Corona-Tagebuch (24): Verzweiflung und Hoffnung liegen dicht beieinander

Weltweit: 77.517.453 Infektionen, 1.705.654 Todesfälle
Deutschland: 1.542.570 Infektionen, 27.156 Todesfälle

Tag 255 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Der letzte Corona-Eintrag ist einen Monat her, und man, ist seitdem viel passiert. In Deutschland haben sich binnen vier Wochen eine halbe Million Menschen neu infiziert, die Zahl der Todesfälle hat sich verdoppelt.

Verzweiflung.

So emotional habe ich Angela Merkel noch nie erlebt. Ihre Stimme überschlägt sich und die Verzweiflung ist ihr anzumerken, als sie im Bundestag an die Abgeordneten und an die Ministerpräsidenten der Länder appelliert endlich zu handeln. Der „Lockdown Light“ hat zwar den exponentiellen Anstieg der Neuinfektionen gestoppt, aber die haben sich auf einem Niveau von 20.000 am Tag eingependelt. Viel zu viel.

Die Inzidenz sollte am Besten weit unter 50 Neuansteckungen die Woche auf 100.000 Einwohner liegen, aktuell ist sie regional bei fast 700. Die Landesoberhäupter haben versucht sich darum rumzuwurschteln, und Ausgangssperren ab 22 Uhr verhängt und so einen Quatsch, als ob im Dezember und bei geschlossener Gastronomie noch jemand freiwillig um diese Zeit unterwegs wäre. Die Schulen dagegen, die Infektionsmultiplikatoren schlechthin, sind bis zum letzten Tag offen geblieben, und auch das ach so wichtige Weihnachtsgeschäft sollte noch mitgenommen werden.

Erst als die Wissenschaftsakademie Leopoldina einen Brandbrief an die Politik schrieb und die Zahl der Neuinfektionen immer weiter stieg, hatten die Landesfürsten ein Einsehen und machten den Einzelhandel zu. Das war zu bräsig und zu langsam, jetzt haben wir aktuell 600 Tote am Tag, die Krankenhäuser sind am Limit und die wirkliche Welle steht uns nach den Feiertagen noch bevor. Das war alles absehbar und mit Ansage, schon im April hat Christian Drosten exakt diese Situation vorhergesagt. Aber klar, man kann das alles ignorieren, sich von lautstarken Corona-Leugnern treiben lassen und sich dann, wie Sachsens Ministerpäsident Kretschmer, hinstellen und sagen „Wir alle haben dieses Virus unterschätzt“. Nee, nicht „wir alle“.

Mittlerweile ist es so schlimm, dass sich selbst Menschen infizieren, die seit dem Frühjahr praktisch keinen Kontakt mehr mit anderen haben und nur mit FFP2-Maske und nur zum Einkaufen rausgehen. Derweil wurde in England eine Virusmutation gefunden, die um 70 Prozent ansteckender sein soll und zeitgleich tanzen noch „Protestierende“ ohne Masken durch Geschäfte im Prenzlauer Berg und singen „Ein Bißchen SARS muss sein“. Kannste an der Menschheit verzweifeln, ob solcher Nachrichten.

Hoffnung.

Immerhin, es gibt auch gute Nachrichten. Die Impfstoffe sind gefunden und wirksamer als gehofft. Großbritannien impft schon, die EU noch nicht. Grund: Man hat sich zwei Wochen Zeit genommen und genauer geprüft und dann dem Biontech-Impfstoff eine bedingte Zulassung erteilt, während auf der Brexit-Insel per Notzulassung geimpft wird. Hört sich nach Wortklauberei an, hat aber entscheidende Unterschiede. Bei einer Notzulassung haftet der Hersteller nämlich für nichts, bei der bedingten Zulassung dagegen sehr wohl. Damit ist für die Konzerne eine starke Motivation geschaffen den Impfstoff ordentlich zu produzieren. Gute EU!

Verzweiflung.

In Deutschland sind die Impfzentren vielerorts fertig eingerichtet, bei uns in Götham in einem alten Asybewerberheim. Sobald am 27.12. der Impfstoff ausgeliefert wird, können die Impfungen starten. Zuerst die alten und Risikogruppen, dann besondere Berufsgruppen, dann der Rest. Bis Herbst 2021 sollten dann hoffentlich alle durch sein. Das ist noch eine Ewigkeit hin.

Aber vielleicht geht das mit den Impfungen auch schneller. Aktuell ist der Anteil der Impfwilligen gering, je nach Umfrage sagen nur 30-60 Prozent, dass sie sich impfen lassen wollen. Das reicht nicht für eine Herdenimmunität.

Hoffnung.

Was es jetzt braucht ist eine ordentliche Marketingkampagne für die Impfung. So wie in Italien. Da läuft eine breit angelegte Werbekampagne für die Impfung. Das Motto ist „L´Italia rinasce con un fiore Vaccinazione“, „Italien wird wiederbelebt mit einer (Impf-)blume“. Das Logo ist eine Blume, und die Impfzentren sind auch wie eine Blume designt. Zumindest als Mockup im Werbspot der Kampagne. Viel positiver und hoffnungsvoller geht es kaum.

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Kategorien: Corona-Tagebuch | 4 Kommentare

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4 Gedanken zu „Corona-Tagebuch (24): Verzweiflung und Hoffnung liegen dicht beieinander

  1. Brigitte Eckert

    Erwähnenswert ist vielleicht, dass die Impfzentren in Form einer Blume der Entwurd des sehr berühmten italienischen Architekten Stefano Boeri (https://de.wikipedia.org/wiki/Stefano_Boeri) entworfen wurden, der vor allem durch seine „Vertikalen Wälder“ (https://www.stefanoboeriarchitetti.net/en/project/vertical-forest/ bekannt wurde.
    Ob sein Einsatz freiwillig war wie der des ebenfalls sehr berühmten Architekten Renzo Piano, der die neue San Giorgio-Brücke in Genua baute (https://www.baunetz.de/meldungen/Meldungen-San_Giorgio-Bruecke_von_Renzo_Piano_eingeweiht_7345227.html) , weiss ich nicht. Aber es scheint doch bemerkenswert, dass Italien keine hässlichen Riesenhallen mit Kabinen bestückt, sondern landesweit eigens entworfene Impfzentren aufstellt, die einen freundlichen Eindruck machen.

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  2. Werden denn die Impfzentren tatsächlich in dieser Form gebaut? Ich habe nirgendwo eine Info gefunden, dass die Entwürfe von Boeri tatsächlich umgesetzt werden. Allerdings habe ich auch nicht ernsthaft danach gesucht 😊

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  3. Brigitte Eckert

    Ja, laut Lokalmedien (kann jetzt nix verlinken, Mobiltelefon…).

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