Reisetagebuch Motorradherbst (2): Von den Wolken zu den Fischen

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im September des Pandemiejahres. Nur an Orte, deren Risiko einschätzbar ist. Heute geht es gleich zwei Mal in die Berge, Dick & Doof nerven, ich bekomme einen Wutanfall und brülle jemanden aus vollem Hals an, und am Ende wird´s fischig.

Montag, 21. September 2020, Pension Jaqueline, Sölden, Tirol, Österreich

Der Frühstücksraum ist perfekt, wie alles in der Pension Jaqueline. Frau Wilhelm, die Gastwirtin, werkelt mit einem Gesichtsschild am Buffet. Sie bemerkt trotz der FFP3-Maske, die ich trage, dass ich breit grinse. „Alles gut?“, fragt sie. „Ach, ich freu mich“, sage. „Seitdem ich das erste Mal hier war, wollte ich gerne wiederkommen, in dieses Haus, und es ist schön, dass das dieses Jahr noch geklappt hat. Tatsächlich mache ich nur Station in Sölden, um noch ein mal hier sein zu können“ Sie schaut ein wenig verwundert und fragt „Wieso?“.

„Naja, das mag sich jetzt doof anhören, aber: Zum einen, weil hier einfach alles so perfekt ist. Die Zimmer sind groß. Alles ist Motorradfahrerfreundlich. Aber der wahre Grund sind sie.“ „Ich?!“, fragt sie erstaunt. „Ja“, sage ich, „Man merkt ihnen an, dass sie entweder schon das halbe Leben in der Hotellerie sind oder es einfach im Blut haben. Wie auch immer, sie managen das hier so mühelos, da ist es eine Freude, Gast sein zu dürfen.“ Und das ist die Wahrheit. Bei meiner ersten Übernachtung hier, vor drei Jahren, hat mich die Professionalität dieser Frau einfach umgehauen. Das musste ich ihr einfach mal sagen. Ich war selbst Jahrelang in einem Gewerbe mit Gästen unterwegs und weiß, wie echtes Profitum aussieht, und diese Frau ist Profi durch und durch.

Sie freut sich sichtlich. Wir plaudern noch ein wenig, dann lässt sie mich in Ruhe Frühstücken.

Zahlen, Gepäck an´s Motorrad hängen, dann geht es raus in die kühle Bergluft. Sechs Grad, mehr sind es heute morgen nicht. Aber wenigstens regnet es nicht. Als ich 2017 im September hier war, war es bedeutend nasser. Und kälter. So kalt, dass nur ein wenig höher in den Bergen schon Schnee fiel. Die geplante Fahrt über das Timmelsjoch musste damals ausfallen, stattdessen bin ich zurück nach Innsbruck und dann über den Brenner gekurvt. Aber nicht heute, heute geht es in die Berge!

Es geht hinaus aus Sölden, vorbei an Bettenburgen und Skipalästen. Es ist sehr deutlich zu sehen, dass Sölden ein Wintersportmekka und ein Partyort ist, ein Ballermann der Alpen. Bereits nächste Woche, hat Frau Wilhelm gesagt, geht die Saison los und die ersten Übungs-Skigruppen und Partytouristen kommen in den Bergort. Ob das wirklich so eine gute Idee ist, so mitten in der Pandemie? Ich wage das zu bezweifeln.

Tatsächlich wird drei Tage nach meiner Abreise ganz Tirol zum Risikogebiet erklärt werden, und Mitte November hat Österreich dann praktisch die Kontrolle über die Pandemie verloren. Aber das weiß ich noch nicht, als ich jetzt, im September, die Straßen in die Alpen hinein schieße.

Der Himmel ist bedeckt und in den Tälern stehen noch die Schatten, Überbleibsel der Nacht. Die Sonne schiebt sich gerade erst über die Berggipfel des engen Tals.

Es ist schon gut was los an diesem Morgen, vor allem langsame SUVs und LKW mit Baumaterial sind auf der Straße und verhindern zügiges Fahren. Es macht einfach keinen Spaß, hinter einem mit Stahlteilen beladenen Lastwagen mit Tempo 20 her zu zockeln.

An einer Baustellenampel mogele ich mich nach vorne, vor alle PKW und LKW, und stehe hinter zwei Moppedfahrern. Beide hocken auf kleinen Sportmaschinen, eine mit einem Insbrucker Kennzeichen, eine aus Aalen.

Der Einheimische ist dünn, von Kopf bis Fuß in knallbunter und unbenutzt aussehende Rennkombi gekleidet und hampelt an der Ampel so auf seiner Karre rum, dass er fast umfällt. Der Deutsche trägt anscheinend einen Hoodie und… Jogginghose? Sieht zumindest so aus, und außerdem hängt links und rechts von der kleinen Rennmaschine eine fette Arschbacke herunter. Fast wirkt es, als hätte sich ein Zirkusmensch ein Minimotorrad in die Poritze geklemmt.


Die Ampel hat einen Countdown-Timer, und als sie nach 5 Minuten endlich grün wird, fummelt der Dicke erst umständlich an seiner Schaltung rum, dann würgt er die Maschine ab, und als er endlich anfährt, röhrt das Motorradchen wie eine Harley mit Hodenverdrehung. Offensichtlich wurde der DB-Eater aus dem Auspuff entfernt. Was für ein Held.

Fahrtechnisch sieht es nicht viel besser aus, Dick und Doof röhren auf Geraden davon, aber Kurven fahren können beide nicht – sie halten sich vom Eingang der Kurve bis zur Ausfahrt absolut am inneren Rand, und fast wundert es mich, dass keiner von beiden umfällt. Ich will keinen Stress und fahre absichtlich langsam, um den beiden einen Vorsprung zu gewähren und die Landschaft zu genießen.

Die Straße führt von Sölden nach Obergurgl und Hochgurgl. Die Ortsnamen habe ich schon gehört, ziemlich berühmte Skiorte. Umso erstaunter bin ich, als ich feststelle, dass beide Orte winzig sind, gerade mal jeweils 10 Häuser, fast alles Hotels. Das heißt, die kennt man wirklich nur wegen des Wintersports hier oben.

Kurz hinter Obergurgl ist eine Mautstation. Wer die Hochalpenstraße weiter befahren möchte, muss für eine einfache Strecke mit dem Motorrad 15 Euro bezahlen. In dem Gebäude ist auch ein Motorradmuseum, aber daran habe ich heute kein Interesse, und außerdem ist es noch geschlossen.

An der Mautstation sind Dick und Doof noch vor mir und lassen kurz darauf die Barocca ohne Zicken vorbeiziehen, was mich fast ein wenig überrascht. Egal, die Aussicht ist großartig. Man kann erst weiter über das Ötztal gucken, dann geht es tiefer in die Berge hinein.

OK, zu früh gefreut, Dick & Doof machen doch Zicken. Arschbacke klebt sich direkt ans Heck der Barocca und röhrt und ballert im Rückspiegel herum. Er kommt zwar nicht hinterher, wenn die V-Strom durch die Kurven taucht und sich durch die Kehren duckt, aber auf den Geraden reißt er am Hahn und fährt wieder dicht auf, während die Berge vom Gedröhne seines Minimoppeds widerhallen. Nee, so nicht, Freunde.

So eine Dröhnmaschine direkt hinter mir macht mir Stress, und das will ich nicht, zumal die Hochstraße hier ein echter Hingucker ist. Um den Anblick zu genießen halte ich an und lasse Arschbacke und Hampelmann vorbeiziehen. Links und rechts sind Felsen und knotiges, kurzes und irgendwie rötliches Gras wächst hier. So stelle ich mir Schottland stellenweise vor.

Dann fahre ich weiter, und einige Kehren später bin ich schon am Timmelsjoch, dem Pass zwischen Österreich und Italien. Hier gibt es ein seltsames Kunstobjekt auf einer Anhöhe, ein Passrestaurant und einen schiefen Parkplatz, was für Motorräder doof ist.

Ich bugsiere die Barocca so hin, dass sie nicht umfällt, dann klettere ich aus dem Sattel. Das ist anstrengend, und auf dem Weg zu dem Kunstobjekt atme ich schon stoßweise.

In dem Kunstobjekt, das sich als Ausstellungsraum entpuppt, wird die Geschichte der Timmelsjoch-Hochalpenstraße erzählt. Angelus Scheiber hieß der Hotelier, der vom Tourismus reich geworden war und die fixe Idee verfolgte, dass seine Gäste „Morgens in Hochgurgl Ski laufen und Nachmittags in Meran unter Palmen Kaffee trinken“ sollten.

Ihn beschreibt das Minimuseum als treibende Kraft hinter dem Projekt und inszeniert das ganze in Riefenstahl-tauglichen Bildern als Triumph des Hoteliers über die Berge.

In der Wikipedia steht dazu aber was anderes. Im Lexikon wird ein Landesrat genannt, auf dessen Initiative Ende der 50er Jahre die Hochalpenstraße zu bauen. In einer großen und komplizierten Bauaktion wurde von 1955 bis ´59 der österreischische Teil gebaut, für die Südseite hatte schon Mussolini gesorgt, der eine Militärstraße zum Angriff auf Österreich hatte anlegen lassen.

Aus dem einzigen Fenster des Ausstellungsraums kann man auf die Grenze hinabsehen. Zwanzig Meter unterhalb und nur durch eine Glasscheibe von mir getrennt liegt Italien.

Ein Stückchen weiter gibt es noch ein altes Museum, aber da mag ich nicht hinlaufen. Keine Lust und keine Luft.

Wieder am Motorrad bin regelrecht kurzatmig. Was ist denn hier los? Dann fällt es mir wieder ein. Ich war ja schon mal hier, und damals 1994, mit der Honda CB 450 N. An die Fahrt habe ich praktisch keine Erinnerung mehr, außer, dass die Maschine hier oben überhaupt keine Leistung mehr gebracht hat, weil die Luft so dünn war. Ich konnte Gas geben wie ich wollte, mehr als 15 km/h brachte der 27PS-Motor nicht auf die Straße, weil den Vergasern wortwörtlich die Luft ausging. Vielleicht geht mir das auch gerade so? Ich lasse ich mir von Anna zeigen, wie hoch wir eigentlich sind.

2.474 Meter? Puh. Ein Hoch auf die Einspritzanlage der V-Strom, die keinen Leistungsverlust hat.
Vorsichtig klettere ich in den Sattel und versuche auf dem schiefen Parkplatz zu wenden ohne umzufallen. Als weiter fahre sehe ich, dass um die Ecke herum die guten, ebenen Motorradparkplätze gewesen wären. Nunja, nächstes Mal weiß ich es besser.

Jetzt geht es auf italienischer Seite die Berge wieder hinab.

Die Felswände hier sind schroff und fast senkrecht, die Vegetation noch spärlicher und rostrot. Von der Hochstraße kann ich auf Täler hinabblicken, die mit Wolken gefüllt sind.

Die Größe und Weite der Berge, zusammen mit dem Gefühl von Wind im Gesicht und Kühle an den Fingern, ist es, was mir schlagartig bewusst werden lässt, dass ich an einem Montag morgen statt im Büro am Schreibtisch zu sitzen gerade mitten in den Alpen und mit dem Motorrad unterwegs bin. Diese Erkenntnis trifft mich so schlagartig und fühlt sich so überwältigend nach Freiheit an, dass mir ein lauter Freudenruf entfährt, was ich erst bemerke, als ich ihn selbst höre.

Auf der Bergstraße wird viel gebaut , aber abgesehen von zwei anderen Motorradfahrern (nicht Dick & Doof) bin ich alleine hier unterwegs.

Weiter unten am Berg wehen Wolken über die Straße, und als ich in die hinein fahre, wird es klamm und kalt.

Dann kommt plötzlich doch noch eine Erinnerung an die Fahrt mit der CB450N hoch. Die Straße hier ist teils gar nicht, teils nur mit einer kniehohen Begrenzung versehen, über die ich schon damals unwillkürlich Angst hatte zu kippen oder von einem Auto darübergeschleudert zu werden, und dahinter geht es teils hunderte Meter den Berg hinab. Plötzlich erinnere ich mich daran wie ich damals schon dachte: „Mach´ dich nicht verrückt, sowas passiert hier nicht, sonst hätten die schon lange eine höhere Begrenzung gebaut“ – und dann sah ich, dutzende Meter unter mir, das Gerippe eines abgestürzten und ausgebrannten Shuttlebusses in der Felswand hängen.

Früher hasste ich Kurvenfahren und hatte permanent ein „Oh shit oh shit oh shit“ auf den Lippen, wenn ich nur eine Bergstraße aus der Entfernung sah. Mit der Honda traute ich mich nicht in Schräglage, was dazu führte, dass ich die Kiste um jede Kurve quasi herum trug und überhaupt keinen Spaß daran hatte. Das war auch den schlechten Reifen geschuldet, die selbst im Neuzustand hart und rutschig waren. Aber das war es nicht allein.

Honda CB450N, Rufname „Silberschatten“, Baujahr 1984 in Brasilien. Lief auf Metzeler-Reifen aus der Hölle.

Ich nutzte die Honda als Brot- und Butter-Motorrad und fuhr damit überall hin, zur Arbeit, zum Einkaufen, zur Uni – aber trotz der vielen Kilometer, vor allem in der Stadt und auf Bundesstraßen, war ich einfach kein guter Fahrer. Ich fuhr zwar umsichtig und flüssig und hatte viel Routine, ja, aber im Endeffekt konnte ich das Motorrad lediglich sicher bewegen, aber nicht wirklich gut fahren.

Zum Glück bin ich heute ein besserer Fahrer als damals, und die Barocca ist eine andere Maschine als die Silberschatten es war, und darum kann ich die Fahrt über die kurvenreiche Strecke nicht nur genießen, ich kann auch über die Vielfalt der Ausblicke Staunen. Hier führt eine kleine Brücke über ein Flüsslein, dort schwappen Wolken durch ein Tal. Herrlich!

Die Straße führt weiter ins Tal hinab, und unter die Baumgrenze. Der Nebel bleibt zunächst, das gibt allem ein finsteres und märchenhaft verwunschenes Aussehen.

Was ist das denn? „FREIHEIT FÜR SÜDTIROL!“ brüllt ein Schild von einem Haus herab, und „SÜDTIROL IST NICHT ITALIEN“! Achgott, 2020, das Jahr in dem Nationalisten aus ihre Löchern kommen. Sucht der hier jetzt Anschluss ans Reich oder will er allen Ernstes, das Südtirol ein eigenes Land wird? Egal. Depp.

Am Ausgang des Tals liegen mehrere Ortschaften, und der Verkehr ist schon wieder dicht ist, das vor mir eine lange Schlange LKW und PKW fährt. Ich hänge die Barocca dahinter und passe die Geschwindigkeit an. Überholen wäre hier erstens gefährlich und zweitens sinnlos, denke ich noch, als es plötzlich hinter mir knattert und scheppert und dann in halsbrecherischem Tempo zwei Arschbacken vorbeischießen, zwischen denen ein laut röhrendes Mopped steckt. Ein knallbunter Hampelclown folgt und landet um ein Haar im dichten Gegenverkehr. Das ist das letzte Mal, dass ich Dick und Doof sehen werde.

Gegen 11 Uhr komme ich in Meran an, halte mich aber nicht lange auf. Der Verkehr ist dicht, und ich bin froh, als ich aus der Stadt raus bin. Immerhin fahre ich mal an dem Laden vorbei, der für mich 10 Jahre lang SIM-Karten von Telecom Italia besorgt hat. Seit diesem Jahr machen sie das leider nicht mehr.

Es geht durch ein langgestrecktes Tal, dann erkenne ich ein markantes Gebäude: Wie ein U-Boot liegt die futuristische Firmenzentrale des Outdoorherstellers Salewa neben der Autobahn. Das muss Bozen sein!

Anna hat eine Route parallel zur Brennerautobahn gerechnet. Das ist die alte Handelsstraße, schön ausgebaut, mautfrei, dafür geplagt von Wohnmobilen und Lieferwagen. Sei´s drum.

Aus der Ferne sehe ich die Autobahn, die ich schon oft gefahren bin. Sie führt mitten durch das Tal des Flusses Etsch, rund herum liegen fächendeckend Weinfelder. Dachte ich zumindest immer.

Große Felder mit abgedeckten Rebstöcken, so sah das immer für mich aus. Das stimmt auch, aber nur zum Teil. Das Gebiet hier südlich von Bozen heißt Unterland, und hier kommt u.a. der Gewürztraminer her.

Ich habe mich aber immer gefragt wo eigentlich die vielen Südtiroler Äpfel herkommen, wenn doch hier nur Wein angebaut wird. Jetzt fahre ich an diesen Feldern entlang und kann aus der Nähe sehen, dass ich all die Jahre zumindest zum Teil falsch lag.

Woran ich gerade entlangfahre ist kein Wein, dass sind Apfelbäume! Aber so gezüchtet, dass sie keine Stämme haben und dadurch leichter zu ernten sind. Apfelsträucher, sozusagen, mit Netzen überspannt zum Schutz gegen Vögel. Wogegen die Netze natürlich nicht helfen sind die vielen Abgase, die auf die Bäume niedergehen müssen.So viel Verkehr in diesem Tal, und dann links und rechts Obstanbau, das kann so gesund nicht sein.

Gefühlt bin ich ewig im Etschtal unterwegs, überhole immer wieder Lieferwagen, Wohnmobile und Traktoren. Klar, Autobahn ginge schneller, aber irgendwie ist es auch nett mal mehr von der Landschaft zu sehen. Zwischendurch komme ich in einen Regenschauer, was spontan schlechte Laune macht. Die Sonne scheint, nur dort, wo ich unterwegs bin fällt Regen?! Sollen ditte?

Als ich endlich den Talausgang bei Verona erreiche, hört der Nieselregen wieder auf.

Es geht durch eine Stadt, den ich auch nur zu gut kenne. „Hallo Mantua!“ grüße ich freundlich, als das Motorrad über die lange Brücke auf die Stadt zufährt, dann geht es weiter Richtung Parma.

Der Verkehr ist nun sehr dicht und das Vorankommen wird zusehends schwerer. Die Po-Ebene ist langweiliges, plattes Land, das dicht besiedelt ist. Ortschaft liegt an Ortschaft, alle paar hundert Meter ist ein Kreisel, vor mir ständig riesige LKW, und alle paar Kilometer wird geblitzt. Hier zu fahren ist wie waten durch knietiefen Schlamm, man kommt einfach nicht vorwärts.

So überhaupt keine freie Fahrt mehr zu haben nervt mich schon sehr, noch schlimmer ist aber gerade Anna.

Die virtuelle Co-Pilotin tratscht munter über Kollegin Siri mit dem Internet und tut jede kleine Erkenntnis, die sie herauszieht, kund.

„Es sind nur leichte Verzögerungen auf ihrer Route gemeldet“, sagt sie in mein Ohr und blendet auf dem Display ein Baustellenzeichen ein. Dooferweise sind diese Warnmeldungen beim Garmin Zumo so dämlich programmiert, dass sie die Reisedaten verdecken. Doppelt Mist ist, dass die nicht von selbst verschwinden, und um die wieder weg zu bekommen, muss ich ein nur wenige Millimeter großes Kreuz treffen. Das ist während der Fahrt und mit Handschuhen alles andere als einfach. Tippe ich auch nur ein wenig daneben, löse ich andere Funktionen aus. Welcher Designer bei Garmin sich das auch immer ausgedacht hat, der ist NIE selbst Motorrad gefahren.

Ich treffe das Kreuz im zweiten Anlauf und das Warnzeichen verschwindet.

Sofort blendet es Anna wieder ein, jetzt steht „keine Verzögerung“ darunter. „Der Verkehr fließt jetzt auf ihrer Route“, sagt Anna. „Ja, schön“, knurre ich und versuche wieder das Kreuz zu treffen. Währenddessen warnt Anna schon wieder vor einem Blitzer und signalisiert, dass ich 2 km/h zu schnell fahre. „Jahaa, ICH WEISS“, rufe ich leicht ungehalten.

Vorbei am Blitzer. Hm, das hinten sieht es nach Regen aus. „Es gibt nur leichte Verzögerungen auf ihrer Route“, sagt Anna und blendet eine Warnung für eine Baustelle ich 54 Kilometern Entfernung ein. Und gleich nochmal „Steinschlag auf SS41 gefunden. Es gibt Verzögerungen.“ Ich behalte mit eingeklemmter Zunge den Verkehr vor mir im Auge und mache gleichzeitig Zielübungen auf das Kreuz zum Schließen der unnützen Infos. Daneben. „Der Verkehr fliesst jetzt auf ihrer Route“. „JA! SU-PI! DAN-KE!“ sage ich in den Helm hinein. My Ass, normalerweise ist Anna eine gute virtuelle Begleiterin und so zuverlässig, dass ich dazu neige, sie als Person zu behandeln. Aber gerade jetzt dreht sie völlig durch.

Vor uns schaukelt ein haushoch beladener LKW durch die Gegend. Er transportiert Baumstämme, bestimmt 5 Meter hoch aufgestapelt, gehalten nur von zwei längs verlaufenden Spanngurten. Ein Wunder, dass die Kiste überhaupt um Kurven kommt. Dafür fährt er auch nur 40 und IMMER dort lang, wo Anna auch mich langlotst. Hat der Typ auch ein Garmin? Haben Anna und ihre Freundinnen sich gegen mich verschworen? Ich werde noch irre hier, es geht nichts voran, stattdessen vor mir dieses Monster und dieser Unfug.

„Bing-Bing-Bing-Achtung, Blitzer!“, sagt Anna, und „Achtung, sie sind 1km/h zu schnell“ „Es gibt nur leichte Verzögerungen auf…“ „MENSCH JETZT LASSEN SICH MICH MIT IHREM SCHEISS IN RUHE!“, verliere ich die Beherrschung. „Fahrbahnzustand in 53 Kilometern…“ „ICH WILL DAS NICHT WISSEN! ES. INTERESSIERT. MICH. AM. ARSCH. OB IN 50 KILOMETERN ENTFERNUNG EIN SACK REIS UMGEFALLEN IST!

Es folgt ein kurze, fast beleidigte Pause, dann höre die Stimme im Helm sagen „Der Reifendrucksensor am Hinterrad ist ausgefallen.“ Es klingt fast trotzig. Jetzt platzt mir endgültig der Arsch.

„SO NICHT, FRÄULEIN! WIR WISSEN BEIDE, DASS DER SENSOR IN ORDNUNG IST. ICH WILL JETZT NICHTS MEHR HÖREN BIS WIR IN DEN BERGEN SIND! UND SO LANGE KÖNNEN SIE DARÜBER NACHDENKEN, WAS SIE HIER FÜR EINEN MÜLL GERECHNET HABEN!“ Ich koche innerlich. Mir ist natürlich klar, dass es dumm ist, ein Navigationsgerät auszuschimpfen. Aber wer das noch nie gemacht hat, werfe den ersten Stein.

Dazu kommt: Wir sind schon seit Stunden hier auf dieser dicht befahrenen Straße unterwegs, und ich weiß von der letzten Fahrt, dass es parallel zu dieser Route eine schöne, wenig befahrene Landstraße gibt. Stattdessen stecken wir hier in dieser Rushhour fest.

Eine ganze weitere Stunde schaukeln wir in den Abgasen des Holzmonsterlastwagen her, ohne auch nur eine Chance im dichten Gegenverkehr zu überholen. Dann geht es in die Berge, und nun fängt es richtig an zu regnen. Anfangs hege ich noch die Hoffnung, dass das gleich wieder aufhört, aber als das Wasser in die Ärmel läuft, halte ich an und ziehe die Jacke der Regenklamotten über, dann fahre ich weiter. Die Gegend ist wirklich toll. Hier liegt übrigens Canossa. Das Canossa wie in „Gang nach Canossa“, wissen schon.

Zwischendurch checke ich die Anzeigen. Auf Annas Bildschirm erscheint ein Schema des Motorrads. Beide Reifen leuchten grün. „Ach, guck an, wer wieder da ist“, sage ich sarkastisch. „Der Reifendrucksensor vom Hinterrad! Welch Überraschung, was?“ Anna schweigt.

Die Strecke durch die Apuanischen Alpen ist eigentlich wunderschön, aber im strömenden Regen habe ich da kein Auge für. Ich muss mich auf´s Fahren konzentrieren und bin froh, dass die Reifen auf der Suzuki für Regenwetter gemacht sind. Die haften selbst auf nasser und kalter Straße noch gut, und so ist das Vorankommen nicht so schlimm. Trotzdem schade, dass ich die Straße nicht ausfahren kann.

Schlimm wird allerdings der Regen. Als ich noch sechs Kilometer vom Ziel entfernt bin, wird aus dem strömenden Regen ein veritabler Starkregen. Einer von der Sorte, die Fallrohre zum Platzen und Gullis zum Überlaufen bringt. Wir sind hier rund 1.000 Meter hoch, und der Regen ist kalt.

Stoisch zieht die Barocca ihre Bahn durch die Wassermassen, bis wir endlich, endlich unser Ziel erreicht haben: Auf einer Berghöhe, umgeben von Nadelbäumen, ist ein Tor mit einer Forelle. Ich steuere die V-Strom hinein und eine Einfahrt hinab. Öh, seltsam, sah das nicht beim letzten Mal ganz anders aus?

Eine Frau in Gesichtsmaske und Fleecejacke in einem kleinen Kassenhäuschen guckt mich befremdet an. Ich klappe den Helm auf und stelle fest, das es schlagartig aufgehört hat zu regnen. „Äh, hi“, sage ich, „Ich bin Übernachtungsgast“. „AH! Du bist es!“, ruft die Frau. „Du weißt ja wo es lang geht, wir treffen uns an der Hütte.“ „Ok,“ sage ich und steuere das Motorrad den Berg hinab – und merke dann, dass ich Mist gebaut habe. Ich habe die Einfahrt für Fußgänger und Besucher des „Forellenwunderlands“ genommen, und nun stehe ich mit der Maschine und der Nase nach unten zwischen Forellenzuchtbecken und komme nicht mehr zurück.

Aber die Frau kommt mir nachgelaufen und ruft „Schon OK, fahr weiter!“. Ich tue wie mir geheißen und rolle zwischen den Fischbecken entlang, bis zu einer kleinen Holzpforte, die eigentlich für Fußgänger gedacht ist. Die Frau öffnet, und ich bugsiere die breite Maschine vorsichtig hindurch. Mit den dicken Koffern passt das gerade so.

Am Ende des Fußwegs lieg meine Unterkunft: Die Trout Lodge, eine Unterbringung im Stil einer Blockhütte. Ich stelle das Motorrad ab und begrüße die Frau richtig. „Nicoletta! Schön dich wieder zu sehen!“ Nicoletta strahlt über die Gesichtsmaske hinweg. Es gibt so Menschen, die strahlen einfach von Innen heraus und sind alleine dadurch schon schön. Nicoletta ist so eine. Sie sieht ein wenig aus wie Gillian Anderson, ihre Augen strahlen, und ihr Lächeln ist nicht von dieser Welt – aber heute leider hinter einer Schutzmaske verborgen.

Nicolettas Profilbild auf Booking.com

„Leg erstmal ab, wenn Du magst kriegst Du noch was zu essen. Oh, und du kannst das Motorrad unter das Vordach stellen“, sprichts, packt mit beiden Händen eine Holzbank und wuchtet die aus dem Weg als wäre es nichts. Nicoletta ist nicht nur schön, sie kann auch anpacken – anders wäre es wohl auch nicht möglich, das sie und ihr Mann hier eine Zucht- und Forschungsstation für seltene Forellen mitten in den Bergen gegründet haben und dann noch eine Ferienunterkunft drum rum.

Mein Zimmer in der Blockhütte, die Nummer drei, hat eine Außentür, vor der nun die Barocca steht.

Im Inneren ist alles aus Holz, über dem breiten Bett hängt das Bild einer glasig guckenden Forelle an der Wand. Klar, was auch sonst.

Das sieht nicht nur gemütlich aus, das ist es auch. Wem das bekannt vorkommt: Ja, ich war hier schon einmal. Diese Motorradtour ist in Teilen eine Wiederholung der Fahrt aus dem Katastrophenjahr 2017, wo mir auf der ersten gemeinsamem Fahrt erst die V-Strom abgeschossen wurde, und als die Tour endlich doch stattfand sie keinen Spaß machte, weil die Kette völlig fertig war. Außerdem wollte ich hier noch einmal hin, weil der Ort so skurril und gemütlich und abgelegen ist.

Ich hänge die nassen Sachen auf und nehme erst einmal eine heiße Dusche, dann kleide ich mich in warme Sachen und erkunde ein wenig das Außengelände. Überall unter den Bäumen stehen Forellenzuchtbecken, es gibt mehrere kleine Blockhütten mit Forschungs- und Zuchtgerät, und auf einer großen Wiese stehen Sonnenliegen.

Als ich das letzte Mal hier war, war das hier „nur“ eine Zucht- und Forschungsanlage für seltene Forellenarten – mitten in den Bergen! Ab und zu gab es Lehrführungen für Kinder, und eben die Lodge als Gästehaus für Gastwissenschaftler oder, bei Leerstand, zur Vermietung an andere Gäste. Nun sieht hier aber alles mehr nach Ferienanlage aus, mit Sonnenliegen, Fahhradverleig, Wanderempfehlungen, Lehrpfad, undundund…. und das an diesem ebenso skurrilen wie herrlich abgelegenen Ort.

Am Eingang zum Forellenferienland ist der kleine Kiosk, an dem ich vorhin vorbeigekommen bin. Hier bekomme ich auch ein kleines Abendessen. Nicoletta empfiehlt die Fischplatte, natürlich, aber ich nehme lieber einen Forellenburger.

Nicos Mama macht den Forellenburger von Hand, und danach und nach einem Bier bin ich satt und zufrieden. Zurück in der der Blockhütte schlafe ich fast augenblicklich ein. Draußen rauscht der Wind in den Nadelbäumen und in den Forellenbecken plätschert es vor sich hin, und das hat alles schon wieder was von Twin Peaks.

Tour des Tages: Von Sölden in den Alpen nach Collagna in den apuanischen Alpen, rund 450 Kilometer, rund 08:00 Stunden reine Fahrzeit, ca. 1 Stunde Pause.

Nachtrag: Alle Unterkünfte die ich gut finde, auch so kauzige Orte wie die Trout Lodge, sind auf dieser Karte zu finden: Hier klicken

Kategorien: Motorrad, Reisen | 5 Kommentare

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5 Gedanken zu „Reisetagebuch Motorradherbst (2): Von den Wolken zu den Fischen

  1. Hallo zusammen,

    ich will an dieser Stelle einfach mal ein Lob für diesen tollen Blog da lassen. Weiter so.

    Gefällt 1 Person

  2. Dirk Rössner

    Schöner Bericht! Gruß

    Gefällt 1 Person

  3. Ali

    Im Juni letzten Jahr war ich dort, allerdings vom Arlberg Richtung Hochgurgl.
    Weiter ging es nicht, weil Steinschlag danach die Straße versperrte.
    Die Strecken dort mit den ganzen Jochs kenne ich gut und genieße auch die Bergwelt.
    Schade, daß der Hufeisenpaß nicht in deine Strecke gepaßt hat. Die V-Strom hat nicht umsonst 2x die Alpenmaster gewonnen. Selbst auf noch größerer Höhe wie Stilfser Joch habe ich von Leistungseinbußen nie etwas bemerkt.
    Allerdings heißt es für mich bei Regen piano wegen den Grobstollen.
    In Meran getankt…..war der höchste Spritpreis des gesamten Jahres.

    Gefällt 1 Person

  4. Oriana & Dirk: Danke schön, das freut mich! 🙂

    Ali: Hufeisenpass? Nie gehört, wo ist der?

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  5. Ali

    @Silencer…….sry, das Rechtschreibprogramm hat einen Streich gespielt.
    OFENPASS, den meinte ich.
    Hatte mir landschaftlich gut gefallen.
    Daß ich dann noch zwei Std. in der Rushour eingeklemmt war in Innsbruck, nur weil ich die dortigen Kirchen peilen wollte – weniger.
    So, jetzt meinen Text nochmals durchgelesen um dem Rechtschreibluder keine Chance zu geben.

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