Reisetagebuch Motorradherbst (1): Südwärts

Samstag, 19.09.2020
Gerade nochmal ein wenig Hand an die Motorräder gelegt. Die ZZR ist jetzt abgedeckt und die Vergaser abgelassen, die macht schon Winterschlaf. Die V-Strom dagegen hat noch was vor sich, sie steht mit gepackten Koffern und startbereit da.

Ich wische mit einem Lappen an meinen Händen rum, verteile damit das Öl aber nur noch sorgfältiger. Gott, was freue ich mich, endlich rauszukommen. Die kleine Rundfahrt durch den Osten ist schon wieder drei Monate her, und auch wenn 2020 insgesamt kein Spaziergang ist, waren die letzten Wochen ganz besonders fordernd. Zehn bis zwölf-Stunden Tage, sieben Tage die Woche, keine Verschnaufpause, keine Ruhe.

Es war alles ein Bißchen viel auf einmal: Ein Trauerfall, Beerdigung, Vorstellungsgespräche, Jahresabschluss im Unternehmen, Neuerfinden einer Tagung, das alles neben der normalen Arbeit, und dann natürlich noch die Pandemie – wie hält man einen Laden zusammen, wenn die Mitarbeiter:innen sich alle nicht sehen dürfen und Homeoffice angesagt ist?

Besonders die letzte Woche habe ich viel zu wenig geschlafen, was in ziemlicher Dünnhäutigkeit resultierte. Immerhin, 5 Kilo weniger auf den Rippen, auch gut. Ich habe schlicht an manchen Tagen vergessen was zu essen, an anderen hatte ich einfach keinen Appetit. Ja, es war viel auf einmal.

Die Reise steht unter keinem guten Stern. Seit gestern ist der Stress eigentlich vorbei, und natürlich habe ich seit gestern eine zuhe Nase und huste dauernd. Die oberen Atemwege kribbeln, sicheres Zeichen für eine Infektion. Covid-19? Hoffentlich nicht. Die Fallzahlen gehen gerade wieder überall durch die Decke. Wo vor vier Wochen zwei- bis dreihundert Neuinfektionen pro Tag normal waren, sind es gerade zehn mal so viele, schon über 2.200*. 

Gestern Abend hat sich eine Herberge aus Österreich gemeldet, in die ich will. „Wir werden mit Sicherheit Sonntag oder Montag zum Risikogebiet. Wenn sie dann herkommen, werden die bei der Rückfahrt in Quarantäne müssen“, schrieb die Gastwirtin.

Ich will nicht darüber Nachdenken, ob ich den Coronavirus habe. Vielleicht kommt das Kribbeln in den Bronchien ja einfach davon, dass ich die letzten Tage viel geredet habe, und das in sehr trockenen Räumen. Ja genau, das muss es sein. Und es spielt keine Rolle, ob Tirol Risikogebiet wird. Ich will da ja nicht Ski fahren. Dann  gehe ich halt einfach nicht unter Menschen. So einfach ist das. Positiv denken, und nicht zu weit nach vorne. Ich mache das jetzt einfach, ich muss nämlich hier raus. Dringend. 

Sonntag, 20.09.2020
Am nächsten Morgen klingelt der Wecker viel zu früh. „Oi Siri, Außentemperatur“, nuschele ich unter der Decke hervor. „Es sind 5 Grad“, entgegnet das iphone. Ich stöhne gequält auf. wo sind die 17 Grad hin, die wir gestern morgen hatten?

Immerhin scheint die Sonne, stelle ich fest, als ich fröstelnd mit einem Becher Kaffee in der Hand auf dem Balkon stehe. Es wird langsam Herbst. Der Apfelbaum hängt schon voller Früchte, aber noch hat er grüne Blätter.

Ich mache mich abreisebereit und brauche dafür genau eine Stunde, dann knipse ich die Sicherungen der Wohnung raus und ziehe die Tür zu. Weg hier!

Trotz 5 Kilo weniger auf den Hüften habe ich Mühe, die ohnehin körperbetont geschnittene Motorradjacke über die Fleecejacke zu bekommen, aber irgendwann habe ich mich hineingewunden und alle Reißverschlüsse zugezogen.

„Wo geht´s hin, Anna?“, frage ich, als ich das Geräusch im Helm vernehme, das bestätigt, dass das Garmin Zumo 590 jetzt mit Motorrad und mir verbunden ist. „Biegen Sie links ab und folgen sie de Straßenverlauf für 660 Kilometer“, sagt meine virtuelle Copilotin. „Das bekomme ich hin“, sage ich, lasse den Motor an und die V-Strom aus der Garage rollen. Karten lesen und dieses Abbiegen nach links oder rechts überfordern mich manchmal, aber einfach nur dem Straßenverlauf folgen, das kriege ich hin. 

Die Straße, der ich 600 Kilometer folgen soll, ist die A7. Die „Lebensader Nord Süd“ ist die längste Autobahn Deutschlands. Fast 1.000 Kilometer zieht sie sich von Ellund bei Dänemark bis nach Füssen in Österreich. Dabei schneidet sie einmal mitten durch Niedersachsen, oder, wie es Wischmeyer mal sagte: „In Niedersachsen leben die Leute von dem, was links und rechts von der A7 runterfällt“.

 

Bild: Noedwestwest & Lencer, Wikimedia, CC BY-SA 3.0 de

Die V-Strom gleitet über den endlosen Asphalt, und ich sitze im Sattel und fahre wie auf Autopilot. Die Autobahn ist an diesem Sonntag Morgen um kurz nach 8 noch nahezu leer. Normalerweis ist A7 totaler Stress, aber wenn man so ganz allein ist, lässt sich das hier sehr entspannt fahren. Das ändert sich erst nach zwei Stunden, auf der Höhe von Würzburg.

Nicht schlecht gucke ich, als kurze Zeit später die Tankwarnung angeht. Die V-Strom 650 hat mit ihrem riesigen 22l-Tank und ihrem geringen Verbrauch eine Reichweite von bis zu 550 Kilometern. Das waren jetzt gerade mal 350, wieso ist die schon leer?!

Ich tanke in Wörnitz, auch so ein Autohof mit besonderer Geschichte, und checke die Maschine.

Alles sieht gut aus. Vermutlich hat sie nur so gesoffen, weil ich sie ständig auf 140 gehabt habe. Mit Koffern und Topcase und der hohen Scheibe hat die ohnehin nicht stromlinienförmige V-Strom einen cw-Wert wie eine Schrankwand. Ja, das muss es sein. Ich will mir keine Sorgen machen müssen. Ist bestimmt alles in Ordnung. Weiter jetzt.

Bei Memmingen stehe ich mehrfach in einem Stau aus dem Nichts, dann geht es ins Allgäu. Wie aus dem Bilderbuch stehen hier windschiefe Holzscheunen auf Sattgrünen Wiesen, davor wiederkäuende Rindviecher.

Bei Füssen fizzelt die A7 langsam aus, wird erst einspurig, dann zu einer österreichischen Bundesstraße. Die führt an der Zugspitze vorbei. Sechs Stunden entfernt von meiner Haustür liegt die Zuspitze! Das erscheint mit immer wieder wie ein Wunder, ist das hier doch eine andere Welt.

Die Zugspitze ist der Berg oben links.

Dann geht es über den Fernpass, und zu meinem Erstaunen schieben sich hier zwar die Autos dicht an dicht durch die Berge, aber der sonst übliche Stau bleibt aus.

 

Nach rund 8 Stunden, inkl. zwei Tank- und zwei Entwässerungsstopps, komme ich in Sölden im Ötztal an. Auch wenn der Ort im Tal liegt, das ist auch schon auf 1.350 Metern. 

Gegen kurz vor 16 Uhr erreiche ich die Unterkunft, die Pension „Jaqueline“. Klingt fürchterlich, ist aber ein tolles und sehr gepflegtes Haus.

Es ist erst 15:45 Uhr. Frau Wilhelm, die Chefin der „Jaqueline“, hatte angekündigt auf einer Familienfeier zu sein und nicht vor 17 Uhr nach Hause zu kommen. Ich bin viel zu früh dran, aber konnte ja keiner ahnen, dass ausnahmsweise kein Stau am Fernpass ist und auch sonst alles einfach so glatt geht. Für die knapp 700 Kilometer habe ich jetzt weniger als acht Stunden gebraucht. 

Irgendwann hält eine total verbastelte BMW R nineT vor dem Haus. „Gibt´s hier Zimmer?“ nuschelt der Fahrer, ein Mann Anfang 60 mit grauem Bart und Brille. „Sehr gute sogar, und vermutlich sind noch welche zu haben“, sage ich und deute auf die Fahne mit der Aufschrift „Zimmer frei“, die am Haus baumelt.

„Frau Wirtin ist aber gerade unterwegs, kommt nicht vor fünf zurück“, sage ich. „So lange warte ich nicht“, bratzt der BMW-Fahrer. „Nicht mein Problem, aber sie verpassen was“, sage ich, zucke mit den Schultern und lese weiter mein Buch. Der BMW-Mensch steht etwas unentschlossen unter der Fahne, dann steigt er wieder auf seine Kiste und haut ab. Zwei Minuten später ist er wieder da, fingert ein zerlesenes Taschenbuch aus seinem Seitenkoffer und setzt sich auf die Treppe vor der Pension.

Wir lesen still vor uns hin, als es unvermittelt aus ihm herausbricht: „Ich komme aus Italien und fahre nach Hause. In Pfaffenhofen. Aber ich will nicht durchfahren“, sagt er unvermittelt. Ich nicke. Pfaffenhofen liegt 40 Kilometer entfernt, für einen R9T-Fahrer sind das zwei Tagesfahrten.

Um Viertel nach Fünf kommt Chefin und sperrt die Pension auf. „Ist doch nur einer angemeldet. Seid´s zusammen gekommen?“, fragt sie verwundert. „Nee, den habe ich aufgesammelt, aber kennen tue ich den nicht“, sage ich. Sie lacht und gibt jedem von uns Moppedfahrern ein Zimmer und bietet an, dass wir die Maschinen in die Garage stellen dürfen. Das ist gut, denn kurz darauf beginnt es zu regnen.

Die Zimmer sind super: Groß, modern, gepflegt. Jeweils zwei bis drei Zimmer teilen sich einen Vorraum, eine gemeinsame Stube mit Sitzecke und Fernseher, und mit genügend Platz um hier im Winter Skigepäck unterzubringen oder sich anzuklatern


Ich streife mir die Jacke der Regenkombi über und laufe ein wenig durch Sölden.

Der Ort ist ein ganz merkwürdiger Mix: An der Hauptstraße stehen Skilifte, große Hotels, Discos und sogar ein Striplokal, alles neu gebaut und definitiv auf Winter-Massentourismus ausgelegt. Fast alles ist geschlossen, der Ort ist noch im Sommerschlaf.  Zwischen den neuen Gebäuden stehen alte Brauchtumssymbole. 

Geht man aber nur zwei Straßen von der Hauptstraße weg, steht man plötzlich auf grünen Wiesen und guckt Kühen zu, die zwischen windschiefen Holzhütten wiederkäuen. Ein merkwürdiger Mix aus Dorf und Ballermann. Mir geht Ski-Party-Kram ja völlig ab, egal ob Ballermann oder Aprés Ski, ich kann eher mit morschen Schuppen und Rindviechern relaten.

Eine Holzbrücke führt über einen Fluss, von dem Farbe und Höhe verraten, dass es die letzten Tage in den Alpen ordentlich geregnet haben muss.

Am Wegesrand steht ein Modell der Berge rund um Sölden und gibt einen Eindruck davon, wie groß die Skigebiete weiter oben sind. Zahlreiche Lifte verbinden auch noch entfernte Regionen. Irgendwo steht sogar eine „Braunschweiger Hütte“ rum. Hehe, Braunschweig, das ist Niedersachsen, da wohne ich praktisch.

In Sölden wurden Teile des Bond-Films „Spectre“ gedreht. Natürlich wird auch das hier ordentlich vermarktet, ein Skilift führt zur „Bond Erlebniswelt“ auf einem Berg in der Nähe. Vor dem Skilift steht ein Auto der Bösewichte aus dem Film. Es ist kaputt.

Beim letzten Mal habe ich hier im Restaurant „Nudeltopf“ eine spitzenmäßige Pizza gegessen, aber heute ist alles geschlossen. Vor den verwaisten Hotels und Restaurants stehen Nobelkarossen.

Ein Stückchen die Straße runter finde ich mit „Aktis Grill“ dann doch noch ein Restaurant, wo ich sogar draußen sitzen kann. Wobei „draußen“ relativ ist, die Terrasse ist von einem Schirm geschützt und an allen Seiten windgeschützt.

Alles gut belüftet und zwischen den Tischen ist ein guter Abstand, aber trotzdem fühlt es sich das hier auf seltsame Weise unsicher an. Ich war seit März nicht mehr essen oder mit fremden Menschen in einem Raum gewesen.

Ich verdränge die Gedanken an die Pandemie, indem ich mich auf eine Feierabendpizza konzentriere. Dazu bestelle ich ein großes Bier, bekomme aber eine lächerliche 0,3 Liter-Tulpe hingestellt. Sind wir hier in Köln oder was?

Während ich es mir schmecken lasse, trommelt der Regen an die Fensterscheiben.

Zurück in der „Jaqueline“ dusche ich lang und heiß und lege mich dann auf´s Bett. Einen Sonnenuntergang sieht man hier in den Bergen natürlich nicht, aber vor dem Zimmerfenster wird es langsam dunkel. Ich stecke mir noch einen Podcast in die Ohren, bekomme aber nur noch genau das Intro mit, dann bin ich eingeschlafen. Ich bin unterwegs, und das ist gut.  


Tour des Tages: Von Götham nach Sölden, 667 Kilometer, rund 7:45 Stunden.

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* In der Rückschau sind 2.200 Neuinfektionen am Tag natürlich lächerlich wenig. 
Aber im September 2020 konnte man nicht ahnen, in welchem Umfang wir 
die zweite Welle verkacken würden. Kurz vor Weihnachten liegen wir bei 30.000 
Neuinfektionen und 1.000 Toten am Tag, dagegen war der September ein Witz.
Kategorien: Motorrad, Reisen | Hinterlasse einen Kommentar

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