmen können. Im leeren Zustand kann man die besichtigen, wenn mindestens eine Person in der eigenen Gruppe japanisch spricht. Genau das war das Problem – zwar hatte ich im Vorfeld eine nette Bloggerin aus Tokio angefragt, ob sie Zeit und Lust hätte mit Modnerd und mir die G-Cans zu besuchen, aber sie hatte leider keine Zeit.

Wikimedia CC BY SA 3.0, Dddeco

Schließlich ist da noch die Geografie, die es verhindert, dass sich Japan einfach so erkunden lässt. Allein die vier Hauptinseln ziehen sich über 2.000 Kilometer hin, weshalb wir Hokkaido und Kyushu gar nicht besucht haben und nur auf der Hälfte von Honshu und ein klein wenig auf Shikoku rumgefahren sind.

Die gesamte Tour.

Zwei Stunden später trifft Modnerd ein. Sein Tag war ähnlich ernüchternd wie meiner. Meine Ziele waren alle geschlossen, seine die Spa-World entpuppte sich als in die Jahre gekommenes Billig-Bad, mit lauwarmen Saunen und „Themenwelten“ der Marke „im Raum „Kanada hängt Fototapete mit Wald, die Heizung ist aus und zwei Ventilatoren sorgen dafür, das es zieht“. Nunja. Modnerd checkt ein, ich werfe mich im Umkleideraum in das Sträflingsnachthemd und ziehe mich dann in meine Kapsel zurück. Den Einstieg kann man mit einem Rollo vor neugierigen Blicken schützen.

Es ist still im Schlafsaal, bis auf den unvermeintlichen Amerikaner, der in seiner Kapsel telefonieren muss, weil er denkt, das bekommt niemand mit. Zwar sind die Wände zwischen den Kapseln gedämmt, aber die Waben sind praktisch offen, da hört man natürlich alles. Das Gespräch ist aber langweilig, und so stecke ich mir Stöpsel in die Ohren, drehe mich auf die Seite und bin schnell eingeschlafen.

Dienstag, 19. November 2019

Ich schlafe gut nd sogar länger als die vom „9 hours“ vorgesehenen sieben Stunden, dafür bin ich schneller beim Checkout. Direkt hinter dem Kapselhotel liegt das Terminal, von dem wir abfliegen. Es herrscht schon wuseliger Hochbetrieb, von der Stille und Ruhe von gestern Abend ist jetzt nichts mehr zu spüren.

In einem Teil des Terminals, das gerade totale Baustelle ist, heißt es dann warten.

Immerhin, der Teil, der schon fertig ist, ist schön geworden und hier gibt es… eine Toto-Ausstellung?!

Die Japaner sind echt stolz auf ihre Toiletten, und das zu recht. Ich werde diese tollen Teile zu Hause echt vermissen. (Nach meiner Rückkehr werde ich feststellen, das es von Toto Händler und zertifizierte Installateure in Deutschland gibt und ernsthaft die Anschaffung in Erwägung ziehen.)

Dann beginnt endlich das Boarding. Gestaffelt nach Gruppen gehen die Passagiere an Bord.

Ich mache es mir in meinem Sitz bequem. Um kurz nach 11:00 Uhr startet das Flugzeug, kurz vor 15:00 Uhr werden wir in Deutschland sein. Dazu kommt, das wir fast acht Stunden rückwärts in der Zeit fliegen, insgesamt sind wir 11 Stunden unterwegs.

Japan Airlines fährt auch jetzt wieder Essen auf. Das ist sehr gut, nur bei dem Gedanken wieviel Müll hier jeden Tag allein jeden Tag in einem Flugzeug durch die ganzen Einzelverpackungen anfällt, wird mir ganz anders.

Die Sache mit dem Müll empfand ich übrigens als das Befremdlichste in Japan. ALLES ist drei Mal in Kunststoff verpackt, mit Plastiktüten wird man förmlich zugeworfen und die Müllmengen die man als einzelner zu produzieren gezwungen ist, sind ENORM. Recycling? Verpackungssparsamkeit? Fehlanzeige.

War Japan ansonsten so, wie ich es erwartet habe? Ja. Japans Kultur- und Sozialleben unterscheidet sich stark von unserem. Der Gag ist aber: So lange ich dort war, fühlte sich das alles ganz normal an, und gar nicht befremdlich oder grundsätzlich irritierend.

Ich habe in den letzten drei Wochen tatsächlich viel gelernt. Unter anderem, dass Japan gar nicht mehr das Land der Zukunft ist, in dem alles in einem Maße technisiert ist, wie wir es uns nicht vorstellen können. Das war vielleicht früher mal so, in den 80ern und 90ern, aber jetzt nicht mehr.

Überraschend war für mich auch, wieviel Wert darauf gelegt wird, andere Leute nicht zu nerven. Wie höflich und zuvorkommend alle miteinander umgehen. Das hätte ich, gerade in den Großstädten, nicht für möglich gehalten. Das „Lebe dein Leben so, dass Du anderen nicht auf den Sacque gehst“-Prinzip gefällt mir super, da bin ich sofort zuhaus. Der Preis dafür ist allerdings hoch: Eine tief konservative, heterogene und patriarchalische Gesellschaft.

Japan ist Deutschland in vielen Dingen sehr ähnlich, aber noch konservativer, patriarchalischer und letztlich auch rassistischer und frauenfeindlicher. Es gibt keine Fehlerkultur, alles ist streng hierarchisch. Das bereitet zunehmende Probleme, zumal die Gesellschaft jetzt schon die älteste der Welt ist. Japan wird sich verändern müssen, und damit tut es sich aktuell schwer.

Modnerd hat den Fensterplatz und besteht darauf, dass die Fenster die ganze Zeit offen zu lassen.

Der Dreamliner verdunkelt irgendwann automatisch seine Fenster und schafft eine Nachtstimmung, aber Modnerd hebt die Polarisierung wieder auf und lässt gleißendes Sonnenlicht in die Kabine. Sein Anti-Jetlag-Plan ist es, bis Deutschland wach zu bleiben, und daran hält er eisern fest. Das unwillige Gemurmel der Umsitzenden bekommt er gar nicht mit oder ignoriert es.

Ich habe keinen Plan, ich hatte auch noch nie Jetlag. Im Bordkino gibt es viel zu gucken, und ich schaue mit großer Begeisterung erst „I am Mother“, langweile mich dann durch „X-Men – Dark Phoenix“ und bin irritiert von „Godzilla II“, der so doof ist, das ich müde werde. Gegen Modnerds gleißende Sonne hilft die dicke Kuschelschlafbrille, mein Luxusgegenstand auf dieser Reise. Nach einer Stunde unruhigen Schlafs gucke ich noch den vergnüglich-doofen „Shazam“ und lese ein wenig, und dann sind wir auch fast schon zu Hause.

Unter dem Flugzeug ziehen Russland und Osteuropa dahin, dann irgendwann vertraut wirkende Landschaft, und kurz darauf landen wir in Frankfurt.

Ich schwinge mir den CabinMax über die Schulter, der ja als Handgepäck durchgegangen ist. Modnerd muss dagegen auf sein Rollköfferchen warten, das er aufgegeben hatte, und das DAUERT. Das ist aber nur die erste von mehreren Unannehmlichkeiten, auch andere Anzeichen machen klar, dass wir wieder in Deutschland sind. Die eine Bahn zum Frankfurter Hauptbahnhof fällt aus, die nächste ist verspätet, und als wir endlich dort ankommen, ist die Fernverbindung auch gerade ausgefallen. Ach Mensch, was für ein krasser Gegensatz – in Japan konnten wir in den letzten drei Wochen die Uhren nach den Zügen stellen, die auf die Sekunde und den Zentimeter genau dort abfuhren, wann und wo sie sollten. In Deutschland dagegen gleicht Bahnfahren Glücksspiel.

Modnerd und ich zücken unsere Bahncards, die beide Comfort-Status haben und setzen uns in die Bahnlounge, die über die Gleise blickt. Die Sonne geht gerade unter und scheint durch den Kopfbahnhof, der in diesem Licht wirkt wie ein altes Gemälde.

Ich blicke aus dem Fenster und lasse die Gedanken schweifen. Was haben wir in den vergangenen drei Wochen alles gesehen! Tokio, mit seinen unterschiedlichen Vierteln und krassen Gegensätzen, wie Asakusa mit seinen Tempeln oder dem sprawligen Elektronikviertel Akihabara mit seiner Manga- und Maidkultur. Wir haben den Berg Fuji gesehen und eine Eishöhle besucht, haben in den japanischen Alpen in einem echten Gasthof übernachtet und Onsen-Kultur kennengelernt, haben die alten Städte von Matsumoto und Kanazawa besucht, das Grauen von Hiroshima verinnerlicht, das Iya Valley durchquert und seltsames Essen in Osaka genossen.

Mehr kriegt man kaum rein in drei Wochen, und dabei haben wir nur einen winzigen Teil von Japan gesehen. Auswählen muss man halt immer, wenn man zum ersten Mal in eine fremde Kultur eintaucht. Lediglich das der Besuch der G-Cans nicht geklappt hat fühlt sich ein wenig nach verpasster Gelegenheit an. Aber wenigstens hat alles andere funktioniert. Es gab keine Panne, keine Unfälle, keinerlei Missgeschicke und verloren sind wir auch nicht gegangen.

Apropos, das Bild im Westen ist über Gebühr geprägt vom Film „Lost in Translation“, in dem zwei Amerikaner praktisch das Hotel nicht verlassen, weil das Japan vor der Tür kalt, rau, irritierend bizarr und oft schlicht verrückt ist. Und, was soll ich sagen: Der Film lügt einem die Hucke voll. Wenn man nicht völlig ignorant, sondern nur ein klein wenig neugierig auf die fremde Kultur ist und auch zuhause im Jahr 2019 lebt, dann kommt man in Japan gut zurecht. Es hilft, ein, zwei Dinge vorher zu wissen, aber ansonsten ist Japan angenehm normal und überhaupt nicht so, wie Sofia Coppola es in ihrem Film zeigt.

Irgendwann bequemt sich dann doch ein ICE zu fahren. Wie kommt einem Besucher aus Japan wohl Europa vor? Ein öffentliches Transportsystem wie aus der dritten Welt und die Toiletten reinigen weden den eigenen Hintern noch sich selbst, sondern zwingen einen dazu die eigenen Ausscheidungen durch eine dünne Schicht Papier zu berühren und anschließen mit einer Klobürste in den eigenen Exkrementen herumzustochern um die Reste zu beseitigen. Vermutlich werden wir als Barbaren wahrgenommen.

Wenn ich eines gelernt habe, dann, das Japan nicht nur eine abgeschottete Gesellschaft und eine eigene Kultur hat, es ist eine ganz eigene Welt. Natürlich gibt es Parallelen zu unserer, das lässt sich schon durch die Globalisierung schwer vermeiden. Aber in weiten Teilen ist das Leben anders, und damit spannend. Ich würde gerne irgendwann mehr darüber erfahren.

Zwei Stunden kommen wir in Götham an. Modnerd und ich verabschieden uns und gehen getrennte Wege. Kurz darauf steige ich aus dem Bus und stehe auf der Dorfstraße von Mumpfelhausen. Es ist kalt und nieselt, die Wege sind mit Blättern bedeckt.

Ich ziehe den Träger des Rucksacks fester um die Schulter und laufe die letzten Meter bis nach Hause. Das ich gestern noch am anderen Ende der Welt in spätsommerlicher Wärme Weihnachtsmusik gehört habe, scheint schon fast seltsam. Wie ein Traum kurz nach dem Aufwachen, scheinen auch die letzten drei Wochen bereits unwirklich zu werden. Das Gefühl, dass das wirklich passiert ist, beginnt zu verblassen wie ein altes Foto, dass langsam die Farbe verliert.

Das Abenteuer Japan ist vorbei, morgen geht es schon wieder mit dem Arbeitsalltag weiter.


Das war es mit dem Reisetagebuch Japan. Vielen Dank an Alle für´s Mitreisen und Kommentieren, auch aus den Kommentaren habe ich noch viel gelernt! Umgekehrt hoffe ich natürlich, der geneigten Leserschaft Japan etwas nähergebracht zu haben – denn, ganz ehrlich, was weiß der Durchschnittseuropäer über diese wichtige Gesellschaft auf unserem Planeten?

Wie auch immer, Feedback und Kritik – an der Themenauswahl genauso wie am Schreibstil oder allem anderen – bitte gerne in die Kommentare.

In Kürze geht es an dieser Stelle mit dem Reisetagebuch einer Kurzreise weiter, die äußerst finster beginnt und endet. Reinschauen lohnt sich.

Hier noch einmal das ganze Reisetagebuch Japan in der Übersicht, mit allen Einträgen vom 31.10.-19.11.2019.

Kategorien: Reisen | 10 Kommentare

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10 Gedanken zu „Reisetagebuch Japan (19): Montag ist Ruhetag!

  1. Snoeksen

    Schade, das es „schon“ vorbei ist, hat Spaß gemacht alles zu lesen. Ich finde es immer interessant zu lesen, wie andere Japan wahrnehmen, gerade beim ersten Mal. Ich bin gespannt, wann es eine Fortsetzung gibt 😄

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  2. Vermutlich sprichst du aus Erfahrung… Wenn man einmal mit Japan angefixt wurde, kommt man so schnell da nicht mehr von weg… ich merke das auch gerade schon.

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  3. Dirk Rössner

    Schade. Schon zu Ende. Es war klasse!

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  4. Faszinierend, du schaffst es, dass ich beim Lesen und Kucken deiner Reiseberichte für einen Moment woanders bin. Toll. Vielen Dank fürs Mitnehmen.

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  5. zwerch

    Danke für´s Mitnehmen und näherbringen eines anderen Landes 🙂

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  6. Interessant, wie verschieden Japan wirkt schon auf uns beide gewirkt hat. Ich habe die Reise ebenfalls als sehr toll, lehrreich, teilweise ernüchternd und teilweise unglaublich beeindruckend empfunden. Aber mein Wunsch zurückzukehren, ist nicht so stark ausgeprägt, vielmehr hat es meinen Fokus auf Europa und alles „nebenan“ verstärkt. Ich kam zurück mit dem Gefühl, dass die Entfernung das Reiseerlebnis nicht stark beeinflusst hat – die andere Kultur natürlich schon. Davon habe ich jedoch erstmal genug gesehen um davon zu zehren und ein gutes Grundverständnis aufgebaut zu haben.

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  7. Vielen Dank für diese tollen Berichte einer faszinierenden Reise! Ich habe alle sehr gerne gelesen und bereue es, Japan in meinen jungen Jahren nicht doch besucht zu haben.
    Außer des Schlafens in so einer „Kapsel“. Da bekäme sogar ich Platzangst. Oder gibt es die auch in geräumiger? So für Sumoringer… 😉

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  8. Japan ist ein tolles Reiseland! Danke für’s Mitnehmen!
    Ich würde gern nochmal nach Tokio, nur wegen Essen, Kawaii und 100 ¥ Shops. 😀

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  9. Dirk & Bla & Zwerch: Danke schön!!

    Modnerd: Wir müssen nach China 😉

    Ralf: Mach so weiter und das passt :-)!!!

    Kalesco: Reisen wird zwar schwieriger, aber ich glaube, da muss ich auch nochmal hin.

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  10. ruediger

    Vielen Dank fürs erneute mitnehmen.

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