Reisetagebuch Motorradtour Ost (1): Die finstere Seite des Ettersbergs

Herr Silencer startet zu einer, äh, Motorradtour. Nur leider ohne Motorrad. Dabei stößt er auf sehr finstere Geschichten und gewinnt dadurch für seine Verhältnisse erstaunliche Erkenntnisse. Vorsicht, langer Text, der zudem noch schlechte Laune macht. Menschen, die von zu vielen Buchstaben getriggert werden, seien hiermit gewarnt.

15. Juni 2020
So richtig Urlaub mit mehrwöchiger Motorradreise fällt in diesem Jahr leider aus. Coronabedingt, warum auch sonst. Aber wenigstens eine kurze Tour in Deutschland will ich stattdessen machen. Ein Paar Tage mit der Kawasaki ZZR 600 nach Ostdeutschland, da kenne ich so viel noch nicht.

Das Motorrad steht schon gepackt unten in der Garage, aber ich sitze mit miesepetrigem Gesicht am Schreibtisch im Arbeitszimmer und starre aus dem Fenster.
Draußen reget es Bindfäden.

Wochenlang war es trocken und sonnig und JETZT, wo ich eine Woche Urlaub habe, da gibt es „ergiebigen Landregen, stellenweise auch Starkregen“ mit 50 Litern pro Quadratmeter, und das soll über Tage so gehen. Mir macht Wetter auf Motorradreisen nicht viel, aber diese Scheiße hier, eine Woche lang?

Ich überlege mehrere Stunden und starre dabei abwechselnd in den Regen und auf die Wettervorhersage, aber es wird nicht besser. Schließlich storniere ich einige der geplanten Unterkünfte und hinunter in die Garage, die in den Berg unter dem Haus eingelassen ist wie Höhle. Darin steht die silberglänzende ZZR neben der schwarzen V-Strom.

Beide Maschinen sind frisch gewartet, sauber geputzt und haben noch nagelneue Reifen, denn in diesem seltsamen Jahr waren sie bislang kaum ein paar Kilometer auf der Straße.

Mit der Hand fahre ich an der polierten Seite der Kawasaki entlang, blicke nach draußen in den pladdernden Regen und sage schließlich „Nicht heute“, als ich eine Entscheidung gefällt habe. Ich klinke die Seitenkoffer aus, trage sie ein Mal um die Ecke und wuchte sie in den Kofferraum des Autos. Statt also mit dem Motorrad mehrere Tage durch die Gegend zu kurven, fahre ich nun mit dem Auto von Göttingen aus 150 Kilometer nach Südwesten.

Der Weg führt bei Duderstadt über die ehemalige deutsch/deutsche Grenze, dann durch das erzkatholische Eichsfeld, und dann südlich vom Harz durch grüne Getreidefelder bis in eine Region, in der ganz geballt Orte mit bekannten Namen liegen wie Eisenach, Gotha, Erfurt, Weimar und Jena. Willkommen in Thüringen, dem Bundesland mit den wenigsten COVID-19-Infektionen.

Starkregen lässt sich im Auto, so die erste Erkenntnis der Fahrt, viel angenehmer ignorieren als auf dem Motorrad.

Auch 30 Jahre nach der Wende gibt es hier noch überall Straßen mit Kopfsteinpflaster. Das Kleine Gelbe AutoTM hat ein Sportfahrwerk, und ich werde erst ordentlich durchgeschüttelt und dann klappert irgendein Blech im Unterboden, dass sich abvibriert hat. Die Straßen sind für Trabbis gemacht, nicht für spanische Autos.

Mitten in Thüringen habe ich mir einen schönen Bauernhof gesucht, wo ich einer Knechtkate übernachte und mir zwei Tage lang Weimar angucken kann.

Weimar, das ist die Stadt von Bauhaus, der kantigen Architektur- und Designphilosophie. Deshalb gibt es hier auch ein großes Museum dafür, aber das hat natürlich gerade dann Ruhetag, wenn ich es besuchen will. Ruhetag am Dienstag ist eher ungewöhnlich.

Immerhin steht hier der zweitgrößte Stuhl, den ich je gesehen habe.

Weimar ist auch die Stadt dieser beiden Herren: Goethe und Schiller.

Die Beiden grüßen an jeder Ecke. Also, an WIRKLICH jeder Ecke.

Wirklich, Goethe und Schiller sind überall. Bis zum Erbrechen. In fast jeder der schmucken Gassen in der Innenstadt befindet sich irgendwas mit Goethe und/oder Schiller Bezug, und sei er noch so konstruiert. Aber egal, Weimars Altstadt ist wirklich hübsch.

Das Essen ist auch toll. Man isst hier, natürlich, Thüringer Bratwurst oder Thüringer Brät mit Bratkartoffeln.

Zum Nachtisch gibt es dann aber wieder Goethe und Schiller.

Wenn nicht gerade Goethe & Schiller vermarktet werden, dann geht es bestimmt um den Philosophen Herder. Ich muss gestehen: Das interessiert mich alles nicht die Bohne. Ich habe da keinen Bezug zu, wie zum gesamten klassischen Bildungskanon.

Die Sprache des „Dichterfürsten“ verstehe ich kaum, die Themen gehen mir ab. Ich gehöre nicht dem Bildungsbürgertum an, und von dem ist Weimar die Welthauptstadt.

Goethe, Schiller, Kulturstadt. Jaja, das stimmt ja auch. Vor ein paar hundert Jahren war Weimar die Kultur- und Bildungsstadt von Weltruf. Im 17. Jahrhhundert wirkten hier die Cranachs, im 18. Jahrhundert Bach, im 19. unter anderem Franz Liszt, Richard Strauß, oder Friedrich Nietzsche. Das Weimar eine Stadt der Hochkultur war, war auch der Grund, dass hier nach dem ersten Weltkrieg die Weimarer Republik ausgerufen wurde. Darauf ist man in Weimar heute noch stolz.

Weimars Geschichte hat aber noch eine andere Seite, und die ist sehr finster. Sie ist zugleich ein Lehrstück dafür, wie das Bürgertum mit Faschismus umgeht, ihn lebt und eher bereit ist, mit einer Lebenslüge zu leben, als sich damit auseinander zu setzen. Diese Geschichte kann uns viel über unsere eigene Gegenwart verraten.

Um mehr darüber zu erfahren, setze ich mich in das klappernde Kleine Gelbe AutoTM und fahre von Weimar aus zehn Kilometer nach Norden. Hier liegt der große Ettersberg, mit 480 Metern die höchste Erhebung im Thüringer Becken. Die Südseite ist dicht bewaldet, auf der Westseite schmiegen sich Felder an die Bergflanken. Mitte Juni sind die bedeckt sind mit grünem Getreide und manchmal mit schon gelben Feldern mit ganz viel Mohnblumen darin. Schön sieht das aus.


Die Straße ist schmal und führt durch kopfsteingepflasterte Dörfer und schlängelt sich dann auf dem Bergrücken durch einen Wald bis zu einem großen Parkplatz.

Hier treffe ich mich mit Sandra Weingart. Die sportliche Mittdreißigern ist studierte Soziologin und arbeitet ehrenamtlich auf dem Ettersberg.

Sie trägt das hellblonde Haar in einem geflochtenem Zopf und blickt durch eine Brille mit großen Gläsern und breitem Rahmen, was sie ein wenig wie eine strenge Gouvernante wirken lässt. Sie ist in eine dicke Softshelljacke gekleidet, trotz des warmen Wetters. „Ich kenne meinen Ettersberg“, sagt Frau Weingart. „Der Wind hier oben kann eisig sein und das Wetter schnell umschlagen. Zumindest den Wind werden sie gleich noch erleben.“

Während wir durch über einen parkähnlichen Weg unter Bäumen langlaufen erzählt Frau Weingart, dass Weimar nicht nur die Kulturhaupstadt und Wiege der ersten deutschen Demokratie war. Die Stadt war auch das Sprungbrett der Nationalsozialisten nach Berlin. Hier, mitten in Thüringen, fand 1926 der erste Parteitag der neu gegründeten NSDAP statt. Wenige Jahre später wählte die bürgerliche Mittelschicht begeistert die Nationalsozialisten in Stadt und Land. 1932 erzielte die NSDAP schon 42,8 Prozent der Stimmen. An das Hotel „Elefant“ in der Stadtmitte baute man extra einen Balkon an, damit Hitler sich seinen auf dem Marktplatz wartenden und skandierenden Anhängern zeigen konnte. Der Balkon ist heute noch da:

Die Nationalsozialisten übernahmen die Macht in Thüringen und begannen sofort mit dem Umbau der Institutionen. NSDAP-treue Anhänger wurden in die Polizei eingestellt und die Schutzstaffel, abgekürzt SS, übernahm „Ordnungsaufgaben“, wozu auch die systematische Aufspürung und Verfolgung von Oppositionellen und überhaupt all jenen gehörte, die die Partei als Feind ausgemacht hatte.

In die SS konnte jeder über einem gewissen Mindestalter, das später auf 16 Jahre gesenkt wurde, eintreten. Vorbedingung war eine Mindestkörpergröße von 1,72 Meter und ab 1933 der kleine „Ariernachweis“, mit dem anhand einer Ahnentafel belegt werden sollte, dass ein SS-Aspirant oder Beamtenanwärter keine Vorfahren jüdischen Glaubens hatte. „Ein rassistisches Gesetz“, sagt Frau Weingart, „aber die SS erhielt enormen Zulauf. Sie galt als Eliteorganisation, ihre Mitglieder wurden gut bezahlt, erhielten Uniformen und Macht. Vor allem die Macht, anderen Gewalt antun zu dürfen, ohne fürchten zu müssen dafür belangt zu werden. Das ist für viele Menschen ungemein attraktiv. Und der Rassismus bedeutet, das z.B. auch Menschen mit niederem Bildungsstand zur „Elite“ gehören können und auf alle anderen, inkl. der Intellektuellen, herabsehen.“

Wir gehen an einer flachen Baracke aus verputzen Ziegeln vorbei. Das Gebäude wird gerade renoviert. Wie alt mag es wohl sein?

„Ab 1938 gab es noch einen weiteren, sehr guten Grund in der SS zu sein. Wer darin Mitglied war, musste nicht als Soldat an die Front. Dafür erwartete die Organisation aber bedingungslos Unterwerfung. Wollte ein SS-Mann heiraten, musste er seinen Lebenslauf und den seiner zukünftigen Frau inklusive Lichtbildern einreichen. Je nach Lust und Laune wurde dann die Heirat genehmigt – oder auch nicht.“

„Einem SS-Mann, dessen Unterlagen ich hier habe, wurde sein Heiratswunsch verwehrt mit der Begründung, seine Verlobte sehe zu „ostländisch“ aus.

Frau Weingart sagt: „Ich habe hier oft Schulklassen. Was denken die, was die antworten, wenn ich die frage, was der SS-Mann nun machen kann, wenn er seine Freundin liebt.“

Ich überlege, aber noch bevor mir etwas einfällt, fährt Frau Weingart fort „Auf Platz drei der Antworten: Die Bilder Photoshoppen“. Sie grinst. „Jaja, lustig, ne? Auf Platz zwei: Anderes Makeup und neue Fotos machen. Auf Platz eins: Da kann man halt nichts machen.

Jetzt lächelt die Soziologin nicht mehr. „Die Antwort, die die Schulklassen nicht geben: Er kann ja aus der SS austreten. Und genau das entspricht der damaligen Realität. Da wurde sich eher eine neue Braut gesucht als aus der Organisation ausgetreten.“

Frau Weingart stand während der letzten Sätze versehentlich in einem Ameisenhaufen. Wir gehen ein Stück weiter.

„Ich höre übrigens immer wieder „Ja, Opa war halt nur bei der normalen SS, nicht bei der Waffen-SS. Das ist aber Quatsch. Es gab verschiedene SS-Gruppen, namentlich „Das Reich“, „Totenkopf“ und „die Polizeidivision“. Bewaffnet waren die alle, und später verschmolzen die Gruppen zur Waffen-SS. Wen Oppa also in irgendeiner SS lange genug war, war er auch in der Waffen-SS.“

Wir gehen auf ein Torgebäude zu. Links und rechts des Tores sind kleine Flachbauten, oben drüber thront eine Plattform mit einem kleinen Uhrenturm.

„Kleine Abschweifung. Wie auch immer, die SS-Leute waren zahlreich, sie waren überall, sie waren gewalttätig, und sie konnten tun und lassen was sie wollten“, sagt Frau Weingart und öffnet eine Tür in dem schweren Metalltor. „Das gilt ganz besonders für diesen Ort hier oben auf dem Ettersberg, der völlig rechtsfrei war und den die meisten Menschen als Konzentrationslager Buchenwald kennen.“

Wir gehen durch das Tor. Vor uns fällt der Berghang ab. Es ist ein großes, leeres Gelände, begrenzt von Wald, darüber der Himmel über Thüringen. Nur ganz am Ende des Geländes steht ein mehrstöckiges Gebäude, und darum herum einige kleine Bauten.

Hinter uns fällt das Tor ins Schloss. Die Worte „Jedem das Seine“ sind darin eingelassen, aber auf der Innenseite. Hä?

„Eigentlich sollte es „KZ Ettersberg“ heißen, aber damit hatten die Kulturgemeinschaft von Weimar ein Problem, denn Goethe residierte mal auf der nahegelegenen Ettersburg, und deshalb bat man um Umbenennung. Für die Weimarer war ein Konzentrationslager kein Problem, aber bitte nicht an Goethe anecken, und bitte außerhalb der Sichtweite der Touristen. Deshalb ist das Lager auch auf der Weimar abgewandten Seite des Ettersbergs.“ …Alter.

Der leere Platz wirkt riesig, wie groß mag das hier sein?

„So groß wie 266 Fußballfelder ist das Gelände. Früher standen hier dicht an dicht Baracken“, sagt Frau Weingart, die anscheinend meine Gedanken erraten hat. „Buchenwald war ein Stammlager, eines der größten Konzentrationslager auf deutschem Boden, mit 139 Außenstellen, bis rüber nach Köln.“

„Insgesamt waren hier 266.000 Menschen aus ganz Europa eingesperrt. Um gleich mit zwei Mythen aufzuräumen: Die Insassen hier bekamen keine Tätowierung. Das ist ein weit verbreiteter Irrtum, schon kurz nach dem Krieg. Eine Nummer in den linken Unterarm bekam man nur in Auschwitz, nicht hier. Das machte es den Überlebenden schwer eine Entschädigung zu bekommen, weil es hieß „Du kannst nicht im KZ gewesen sein, Du hast gar keine Tätowierung“. Mythos Nummer zwei: Es gab hier keine Vergasungsräume oder Vernichtungsöfen. Solche Vernichtungsanlagen gab es nur in Osteuropa, wie in Auschwitz oder Chelmno. Auf deutschen Boden galt Vernichtung durch Arbeit“.

Ich ziehe meine Jacke enger um mich. Mir fröstelt. „Kalt hier, nicht war?“, sagt Frau Weingart. Stimmt, ein kalter Wind geht hier auch. Obwohl es Sommer ist und fast 25 Grad sind. „Das ist die Besonderheit hier. Hier weht so gut wie immer ein kalter Wind. Wir stehen hier auf dem ehemaligen Appellplatz. Hier mussten die Gefangenen morgens und abends antreten. Morgens eine Stunde, dann Arbeitseinsatz, abends dann vier Stunden. Vier Stunden still stehen, bekleidet mit einer Art Schlafanzug, in diesem eisigen Wind, vielleicht noch bei Regen. In dieser Zeit mussten die Gefangenen dabei zusehen, wie die SS-Leute einzelne von ihnen verprügelten und dabei die Knochen brachen oder am Galgen aufhängten. Manchmal dauerten die Apelle auch länger, wenn alle für das Fehlverhalten einzelner bestraft wurden. Der längste Appell dauerte 19 Stunden.“ Grauenvoll.

Das Torgebäude, so erklärt es Frau Weingart, sei „klassische KZ-Architektur – falls es so etwas gibt“. In dem flachen Anbau rechts, dem „Bunker“ waren Zellen für Einzelhaft untergebracht. Hier wurde gefoltert und gemordet, durch Angehörige der SS, die das Quälen anderer Menschen als ihren beruflichen Alltags sahen und am Ende des Tages zu Frau und Kind nach Hause gingen.

Über dem Flachbau ist ein Wachturm mit einer Uhr, die um 15:15 Uhr angehalten wurde, der Uhrzeit der Befreiung des Lagers. Unter dem Wachturm ist das Tor mit der Inschrift. Der Satz „Jedem das seine“, erläutert Frau Weingart, stammt eigentlich aus dem römischen Recht und sollte die Insassen stets daran erinnern, dass es nur ihre eigene Schuld was, dass sie hier gelandet waren. Das sie es verdient hatten, gequält und geschunden zu werden. Das sollten sie immer vor Augen haben, deshalb ist die Schrift so angebracht, dass man sie aus dem Innren des Lagers lesen kann und nicht von außen.

Rund um das Lager verläuft ein drei Meter hoher Stacheldrahtzaun, der von Wachtürmen mit Flutlichtscheinwerfern und Maschinengewehrhalterungen gesichert wird.

Hinter dem Zaun ist ein kleiner Zoo, in dem Bären und Affen gehalten wurden.

„Sie müssen sich das vorstellen!“, sagt Frau Weingart, „Da kommen mitten in Weimar zügeweise Waggons mit zerlumpten Menschen an, die durch die Stadt und zum Ettersberg getrieben werden. Da arbeiten viele Weimarer bei der SS und im KZ. Da greifen über 40 Betriebe in Weimar auf Zwangsarbeiter aus Buchenwald zurück. Und dann ist hier oben ein Zoo, den die Weimarer am Wochenende mit Kindern und Familien besuchen, und von dem aus man direkt ins Lager blickt und DANN stehen die nach Kriegsende alle da und behaupten, sie hätten von nichts gewusst!“

Die Soziologin wird nun richtig wütend. „Ettersberg? Nie gehört. Ach DER Ettersberg da? War der gestern schon hier? Kann mich gar nicht dran erinnern.“ Dabei hat Weimar massiv vom KZ profitiert, sowohl durch die Arbeitskräfte als auch durch das Ansehen, ein Standort mit kriegswichtiger Produktion zu sein.“

In der nächsten Stunde schildert Frau Weingart das Leben im Lager, dann verabschiedet sie sich und eilt davon.

Ich stehe allein auf dem Ettersberg in dem kalten Wind und sehe mich um. Dann fische ich das Handy aus der Tasche. Seit Corona gibt es eine App, die einen Audioguide enthält und das Außengelände sowie die Ausstellungen erklärt. Das ist gut, dann müssen nicht mehrere Besucher vor einer Schautafel stehen und Texte lesen, sondern können Abstand halten. Ich pfriemele mir die Kopfhörer in die Ohren und beginne einen Rundgang über das Gelände.

Das erste Gebäude ist eingeschossig und hat einen großen Schornstein.

2Das ist das Krematorium mit der Pathologie“, weiß der Audioguide, wobei die Namen der Funktion Hohn strafen. Die Häftlinge starben im Lager wie die Fliegen, denn es gab kaum Nahrung und nicht ausreichend Trinkwasser, die Arbeit war hart und die sonstigen Bedingungen erbärmlich. Vernichtung durch Arbeit, entweder in den nahegelegenen Steinbrüchen oder in den Karabinerwerken direkt nebenan. In der „Pathologie“ wurden den zu Tode geschundenen Menschen Organe und Goldzähne entnommen, dann wurden sie im „Krematorium“ verbrannt.

Wobei der Begriff sachlich falsch ist, ein Krematorium muss so gebaut sein, dass es den Tod mit Würde behandelt – u.a. darf die Asche von Toten nicht vermengt werden. Das hier ist aber eine Feuervernichtungsanlage, gebaut von der Firma Topf & Söhne aus Erfurt. Das Unternehmen kannte sich mit Krematorien zwar aus, aber diese Anlage hier ist gebaut wie einer ihrer anderen Bestseller: Eine Abfallverbrennungsanlage. Bei der kommt es nur auf Durchsatz an, die Asche von vielen Menschen wird vermengt.

Mit der Asche der achtlos verbrannten Menschen machte die Stadt Weimar noch ein Geschäft, denn Angehörige von Inhaftierten konnten einen Antrag stellen und gegen die Zahlung einer erheblichen Summe eine Urne zugeschickt bekommen. Darin war allerdings irgendwelche Asche, nicht ein einzelner Verstorbener. Aber das wusste ja niemand.

Im Keller der „Pathologie“ waren die Wände mit Haken gespickt. Auf die wurden Menschen Stricken um den Hals gehängt, rund 1.100 sind dort unten erstickt. In einem Nebenraum steht etwas, das wie ein Gerät zur Messung der Körpergröße aussieht.

Tatsächlich wurden vor allem russische Kriegsgefangene in einen Raum gebracht, der wie ein Arztzimmer aussah. Dort sollten sie sich zur Größenmessung an die Wand stellen – und dann jagte ihnen ein SS-Mann durch eine versteckte Öffnung aus dem Nebenraum eine Kugel ins Genick. Das vermeintliche medizinische Instrument ist eine Genickschussanlage.

Mindestens ebenso grausam: Die Forschungsstation, in der Menschen absichtlich mit Krankheiten wie Fleckfieber infiziert wurden, um die Auswirkungen zu studieren und Gegenmittel zu entwickeln. Pharamaexperimente im Rechts- und Ethikfreien Raum. Von dem Gebäude sind nur noch die Grundmauern übrig.

Von den Häftlingsunterkünften sind nur noch die Grundflächen zu sehen. Sie wurden für Baumaterial abgerissen.

Ein Stück den Berg runter liegt das Desinfektionshaus. Neuankömmlingen wurden hier die Haare geschoren, danach wurden sie in eine beißende Desinfektionslösung getaucht.

Danach ging es durch einen Gang in das Effektenhaus, wo sie ihre letzten Habseligkeiten abgeben mussten.

In diesem Haus ist jetzt eine große Ausstellung „Buchenwald: Ausgrenzung und Gewalt 1937 bis 1945“ untergebracht.

Die Ausstellung beleuchtet eindrücklich, wie die Nationalsozialisten an die Macht kamen und wie sie ihre neue Ordnung etablierten. Demokratische Gewaltenteilung, Gleichheit vor dem Gesetz, Meinungsfreiheit und Bürgerrechte wurden durch ein System aus Rassismus und Terror ersetzt. Die Einteilung der Bevölkerung in angeblich Höher- und Minderwertige führten zu permanenter Gewalt, aber die Mehrheit der Bevölkerung wehrte sich nicht dagegen – sie wurde vom System begünstigt und profitierte vom wirtschaftlichen Aufschwung durch die Aufrüstung.

In klarer, unverschörkelter Sprache wird in der Ausstellung beschrieben, wie sich der Faschismus in der Gesellschaft ausbreitete und wie das System aus Symbolpolitik, ständiger Selbstvergewisserung, Belohnung für Mittäterschaft und härteste Gewalt gegen Kritiker dafür sorgte, dass die alte Ordnung praktisch ohne nennenswerten Widerstand in sich zusammenfiel. „Wieder ist erstaunlich, wie wehrlos alles zusammenbricht“, notierte der Chronist Viktor Klemperer in seinen Tagebüchern.

Um ihre rassistischen Ideen zu untermauern, ließen die Nationalsozialisten europaweit forschen. Hier sind u.a. Büsten ausgestellt, die an der Universität Wien von Menschen genommen wurden, um anhand von Gesichtszügen und Kopfformen Rassenmerkmale abzuleiten. Unnötig zu erwähnen, dass das alles Quatsch ist, oder?

Die SS-Mitglieder pflegten einen rassistischen Kult, der urdeutsche Heimatromantik mit nordischer Mythologie verquickte. Besonders gut ist das in der Ausstellung an eingen Möbelstücken zu sehen, die die Häftlinge herstellen musste: Hier sieht man deutsches Eichenlaub und nordische Runen.

Die Möbel konnten SS-Leute im KZ-Shop kaufen. Dort gab es auch Gegenstände aus Menschen, zum Beispiel mit Haut bespannte Lampenschirme.

Besonders eindrücklich sind die Kleidungsstücke der Häftlinge und die Gegenstände, die sie heimlich herstellten.
Hier zum Beispiel ein Bügeleisen aus Aluminiumabfall und einem halben Backstein. Es wurde benutzt um die Nähte der Kleidung zu Bügeln, damit Ungeziefer, das sich darin versteckte, zu töten.

Oder dieses Schachspiel, dass sich ein französischer Gefangener bastelte.

Oder diesen Büstenhalter, den sich eine Frau aus einem alten Männerhemd und Fäden aus Wolldecken nähte.

Wichtigster Besitz war Essgeschirr. Wer keines ins Lager mitgebracht hatte oder sich organisieren konnte, konnte nichts essen und verhungerte.

An den Füßen trugen die Inhaftierten, wenn überhaupt, Holzpantinen. Die sorgten für dauerentzündete Füße.

Die Kleidung der Häftlinge war mit farbigen Markierungen versehen, sog. Winkel. Die Farben symbolisierten das „Verbrechen“ wegen dem die Person in Buchenwald war.

Rot bedeutete politischer Gefangener, rosa stand für homosexuell, blau für Ausländer, grün für Berufsverbrecher und schwarz für arbeitsscheu und asozial. Der Begriff „Asozial“ ist übrigens eine Erfindung der Nationalsozialisten, in der Sozilologie gibt es nur den Begriff „unsozial“. Wer also heute sagt „Du bist ein Asi“, der bedient sich eines Satzes, den die Nazis eingeführt haben.

Die „Verbrechen“ waren übrigens mehr oder minder willkürlich verteilt. Um in Buchwald zu landen reichte es schon, wenn ein missliebiger Dorfpolizist einen loswerden wollte und deshalb vorbeugend Anzeige erstattete, auch wenn kein Vergehen vorlag.

Die Ausstellung erzählt auch von Einzelschicksalen, wie der von jungen Mutter,die ihre Kinder verlor, Zwangsarbeit leisten mussten und am Ende des Krieges doch als Nazischlampe galt. Oder dem Arzt, der zu „ausländerfreundlich“ war.

Neben den Hunderttausenden „normalen“ Häftlingen gab es auch Prominenz in Buchenwald, wie den Theologen und Doppelagenten Dietrich Bonhoeffer oder den Kommunisten Ernst Thälmann, dessen heimliche Trauerfeier in Buchenwald Ausgangspunkt für den Personenkult wurde, den die DDR um seine Person etablierte.

In der Endphase saß hier sogar Prinzessin Mafalba ein, die Tochter des italienischen Königs Emanuele Vittorio des II. Sie war angeklagt, die Deutschen nicht rechtzeitig vom Putsch gegen Mussolini unterrichtet zu haben. Sie starb bei Bombenangriffen der Amerikaner, die 1945 die ans KZ angeschlossenen Rüstungswerke aus der Luft angriffen.

Kurz bevor amerikanische Bodentruppen eintrafen, verließ die SS das Lager. Am 11. April 1945 übernahmen die politischen Gefangenen, die zuvor schon heimlich um Hilfe gefunkt hatten, die Leitung des Lagers, inhaftierten 125 der ehemaligen Bewacher und hissten die weiße Fahne.

Die Amerikaner guckten kurz vorbei und hatten dann drei Tage was anderes zu tun, bevor sie das Lager dann endgültig befreiten und die Insassen mit Nahrung versorgten. In diesen drei Tagen starben noch einmal 700 Menschen.

Als das Lager aufgelöst wurde, gaben sich die Menschen in Weimar unwissend. Dabei belegen Briefwechsel zwischen Weimarer Firmen und Lagerleitung eindeutig, wie sehr die Unternehmen von den Zwangsarbeitern profitierten. In der Ausstellung sind einige Schriftstücke zu sehen, in denen die Unternehmer eine härtere Behandlung der Häftlinge fordern, um mehr Arbeitsleistung aus ihnen heraus zu quetschen. Vernichtung durch Arbeit.

Nichts gewusst, nichts mitgekriegt, die Nazis waren Schuld. Das war das verbreitete Narrativ der Bevölkerung, nicht nur in Weimar, sondern überall in der Bundesrepublik. Aber hier in Weimar wird eben besonders deutlich, wie die bürgerliche Mitte die Nazis stützte, von ihnen profitierte und später von nichts gewusst haben wollte und sich sogar unfair behandelt fühlte, weil man ja ihr Ansehen schädigte:

In der späteren BRD wurde dann der Mythos gepflegt, dass nur die SS-Spitzen und die Nazi-Größen um Hitler Schuld an allem waren und das deutsche Volk verführt hätten. In der DDR verstieg man sich dagegen in die Behauptung, hinter den Naziverbrechen hätten Konzerne und Großbanken gesteckt. Denkt man entlang dieser These weiter und berücksichtigt den tief verwurzelten Antisemitismus, kommt man schnell in gedankliche Regionen, nach denen die Juden selbst den Holocaust verursacht haben. Das ist ebenso absurd wir gefährlich, war aber zumindest in Teilen die DDR-Staatspropaganda.

Gedenkstätten wie Buchenwald sind wichtig, weil sie uns vor Augen führen, zu was Menschen fähig sind, wenn grundlegende zivilisatorische Errungenschaften wie Menschenrechte außer Kraft gesetzt werden und wenn Rassismus legitimiert wird. Was geschieht, wenn Gesellschaftliche Konventionen in Frage gestellt werden. In Grundzügen finden sich solche Entwicklungen auch heute wieder, und deshalb ist es wichtig, dagegen zu protestieren – denn genau wie die AFD es heute macht, fing auch damals alles mit der Verschiebung der Grenzen des Sagbaren an, der Ausgrenzung von Minderheiten, und endete dann mit Orten wie Buchenwald.

1945 endete die Geschichte von Buchenwald übrigens nicht. Die Sowjets nutzen das Lager unter dem Namen „Speziallager No. 2“ bis 1958. Sie sperrten hier 28.000 Menschen ein, rund ein Viertel davon starb an den schweren Haftbedingungen.

Der Ettersberg ist ein finsterer Ort, der einem die Kälte in die Knochen treibt.

Kategorien: Historisches, kleines gelbes Auto, Motorrad, Reisen | 7 Kommentare

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7 Gedanken zu „Reisetagebuch Motorradtour Ost (1): Die finstere Seite des Ettersbergs

  1. zwerch

    WOW!
    An und für sich liebe ich massive Buchstabenansammlungen ja sehr, aber….
    diese hat mich so beeindruckt, dass mir vor Entsetzen mehrmals heftig übel wurde.
    Mein leider oft bildhaftes Denken hat mir Tränen i die Augen getrieben und ich wundere mich dass du solche Orte tatsächlich alleine aufsuchen kannst.
    Ich bin ja in Nordhausen schon in die Knie gegangen… und nein, ich geh da nicht wieder alleine hin.

    Weimar, das ich nächstes Jahr besuchen möchte, ist darüber völlig in den Hintergrund gedrängt worden.

    Den Switch vom Motorrad zum Auto kann icch nachvollziehen, ich hasse Regen beim Moped fahren.

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  2. motorrado

    Danke für den aufschlussreichen Blick hinter die Kulissen! Schlechte Laune hab ich nach dem Lesen übrigens nicht. Der Text sorgt eher für ein beklemmendes Gefühl und macht sehr betroffen. Und das ist gut so!

    Gefällt 1 Person

  3. Gruselig! Vor allem vor dem Hintergrund einer politischen Entwicklung hierzulande, die ich nicht gutheißen kann! Aber leider wird es die Vasallen rechter Polemik nie erreichen…

    Gefällt 2 Personen

  4. rudi rüpel

    Hei Silencer,

    danke für Deinen Beitrag. Erschreckend was damals alles normal war. Vieles von dem, was Du beschreibst, ist mir bekannt, allerdings nicht so die Details. Nach dem ich mit dem lesen fertig bin frage ich mich nun, bin ich von dem was in dieser Gewaltherrschaft geschah abgestumpft? Warum? Weil mich alleine nur Deine Schilderung von der Rangfolge der Top drei Antworten, die die Frau Weingart, von heutigen Schülern, auf Ihre Fragestellung bekommt, voll erwischt indem sie mich zornig und wütend macht und mich mal wieder in meinem Menschheitsbild bestätigt.
    Warum? Darauf gibt es nicht nur eine Antwort.

    Danke nochmal und einen LIEBEn Gruß
    vom rudi rüpel

    Gefällt 1 Person

  5. Zwerch: Wenn Du einen schönen Ort zum Übernachten in der Nähe von Weimar brauchst, der Bauernhof war toll: https://bit.ly/2TGV9pV

    Motorrado: OK, gedämpfte Laune, keine schlechte 🙂

    Ralfi:Stimmt, Rechte erreicht man nicht, die wollen solche Entwicklungen ja. Aber normalen Menschen hilft es, bestimmte Entwicklungen zu erkennen und einzuordnen.

    Rudi: Du hast Recht, das ist eine interessante Frage: Was machte das mit den Leuten? Sind die total abgestumpft? Haben vielleicht ihre emotionale Stumpfheit und Verrohung sogar innerhalb ihrer Familien weitergegeben?

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  6. Dirk Rössner

    Hoffentlich wirklich nie wieder!

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  7. Ich kann bei diesem Artikel nicht auf „Liken“ klicken. Aber: Danke für die eindringliche Beschreibung, wenn das nur ein AFD-Anhänger versteht, hat es sich schon gelohnt.

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