Corona-Tagebuch (25): An die Kette und die Sache mit der Solidarität

Weltweit: 82.022.480 Infektionen, 1.791.243 Todesfälle
Deutschland: 1.695.364 Infektionen, 32.267 Todesfälle

Tag 292 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Hat man in Göttingen und Umgebung ein Fahrzeug mit dem Kennzeichen EIC vor sich, gehen sofort die Alarmglocken an und der Sicherheitsabstand wird auf das dreifache vergrößert. EIC steht für Eichsfeld, einem sehr ländlich geprägten Landkreis im nordwestlichen Thüringen, was direkt an Südniedersachsen angrenzt. Eichsfelder verhalten sich im Straßenverkehr völlig erratisch und machen Dinge wie extremes Langsamfahren (vermutlich weil ihnen sonst das Telefonbuch vom Schoß fällt), nach links blinken/nach rechts abbiegen, Vollbremsung ohne erkennbaren Grund oder Parken auf Abbiegespuren. Außerdem ist das Eichsfeld für drei Dinge bekannt:

  1. Als erzkatholische Exklave inmitten eines protestantischen Landstrichs, inkl. Papstbesuch und Kruzifixen
  2. Eichsfelder Stracke, eine Wurst
  3. Eigenwilligkeit

Punkt 3 bemerkt man in Göttingen an der Fahrweise und besonders dann, wenn dank Punkt 1 die Eichsfelder einen katholischen Feiertag begehen, den wir im protestantischen Niedersachsen nicht kennen. Dann steht die ganze Stadt voller EICs, Stau Galore, nichts geht mehr.

Im Eichsfeld haben sich auch rechtsextreme Strukturen stärker verfestigt als anderswo, da leben reihenweise Nazis. Auch rechtsextreme Prominenz, wie Bernd Höcke oder Thorsten Heise. Die fühlen sich da vielleicht auch deshalb so wohl, weil ihre Ansichten im Eichsfeld auf einen guten Nährboden fallen: Hier wird oft eher simples Denken kombiniert mit einem „Interessiert uns nicht was andere sagen, diedaohm belügen uns sowieso“. Und damit schließe ich den weiten Bogen mal und komme zum Punkt:

Gläubig, simpel, rechts, das ist die ideale Kombination für Corona-Leugnung, das haben wir in Sachsen auch schon gesehen. Schon seit einiger Zeit regen sich im Netz diverse Göttinger Gruppen (no pun intended) darüber auf, dass Eichsfelder ohne Abstand und Masken und in Gruppen durch die Stadt marodieren.

Doof verhalten kann sich ja jeder, aber wenn Eichsfelder das machen, dann tun sie es gleich richtig. Jetzt haben sie ihre eigenen Inzidenzzahlen so dermaßen überrissen, dass es erst ein Maskentragegebot auch für draußen gab (mit der erwartbaren Reaktion: „Interessiert uns nicht was andere sagen, diedaohm belügen uns sowieso“) und nun ein echtes Ausgangsverbot.

Der Landkreis Eichsfeld hat also jetzt als erste Region in Deutschland überhaupt einen echten Lockdown. Raus auf die Straße darf nur noch, wer Lebensmittel oder Medikamente braucht, medizinische Not- oder Pflegefälle hat, zur Arbeit oder dem Lebenspartner muss oder Tiere oder Angehörige zu versorgen hat. Wischiwaschi-Gründe wie körperliche Ertüchtigung oder innere Unruhe zählen nicht mehr.

Die Eichsfelder an der Kette. Ich finde: Richtig so, würde mir auch wünschen dass das kontrolliert und Verstöße hart sanktioniert werden.

Schnelle Reaktion

In Österreichs Skigebieten ist teils Business as Usual. Hotels ignorieren, dass sie eigentlich keine Touristen beherbergen dürfen („Naa, I hab mi nett g´wundert, dass der Herr G´schäftsreisende Brettl dabeigehoabt het“) und vor den Skiliften bilden sich Menschentrauben ohne Abstand und teils ohne Masken. Große Empörung von nicht-Wintersportlern. Immerhin, dieser Bergbahnbetreiber hat sofort reagiert.

UND SEINE WEBCAM EINFACH ANDERS AUSGERICHTET, DAMIT DAS ELEND NICHT MEHR JEDER SIEHT.

Warum haben die Seilbahnen überhaupt noch offen? Das der oberste Vertreter der Seilbahnwirtschaft für die ÖVP im Nationalrat sitzt, hat nichts damit zu tun, oder? Na, dann ist ja gut.

BTW: In Deutschland sieht es nicht besser aus, das Winterberg im Sauerland oder der Harz waren auch völlig überlaufen. Wir haben in Deutschland nur weniger Skilifte.

Scheindebatten

Zwischen den Jahren führt man in Deutschland Scheindebatten. Sollen bereits geimpfte Personen Sonderrechte erhalten? Antwort: Geht von staatlicher Seite aus überhaupt nicht, Grundgesetz und so, wissen schon. Im privatwirtschaftlichen Bereich wird es der Markt schon regeln. Wer will denn einer Fluglinie verbieten, den Nachweis einer Impfung sehen zu wollen, bevor sie Leute an Bord lässt?

Hätte man für Deutschland mehr Impfstoff bestellen können? Sollte Deutschland vom guten, deutschen Impfstoff nicht mehr bekommen? Nein, das nicht die reichsten Länder in Europa den Impfstoff schneller und mehr davon bekommen ist Teil der europäischen Solidarität. Sollen Hausärzte impfen dürfen, wie die FDP fordert? Ja, natürlich. Sobald ein Impfstoff zugelassen ist, der nicht supertiefgekühlt bei minus 70 Grad aufbewahrt wird. Das ist auch völlig unstrittig. Aber die FDP macht halt symbolische Klientelpolitik, und zu der Klientel gehören auch niedergelassene Ärzte. Oder, wie @Sixtus so schön schreibt: „Würden zur Klientel der FDP Clowns gehören, Lindner würde Impfungen auf Kindergeburtstagen fordern“.

Solidarität

2021 wird das Jahr der Verteilungkämpfe oder zumindest der Verteilungsneiderei, das ist absehbar. Zur gesellschaftlichen Solidarität gehört es nun auch, dass man wartet, bis man an der Reihe ist.

Das wird zu weiten Teilen auch gar kein Problem sein. Trotz der krassen Einzelfälle: In der deutschen Bevölkerung ist viel Solidarität vorhanden. Sie wird nur überhaupt nicht genutzt.

Ein schönes Beispiel: Wie in der ersten Welle Nachbarn füreinander einkaufen gegangen sind. Über den Sommer ist das eingeschlafen, und das liegt auch daran, dass Solidarität von der Politik gar nicht genutzt wurde. Das ist schade, denn durch Aktivierung der Solidarität hätte man manche Dinge einfacher machen UND den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken UND den Menschen das Gefühl der Selbstwirksamkeit geben können.

Ein denkbares Beispiel: Die Verteilung von FFP2-Masken an Rentner:innen. Anfang Dezember wurde angekündigt, dass Alte und Angehörige von Risikogruppen pro Person 3 Masken in irgendeiner Apotheke abholen könnten. War eine Hauruck-Aktion und ging sofort schief. Wenn eine Apotheke überhaupt was von der Aktion wusste, waren die Masken praktisch binnen zwei Minuten vergriffen, und vor den völlig überrannten Apotheken standen sich die Alten die Beine in den Bauch.

Was aber wäre gewesen, hätten die Lokalpolitiker einen Aufruf verbreitet nach dem Motto „Wir suchen Freiwillige, die von Haus zu Haus gehen und Masken an Bedürftige verteilen?“ Ich wette es hätten sich SOFORT in mehr als ausreichender Menge Leute gefunden die das machen, und sei es nur, dass sie endlich das Gefühl bekommen, doch was gegen die Pandemie tun zu können und nicht völlig hilf- und tatenlos zu sein. Lokalpolitiker, baut auf Solidarität! (und ja, ich hätte selbst nicht gedacht, dass ich das mal sage).

Krankenwagen

So viele Krankenwagen. Gefühlt an jeder Ecke kommen mir Krankenwagen entgegen, und schon morgens auf dem Weg zur Arbeit sehe ich den Rettungshubschrauber über dem Klinikum. Immer hoffe ich, dass das nur Leute sind, die sich an Weihnachtsplätzchen überfressen haben.

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Kategorien: Corona-Tagebuch | 2 Kommentare

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2 Gedanken zu „Corona-Tagebuch (25): An die Kette und die Sache mit der Solidarität

  1. zwerch

    Kleine Korrektur… erster kompletter Lockdown am 18.03.2020 in Mitterteich/Opf.
    https://www.br.de/nachrichten/bayern/ausgangssperre-in-mitterteich-vorzeitig-ab-morgen-aufgehoben,RvNojXL
    Angesichts der aktuellen Fallzahlen im Vergleich zum Frühling in Mitterteich war der damalige Lockdown fast lächerlich.

    Im Frühling wurde in nserer Lokalzeitung täglich abgedruckt wer Hilfe anbietet. Inzwischen weiß man an wen man sich wenden kann um Hilfe zu bekommen.
    Und bei mir auf dem Dorf muss ich mir eh keine Sorgen machen, wir haben noch eine funktionierende Nachbarschaft 🙂

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  2. Oh! Ah! Dann lügt die Lokalzeitung hier 🙂
    Einigen wir uns auf „ersten echten Lockdown in der zweiten Welle in Mitteldeutschland“, dann stimmt´s. 🙂

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