Reisetagebuch Motorradtour Ost (6): „Ich habe ein Attest!“

Donnerstag, 02. Juli 2020, Jablonec

Untergeschoß der Pension, Eier, Petr.

„Weißt du, früher haben die Kommunisten die Leute verhaftet und in die Fabrik gebracht um arbeiten zu gehen“, sagt Petr und stochert in seinem Ei.

„Was für Fabriken denn?“, frage ich, „was haben die produziert?“ Ich will das ernsthaft wissen. Auf meinen Touren durch Riesengebirge habe ich viele kleine und mittelständische Unternehmen gesehen, große Fabrikanagen aber standen verfallen am Wegesrand.

Petr zuckt mit den Achseln. „Na, so Fabriken halt.“
Aha. Na dann.

Alle Wege führen nach Liberec, der größte Stadt der Region, aber aus Jablonec oder Liberec wegzukommen, das ist gar nicht so einfach. Überall gibt es Straßensperrungen und Bauarbeiten, und eine geschlagene Stunde dreht die Barocca Schleifen über die Dörfer. Immer wieder tauchen Wegweiser auf, die signalisieren, dass wir in Richtung Jablonec fahren statt davon weg, wie in einer billigen Twilight-Folge. Am Ende dauert es über eine Stunde, bis wir den Großraum der Stadt endlich hinter uns haben.

Bild: Google Earth

Der Weg führt nach  nach Westen, Richtung Dresden. Eigentlich ein Katzensprung, aber Anna hat auf meinen Wunsch hin die romantische Route gerechnet. Statt über die gut ausgebauten Schnellstraßen geht es über kleine Landstraßen, durch grüne Alleen und Wälder und immer wieder kleine und allerkleinste Dörfer, die manchmal nur aus zwei Häusern und einem Schuppen bestehen. Für die 180 Kilometer bis nach Dresden brauchen wir so geschlagene vier Stunden, aber: Landschaft!.

Gegen Mittag rollt die Barocca über die Brücken von Dresden in Richtung Innenstadt.


Der Stadtverkehr ist dicht, und die Stadt ist ein krasser Gegensatz zu der entschleunigten Leere des dörflichen Tschechiens in den vergangenen Tagen. Immerhin, auf Anhieb findet sich der zuvor ausgeguckte Parkplatz. Diese Motorradparkplätze direkt am Zentrum von Dresden sind nirgends ausgeschildert, und man muss über einen kostenpflichtigen Autoparkplatz, dann von dem runter und quer über einen Fußweg um sie zu erreichen, aber sie sind praktisch direkt an der Innenstadt und null frequentiert.

Versteckter Motorradparkplatz am Rathausplatz. Bild: Google Earth.


Endlich komme ich mal dazu mir Dresden anzusehen. Auch das will ich schon seit 10 Jahren machen und musste geplante Reisen immer wieder absagen. Aber nun stehe ich mit großen Augen in der Stadt und bestaune den Mix aus sozialistischer und barocker Architektur. Hier große, schmucklose Gebäude mit uniformen Fassaden und oberirdischen Leitungen, dort Bauwerke, die aussehen als sei ein Zuckerbäcker auf der Baustelle Amok gelaufen, dazwischen bestenfalls ein wenig Neo-Klassizismus mit strengen Formen und kühler Erscheinung. und manchmal alles auf einem Fleck.

Über den Strietzelmarkt in der Mitte der Altstadt laufe ich Richtung Elbe. Seit 10 Jahren will ich mir die Stadt mal genauer angucken, und jetzt, wo ich endlich hier bin, ist überall Baustelle. Wirklich, an jeder Ecke stehen Absperrungen, Plätze sind aufgerissen und Brücken mit Gittern geschlossen. Ich kann sowas. Entweder schlechtes Wetter, oder Sehenswürdigkeiten sind eingerüstet. So wie das berühmte Tor auf Miyajima, vor einem Jahr. DIE Sehenswürdigkeit Japans, aber wenn ich komme ist sie wegen Malerarbeiten geschlossen.

Ich bestaune die katholische Hofkirche aus der sicheren Entfernung von hinter den Baugittern, dann geht es wenige Schritte weiter zum Theaterplatz, wo die weltberühmte Semperoper steht und – natürlich – gerade renoviert wird.

Schon faszinierend wie eng hier die Sehenswürdigkeiten zusammen stehen. Aber auch praktisch, so muss ich nicht weit laufen. Da es sehr warm ist, finde ich das gut.

Bild: Google Maps.

In die Semperoper komme ich nicht, aber immerhin  in die Galerie der alten Meister im „Zwinger“ genannten Gebäude, wo eine Ausstellung über die Kartons von Raffaelo stattfindet. Keine Umzugskartons, sondern große Gemälde vom Meister.

Am Eingang wird kontrollier, ob man einen Mund-Nase-Schutz trägt. Das hat sich als Erkenntnis nämlich seit März durchgesetzt: Masken schützen. Ich trage sogar eine FFP3-Maske, die schützt nicht nur andere, sondern auch mich und sogar, aber das weiß zu der Zeit noch niemand, vor den Aerosolen, die auch COVID19 übertragen können.

Erfreut stelle ich fest, dass alle Besucher vorbildlich MNS tragen. Alle Besucher? Nein, nur eine ältere, stark geschminkte Frau mit blondierten, hochtoupierten Haaren im geblümten Sommerkleidchen natürlich nicht. Schon aus der Ferne schreit alles an ihr „Esoterikerin“. Mit einer anderen Frau steht sie vor den Gemälden und sabbelt und redet in einer Tour. Immer wieder tänzelt sie dabei vor und zurück und untermalt ihren wirklich lauten Wortschwall mit ausladenden Handbewegungen. Ich versuche die Frau zu ignorieren, merke aber, wie mich das ärgert – ALLE hier halten sich an die Maskenpflicht. Nur die nicht. Man trägt Masken um andere zu schützen, nur diese Trulla da verhält sich völlig unsozial.

Ich stehe gerade vor einer Statue, als es neben meinem Ohr lossabbelt. Ich drehe mich halb um, und die Trulla im Blümchenkleid steht kaum 30 Zentimeter von mir entfernt. Vorgeschrieben sind aktuell mindestens 1,50. „HEY“, herrsche ich die Sabbelliese an. „Wenn Sie schon keine Maske zu tragen, halten sie wenigstens Abstand!“
Sie guckt pikiert und sagt spitz „Ich habe ein Attest“.

Ich drehe mich um und gehe weg, denn da fällt mir jetzt nichts mehr zu ein. Stattdessen gehe ich zu einem der maskierten Museumswächter und spreche ihn auf die Frau an, die gerade ganz am anderen Ende des Saals sabbelt und schwafelt. „Ach die“, sagt der Wächter. „Die hat ein Attest“. Ich muss schnauben ob so viel Ergebenheit.

Ich gehe der Dooftante aus dem Weg, gestört und angepisst fühle ich mich trotzdem. Ich bin sogar so sauer, dass ich später zum ersten Mal in meinem Leben eine Mail an die Museumsleitung schreiben und mich beschweren werde. Ich glaube diesen Attestquatsch einfach nicht. Was ich weiß: Esoteriker, Reichsbürger und Rechte sind aktuell ganz groß darin, sich gefälschte „Atteste“ selbst aus dem Internet auszudrucken oder die Adressen von Ärzten tauschen, die aus Gefälligkeit oder gegen Geld Atteste ausstellen. Aber selbst WENN jemand solche psychischen Probleme hat, dass er kein Stück Zellstoff über der Nase tragen kann: Ein Museumsbesuch ist doch keine Pflicht! Wenn Leute keine Maske tragen können, warum auch immer, dann müssen sie halt aktuell darauf verzichten. Das hat nichts mit Diskriminierung zu tun, sondern mit sozialem Verhalten und dem Schutz der Gesundheit.

Gesundheitschutz? Soziales Verhalten? Interessiert solche Personen gerade nicht.  Der Cartoon hier fasst es perfekt zusammen:

Bild: Piero Masztalerz

Immerhin, die Ausstellung ist wirklich nicht schlecht. Viele großformatige und wirklich schöne Gemälde.

Neben Gemälden von den beiden Cranachs, von Rubens, Breugel und anderen flämischen Malern gibt es auch einen zweiten Canaletto, wie ich erstaunt feststelle. Der Dresden gemalt hat. Ich mag diesen superrealistischen Stil von Stadtansichten, der „Verduten“ genannt wird. Der erste „Canaletto“ war Giovanni Antonio Canal, der hat viel Venedig gemalt. Später nahm dann sein Schüler und Neffe Bernardo Bellotto den berühmten Namen an und malte Mitte des 18. Jahrhunderts – Dresden.

Es gibt zahlreiche Plastiken, die nach berühmten Vorbildern geschaffen sind. Ich gehe durch die Reihen und denke „Und Dein Original habe ich in den Uffizien gesehen und deins steht in der Galleria Borghese in Rom und Du stehst im Louvre und du in Florenz auf dem Marktplatz…“ Es freut mich, dass ich Dinge wiedererkenne.

Das hier ist eine fast traurige Kopie von Berninis Meisterwerk „Apollo e Dafne“.

Das Original erzählt eine Geschichte und verändert sich, wenn an darum herumläuft und ist so fein aus gearbeitet, dass der Baum so filigrane Blätter hat, dass die zu klingen beginnen, wenn das Museumspersonal sie abstaubt. Die nackte erzählte Geschichte dazu habe ich hier aufgeschrieben.

Original von Bernini in Rom.

Ich bin weniger ein Fan von Gemälden als viel mehr Fan von Bildhauerei, und auch hier gibt es einiges zu sehen. 1728 hat Dresden wohl die Chigi-Sammlung ausgekauft. Die wurde von Agostino Chigi, einem der reichsten Männer der Renaissance, zusammengekauft. Deshalb gibt es hier tolle italienische Exponate zu sehen. Selbst Statuen aus Herculaneum, dem Ort bei Neapel, der mit Pompeji untergegangen ist, gibt es hier zu bestaunen.

Im Innenhof des Zwingers steht ein großes Kuppelzelt. Das sieht aus, als hätten Astronauten hier hier Lager aufgeschlagen.

Nach der Galerie schleiche ich ein wenig durch die Stadt, immer Abstand zu anderen Menschen haltend. Dresden ist ein ein Hingucker, zumindest die Altstadt mit den Elbbrücken.

Die Frauenkirche hat Einlasskontrolle und achtet darauf, das nur wenige Besucher im Gebäude sind, und so bekomme ich die auch von Innen zu sehen.

Es beginnt zu nieseln, und ich habe genug und laufe zurück zum Motorrad. Durch den proppevollen Stadtverkehr garniert mit zahlreichen Baustellen geht es nach Norden, bis in den Stadtteil „Klotzsche“.

Die „Fuchsbergklause“ ist ein nüchterner und dennoch etwas skurriler Bau in der Nähe des Flughafens, in der ich vor 8 Jahren schon mal übernachtet habe. Der Vorgarten steht voller Plastiktiere, innen sind die Wände voller Tierpräparate. Hinter der Rezeption hängt sogar ein ausgestopftes Wiesel!

Bild: Google Earth

Der hagere Mann mit dem ungleichmäßigen Bart, der hinter der Theke steht, ist immer noch der gleiche wie damals. Und genauso ruhig wie ich ihn in Erinnerung habe. „Das brauchen´se hier nicht“, sagt er und zeigt auf meine Schutzmaske. Kurz überlege ich, ob ich sage „Ich muss die tragen, ich habe ein Attest“, entscheide mich dann aber für´s Klugscheißen. „Oh, sie wissen ja nicht, wo ich gerade herkomme! Man trägt die Maske immerhin um andere zu schützen.“ Der Mann lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. „Ich sage ja nur, dass es bei uns keine Maskenpflicht gibt“, sagt der Mann.
Nee, ist klar, er trägt ja auch keine. Seufz.

Das tolle an der Fuchsbergklause sind, neben den günstigen Preisen geradezu gigantische Zimmer und ein Restaurant direkt im Haus. Natürlich hängt auch hier alles voller Jagdtrophäen.

Mein Telefon summt. „Woran erkenne ich Dich?“, fragt eine Textnachricht. „Ich bin der einzige Gast, schreibe ich zurück, und das stimmt auch. Wenige Minuten später steht Philipp vor mir, Autor des Blogs „Nachtschwärmer„.

Blogger, die man schon lange liest und von denen man glaubt viel zu wissen, im realen Leben zu treffen ist ja immer erstmal etwas merkwürdig, aber nach kurzer Zeit unterhalten wir uns, als würden wir uns schon Jahre persönlich kennen. Philipp erzählt davon, wie er nach Dresden gekommen ist, und nach einem schönen Abendessen mit Wildgulasch und dem ein oder anderen Dresdner Bier bekomme ich sogar die Gelegenheit, das zusammenMcGyverte Phillipmobil zu bestaunen. Ein wirklich schöner und interessanter Abend es  und Abschluss eines netten Tages. Philipp, war wirklich schön Dich mal in Persona getroffen zu haben!

Kategorien: Motorrad, Reisen | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Reisetagebuch Motorradtour Ost (6): „Ich habe ein Attest!“

  1. *Klugscheißermodus an*
    „Klotsche“ schreibt sich „KlotZsche“!
    *Klugscheißermodus aus*

    😉

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  2. Du hast Recht, danke für den Hinweis. Macht den Namen nicht appetitlicher.

    Gefällt 1 Person

  3. Geil, die Geschichte mit dem Attest. 😄

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